Archiv der Kategorie: Sprache

SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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SW 9: Max und Erkan

Liebe Leser,

draußen geht sturzbachartig die Welt unter und unser halbes Kollegium liegt mit föhnbedingtem Kopfschmerz in einer zwischenmenschlichen Grauzone – Scherze sollte man gerade tunlichst vermeiden, sprachliche Ungenauigkeiten auch, sonst geht einem Fräulein Häuptchen gleich an die Gurgel oder Frau von Ostrach schreit lautstark durchs halbe Lehrerzimmer: Das ist ja unerhört! Zu allem Überfluss stinkert ein Kollege das Lehrerzimmer dermaßen aus, dass es nur noch einen Weg gibt: Flucht.

Ich geh dann mal unterrichten. Meine Sechser machen sich gerade. Frau Henner würde zwar mit ihrem deduktiven Grammatikunterricht durch jede Lehrprobe fallen, aber die Fremdsprachenkollegen freuen sich über das Grammatikverständnis meiner Kinderleins. Bei uns wird es gerade ganz vertrackt: meine Sechser unterscheiden Präpositionalobjekte von Präpositionalen Attributen. Das ist so kompliziert, dass es sogar die Jungs interessiert, die sonst für Sprache wenig übrig haben. Immerhin muss man da richtig denken, das kann total Spaß machen.

Macht es mir auch, bis ich im Deutschbuch über Max und Erkan stolpere. Die zwei Jungen können gar nicht dafür, die sind nur ausgedacht. Deutschlehrer sind das inzwischen gewöhnt: in jeder Geschichte, die für das Deutschbuch geschrieben wird, ist mindestens ein türkischstämmiges Kind. Das ist politisch korrekt und soll die bunte Lebenswelt unserer Kinder widerspiegeln. Deshalb sind die Kinder mit den Namen, über die beim Vorlesen meine Kinder, sogar die türkischstämmigen regelmäßig stolpern, immer mit Kinder mit deutschen Namen befreundet. Ayshe ist die Freundin von Lisa und Erkan der beste Kumpel von Max. Natürlich ist DAS kein Grund zum Ärgern!

So wie man hier politisch korrekt sein will, führt es in dem heutigen Beispiel aber ins Absurde. Max und Erkan werden in der Übung beide zitiert und die Kinder sollen den Unterschied zwischen den beiden Aussagen herausfinden – wir sind im Grammatikunterricht, es geht also um Satzglieder.

Ich stelle mir das so vor:

 

 

Lehrbuchautor 1: Wir brauchen zwei Kinder, die inhaltlich das gleiche sagen, aber eins macht das ganz toll und eins sehr mäßig, also den Kontrast, den muss man schon merken.

Lehrbuchautor 2: Ja klar, lass uns Max und Moritz nehmen, das ist lustig.

Lehrbuchautor 1: Max ist gut… aber hey, vergiss nicht den inneren Zensor, wir brauchen einen ausländisch klingenden Namen…

Lehrbuchautor 2: Mehmet?

Lehrbuchautor 1: Nee, den hatten wir doch erst die Seite davor.

Lehrbuchautor 2: Hasan… Murat… Cem? Nee, die hatten wir doch alle schon…

Lehrbuchautor 1: Warte mal, da gab’s doch einen Film….

Lehrbuchautor 2: ERKAN!

Lehrbuchautor 1: Ja, genau, lass uns Max und Erkan nehmen, das sind beste Kumpels, ja?

Die zwei Autoren schreiben die Beispieltexte.

 

Lehrbuchautor 1: Du, sag mal, das können wir nicht bringen.

Lehrbuchautor 2: Was?

Lehrbuchautor 1: Na, dass der Erkan so rumstottert. Da heißt es doch gleich, wir wären ausländerfeindlich.

Lehrbuchautor 2: Ja, Mensch du, da hast du völlig Recht. Was machen wir denn jetzt?

Lehrbuchautor 1: Ist doch logisch. Der Max, der bekommt den schlechten Text, den die dann korrigieren müssen, und der Erkan, der spricht viel besser, das ist dann unser Mustertext!

Lehrbuchautor 2: Jau, das ist eine gute Idee. Kannst du übrigens noch mal die Seite mit den beliebten türkischen Mädchenvornamen aufmachen, ich brauche nämlich noch welche für die Kommasetzung.

 

Nein, ich behaupte hier nicht, Menschen mit Migrationshintergrund würden ein schlechteres Deutsch sprechen als deutsche.

Nein, ich fordere nicht die Abschaffung der türkischen Namen. Auch wenn ich der Gerechtigkeit wegen dann bitte auch die amerikanischen mit im Lehrbuch hätte, das spiegelt dann noch besser unsere Lebenswelt. Man könnte einfach drei Texte draus machen: Max, Erkan und Dwayne.

Und ja, ihr habt völlig Recht, ich kenne genügend Maxens, die Sprachschwierigkeiten haben.

Und trotzdem führt vorauseilender politischer Gehorsam oder political correctness eben auch manchmal nach Absurdistan. Ich habe mich dann übrigens doch nicht geärgert, sondern herzlich gelacht. Natürlich nur innerlich, alles andere wäre politisch nicht korrekt gewesen.

Worüber ich lachen musste?

Mein türkischstämmiger Junge ist immer wieder beim lauten Vorlesen über den Namen Erkan gestolpert. Er konnte einfach nichts mit dem seltsam geschriebenen „er kann“ anfangen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Abitursaufsaz

Liebe Leser,

ich wähle Thema III

 

Der vorliegende Aufsatz handelt um geschrieben von Schüler XY ha im Jahr 2016 veröffentlicht, handelt um das verlieren über sprachliche Fähgkeiten auch im Abitur. Das Thema ist das Abitur. Im folgenden werde ich darüber schreiben.

Ein Schüleraufsaz besteht in der Regel aus mehrer Abschnitte und man soll erkennen dass darin alles wissen steckt, aus den Jahren davor. Sicher es gibt viele Schüler die das können. Schreiben dass man das versteht. Aber es gibt immer mehr Schüler die schreiben so dass sich das ungefähr so anhört wie hier dargestellt um es aufzuzeigen, wo das Problem, durch viele Jahre deutsch, liegen.

Dabei handelt es sich nicht auschließlich auf Schüler mit Migrationshintergrund. Auch viele deutsche Schüler haben, weil es ist auch schwierig  deutsche Schüler haben Schwierigkeiten einen Satz.

Zum Teil befinden sich dazwischen recht leserliche Abschnitte und der wohlwollende Leser wundert und freut sich, dass endlich wieder Sprache fließt und der Inhalt der einzelnen Worte auch einen zusammenhängenden Sinn ergibt. Doch plötzlich kann man aufzeigen, dass eine betrachtung der Zustände über dises Maß hinaus, doch zu soviel Unsinn führen kann führt, dass man mit dem Kopf schütteln. Hände ringen. Seinen Beruf in Fragestellen. Das Abitur (was man gut an Abschnitt 4 sich aufzeigen lässt)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der deutsche Schüler vielleicht nicht möglicherweise dümmer wird, aber die Probleme, also die Sprachprobleeme nehmen zu. Und wenn sie in ihrer Firma bald Abiturienten zum Vorstellungsgespräch haben werden tun, dann wundern sie sich bitte nicht. Es ist nur die Sprache.

Viele Grüsse aus der Proninz von eurer Frau Henner

 

Das wird jetzt auswendig gelernt!

Liebe Leser,

die Fünfer und ich, wir quälen uns durch die Wortarten. Am Anfang hat es riesig Spaß gemacht, die Kinderlein hatten ihre Aha-Erlebnisse, Frau Henner hat sich mords ins Zeug gelegt und wir haben die Wortarten mal wieder gespielt, getanzt und bunt angemalt. Es war alles logisch und ich hatte ein gutes Gefühl, bis wir zu den Präpositionen gekommen sind. Warum sind die so schwierig? Zumal wenn man mit den lokalen anfängt. Wir sitzen an verschiedenen Orten im Klassenzimmer, klettern über die Bänke. Auf, unter, über… das ist doch Babykram!

Denkste. Die Präpositionen sind schwierig.

Da ich aber weiß, dass wir sie für die Fälle brauchen, dass bei den Satzgliedern noch das ebenso fiese Präpositionalobjekt auf uns wartet und dass die Fremdsprachen ohne die Präpositionen auch ganz schön alt aussehen, müssen wir da durch.

Aber wie?

Kurzes Nachdenken: Wie habe ich früher die Präpositionen gelernt?

Sicher, irgendwann haben wir dieses Phänomen durchdacht und einige auch verstanden, aber zuerst mussten wir die wichtigsten Präpositionen schlichtweg auswendig lernen. Wie war das noch mal?

„Mit, nach, von, zu, aus, seit, bei verlangen stets Fall Nummer drei.“

Da gab es doch noch mehr… das google ich mal…

„Oberhalb und unterhalb, innerhalb und außerhalb, trotz, unweit, während, wegen, statt – den zweiten Fall stets bei sich hat.“

„An, auf, hinter, neben, in, über, unter, vor und zwischen schreibst mit dem dritten Falle so, wenn du fragen kannst mit „Wo?“, schreibst mit dem vierten Falle hin, wenn du fragen kannst „Wohin?“

 

Aber wie war das mit dem vierten Fall? Um, für, durch, ohne… ich krieg‘ es nicht mehr zusammen. Das Internet gibt mir den Hinweis: BUF DOG (was immer das heißen soll). Es steht für die Anfangsbuchstaben von bis, um, für, durch, ohne, gegen, die alle den Akkusativ verlangen. Aber ganz ehrlich, ein flottes Sprüchlein wäre mir lieber… da muss ich noch mal in meinem Gehirn kramen oder ihr helft mir? Denn dieses Jahr werde ich die Fünfer diese Merksätze auswendig lernen lassen.

Schaden kann es nicht. Und möglicherweise verstehen dann einige Schüler den Sinn von Präpositionen erst hinterher, aber immerhin können sie ein paar aufzählen und damit erkennen. So weit die Theorie…

Viele Grüße AUS der Provinz VON eurer Frau Henner

Mein Kind soll aber auch in den Förderkurs!

Liebe Leser,

während Adam sich beschwert, dass er in den Förderkurs gehen muss, „weil die andern haben da frei“, stehen heute Franziska, Lissy und Mia vor mir. Sie möchten bitte auch in den Förderkurs – wenn es nicht zu viele Umstände macht. Ach, da sprechen also die Eltern durch die Mädchen…

Diese Eltern haben schon am Elternsprechabend insistiert. Ihre Kinder hätten auch ein Anrecht auf den Förderkurs. Und sie seien ja noch nicht so gut – sprich sie haben im Diktat keine Eins geschrieben. Schon damals habe ich den Eltern erklärt, dass

  1. der Förderkurs nur für die ganz schwachen Schüler ist, die erst einmal die Basis aufholen müssen, denn genau das machen wir: absolute Grundlagen
  2. die Förderung nur funktioniert, wenn ich eine kleine Gruppe habe und damit sprengt jedes weitere Kind die Erfolgsaussichten der gesamten Gruppe,
  3. wir natürlich im „normalen“ Deutschunterricht auch immer wieder das Rechtschreiben üben, der Förderkurs also nur einer von vielen Wegen ist,
  4. ich die Eltern auch gerne mit Arbeitsheftempfehlungen unterstütze, wenn sie mit ihrem Kind zusätzlich das Rechtschreiben üben wollen, was an sich ja eine gute Sache und bei den Mittelprächtigen auch nötig ist.

„Nein, Ihr Kind wird nicht in den Förderkurs aufgenommen“, beende ich jedes Mal meine Ausführungen, „es schafft es auch so!“

Aber man kann es ja trotzdem versuchen. Also stehen die drei Mädels vor mir und klimpern mit den Wimpern.

„Das wäre ganz super, wenn wir in den Förderkurs kommen dürften – vielleicht wenigsten mal ab und zu – so?“

Freundlich – was können die Kinder dafür? – befördere ich die Mädchen vor die Türe, wünsche ihnen einen schönen Nachmittag und setze mich zu Adam. Der soll sein Diktat verbessern und braucht Hilfe. Er merkt nicht einmal, dass er gerade zum zweiten Mal genau die Wörter verschlimmbessert, die wir heute gemeinsam im regulären Deutschunterricht besprochen haben. Das Tafelbild dazu steht auf der vorigen Seite, aber Adam hat ja schon umgeblättert. Muss man das etwa noch wissen?

Elif sieht es gar nicht ein, dass ich ihr nicht einfach sage, wie man die gesuchten Wörter schreibt. Wozu darüber nachdenken? Kim entdeckt gerade , dass es ein Fugen-s gibt und man nicht in ein zusammengesetztes Substantiv ein „z“ hineinquetscht. Als ich ihm erkläre, dass man das „s“ dann einfügt, wenn man das Wort damit besser aussprechen kann, probiert er kichernd: „Arbeit-hose, Geburt-tag, Geburt-urkunde…“  Kim hat also wenigstens Spaß.

Jan meldet sich nach jedem Wort, was er geschrieben hat – oft falsch – und will, dass ich es bewundere. Wenn ich nicht sofort komme, lenkt er Sven und Maxim ab, die im Grunde genau wie Franca, Hendrik und Rike tatsächlich etwas lernen wollen. Jan landet allein auf der letzten Bank. Dann kann ich mich besser Maxim widmen. Maxim schreibt vieles falsch, weil er das strategiebasierte Schreiben kaum beherrscht, denn es scheitert schon am deutlichen Sprechen. Maxim spricht ein verwaschenes Russisch-Deutsch, das sich gerne mit dialektalen Brocken mischt – ein ganz gefähliches Kauderwelsch. Wie soll man „geworfen“ richtig schreiben, wenn man selbst „worfn“ sagt? Dreimal spreche ich ihm „Spargel“ vor und rolle dabei das RRRRRRRRR, bis er es wahrnimmt und endlich ein „r“ in seinen „Spagel“ einfügt, den er selbst als Beispiel für Wörter mit „sp“ gesucht hat. Bei der Frage, ob man Spaß groß oder klein schreibt, wird er wieder hängen bleiben. Er ist davon überzeugt, dass Spaß ein Adjektiv ist. Jetzt kann Sven auftrumpfen – soviel Sprachgefühl hat er im Deutschen. „Das heißt spaßig, du Dödel!“

Liebe Mamas von Franziska, Lissy und Mia. Wenn ihr wüsstet, wie wir in der Förderung mit elementaren Sprachebenen kämpfen, dann würdet ihr wahrscheinlich gar nicht wollen, dass eure Mädels zu lange dieser Umgebung ausgesetzt werden. Ihr seht halt: Da bekommen einige Kinder etwas, was meinem vorenthalten wird, das ist ungerecht! Aber die Welt ist ganz anders, als ihr es euch vorstellt. Selbst am Gymnasium!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Flüchtlingskaffee

Liebe Leser,

ich genieße die sonnigen Herbstferien, korrigiere fleißig meine Aufsätze und schlafe lange aus – herrlich! Und dann besuche ich das Flüchtlingstreffen der Gemeinde. Warum? Ich bin neugierig, ich will mir selbst ein Bild machen, ich will nicht nur von Nachrichten leben, ich will es selbst wissen. Außerdem – ich gebe es zu – möchte ich einen Gegenpol zu den Pegida-Demonstranten in Dresden und anderswo bilden, selbst wenn ich ganz und gar nicht der Gutmensch bin, von denen ich an diesem Nachmittag einige erwarte. Ich meine das nicht abfällig, es gibt sie, die Menschen, die von ganzen Herzen freundlich, offen, vergebend sind. Das ist gut so, aber ich bin anders. Ich bin freundlich und offen, aber ansonsten bin ich fordernd.

Welche Erwartungen habe ich? Ganz ehrlich? Nicht viele. Ich erwarte keine Dankbarkeit für die mitgebrachten Lebensmittel. Die Gemeinde hatte aufgerufen, besondere Lebensmittel zu spenden, die den Essgewohnheiten der Flüchtlinge mehr entsprechen als unsere deutsche Kost. Also hole ich vorher Couscous und Olivenöl und packe Kaffee aus dem häuslichen Vorrat ein. Aber Dankbarkeit? Das ist ein so dehnbarer Begriff.

Ein weitläufiger Bekannter aus einer anderen kirchlichen Gemeinde war vor kurzem sehr enttäuscht, als seine Gemeinde für Flüchtlinge einen Gottesdienst und ein anschließendes Treffen mit Bewirtung organisiert hatte und die Resonanz nicht so groß war, wie er erhofft, und vielleicht auch die Dankbarkeit nicht so offenkundig. In diese Falle will ich nicht tappen.

Was erwarte ich dann? Eigentlich sind es nur Informationen. Ich möchte wissen, wer in unserem Ort lebt, woher sie kommen, warum sie geflüchtet sind, was es für Menschen sind, was sie erwarten, was sie antreibt und auch wo ich helfen kann. Das ist alles. Ich will nicht Mitglied im Freundeskreis für Flüchtlinge werden, denn ich bin kein Blauäuglein. Ich freue mich nicht per se über einen Flüchtling und sehe den Zustrom so vieler Fremder auch nicht einfach als Chance. Schon einmal habe ich hier geschrieben, dass ich keine Gruppe als Bereicherung empfinden kann, sondern immer nur den einzelnen Menschen, der mir durch seine Art, seine Motivation, seine Taten sympathisch werden kann. Ich kann Muslime als Freunde haben, aber nicht weil sie Muslime sind, sondern weil es nette Menschen sind, die in ihren Einstellungen und Zielen zu mir passen. Andere Muslime, Christen oder Atheisten sind mir schnuppe. So ist es sicher auch mit den Flüchtlingen. Warum soll ich jemanden sofort mögen, weil er in Not war? Aber wenn jemand tatsächlich in Not ist, dann bin ich bereit zu helfen. Kein Mensch soll im Krieg leiden. Auch ich möchte in der Fremde aufgenommen werden, wenn hier ein Krieg ausbräche. Und wenn man mir dort freundlich begegnete und mir eine Chance böte, dann wäre ich auch bereit, dem Land etwas zurückzugeben. Soweit die Theorie.

Aber zurück zum Flüchtlingstreffen. Frau Henner mag es lieber ganz konkret. Es ist mein ganz persönliches Exempel.

Nun stehe ich etwas verloren in dem Saal, der den typischen Charme solcher evangelischer Gemeindehäuser ausstrahlt: viel Holz, abgerundete Ecken, naive, bunte Bilder mit glücklichen Tieren und Menschen unter einer riesigen Sonne. Es duftet nach Kaffee und leckere Kuchen stehen auf einem Buffet. Die Tasche mit dem Couscous wird schwer, aber ich weiß nicht, wohin damit. Ich komme mir etwas dämlich vor. Wieso bin ich bloß pünktlich?

Zum Glück trudeln nach einer Weile die Gemeindemitglieder ein. Man kennt sich, steht beisammen und redet über alles Mögliche. Immer wieder gehen die Blicke zum Kuchenbuffet. Aber anfangen ohne die Hauptgäste, das wäre unhöflich. Wir Deutsche empfinden es wiederum auch als unhöflich, nicht pünktlich zu sein. Aber in vielen anderen Kulturen spielt die feste Uhrzeit keine Rolle und so kommen die Flüchtlinge halt auch irgendwann. Das ist nichts, was mich verärgert. Ich kann es einordnen, aber an dieser Kleinigkeit merke ich, dass es Konflikte gibt, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen. Und hier sind wir ja nun noch im ganz Kleinen.

In unserem Ort leben verschiedenste Flüchtlinge: Afghanen, Eritreer, Syrer und auch Menschen vom Balkan. Alle kommen sie. Das ist schön. Als es endlich losgeht, ist der Raum voll und laut und kunterbunt. Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Sie geben uns alle die Hand, auch wenn die Männer mich dabei nicht angucken. Nun ja. Immerhin habe ich eine Hand bekommen. Und um es gleich vorwegzunehmen, der Mann vom Balkan wird am Ende auch meinen Teller abräumen, auch wenn er kein einziges Wort mit mir gewechselt hat.

Und da sind wir schon beim Hauptproblem. Wir können uns nicht unterhalten. Zwar sitzen wir gemeinsam an Tischen und essen Kuchen und trinken Kaffee, aber wir können nicht die einfachsten Floskeln austauschen. Bis auf einen Flüchtling spricht keiner Deutsch – obwohl sie schon eine Weile, mehrere Monate hier sind und auch Deutschunterricht bekommen. Nur die Kinder sprechen ein bisschen und verschwinden recht schnell zum gemeinsamen Ballspiel auf den Hof.

Die Frau mir gegenüber sagt immer wieder: „Nix sprechen gut“, und sie hat auch Recht damit. Aus ihren Gesten entnehme ich, dass sie auch zuhause nicht Schreiben und Lesen gelernt hat, wahrscheinlich fällt es ihr deshalb besonders schwer, unsere Sprache zu erlernen. Sie kommt vom Balkan und ich bezweifle, dass sie eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten wird. Aber die Gutmenschen um mich herum sagen immer wieder: „Das wird schon. Das lernst du schon noch. Deutsch ist eben eine schwierige Sprache.“ Es erscheint mir wie ein Mantra. Danach unterhalten sie sich darüber, wie schwierig das Deutsche ist.

Nun gut, Deutsch ist schwierig, sicher. Aber nach einem halben Jahr kann man definitiv mehr sprechen können als „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“ und „Nix sprechen gut“. Vor allem wenn man soviel Unterstützung bekommt wie in unserem Ort. Wir sind das Musterörtle, was die Betreuung von Flüchtlingen anbelangt. Es wird gemeinsam gebacken, alle möglichen Wünsche werden durch Spenden erfüllt, es gibt Sprachangebote, der Sportverein will die fussballwilligen Eritreer mit zum Training nehmen, kurzum, man hilft, wo man kann.

Aber ohne die Sprache sehe ich wenig Integrationsmöglichkeiten und kann das Schlagwort „Chance“ auch nicht bedingungslos teilen. Die Frau mir gegenüber hat viele Kinder. Die Mädchen sitzen beisammen und schwätzen munter mit anderen Kindern. Ihr größter Sohn sitzt kaugummikauend mit Basecap an einem anderen Tisch und spielt die ganze Zeit mit seinem Smartphone. Von seiner Art her lässt er den Macho raushängen. Und jetzt blicke ich mal durch die Brille eines skeptischen Deutschen. Tun wir das mal, sind wir mal ehrlich. Was denkt der Durchschnittsdeutsche da?

Denkt er: „Schön, dass dieser Junge hier eine ehrliche Chance auf ein besseres Leben erhält!“ oder denkt er: „So ein Smartphon hat mein Kind aber nicht! Wie können die sich das leisten? Der surft die ganze Zeit im Internet, wer zahlt denn das?“ Ich tippe auf Letzteres.

Die Frau neben mir kommt aus Afghanistan. Sie ist noch nicht lange hier. Vielleicht kann sie deshalb noch kein einziges Wort. Sie lächelt nur. Einen syrischen Arzt sehe ich nirgendwo. Englisch spricht auch niemand. Die Eritreer vielleicht in Brocken. Deshalb erfahre ich an diesem Nachmittag nichts, denn auch die deutschen Gemeindemitglieder haben keine Informationen. Wir haben einfach gemeinsam Kaffee getrunken und uns angelächelt. Den Couscous lasse ich am Ende einfach stehen, die Tasche ist zu schwer und wird schon Abnehmer finden. Die Menschen hier sind nicht undankbar, sie sind sehr glücklich, hier zu sein. Sie sitzen in diesem sonnendurchfluteten Raum mit fremden Menschen und spüren den Frieden, das Wohlwollen. Sie können nur nichts sagen. Und das macht es so schwierig, einer Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Ohne die Sprache wird nichts, da dürfen wir uns nichts vormachen. Nach diesem Nachmittag spüre ich, dass das mit der Chance nur etwas wird, wenn wir als Gesellschaft ganz klare Forderungen an die Flüchtlinge stellen. Sonst sehe ich genügend Konflikte. Denn an diesem Nachmittag sind ja nur die Gutmenschen anwesend, die gerne bereit sind, über Defizite hinwegzusehen, weil sie eine Vision, eine Mission haben.

Aber das ist nur ein kleiner Teil unserer Gesellschaft. Sobald es Probleme gibt, denkt der Durchschnittsmensch an sein eigenes Fortkommen. Ich habe nette, einfache Menschen getroffen, leider habe ich sie nicht kennen gelernt und damit haben sich meine Erwartungen nicht erfüllt. Ich weiß genauso wenig wie zuvor. Aber ich habe eine klarere Vorstellung davon, was als Gesellschaft auf uns zukommt, was wir leisten müssen, was wir fordern sollten.

Das ist eine riesige Herausforderung und sie wird nicht ohne Konflikte zu meistern sein. Ich werde wieder zu einem Flüchtlingstreffen gehen, vielleicht an einem anderen Ort. Erfahrungen sind immer gut, das hilft mir, eine eigene Meinung zu bilden. So wie die Flüchtlinge die Gutmenschen brauchen – es ist bewundernswert, wie ihr euch für Fremde einsetzt! – so braucht unsere Gesellschaft dann die Realisten, die das Große und Ganze im Blick haben, die vermitteln zwischen Positionen, die sowohl das einzelne Schicksal als auch die Notwendigkeiten einer Kultur im Auge behalten, damit unser Land eine Zukunft hat.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Alles klar!

Liebe Leser,

es wird Zeit, sich mit Adams Eltern zu treffen. Ich kann nicht anders. Ich möchte die Eltern kennen lernen und möchte sie sanft darauf bringen, dass ihr Sohn es ohne Hilfe von außen nicht schaffen kann. Adam kapiert nix. Und dann bleibt die Frage: woher die Hilfe von außen nehmen? Ich denke da zuerst an die Hausaufgabenbetreuung. Die ist immerhin kostenlos und spricht deutsch und besteht aus Lehrern.

Es ist aber nicht ganz leicht, mit der Adams-Familie in Kontakt zu treten. Schließlich vereinbare ich per E-Mail einen Termin für den kommenden Mittwoch. Mama Adam fragt an, ob es auch später geht, wenn Papa Adam von der Arbeit da ist. An der Mail merke schon, dass Mama Adam nicht gut deutsch versteht.

Dann kommt mir eine Fortbildung dazwischen. Ich maile wieder: Leider könne ich nicht und würde den Termin gerne auf Donnerstag verschieben, dann könne ich aber auch einen späteren Termin anbieten und freue mich, wenn Papa Adam mit dazukommt.

Heute erhalte ich die Antwort: Alles klar! komme dann Mittwoch zum früh Termin!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner