Archiv der Kategorie: Menschentypen

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 24: Alle Jungs sind hochbegabt!

Liebe Leser,

Hendriks Mama schreibt mir gerne E-Mails. Da bittet sie für ihren Sohn um dies und das, fragt sell und jenes nach, macht mir gerne Verbesserungsvorschläge und schlägt so manches Mal auch einen fordernden, vorwurfsvollen Ton an. Ihr kennt sie alle. Bei euch heißt sie Justus-Mama oder Cornelius-Mama oder Thore-Maximilian-Hanibal-Mama. Mit Helikopterflügeln umschlingt sie ihren Prinzen und macht ihn damit bewegungsunfähig, ohne das zu merken. Hendrik ist nicht organisiert, was natürlich daran liegt, dass wir in der Schule keinen ordentlichen Packplan herausgeben, mit dem Mama abends für Sohnemann die Schultasche packen kann. Hendrik meldet sich selten und traut sich nicht, frei von der Leber weg zu antworten, was natürlich auf keinen Fall damit zu tun hat, dass bis jetzt die Mama als Souffleuse dem kleinen Genie auf die Sprünge hilft und seine Äußerungen und Ansichten vorformuliert. Nein, wie komme ich denn dadrauf.

Schließlich ist Hendrik hochbegabt und einfach unterfordert.

An meiner Schule kümmere ich mich um einige Fördermöglichkeiten für hochbegabte Kinder. Es gibt da Stiftungen, Wettbewerbe, Begabtenprogramme. Bei einigen dieser Förderungen melde ich regelmäßig ausgewählte Schüler an. Selten bekommt man das Stipendium einfach so, da muss man schon was leisten und die Ansprüche sind hoch. Steckt ja schon drin in dem Wort HOCHBEGABUNG. Selten schafft es eines der von uns ausgewählten Kinder in diese Programme. Leider, es gibt zwar viele Möglichkeiten, aber dort dann wieder wenig Plätze.

Es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder zu finden. Nicht, weil nicht jedes hochbegabte Kind auffällt, nicht, weil der Begriff der Hochbegabung umstritten ist und unterschiedlich definiert werden kann, auch nicht, weil es ja noch den sogenannten Hochleister gibt, der auch bedacht werden will, sondern schlichtweg weil es gar nicht so viele hochbegabte Kinder gibt.

Zumindest an meiner Schule.

Es gibt in jeder Klasse die Hochleister, bei denen ich auch schaue, wie ich sie fördern kann, wenn ich die Klasse betreue. Es gibt viele sehr gute Schüler und talentierte junge Menschen, die an einem Gymnasium eigentlich goldrichtig sind und durch anspruchsvollen Unterricht und Eigeninitiative außerhalb der Schule sehr gut durch ihre Jugend kommen, aber hochbegabte Schüler gibt es eben nicht wie Sand am Meer.

Da ist das Mädchen, dass regelmäßig schlechte Noten schreibt, aber laut Testung einen IQ von 130 hat. Wow, denkt sich jeder. Hochbegabt. Wahnsinnig intelligent, würde ich erst einmal sagen und die dann Kollegen fragen, warum sie dann eigentlich solche durchschnittlichen Noten hat. Langweilt sie sich, ist sie unterfordert, wie können wir sie aus dem Loch holen? Und da heißt es: „Die ist selbst zu faul zum Vokabellernen.“ Wie soll ich ein solches Kind bei einem Föderprogramm unterbringen, was zuerst auf intrinsische Motivation setzt? Ein hoher IQ reicht nämlich noch nicht aus.

Aber immerhin haben wir hier wenigstens den überdurchschnittlichen IQ. Hendrik ist nicht getestet. Wir Lehrer sehen da keinen Grund. Hendrik ist intelligent, er passt aufs Gymnasium. Wenn seine Mama ihn endlich loslassen würde, könnte er vielleicht auch gute und sehr gute Noten erzielen, so dümpelt er halt eher im Durchschnitt herum. Aber diese Expertise braucht seine Mama gar nicht. Klar ist IHR Hendrik hochbegabt. Wie der mit LEGO baut!

Jetzt muss ich wirklich schmunzeln. Genau das erzählen mir mindestens 80% aller Jungen-Eltern. „Aber er baut so toll mit LEGO!“

Liebe Jungs-Eltern:

LEGO ist ein tolles Spielzeug. Es fördert räumliches Vorstellungsvermögen, bei ausreichender Anzahl an Bauteilen sicher auch Fantasie, es motiviert zum stundenlangen, konzentrierten Arbeiten. Ja, liebe Eltern, wir brauchen in Deutschland eine Menge guter Ingenieure und Facharbeiter jeglicher Couleur. Lasst eure Jungs also ruhig mit LEGO spielen.

Aber: fast jeder Junge in meiner Klasse baut stundenlang mit LEGO und bringt es infolgedessen auch zu beachtlichen Leistungen.  Es gibt einfach keinen unbedingten Zusammenhang zwischen LEGO-Bauen und Hochbegabung. So leid es mir tut, liebe Hendrik-Mama, liebe Justus-Mama. Lassen Sie Ihren Thore-Maximilian-Hanibal ruhig damit spielen und freuen sie sich über die Ruhe im Kinderzimmer. Freuen Sie sich, dass Cornelius Freude hat, eine schöne, behütete Kindheit.

Messen Sie ihr Kind aber nicht an einer solchen Fähigkeit – vor allem, wenn Sie keine Ahnung haben, was andere Kinder eigentlich imstande sind zu leisten. Vielleicht baut Tim viel schneller, Jonas kreativer, Mehmmet versucht sich schon an elektomechanischen Konstruktionen, Aladin programmiert kleine Apps und Alex hat schon zweimal Jugend-musiziert gewonnen und arbeitet gerade an seiner ersten Eigenkomposition.

Alles nette Kinder, alle begabt auf ihre Weise und geliebt von ihren Eltern. Warum muss dann Ihr Hendrik ausgerechnet hochbegabt sein, weil er so toll LEGO baut, aber weder im naturwissenschaftlichen Unterricht noch in Kunst besonders positiv auffällt? Haben Sie Ihr Kind auch ohne dieses Gütesiegel lieb?

Ich kann Ihnen also kein Förderstipendium anbieten, tut mir leid, auch wenn Sie so tun, als wären solche Programme allein für Hendrik geschaffen. Aber wie wär’s, kaufen Sie ihm doch einfach noch mehr LEGO. Er wird Freude daran haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von Ihrer Frau Henner

SW 23: Beamten-Wolf

Liebe Leser,

pro forma wird ein Lehrer zum Klassenlehrer und der andere zum Stellvertreter, da es in unseren Tagebüchern eben genau diese Kategorien gibt. Im letzten Zwei-Jahres-Zyklus war Wolf als Klassenlehrer eingetragen und ich seine Co, also ist es jetzt andersherum. Wie gesagt: pro forma. Denn eigentlich sollen wir uns als Team begreifen.

Team heißt definitiv nicht: einer macht die Arbeit und der andere verpisst sich. Als Wolf pro forma der Klassenchef war, habe ich wöchentlich kleine Sitzungen abgehalten – auf meine Initiative, mit ihm gemeinsam schwierige Elterngespräche geführt, war immer als Ansprechparner da, habe Aufgaben gesehen und erledigt. Grad die Mädchen sind mit ihrem Zickenkrieg eher zu mir gekommen, was für mich völlig in Ordnung war. Ihr ahnt sicher, was jetzt kommt. Recht habt ihr. Dieser Blogbeitrag hat keine originelle Wendung.

Wenn ich als Klassenchefin eingetragen bin, sehe ich von Wolf so gut wie nichts. Gibt es mal ein Problem, muss ich mich wortwörtlich auf die Suche nach ihm machen. Gilt es, ein paar Zettel auszuteilen, macht er das, keine Frage: wenn ich ihn drum bitte und die Zettel kopiert hinlege. Aber ansonsten wird er nur auf Anweisung aktiv, er sieht die Arbeit nicht von allein, geschweige denn dass er sie mal sucht oder sich zu einem Plausch über unsere Schäfchen zu mir setzt.

Nun könnte man sagen: faule Socke. Stimmt aber gar nicht. Er ist nicht faul, sondern einfach vollkommen durchtränkt von dieser Beamtenmentalität, über den sich der Rest der Nation so gerne lustig macht. Ich mache meinen Unterricht und im Grunde ist mir alles andere zuviel. Nein, es ist eine Zumutung!

Ob Elternsprechtag, Vorbereitung Schullandheim, Klassenrat, Klassenfest, eine zusätzliche Aufsicht, womöglich noch eine Vergleichsarbeit, die Abiturkorrekturen, die feststehenden Klausurtermine, das alles sind unverhältnismäßige Zumutungen, die man stöhnend entgegennimmt, um sich dann mit gleichgesinnten Kollegen jammernd zum Wundenlecken zu verkriechen. Oder zu verpissen, aus welcher Perspektive man das eben sieht.

Mit dieser Mentalität ist Wolf nicht allein, aber zum Glück ist er nicht intrigant wie manch anderer Kollege. Wolf wird nur pampig, wenn er sich überfordert fühlt. Leider ist diese Schwelle enorm niedrig. Schon eine unverhoffte Raumänderung kann Stress bei ihm auslösen. Leute, eine Raumänderung! Dann trollt er sich grimmig in sein Schneckenhaus zurück und pflaumt unterwegs noch Frau Hanswurst an, die sowieso immer Schuld an allem hat. Theatralisch rollt er mit den Augen, wenn sie das Lehrerzimmer betritt. Er bekommt dann rote Flecken am Hals und beginnt zu schwitzen. Was falsche Chemie so alles auslösen kann…

Kollegen wie Wolf gibt es vermutlich an jeder Schule, deshalb schreibe ich über ihn. Er ist bei uns nur einer von vielen. Ein paar davon kann eine Schule ertragen, aber ein Staat ist mit denen nicht zu machen. Und ausgerechnet er und ich sind ein Team – ‚tschuldigung, er ist ja nur der Stellvertreter, steht schließlich so im Tagebuch.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 21: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Liebe Leser,

morgen haben wir frei, da wird mit viel Alkohol und noch mehr Alkohol die Fastnacht gefeiert. Dementsprechend fröhlich geht es heute an den Bussen zu. Alle Schüler scheinen gleichzeitig aus zu haben. Und Frau Henner steht zwischen dem munter schnatternden Volk und passt auf.

Blöd für die Eltern, die gerne mit den SUVs gleich in den Busbuchten auf ihre Schützlinge warten wollten. Brav stellen sie sich trotzdem möglichst nah und deshalb idiotisch gegenüber auf – damit die blind herzulaufenden Kinder schön vor den einfahrenden Bus laufen und die Busfahrer, die Slalom fahren müssen, natürlich freundlich und aufmerksam bleiben, auf keinen Fall genervt! Das sind die wahren Momente des Lehrerlebens.

Plötzlich steht ein Mann vor mir und fragt allen Ernstes: „Haben Sie meine Tochter gesehen?“

Äh? Wieviel hundert Mädchen stehen um mich herum? Frau Henner lächelt milde: „Ich weiß gar nicht, wer Ihre Tochter ist.“

„Die Amelie Schäfer aus der 5b!“

Ach so, dass ich da nicht gleich darauf gekommen bin.

„Tut mir leid, ich unterrichte keine Fünfer…“, will ich sagen, da durchfährt mich der Blitz der Genialität. Dieser Mann, der so verpeilt ist, keine Perspektive wechseln kann und sich höchstwahrscheinlich für den Nabel der Welt hält, kann eigentlich nur ein Kind gleichen Kalibers zeugen. Biolehrer bitte weghören! Und wer fällt mir bei der Busaufsicht jede Woche von Neuem als verpeilt und egozentriert auf?  Ja, dieses kleine Mädchen, strohblond mit Zöpfchen und einer dicken schwarzen Brille.

Also frage ich den Vater: „Warten Sie, Ihre Tochter, ist das so eine Kleine mit Brille und blonden Zöpfen?“

„Ja, das ist meine Amelie“, erwidert der stolze Vater, der die Genialität meiner Schlussfolgerung nicht würdigt.

„Nun, die habe ich heute noch nicht gesehen“, antworte ich und verkneife mir: „Vielleicht steht sie mal wieder an der falschen Haltestelle oder ist noch mal reingerannt, weil sie ihr Mäppchen liegen lassen hat oder sich noch schnell ein Taschentuch auf der Mädchentoilette holen will, und heult dann, weil der Bus nicht gekommen sei, sonst habe sie ihn ja sehen müssen und überhaupt, warum kümmert sich die Welt nicht um Amelie Schäfer?!“

Die Busse fahren ein und nehmen das Schnattervolk mit. Der Vater steht immer noch da und fragt weiter: „Wo könnte meine Tochter denn sein?“

Hm, lassen Sie mich mal überlegen, ich muss als Lehrer nur meinen Röntgenblick aktivieren… „Vielleicht noch in der Schule?“, vermute ich. Ich würde es ja immer erst mit dem Naheliegenden probieren. Die Schule, das ist das große Gebäude da… Ich begleite den Papa lieber zum Schulhaus. Und wer kommt uns entgegengelaufen?

Amelie Schäfer aus der 5b, deren Namen ich jetzt kenne. Gut, dass der Papa sie abholt, denn die Busse sind längst weg. Überflüssig zu erwähnen, dass hier niemand danke sagt, weder Amelie zum Papa, noch der Papa zu mir. Auch nicht „Schönes Wochenende“ oder so, warum auch…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner und schöne Fastnacht, schönen Fasching, Karneval oder wie das bei euch so heißt…

SW 18: Aasgeier zum Halbjahr

Liebe Leser,

nun ist es heraus, dass ich das Kollegium verlassen werde und die Aasgeier kreisen bereits. Wenn sie mir wenigstens dabei einen Kaffee spendieren würden…

Aber von vorne. Da engagiert man sich jahrelang für bestimmte Bereiche in der Schulentwicklung und kämpft gegen Windmühlen. Ich beschwere mich nicht, denn ich weiß, dass einige Prozesse einfach lange dauern. Nein, es ist bei einigen Kollegen noch nicht angekommen, dass sich unsere Gesellschaft in dem letzten Jahrzehnt massiv gewandelt hat und damit auch unsere Schülerschaft. Wir können Schule nicht mehr so begreifen wie vielleicht noch vor zwanzig Jahren und denken, damit habe sich unsere Arbeit und Verantwortung erschöpft. Und Schimpfen nützt schon gar nichts.

Frau Henner ist ja von der Fraktion: Ich habe ein Problem, also gucke ich mal genau hin, woran das liegen könnte, entwickle Gegenmaßnahmen, setzte diese um und überprüfe, ob eine Veränderung in die gewünschte Richtung einsetzt. Grob gesagt. Scheitern ist da inbegriffen. Erfolg zum Glück auch. Und Ideen habe ich genügend. Wenn nicht, dann schaue ich mich um: Wie machen andere das? Dann frage ich mich gleichzeitig: Ist diese Maßnahme auch für mein Problem in meiner Situation unter meinen Bedingungen sinnvoll oder muss ich die Idee der anderen weiterentwickeln. Das macht mir Freude.

So habe ich in den letzten Jahren einiges voranbringen können, vieles ist aber noch im Wolkenkuckucksheim. Für manche Idee fehlen die Kollegen, die mitmachen (vieles kann man nicht im Einzelkämpfertum umsetzen), für andere fehlt noch die Dringlichkeit, das Elend muss erst größer werden, für wieder anderes fehlt das Geld, die Stunden, der Mut. Kommt Zeit, kommt der richtige Kollege, die Stelle, die Anordnung von oben. Dafür hat Frau Henner in ihrem pädagogischen Schatzkästchen noch ein paar schöne Schmuckstücke.

Auf die haben es jetzt einige Kollegen abgesehen. Säuselnd steht Kollege A neben mir. Ob ich nicht mal eine Stunde Zeit hätte, er würde sich so gerne mal mit mir über Schulentwicklung unterhalten. Das sei ja so spannend. Er habe da ja selbst Ideen und wolle mal schauen, ob die so zu meinen passen.

Kollege B ist ehrlicher. „Du, Frau Henner, ist echt schade, dass du gehst. Können wir uns mal zusammensetzen und über deine Schulentwicklungspläne quatschen. Wenn du weg bist, möchte ich das gerne fortführen, da wäre es doch wichtig, wo du grad so dran bist.“

Also sitzt Frau Henner mit Kollege A zusammen und auch mit Kollege B und wird gemolken, denn beide tun zwar so, als hätten sie sich schon soooo viele Gedanken gemacht, aber nicht Konkretes weiß man nicht. Dafür hat man ja die gute Frau Henner.

Leute, ich habe ehrliches Interesse daran, dass nach mir in verschiedene Richtungen etwas weiterläuft, das sind alles keine Geheimnisse, die ich da ausplaudere, und trotzdem fühle ich mich seltsam. Vielleicht liegt es daran, dass ihr mir nicht einmal einen Kaffee spendiert, wo ich doch meine Freizeit für eure Karriere opfere?

Frau Henner schnappt sich Kollegin C, die ist patent, aber leider noch zu frisch an der Schule. Macht nichts. Kollegin C kann ruhig ein bisschen aufgebaut werden. Die hat nämlich selbst gute Ideen, erledigt ihre Sachen pünktlich und macht obendrein noch sehr guten Unterricht. Dass sie supernett ist, merkt man, dass sie auch bei Schülern sehr gut ankommt, weiß ich von Lucy. Kollegin C, die müsste meine Nachfolgerin werden! Schade, dass Kollege A und Kollege B viel länger da sind und die Erbfolge in so einem Kollegium in Zement gegossen ist.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Der Stinker

Liebe Leser,

lange habe ich das ertragen, heute muss es raus, der Stinker ist kaum auszuhalten!

Jedes Kollegium kennt ihn, jeder hat als Schüler wohl mindestens einmal unter ihm gelitten. Ich selbst hatte in der Mittelstufe einen Klassenlehrer, der penetrant nach Zigarettenqualm stank. Schlimmer war jedoch die Mathelehrerin in der Oberstufe, die entweder mit dem Waschen oder dem Deodorieren auf Kriegsfuß stand – oder ein gesundheitliches Problem hatte. Denn es ist nun mal nicht völlig normal, sosehr nach Schweiß zu riechen, dass die Umwelt einen Bogen um einen macht. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass wir in der Oberstufe selten die Lehrerin zum Erklären an den Platz gebeten haben, es war einfach unerträglich. Wenn sie vorne an der Tafel vorrechnete, war das in Ordnung, denn meine Freundinnen und ich, wir saßen letzte Reihe.

Im Lehrerzimmer kann ich dem Stinker leider nicht so gut aus dem Weg gehen. Wieder ist es ein Mathelehrer. Schlüsse ziehe ich nicht daraus. Er ist nett und etwas überkorrekt, deshalb möchte er keine Fehler machen. Gerne fragt er dann bei Frau Henner nach, wie man dieses oder jenes Formular auszufüllen hat, ob man dieses oder jenes beantragen muss, wer für dieses oder jenes zuständig ist. Dann kommt der Stinker gerne an Frau Henners Platz. Manchmal setzt er sich auch einfach hin und will nur quatschen.

Momentan ist es besonders schlimm, obwohl wir wegen des schönen Wetters alle Fenster im Lehrerzimmer aufreißen. Keiner traut sich, mit dem Stinker über sein Problem zu reden. Die Schüler überlegen, ob sie ihm als Wink mit dem Zaunspfahl ein Deo zum Schuljahresende schenken sollen – den gleichen Gedanken hatten wir in der Oberstufe auch. Wir hätten es als respektlos angesehen, unsere Mathelehrerin auf unser Leiden anzusprechen. Wir, dachten, dass muss sie doch selbst merken! Das denken wir im Kollegium auch. Das muss der Stinker doch merken! Aber er tut nichts dergleichen.

„Schau mal Lilo, ich bin mir nicht ganz sicher, aber dieser Schüler hier ist doch versetzungsgefährdet, oder?“

Ein kurzer Blick auf die Noten. „Der hat leider keine Chance“, sage ich.

Der Stinker geht. Sein Gestank bleibt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Kabale und Triebe – eine Analyse

Liebe Leser,

seit Wochen beobachte ich unser auseinanderfallendes Kollegium. Eine schlechte Atmosphäre ist sicher ein Gemeinschaftsprodukt vieler, wenn nicht aller, aber inzwischen habe ich die maßgeblichen Täter doch herausfinden können – über ihre Motive kann ich nur Vermutungen anstellen. Es gibt vier Kollegen, die absichtlich oder indirekt dafür sorgen, dass unsere Schule leidet.

Dr. Franz ist da noch der harmloseste von allen. Er meckert einfach nur. Das tun Baumann und Schrat zwar auch, aber denen hört inzwischen kaum mehr einer zu. Bei Dr. Franz ist das anders. Der ist jung und gebildet und setzt sein eigenes Leid immer gekonnt in Szene. Jeden Tag. Durch ihn entsteht ungute Luft. Bedauerlicherweise ist er ein sehr guter Lehrer. Ich nehme an, wenn er vor Schüler tritt, klappt ein Schalter um und er gibt den intelligenten Comedian. Wenn er so mal im Lehrerzimmer wäre… aber nein, unter anderem durch Dr. Franz ist schlechte Stimmung bei uns.

Frau von Ostrach meint es eigentlich auch nicht böse. Wenn sie lauthals ihre Meinung herausposaunt, dann soll es eben jeder hören, weil es nun mal wahr ist. Und sie teilt immer ihre Meinung mit. Jeden Tag. Leider ist ihre Meinung oft borniert und von Halbwissen durchzogen. Stur ist sie außerdem. Argumente? Pah, da hört sie gar nicht zu. Entweder sie wird lauter oder rauscht ab. Eigentlich wäre sie am Theater besser aufgehoben als in einem deutschen Lehrerzimmer. Wer sie verehrt, den schließt sie in ihr Herz. Sie kann sehr großherzig sein! Wer sie oder ihre Äußerungen jedoch hinterfragt, wird im besten Falle ignoriert oder im schlechteren Falle niedergemacht (auch außerhalb des Lehrerzimmers) und das gerne konspirativ.

Zusammen mit Herrn Albert. Ihn habe ich inzwischen als den größten Feind unserer Schule ausgemacht. Herr Albert hängt sein Fähnlein in den Wind. Der Wind wechselt stündlich. Spricht er mit Kollegin O., sagt er zu Kollege W. genau das Gegenteil. Pflichtet er Kollege N. bei, behauptet er etwas völlig anderes in Gegenwart von Kollege S. Das macht er den ganzen Tag und es geht immer um unsere Schule und die einzelnen Fehler der Kollegen. O. macht er vor W. schlecht, N. vor S. und umgedreht. So wiegelt er sie gegeneinander auf. Es ist unglaublich, aber dieser Wahnsinn hat Methode. Herr Albert bietet sich dann immer als der Tröstende, der Verständnisvolle, der Weitblickende an – er mimt den besten Freund – und hat dabei das Messer schon hinterm Rücken. Auf diese Weise versucht er als der Weise, der Interessierte, der Retter in der Not dazustehen. Was sein intrigantes Handeln für die Gemeinschaft bedeutet, ist ihm entweder nicht bewusst oder egal – ich tippe auf letzteres. Er glaubt ohnehin, dass ohne ihn nichts laufe. Aber den Mumm, tatsächlich einmal Verantwortung zu übernehmen und sich zum Beispiel auf die Direktorenstelle zu bewerben, wenn sie mal frei wird, diesen Mumm hat er nicht. Es ist ja so viel leichter aus der Opposition heraus zu meckern. Denn nur, wer etwas tut, kann auch etwas falsch machen. Und das würde Herrn Albert nie einfallen, er weiß ja immer alles am besten.

Vielleicht will Herr Albert aber auch nur Frau Serpentas beeindrucken. Frau Serpentas kann nicht gut mit Kindern, hasst unsere Schule, ist aber noch zu haben. Regelmäßig kotzt sie sich im Lehrerzimmer aus, wie schlimm alles bei uns ist. Gerne redet sie da auch über nicht anwesende Kollegen. Dann kommt Herr Albert und nimmt sie verbal in seine Arme. Er kann sie ja so gut verstehen, natürlich habe sie Recht, Kollegin Hanswurst sei auch die unfähigste Lehrerin seit Urzeiten und ihre Arroganz führt unsere Schule bestimmt schon nächsten Dienstag in den Abgrund. Ja und er sehe das auch so, nur Menschen wie sie, die tolle Frau Serpentas, könne die Schule noch retten, aber die Menschen hier seien so blind, das erkenne keiner, dass Frau Serpentas die Zukunft ist. Und Frau Serpentas spuckt weiter ihr Gift. Sie hat sich schon selbst damit vergiftet. Ihr Glück ist das Unglück der anderen.

Das sind harte Worte. Aber ich erlebe auch gerade harte Zeiten. Selten habe ich soviel grundlose Bosheit beobachtet. Vier Menschen und noch zwei, drei Meckerer dazu und wir alle fallen ins Bodenlose. Es gibt genügend Kollegen, die sich von dem einen oder anderen anstecken lassen. Ein Glück, dass keine scharfen Messer herumliegen.

Ich kann Herrn Henner damit nicht mehr belasten, er kann das nicht mehr hören. Ich kann Frau Hanswurst, mit der ich befreundet bin, nichts mehr erzählen, weil es sie zu sehr treffen würde. Frau Weinstett lässt sich manchmal von Frau von Ostrach beeindrucken, Herr Pistorius von Dr. Franz, Wolf hat mit seinen eigenen Problemes so zu kämpfen, dass ihn wiederum niemand belasten will. So haben Albert und Serpentas freie Bahn. Und sie rächen sich gemeinsam, dass niemand ihre Einzigartigkeit und ihre Fähigkeiten wertschätzt. Nach dem Motto: Wenn aus mir nichts wird, dann geht ihr wenigstens alle mit unter.

 

Jetzt wird es Zeit, in den Garten und die Sonne zu gehen, ein gutes Buch zu lesen und in die Zukunft zu schauen.

Danke, dass ich mich bei euch ausheulen durfte. Ist alles in Worte gebracht, erscheinen die Dinge klarer und weniger gefährlich.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner