Archiv der Kategorie: Meckerecke

Schule planen und bauen 2.0

Liebe Leser,

wenn man gefrustet ist, kann man meckern oder was tun. Frau Henner sieht den abschreckenden Flur und findet, da muss man was tun. Vielleicht zusammen mit Kunst? Die Kunstlehrerin lacht, im Prinzip gerne, aber die Stadt habe untersagt, etwas auf die Wände zu bringen, da das dann eine sogenannte „Brandlast“ darstelle.

Brandlast ist das Unwort des Schuljahres. Damit kann man alles vom Tisch fegen, was nach Arbeit und Geld aussieht. In keinem Amt sieht es so trist aus wie an vielen Schulen, und dann dürfen wir noch nicht mal Bilder an die Wände machen. Natürlich verstehe ich, dass im Brandfall jedes Papier eine zusätzliche Feuernahrung darstellt, aber aus Angst auf jede Kultur zu verzichten, nimmt uns jede Menschlichkeit.

Da stolpere ich über ein Buch: Schule planen und bauen 2.0 aus dem Jovis-Verlag, Berlin. Darin finden sich Schulkonzepte, Baupläne, ganz Grundsätzliches zum Schulbau. Nicht alles gefällt mir auf Anhieb, manches ist mir zu offen, zu modern, zu gewollt pädagogisch, aber viele Ideen sagen mir zu. So braucht eine Schule ein „Herz“, einen Kommunikationsraum, Rückzugsmöglichkeiten, Helligkeit, variable Lernräume: alles Aspekte die meine Schule NICHT besitzt.

Frau Henner geht spazieren und baut im Wolkenkuckucksheim die ideale Schule, die Schule, in die sie jeden Tag gerne gehen würde, eine Schule mit Herz, mit kommunikativen Zonen und Refugien, hell und freundlich, warm und vielfältig. Ich bin ganz verzückt. Zuhause zeichne ich mit bescheidenen Fähigkeiten diese Schule, von der ich träume.

Und dann kommt die Erkenntnis, dass das zwar sehr schön ist, aber nichts nützt. Ich muss mir die Gegebenheiten vor Ort vornehmen, denn neugebaut wird da nichts. Wenn ich aber das mache, werde ich wieder gefrustet, denn die Schule ist voll ausgelastet, es gibt schlichtweg keine Räume für Ideen, die Stadt bremst an allen Ecken und Enden, die bauliche Substanz gibt für ein modernes Schulkonzept leider so gut wie keinen Spielraum her. Selbst ein Schüler sagte neulich: „Da hilft nur abreißen und neubauen!“ Und ein anderer ergänzte: „Wenn es ein Feuer gäbe…“ „Um Gottes Willen!“, mische ich mich ein, „Leute, was habt ihr für Gedanken!“ „Nee, Frau Henner, das würden wir doch nie machen“, sagt der eine und der andere meint: „Und deshalb wollen wir hier nur schnell wieder raus. Abi und weg!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Physik und die Welt

Liebe Leser,

die erste Oktoberwoche vergeht mit der Vehemenz und strahlenden Kraft eines letzten Aufbäumens der Natur. Um uns herum tanzen gelbe Blätter, die Rosen blühen in einer stattlichen Parade im Garten und wir sitzen am Esstisch und lernen Physik.

Wir, das sind Lucy und ich. Wie ich es schon geahnt hatte, weil ich nun mal meine alten Kollegen noch kenne, entpuppt sich Lucys Physikunterricht als Katastrophe. Ich kann mich nur auf die Erzählungen meiner Tochter verlassen, aber höre quasi als Resonanz die vielen Schülerstimmen dazu, die alle den gleichen Ton anschlagen und den Physiklehrer zum unbeliebtesten Lehrer der Schule machen. Lucy nennt ihn nur ML – Miese Laune.

Ich selbst fand Physik an sich gar nicht so dröge, aber habe auch diese Erinnerungen an laaaaaaaaaangweilige Stunden in potthässlichen Fachräumen. Schlimm genug, dass Lucy das ganze 25 Jahre später wieder genauso erleben muss. ML steht vorne, macht ein Experiment und erklärt es nebenbei. Nun hängt es von der Sichtachse des jeweiligen Schülers und der direkten Umgebung ab, wieviel er überhaupt von diesem Experiment mitbekommt. Aber immerhin wird überhaupt ein Experiment gemacht. Leider sind die Erklärungen nicht sonderlich verständlich, weil ML Fachbegriffe benutzt, die den Schülern nicht klar sind. Ihm ist ja alles klar. Fragen die Schüler nun nach, bekommen sie Sätze wie: „Du weißt nicht, was eine Auslenkung ist? Ja, lebst du auf dem Mars?“ zu hören, aber das ist nunmal nicht sonderlich hilfreich. Besonders demotivierend ist es dann, wenn das anschließende, sich ewig hinziehende Lehrer-Schüler-Gespräch von Lehrers Seite nur mit den Jungen geführt wird, weil Mädchen ja eh keine Ahnung haben. Als bestätigendes Beispiel wird dann ab und zu die schüchterne Leonie aufgerufen. Und Lucy bekommt zu hören, als sie eine Frage richtig und mit Fachbegriff beantworten kann: „Den Fachbegriff darfst du noch gar nicht kennen, der ist erst in Klasse 10 dran.“ Super.

Lucy hat also nach drei Wochen die Segel gestreckt, ich weiß nicht, ob der Rest der Klasse überhaupt aufgetakelt hatte. Ergebnis: keiner macht mehr mit und Miese Laune bekommt noch miesere Laune. Jetzt droht der Lehrer mit Tests, denn so doof kann sich ja kein Schüler anstellen. Frau Henner will Lucy vor einem Riesenreinfall bewahren und findet außerdem, dass man Physik auch verstehen kann – der Lehrerehrgeiz ist erwacht. Und Lucy? Die sagt: „Also diesem Typen will ich’s grade beweisen, der darf nicht glauben, dass Mädchen alle doof sind!“ Also sitzen wir beide über dem Physikstoff. Ohne das Buch wäre ich aufgeschmissen. Es existiert zwar ein Heftaufschrieb, aber der besteht allein aus Versuchsaufbauten. Erklärungen, Rechnungen, Übungen, das alles fehlt. Merksätze?

Ich bin gut vorbereitet. Aus dem Internet habe ich mir Beispieltests runtergeladen, leider hätte ich die Lösungen bezahlen müssen. Seis drum, das kriegen wir schon hin. Auch finde ich You-tube-Videos, die sind zwar cool gemacht, aber in ihrer Verkürzung viel zu simplifizierend und trashig, da bleibt nicht viel hängen. Man kann ein ganzes Stoffgebiet eben nicht in 2.40 Minuten packen.

Anfänglich sträubt sich die Tochter. Physik ist ja voll doof. Aber als wir dann zu allerlei Naturphänomenen kommen, die sie nun endlich erklären kann und damit tiefer begreift, findet sie es selbst ganz interessant. Nur mit den Rechnungen klappt es nicht so recht, aber das ist ja wieder ein anderes Problem. Gerne hätte ich ein paar mehr Übungsaufgaben gefunden – mit Erklärung und Lösung, denn Miese Laune wird der Klasse ja beweisen wollen, WIE doof sie ist. Aber selbst wenn sich Lucy bei den Rechnungen schwertut, das Prinzip hat sie kapiert, darauf kommt es an.

Lucy wird langsam klar, dass zum Weltretten auch ein bisschen Physik dazugehört. Biologie ist das eine, Politik und Ethik das andere, aber die Wasserpumpe in Afrika ist das dritte. „Dann sollte ich wohl Physik auch in der Oberstufe machen“, überlegt Lucy tollkühn. Nun ja, hängen wir uns mal lieber nicht so weit aus dem Fenster, freuen wir uns über diesen kleinen Anfang. So gehen wir auseinander und haben beide das Gefühl, dass es etwas gebracht hat. Miese Laune kann uns den Tag nicht verderben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Physiknachhilfelehrerin Frau Henner

SW 35: Globalisierter Ausschuss

Liebe Leser,

am Schuljahresende müssen nicht nur alle Noten gemacht werden, die Zimmer ausgeräumt und die Schulfeste organisiert werden, nein, da müssen auch alle Schulbücher kontrolliert und eingesammelt werden, um die Exemplare für das nächste Schuljahr bereitzustellen. Das ist an sich kein großer Akt, wenn man den Dreh raus hat. Da ich das nicht zum ersten Mal mache, läuft das in meiner Klasse wie geschmiert, obwohl ich bei ein paar Kollegen feststellen konnte, dass manche auch nach fünfzehn Dienstjahren nicht verstehen, was ein Zweitbenutzer ist und dass der Atlas nicht jedes Jahr eingesammelt und wieder ausgeteilt wird – was dann zu unnötigem Chaos führt. Jedes Jahr bei den gleichen Kollegen.

Aber um diese wenigen Schnarchnasen soll es nicht gehen, denn die meisten Kollegen machen ihren Job EINS A. Und Schnarchnasen gibt es überall. Kollegen, die die Bücher nicht kontrollieren zum Beispiel und dann völlig schrottige Teile abliefern. Das ist das Thema. Aber ohne Schnarchnasen.

Ein Schulbuch sollte einfach länger als ein Jahr leben, denn es ist teuer und Schulen haben bekanntlich selten zuviel Geld. Nehmen wir unser Deutschbuch. Es kostet circa 25 Euro. Die letzte Charge hat ohne Probleme sechs, sieben Jahre gehalten. Dann wurde der neue Bildungsplan angekündigt und wir haben abgewartet, bis die neuen Bücher von den Verlagen rauskamen, obwohl die Bücher wirklich nicht mehr schön aussahen. Das hat noch einmal zwei, drei Jahre gedauert. Dann konnte man die Bücher wirklich in den Müll schmeißen. Aber so manches Deutschbuch hatte dann tatsächlich seine zehn Benutzer auf dem Buchdeckel. Kinder, die ihre Schultaschen im Flur umherwerfen und die Bücher munter drin herumpurzeln lassen, Kinder, die ihre Trinkflasche nicht ganz fest zugeschrauben, Träumer, die doch ins Buch mit Bleistift schreiben und dann radieren müssen, was auf Hochglanzseiten einfach Mist ist. Zehn solcher Benutzer, aber das Schulbuch hielt!

Nun sind wir komplett neu mit Deutschbüchern eingedeckt. Schick sahen die aus, als sie vor einem Jahr ankamen. Viele meiner Schüler mussten sie gar nicht immer mitbringen, weil ich manche Einheiten komplett ohne Buch gestalte, weil ich die Kinder anhalte, sich mit dem Nebensitzer zu verabreden, damit die Schultaschen leichter werden. Ich bringe Mathe mit und du Deutsch. Das finde ich sinnvoll. Manche Bücher wurden also nur zuhause für die Hausaufgaben aufgeklappt. Keines meiner Kinder hat in sein Buch geschrieben, es gibt kaum einen Wasserschaden zu beklagen nach diesem einem Jahr – ABER

 

DIE BÜCHER SIND IM GRUNDE ALLE HIN.

 

Die halten maximal noch ein Jahr, dann fliegen die ersten Seiten aus dem labberigen Buchrücken heraus. Diese Bücher sind der reinste Ausschuss – made in China.

Rechnen wir mal kurz: 25 Euro mal 100 Sechstklässler, das dann noch mal die anderen Klassenstufen und mal die anderen Fächer, denn in Mathe oder Englisch sind die Bücher auch nicht qualitätsvoller. Und dieser Betrag müsste nun aller drei Jahre zur Verfügung stehen. Ausgerechnet jetzt, wo sich die Schulen doch alle neue Rechner und Tablets anschaffen sollen. Und die Kommunen sollen die Breitbandverkabelungen bezahlen und die Instandhaltungskosten und nun die erhöhten Buchrechnungen. Unsere Kommune ist übrigens chronisch pleite.

„Das müssen wir dem Verlag rückmelden“, sage ich zum Buchverantwortlichen.

„Haben wir längst“, sagt der Buchverantwortliche.

„Das kann man sich doch aber nicht gefallen lassen, müssen wir das nächste Mal doch andere Bücher kaufen“, überlege ich.

„Hat keinen Wert, die anderen Verlage lassen inzwischen auch alle in China drucken“, meint der Buchverantwortliche.

„Dann fange ich mal an vom digitalen Schulbuch zu träumen…“, denke ich mir so, aber dann fällt mir ein, wie absurd das wieder ist, weil ja die Tablets nicht weniger Folgekosten machen.

Ist es eigentlich nicht mehr möglich, für 25 Euro ein hochwertiges Schulbuch in DEUTSCHLAND zu produzieren?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 33: Moderner Physikunterricht?

Liebe Leser,

die letzten Arbeiten werden geschrieben, unsere Schulgebäude heizen sich über dem ungewöhnlichen Junihoch dermaßen auf, dass man tatsächlich ohne Übertreibung von Sauna sprechen kann, die Kollegen sind wiedermal reizbar – kurz: die Luft ist raus, aber es sind noch einige Wochen bis zum Schuljahresende. Und ich beschäftige mich mal wieder mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht. Ausgelöst durch – haltet euch fest – einen Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 2011, der mir zufällig in die Hände fällt. Zusammengefasst: in diesem Artikel wird ziemlich eindrücklich dargelegt, wie wichtig für gute Unterrichtsqualität ein guter Lehrer ist – nicht die Schulform, nicht das Budget, noch nicht einmal die Methode.

Ausgehend von einem schwedischen Experiment, bei dem man eine der schlechtesten Klasse des Landes für ein halbes Jahr mit den besten Lehrern des Landes ausstattete und dem Ziel, die Klasse an die Spitze der landesweiten Test zu katapultieren, was von einem Fernsehteam begleitet und landesweit ausgestrahlt wurde UND die Bildungsdebatte natürlich angeheizt hatte – weil das Experiment gelang – davon ausgehend wird auch das deutsche Schulsystem nach der Lehrerpersönlichkeit hinterfragt.

Einen Ausschnitt möchte ich zitieren, der die Resultate zusammenfasst: „Wenn es überhaupt ein Rezept gibt, dann dieses: Die Kunst der guten Lehrer besteht im großen UND. Sie haben besonders hohe Ansprüche UND besonders viel Verständnis, sie sind äußerst fachorientiert UND persönlich zugewandt, überaus konsequent UND unterstützend.“ (Christoph Kucklick, Die guten Lehrer, Es gibt sie doch!, GEO Februar 2011, S. 38.)

Das ist alles noch sehr vage, selbst wenn mir klar ist, wie es gemeint ist. Der Artikel führt auch einige Forschungen an. Unter anderen zum deutschen Physikunterricht. Da Lucy ab nächstem Jahr ebenfalls in den Genuss dieses bei uns verhassten Faches kommen wird und ich  – je nach Lehrer – große Debatten am Esstisch auf unsere Familie zukommen sehe, interessiert mich dieser Abschnitt besonders. Ich selbst war gut in Physik, fand das Fach aber zum Gähnen langweilig. Unseren Schülern geht das mehrere Jahrzehnte später noch genauso. Zumindest den zweiten Teil würden viele sofort unterschreiben. Nun lese ich von einer Analyse des Physikunterrichts an 70 Schulen von Tina Seidel und Manfred Prenzel. „Der Lehrer spricht bis zu 70 Prozent der Zeit, die Schüler liefern Stichworte, spulen vorgefertigte Antworten ab. Experimente? Gibt es, aber selten werden sie so gestaltet, dass Schüler eigenständig forschen; meist werden die einzelnen Schritte vorgegeben.“ Ja, so ungefähr war das auch bei mir. So läuft das auch noch heute – besonders in der Mittelstufe, wenn noch alle drin sitzen, da man erst in der Oberstufe das Fach abwählen darf. Lucy wird sich also wahrscheinlich langweilen und nichts verstehen, weil andere die Antworten schneller geben, und sie einfach abschalten wird, denn sie wird zu solchem Physikunterricht keinen Zugang finden. Was interessiert sie Masse, Druck und freier Fall?

Nun soll es hier nicht um Physikbashing gehen. Möglicherweise wären die Forscher zu solchen Ergebnissen auch gekommen, hätten sie ein anderes Unterrichtsfach mit der Hilfe von Videos analysiert. Sicher kann man das niederschmetternde Fazit auch auf andere Fächer übertragen: „Jede Stunde ein Abziehbild der vorherigen. Das Klischee von Lehrer, der ein Berufsleben mit einer einzigen geistigen Folie absolviert, ist viel zutreffender, als man zu fürchten gewillt war.“ Doch in Physik  – und auch in Chemie – ist in unserer Schule aus Schülersicht die Not am größten. Hoffentlich bekommt Lucy nächstes Jahr den Lehrer, der wenigstens noch Humor besitzt! Vielleicht wäre das für sie ein Zugang…

Dann denke ich an Jan-Martin Klinges Physikunterricht , den ich nur über seinen Blog verfolge, aber doch Lust auf Physik bekommen, selbst wenn ich nicht weiß, ob ich so der Lernthekentyp wäre. Aber sein Ansatz, über Filme, Experimente und Alltagsphänomene Physik erfahrbar und damit verständlich zu machen, gefällt mir ausnehmend gut. In einem Beispiel beschreibt er, wie aufwendig ein Schülerexperiment ist. Die Schüler brauchen für eine Erkenntnis eine ganze Doppelstunde, die man im Lehrerexperiment in zehn Minuten dargestellt hätte. Das Entscheidende ist aber, dass die Schüler bei Herrn Klinge alles selbst erdacht haben und nach dieser Doppelstunde tatsächlich mit einer Erkenntnis die Schule verlassen, während sie bei manch anderem Lehrer eine Erkenntnis vorgesetzt bekommen haben, die sie nicht verstehen, weil sie sie sich nicht zu eigen gemacht haben.

Lucy und auch ich fürchten sich schon jetzt vor dem Physikunterricht im nächsten Schuljahr. Da ich das weiß, könnte ich rechtzeitig vorbeugen, sicher gibt es interessant gemachte Bücher, Videos und vieles mehr – auch im Netz – aber hey, ich bin doch in dem Falle kein Lehrer, oder?!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 23: Beamten-Wolf

Liebe Leser,

pro forma wird ein Lehrer zum Klassenlehrer und der andere zum Stellvertreter, da es in unseren Tagebüchern eben genau diese Kategorien gibt. Im letzten Zwei-Jahres-Zyklus war Wolf als Klassenlehrer eingetragen und ich seine Co, also ist es jetzt andersherum. Wie gesagt: pro forma. Denn eigentlich sollen wir uns als Team begreifen.

Team heißt definitiv nicht: einer macht die Arbeit und der andere verpisst sich. Als Wolf pro forma der Klassenchef war, habe ich wöchentlich kleine Sitzungen abgehalten – auf meine Initiative, mit ihm gemeinsam schwierige Elterngespräche geführt, war immer als Ansprechparner da, habe Aufgaben gesehen und erledigt. Grad die Mädchen sind mit ihrem Zickenkrieg eher zu mir gekommen, was für mich völlig in Ordnung war. Ihr ahnt sicher, was jetzt kommt. Recht habt ihr. Dieser Blogbeitrag hat keine originelle Wendung.

Wenn ich als Klassenchefin eingetragen bin, sehe ich von Wolf so gut wie nichts. Gibt es mal ein Problem, muss ich mich wortwörtlich auf die Suche nach ihm machen. Gilt es, ein paar Zettel auszuteilen, macht er das, keine Frage: wenn ich ihn drum bitte und die Zettel kopiert hinlege. Aber ansonsten wird er nur auf Anweisung aktiv, er sieht die Arbeit nicht von allein, geschweige denn dass er sie mal sucht oder sich zu einem Plausch über unsere Schäfchen zu mir setzt.

Nun könnte man sagen: faule Socke. Stimmt aber gar nicht. Er ist nicht faul, sondern einfach vollkommen durchtränkt von dieser Beamtenmentalität, über den sich der Rest der Nation so gerne lustig macht. Ich mache meinen Unterricht und im Grunde ist mir alles andere zuviel. Nein, es ist eine Zumutung!

Ob Elternsprechtag, Vorbereitung Schullandheim, Klassenrat, Klassenfest, eine zusätzliche Aufsicht, womöglich noch eine Vergleichsarbeit, die Abiturkorrekturen, die feststehenden Klausurtermine, das alles sind unverhältnismäßige Zumutungen, die man stöhnend entgegennimmt, um sich dann mit gleichgesinnten Kollegen jammernd zum Wundenlecken zu verkriechen. Oder zu verpissen, aus welcher Perspektive man das eben sieht.

Mit dieser Mentalität ist Wolf nicht allein, aber zum Glück ist er nicht intrigant wie manch anderer Kollege. Wolf wird nur pampig, wenn er sich überfordert fühlt. Leider ist diese Schwelle enorm niedrig. Schon eine unverhoffte Raumänderung kann Stress bei ihm auslösen. Leute, eine Raumänderung! Dann trollt er sich grimmig in sein Schneckenhaus zurück und pflaumt unterwegs noch Frau Hanswurst an, die sowieso immer Schuld an allem hat. Theatralisch rollt er mit den Augen, wenn sie das Lehrerzimmer betritt. Er bekommt dann rote Flecken am Hals und beginnt zu schwitzen. Was falsche Chemie so alles auslösen kann…

Kollegen wie Wolf gibt es vermutlich an jeder Schule, deshalb schreibe ich über ihn. Er ist bei uns nur einer von vielen. Ein paar davon kann eine Schule ertragen, aber ein Staat ist mit denen nicht zu machen. Und ausgerechnet er und ich sind ein Team – ‚tschuldigung, er ist ja nur der Stellvertreter, steht schließlich so im Tagebuch.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 20: Politikum oder der Untergang des Abendlandes

Liebe Leser,

seltsam ruhig bleibe ich, als ich den neusten Dorfklatsch erfahre. Auch als ich mich pflichtbewusst ans Internet setze und verifiziere, bleibe ich ruhig, selbst wenn ich dort Dinge erfahre, die mich schockieren müssten. Ich bin nicht glücklich über das, was ich lese, aber meine Emotion erreicht es nicht. Ich überschlage, wie sich meine private Situation im nächsten Jahr verändern wird. Das schaffe ich schon irgendwie, muss ja geh’n. Als ich am Abend Herrn Henner davon berichte, guckt er mich an und sagt: „Erzähl bloß nicht weiter, da wird mir schlecht, ich will das gar nicht wissen. Das ist der Untergang des Abendlandes!“

Sonjas Mama, die mich überhaupt auf den Trichter gebracht hat, hat es so formuliert: „Das geht gar nicht!“ Meine Mutter, mit der ich am Nachmittag lange über dieses Thema gesprochen habe, sagte immer wieder: „Das kann ich gar nicht glauben, dass es das in Deutschland gibt. Das kann doch nicht erlaubt sein!“

Dunkel erinnere ich mich an eine Fernsehsendung, in der über eine Grundschule berichtet wurde, in der die Schüler sich alles selbst beibringen und die dafür einen der vielen Schulpreise erhalten hat. Unser Dorf hat also ab nächstes Jahr enorme Chancen, auch endlich mal in den Medien präsent zu sein – denn wir werden Bildungstrendsetter!

Unsere Grundschule soll über die Sommerferien komplett umgebaut werden – nicht das Gebäude (Schön wär’s!), nein das System. Es wird keinen klassischen, schlechten Deutsch- und Matheunterricht mehr geben (Ihr wisst schon – Frontalunterricht buhen die Medien, obwohl seit vielen Jahren moderner, differenzierter Unterricht in Grundschulen stattfindet), nein, selbst das Lesen und Schreiben werden sich die neuen, schlauen, motivierten Erstklässler größtenteils selbst beibringen. Die ersten zwei Schulstunden arbeitet jedes Kind allein individuell an Arbeitsblättern, die die Kinder sich , weil sie das so gut schon können, ganz nach ihrem eigenen reflektierten Bildungsniveau aus einem Regal zusammenstellen die von der Lehrerin nach dem Leistungsniveau des Kindes zusammengestellt werden. Zuerst reflektiert das Kind: Wo stehe ich? Was kann ich? Was möchte ich gerne können? Dann geht es zum Regal und sucht sich das entsprechende Material heraus setzt sich an seinen Platz und füllt das entsprechende Arbeitsblatt aus. Hat das Kind dabei Probleme, erklärt die Lehrerin nichts, sondern gibt Impulse, damit das Kind von selbst auf die Lösung des Problems kommt. Das wäre ja ansonsten der böse, böse Trichter, den man den Kindern in den Kopf steckt und das will ja keiner. Wir wissen ja alle, dass man so niemals im Leben etwas lernt. Trichter sind absolut verboten. Sehr ungesund. Die Lehrerin gibt also jedem der fünfundzwanzig Kinder zum rechten Zeitpunkt den richtigen Impuls und dann flutscht die Erkenntnis wie von allein hinein. Sie hat ja auch voll den Überblick. In der Schulpreisschule waren pro kleiner Lerngruppe zwei Lehrer anwesend – aber darauf kommt es wohl doch nicht an. Lehrer sind ja keine Lehrer mehr, darf man auch nicht mehr so nennen. Sie heißen also auch in unserer neuen Grundschule Lerncoaches oder Lernbegleiter. Und Coaches sind ja per se besser und können fünfundzwanzig Kinder allein bewältigen, auch wenn jeder tatsächlich etwas anderes macht. Wow!

Keinem Kind soll vorgeschrieben werden, was es lernt, wie lange es etwas übt oder wie es sich in der Gemeinschaft zu verhalten hat. Das muss kann das Kind allein entscheiden. Denn nur, was es selbst lernen will, lernt es auch. Sonjas Mama erzählt, dass das Material übrigens aus Kopien der üblichen Lehrbücher besteht. In der Schulpreisschule waren es ganze Räume voll anregendem Materiel, etwas hochtrabend Forscherboxen und Labore genannt. Für unser popeliges Dorf reichen olle Kopien im Sammelordner. Sehr motivierend. Ab sofort wieder Lernen in schwarz-weiß.

Die Nebenfächer werden dann am späten Vormittag im Klassenverband unterrichtet und dabei kommen auch endlich andere Sozialformen zum Einsatz. Dann will man die Kinder zu Gemeinwesen erziehen. Kinder können das gut trennen. Jedes Kind ist schließlich begabt, jedes Kind will lernen. Sonjas Mama schluckt: „Und wenn mein Kind keine Lust auf Mathe hat?“ „Dann reden wir mit dem Kind und versuchen die Ursachen herauszufinden“, versucht die Grundschullehrerin zu beschwichtigen, die für die Kooperation mit den Eltern zuständig ist. Sonjas Mama ist nicht überzeugt. „Ich könnte dann in der Folgewoche ihrer Tochter nur Mathearbeitsblätter bereit stellen…“, schlägt die Lehrerin vor. Jetzt ist Sonjas Mama vollends verwirrt: „Aber dann ist es ja wie früher, warum sagen Sie dann nicht gleich, jetzt machen wir Mathe!?“ „Wenn wir Kinder zum Lernen zwingen, lernen sie nichts.“ Der Lehrer ist immer der Böse.  Lernbegleiter sind die Guten. Andere Mütter überlegen krampfhaft, wie Arbeitsblätter gestaltet sind für Kinder, die noch nicht lesen können, die ihnen aber das Lesen beibringen sollen.

Was geht mich das alles an? Mal abgesehen davon, dass wir dann in viereinhalb Jahren Kinder am Gymnasium haben, die noch nie eine Klassenarbeit zu einem festgelegten Zeitpunkt geschrieben haben – denn jedes Kind kann selbst entscheiden, wann es die Arbeit schreibt und wie oft und wieviel Zeit es dafür haben möchte, betrifft es mich auch persönlich. Denn da ist der kleine Leo.

Leo gehört inzwischen zu unserer Familie, wir verbringen Zeit miteinander, ich kümmere mich um sein Fortkommen, seine Bildung – mehr erfahrt ihr nicht, das muss reichen. Leo wird nächstes Jahr eingeschult und nun ahnt ihr, was das für mich bedeutet. Meine Nachmittage werden ich jetzt nicht mit einfacher Hausaufgabenbetreuung zubringen , wie ich mir das vorgestellt habe (Erwachsene schnippelt Gemüse fürs Mittagessen, Kind sitzt am Küchentisch und rechnet mal eben die zwei Reihen aus dem Mathebuch runter und wird ab und zu vom Träumen abgehalten), weil ich es von Lucy so kannte, nein, ich werde Leo höchstwahrscheinlich Lesen und Schreiben beibringen, Mathe erklären, Rechnen üben, die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung erläutern, denn auf letzteres legt man in der neuen Grundschule keinen Schwerpunkt. Geht das vielleicht nicht so gut über Arbeitsblätter? Sonjas Mama erklärt: „Also die Kinder sollen sich das immer selbst kontrollieren.“ Habt ihr schon mal von Kindern kontrollierte Diktate gegenkorrigiert? Das klappt selbst in meiner sechsten Klasse noch nicht. Für eigene Fehler ist man sowieso blind und die der Freundin übersieht man auch und wie soll man die Fehler vom Jan finden, wenn man als Franca selbst keine Ahnung hat? Die Grundschullehrerin sagt auf alle Zweifel lächelnd zu Sonjas Mama: „Glauben Sie mir, dass kann Ihr Kind!Trauen Sie Ihrem Kind einfach ein bisschen mehr zu!“

Und damit hat sie gar nicht so Unrecht. Frau Henner wird Nachmittags zum Hilfslehrer mutieren. Und auch Sonjas Mama und andere Mütter werden es so machen, denn wir sind nicht davon überzeugt, dass Sechsjährige schon zu solch anhaltendem Lerneifer, Reflexion über den eigenen Kenntnisstand und Entscheidungsfestigkeit fähig sind, wie sie an der neuen Grundschule abverlang werden.

Und wer fällt hinten runter? Na klar, die Kinder aus bildungsfernen Haushalten, Kinder mit nichtdeutschsprachigen Eltern, Kinder mit vollberufstätigen Eltern. Die, die sich auf das Schulsystem verlassen müssen, werden nach vier Jahren preisverdächtiger Schule feststellen, dass ihr Kind es doch nur auf die Gemeinschaftsschule schafft, es sei denn, das ortsansässige Gymnasium zieht nach.

Dann braucht man mich gar nicht mehr. Den Vormittag lang Kindern zugucken, wie sie Arbeitsblätter ausfüllen oder ebensolche nachkopieren, darauf habe ich wirklich keine Lust, dann schaue ich mich lieber nach Plan B um. Ganz ruhig und geerdet, das Leben geht weiter. Wenn ihr das Goldene vom Ei gefunden habt, schön, vielleicht muss man mich als Herzblut-Lehrer tatsächlich ausrangieren. Und es muss mindestens das Goldene sein, denn die Grundschullehrerin sagte zu Sonjas Mama: „Wissen Sie, unser neues System ist einfach alternativlos, wenn wir den heutigen Kindern gerecht werden wollen.“

Die Gesellschaft wird sich noch schneller wandeln, als wir es geglaubt haben, denn ich vermute, dass es Menschen prägt, wenn sie in ihrer Kindheit die Vormittage allein in Stillarbeit vor Regalen verbracht haben. Mal ein, zwei Stunden die Woche am Vormittag oder in der weiterführenden Schule bei einem Lehrer – meinetwegen – aber nicht als radikales System. Ich wäre unglücklich, würde man mich regelmäßig ans Regal verbannen. In der Grundschule habe ich häufig für die Lehrerin gelernt, wollte auch mal aufgerufen werden, mal meinen Text der Klasse vorlesen dürfen und auch mal Applaus von meinen Klassenkameraden bekommen. Die eindrücklichsten Stunden waren die, in denen zwischenmenschlich etwas passierte. Aber vielleicht verkläre ich.

Lucy ist so ein toller Mensch geworden, trotz der auf einmal verschrieenen Grundschule „alter“ Art, verantwortungsbewusst und sehr sozial. Leo soll diese Chance auch bekommen. Und er soll möglichst umfassend gebildet werden. Lucy hat man zu Mathe zwingen müssen und übrigens auch zum Lesen – das ist ihr anfangs schwer gefallen, aber wir Eltern haben nicht locker gelassen, bis sie die Bücher lieben gelernt hat. Jetzt verschlingt sie sie.

Am Ende wird es heißen, seht ihr, dieses neue System produziert genügend Gymnasialschüler, es funktioniert also. Dass dahinter die Eltern stehen, die nachmittags ihre Kinder unterrichten oder zum Lernen anhalten, wird verschwiegen werden. Denn es passt nicht in die Ideologie, dass jedes Kind hochbegabt ist und folglich von allein lernt.

Viele Grüße aus der aufgewühlten Provinz von eurer Frau Henner