Archiv der Kategorie: Schulsuche

Pfingsten 1: Melancholie

Liebe Leser,

am letzten Freitag vor den Pfingstferien trage ich die ersten beiden großen Kisten aus dem Schulhaus, denn ich habe angefangen aufzuräumen. Was sich alles so angesammelt hat! Ordner, Bücher, lose Blattsammlungen. Da noch ein wenig Zeit ist, setze ich mich an den kleinen Teich im Park und betrachte die blühenden Uferblumen, die Vögel, die Libellen… und da überkommt mich zum ersten Mal das Gefühl der Wehmut. Wahrscheinlich liegt das an den Kisten – sie machen alles endgültig. Ich ziehe aus aus meinem bisherigen Schulleben.

Dann setzt sich Lucy zu mir ins Auto und meint: „Du Mama, ich bin heute so melancholisch, jetzt wird wohl alles anders werden.“ Ja, diese Ferien sind die letzten, nach denen ich noch einmal in mein kleines Landgymnasium zurückkehren werde. Dass Lucy das auch so empfindet, berührt mich fast noch mehr. Der schwarze Hund wird den ganzen Nachmittag lang noch um uns herumschleichen.

Dann räume ich mein Arbeitszimmer auf. Dieses Schuljahr ist nicht mehr viel zu tun, da lohnt es sich, auch hier einmal gründlich klar Schiff zu machen. Zu viel ist in den letzten anstrengenden Wochen liegen geblieben. Auch Lucy räumt ihr Zimmer auf. Sonst kann man ja gar nicht gemütlich in die Ferien gehen, meint sie. Putzen hat etwas Kathartisches.

Während ein Teil Deutschlands sich schon wieder auf die Sommerferien vorbereitet, liegen vor uns noch einige Schulwochen. Noch zähle ich sie nicht rückwärts. Denn jetzt bin ich soweit, dass ich in dieser Zeit tatsächlich Abschied nehmen werde. So vieles ein letztes Mal – ganz bewusst. Um nicht in einen Unruhezustand zu fallen, habe ich mich mit vielen Büchern eingedeckt, werde Freunde treffen, Musik machen, Rosen beschneiden und bloggen. Der Sommer kann kommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Lucy weint

Lebe Leser,

wieder ist ein Schuljahr zuende gegangen. Erleichterung und Freude mischen sich. Es gab Momente, die mich hätten zynisch stimmen können, es aber nicht getan haben, weil ich mir im letzten Schuljahr ein dickes Fell zugelegt habe. Aber es gab auch die richtig guten Momente, die mich stolz machen, die mir Kraft geben. So ist das Leben nun einmal.

Lucy kommt mit einem strahlenden Zeugnis und strahlendem Lächeln auf den Schulparkplatz. Der einzige Schattenfleck ist die Mathenote, da aber alles andere so leuchtet, spielt sie keine Rolle. Es war ein erfolgreiches Jahr. Lucy hat Freundinnen, gute Noten und wird langsam, aber sicher erwachsener.

Im Auto erzähle ich ihr endlich, dass ich die Schule wechseln werde. Sie soll es erfahren, damit sie sich darauf einstellen kann. Plötzlich weint Lucy.

Das hätte ich nicht erwartet: meine Lucy! Das Kind, was von Natur aus ein dickes Fell hat, das selbst bei Papa Henners lautem Geschimpfe, wenn mal was gar nicht klappt, nur amüsiert mit den Augen rollt, dieses Kind weint.

Es rührt mich, denn es ist der klare Beweis, dass es für Lucy doch kein Problem war, ein Lehrerkind zu sein. Lucy gesteht mir, dass sie stolz auf mich war, weil ich von ihren Mitschülern akzeptiert wurde, weil die mich nett fanden, weil es eigentlich voll in Ordnung war, dass wir beide an der gleichen Schule waren…

Wir nehmen uns im Vorgarten lange in den Arm, reden und reden und dann hört Lucy auf mit dem Weinen.

„Aber ein Jahr haben wir noch zusammen?“, fragt sie.

Ja, ein Jahr werden wir noch zusammen haben, Lucy, dann wirst du sowieso flügge. Danke Lucy, du machst mir mit deiner Ehrlichkeit das schönste Geschenk zur Schuljahresabschluss. Ich glaube, ich habe mich noch nie so über die Tränen meiner Tochter gefreut. Lucy wird mit der neuen Situation sicher gut zurecht kommen, sie ist ein taffes Mädchen geworden. Aber jetzt freuen wir uns erst einmal auf unser letztes gemeinsames Jahr!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner, die sich mit diesem Beitrag in vier Wochen Sommerferien verabschiedet – euch allen einen guten Sommer und allen, die es betrifft, einen guten Start ins neue Schuljahr – wir hören erst im September wieder voneinander.

Die Logik des Absurden

Liebe Leser,

 

nun habe ich drei Schulen in der engeren Auswahl gehabt. Die erste war mir recht schnell suspekt und kam daher nicht in Frage. Ich hatte das Gefühl, dort nicht wirklich erwünscht zu sein. Rational begründen kann ich das nicht.

Spannender war es bei den beiden anderen Schulen, die dann auf meiner Wunschliste standen. Beide Schulen könnten mich sofort gebrauchen und haben ein offenes Klima, aber einen schrecklich hässlichen Schulbau. Die eine Kollegin war sehr nett, die andere schrullig unnett. Die eine Schule war passabel ausgestattet, die andere recht katastrophal. Die eine Schule hat solide Zukunftsaussichten, die andere nicht.

Und trotzdem hat mein Bauchgefühl sofort gesagt: „Also Lilo, du bewirbst dich jetzt für die hässliche Schule mit der seltsamen Kollegin, den karg ausgestatteten Fachräumen und keiner festen Aussicht, dort auf immer bleiben zu können! Los, tu es! Falls du ein Argument brauchst: Das Kollegium soll nett sein.“

Was treibt mich denn dazu? Ganz einfach, die Schule, die nicht schon voll ihr Konzept fährt, die noch nicht up to date ist, diese Schule reizt mich durch die Möglichkeiten, genau das mitgestalten zu können. Bei der anderen würde ich mich in ein gemachtes Nest setzen. Vielleicht ist es kuschelig, vielleicht sticht einen auch da mal der Hafer, aber wenn etwas juckt, dann war das schon immer so und wieso soll man denn da etwas ändern? Die andere Schule muss geändert werden, soviel steht auch ohne mich fest. Da wäre ich gerne dabei.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Hochglanzbilder

Liebe Leser,

Frau Henner hat ein Projekt. Frau Henner sucht eine neue Schule. Natürlich gibt es ganz pragmatische Kriterien: Wohnortnähe oder zumindest gute Erreichbarkeit. Das schränkt auf dem Land natürlich schon mal ein. Aber es bleibt doch eine ansehnliche Auswahl.

Dann besucht Frau Henner die Schulwebsites. Naja, das könnte sie sich vielleicht auch sparen. Da erfährt man eher, ob es an der Schule jemanden gibt, der die Website in Schuss hält, oder eben nicht. Manche stellen alles, aber auch alles rein. Da erfahre ich sogar recht private Dinge über potenzielle Kollegen, wenn zum Beispiel die interne Elternbeiratssitzung mit Protokoll abgelegt wurde. Ach Frau M. geht ab 3. 7. in Elternzeit! Andere Schulen geben nicht einmal eine Lehrerliste preis. Manche rühmen sich mit TOLLEN Projekten, von einigen der Projekte kenne ich aber die Wahrheit hinterm schönen Schein… es wird überall nur mit Wasser gekocht. Nur einigen Schulen verkaufen ihr Wasser besser als andere.

So wirbt die eine von mir ins Auge gefasste Schule mit ihrer supergut funktionierenden Grundschulkooperation und ich kann nur darüber lachen, denn die Schüler aus der genannten Grundschule besuchen gar nicht dieses Gymnasium, sondern unseres. Aber es klingt so gut… „wir kümmern uns nachhaltig um eine enge Kooperation mit der Grundschule XY…“ Haben die eigentlich mal auf ihre Anmeldezahlen geschaut? Oder was verstehen sie unter Nachhaltigkeit?

Ich sollte aber nicht zu laut lachen, denn das Wasser scheint mir überall schal zu sein. Im Klartext: Leider gibt es sie einfach nicht, die Wunderschule, die Traumschule, die Schule, auf die ich als Lehrer sofort möchte. Ein sanierter Bau mit Wohlfühlatmosphäre, ein Raum, den ich mir einrichten kann mit meinen Unterrichtsmaterialien, ein durchweg motiviertes Kollegium, das bereit wäre, auch einmal ganz neue Wege auszuprobieren, ein Kollegium, das miteinander Schule denkt und nicht gegeneinander, späterer Schulbeginn und längere Pausen… ach träum weiter, Frau Henner! Es gibt nur Mittelmaß und faule Kompromisse, wie es scheint – was mich allerdings nicht vom Suchen abhält.

Da stellt sich die Frage: Welche Prioritäten möchte ich setzen? Wahllos notiere ich Stichwörter, um dann folgende Liste zu erstellen:

  1. Ganz oben steht der Wunsch nach Verantwortung, der Möglichkeit, bestimmte Bereiche planen, leiten und damit selbst gestalten zu können. Im Fach Deutsch ist das eine Illusion. Da gibt es immer viele Kollegen und meist sehr – wie sagt man – starke Persönlichkeiten. Deshalb schaue ich mir die Arbeitsbedingungungen in meinem Nebenfach an: Wie viele Kollegen gibt es da? Wie alt sind sie? Was kann ich über sie und ihre Arbeitseinstellung in Erfahrung bringen? Dem einen oder anderen bin ich ja bereits auf Fortbildungen oder bei Prüfungen über den Weg gelaufen. Schnell merkt man, ob man miteinander kann oder nicht. Wenn die Chemie nicht stimmt und die Vorstellungen vom Unterrichten und der Fachschaft zu weit divergieren, ist ein etwas höheres Alter des entsprechenden Kollegen und seine absehbare Pensionierung sicher ein Pluspunkt. Das klingt hart, aber wieso soll ich mich unnötig quälen?
  2. Wenn schon keine Wohlfühlatmosphäre, dann wünsche ich mir doch Räume, in denen man es aushalten kann oder die ich mir mit etwas Phantasie annehmbar machen kann. Mindesten fünf, zehn Jahre, vielleicht aber auch ein ganzes Berufsleben werde ich dann an dieser Schule sein. Es ist also legitim, nach dem Potential des Umfelds zu schauen, denke ich.
  3. Die Schulleitung! Wenn ich mir die diversen Schulen anschaue, muss ich mir unbedingt einen Eindruck von der Schulleitung machen. Welche Wege hat sie für die Schule im Auge, was ist ihr wichtig, welcher Typ Lehrer wird gesucht? Wie die Atmosphäre im Kollegium ist, kann ich vorher nicht wirklich durchschauen, auch ändert sich eine Stimmungslage je nach Zusammensetzung und Situation. Aber mit der Schulleitung steht oder fällt vieles. Ich hoffe, dass ich spüre, ob ein Funken überspringt oder nicht.

So viel zur Wunschliste. Auf den Schulhomepages ist alles toll, Friede – Freude – eitel Sonnenschein! Die Fotos auf Hochglanz poliert zeigen auch langweiligste Zweckbauten kontrastreich, modern und spritzig. Immer gewinnen alle Schüler alle Wettbewerbe und alle Schüler strahlen auf den unzähligen Konzerten, Theateraufführungen und halten die Medaillen in die Kamera. Überall sind nur glückliche Kinder, weil wir wissen, wie Schule geht, weil wir Schule leben, weil bei uns alles besser ist.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner