Archiv der Kategorie: Visionen

SW 20: Was war am 11. Februar?

Liebe Leser,

so ein Blog ist eine feine Sache, weil man als Betreiber gleich mit eine Statistik geliefert bekommt. Wie viele Besuche hat die Seite an welchem Tag, wieviel Seiten wurden im Schnitt frequentiert, welche Beiträge wie oft aufgerufen? Für Zahlenfreaks sicher eine nette Sache, an mir geht das relativ vorüber. Relativ, nun ja, diesmal stutze ich.

Was war bloß am 11. Februar los?

Dieser Lehrerblog hat sich über die Jahre eine Stammleserschaft erschrieben und sicher gucken auch ab und zu ein paar Neulinge herein. Schön, wenn jemand hängenbleibt, doppelt schön, wenn jemand mitdiskutiert. Immer wieder freue ich mich über die Qualität der Beiträge. Fast noch nie musste ich einen Kommentar entfernen. Also habe ich das Gefühl, dass der Blog neben der reinen Seelenhygiene für mich und als Archiv für eine später erwachsene Lucy auch anderen Menschen etwas bringen kann. Eben dieser kleinen Stammleserschaft. Die Welt werden wir nicht verändern, aber wir verändern uns und dadurch ein klein wenig die Welt um uns herum. Das ist ganz pragmatisch gemeint, nicht philosophisch. Ich habe mich definitiv in den letzten Jahren verändert und dieser Blog ist eine Ursache dafür.

Aber am 11. Februar schnellen die Besucherzahlen plötzlich in Höhen, die dieser Blog nicht kennt. Was ist da also los? Hat mich jemand verlinkt? Hat eine Zeitung einen Artikel über Lehrerblogs gebracht? Wurde ich gehackt?

Frau Henner ist ja, was Medienkompetenz anbelangt, eher ein Dösbaddel und leben tut sie sowieso hinterm Mond… Wenn hinter dieser Zahlen richtige Menschen aus Fleisch und Blut steckten, dann freue ich mich, aber ich weiß es eben nicht. Klar, je mehr Leser man erreichen kann, desto sinnhaftiger fühlt es sich an. Das Internet gibt uns das Gefühl, als könnten wir etwas erreichen. Aber ist das nicht eine Art Ventil?

Wir planen, diskutieren, lassen Dampf ab und hinterher sind wir wieder brave Bürger. Wie mühen uns in unserem Rädchen ab, damit das große Räderwerk weiter so funktioniert wie immer. Gut, dass wir drüber geredet haben…

Immer wieder denkt Frau Henner nach, einen Schritt weiter zu gehen. Wie wäre es, dort zu sein, wo tatsächlich Entscheidungen getroffen werden?

Es scheitert an dem vagen Gefühl, dort nicht hinzugehören. Ja ja, Frauen und ihr Gefühl… Frau Henner muss erst noch ein bisschen an sich selbst wachsen. Vielleicht hilft ihr ja dieser Blog dabei.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

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SW 13: Ein Blick in die Tiefen des Unterrichts

Liebe Leser,

ja, ich bin kritisch mit den Grundschulen meiner Umgebung, weil ich sie besuche und dort manchmal recht verständnislos Unterricht mitverfolge. Aber nein, ich habe nichts gegen Grundschulen und kann euch sagen, im Grunde bin ich ein offener Mensch. Ich bin innovationsfreudig, doch das heißt nicht, dass ich im Schnellschuss alles Neue gutheiße und übernehmen will. Frau Henner ist nun mal die Analytikerin: erst mal gucken, dann Gedanken machen, Gesehenes ordnen, Gutes ins Köpfchen, Schlechtes ins Töpfchen, dreimal drüber schlafen, eigenes Konstrukt entwerfen, begründen und dann in Umsetzung wieder einer Überprüfung unterziehen. Wenn ich an Grundschulen etwas kritisiere, dann nicht, weil ich Fremdes ablehne, sondern weil mir tatsächlich der Mehrwert fraglich scheint.

Und heute will ich gar nicht kritisieren. Heute will ich einmal zusammensammeln, was ich alles Positives an Grundschulen erlebt habe. Da ist sicher etwas dabei, was wir anderen Schulen uns abgucken können.

  1. Mein unumstrittener Favorit ist die liebevolle Atmosphäre. Ich liebe Grundschulen: die hellen freundlichen Gänge, das viele anregende Material, die privaten Plätze der Kinder, in denen nichts kaputt gemacht wird, ein Foto von Mala und eines von Joachim und keiner hat einen Popel draufgeklebt oder einen Schnurrbart drangemalt. Es gibt viele Gründe, warum wir das so in unseren gymnasialen Großbetrieben nicht umsetzen können, aber oftmals wollen wir das auch nicht – weil es eben auch viel Mühe macht. Ich beneide manchmal die Grundschullehrerinnen darum, dass sie sich für diese kleinen zwischenmenschlichen Dinge soviel Zeit nehmen können. Klar bastele ich auch Fensterbilder und versuche meinen Klassenraum sauber zu halten, aber es wird definitiv kein Wohlfühlraum. Sowas hat an unserer Schule keine Lobby. Schade. Aber kämpfe ich auch vehement genug dafür?
  2. Der zweite Punkt ist die Zeit. An Grundschulen nehmen sich die Lehrerinnen für so viele Dinge die notwendige Zeit, während wir oft genug unserem Stoff hinterher hecheln. Manchmal nehme ich das Tempo raus, einmal im Jahr muss es mindestens ein Projekt geben (Lernen und Freude schließen sich dabei ja nicht aus), aber es ist bei mir nicht Unterrichtsprinzip. Dabei würde es fast allem Unterrichten guttun, hätte man mehr Zeit.
  3. Ja, ich singe mit den Kindern, mache meine Fälle-Gymnasitik, auch ich habe Rituale, aber sie sind nicht so tief verankert in den Schulalltag, wie ich das bei guten Grundschullehrerinnen erlebe. Rituale aber geben Halt, Struktur, lassen Beziehung leichter funktionieren, weil jeder seinen Platz darin finden kann. Dieses dritte Beispiel zeigt, wie verwoben diese drei Faktoren sind. Ein gutes Ritual braucht Zeit und Liebe. Angstrituale habe ich an Grundschulen auch kennengelernt – darüber schweige ich heute.

Diese drei Punkte sind elementar, will man guten Unterricht machen, sie bilden die Basis, auf der ein guter Lehrer unterrichten kann. Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger mag das scheinen, aber auch Jugendliche sind dankbar, wenn man sie wertschätzt und wenn sie dies nicht nur von einzelnen Lehrern erleben, sondern dies von der Schule gelebt wird.

Das heißt nicht, dass wir Lehrer am Gymnasium unsere Schüler nicht wertschätzen. Es geht hier nicht darum, Schüler zu infantilisieren, von Leistungen abzugehen. ICH suche einen Weg, wie ich meinen Unterricht noch besser machen kann. Natürlich bemühe ich mich um die oberen Punkte, aber ich merke meine Grenzen und es befriedigt mich nicht, dies allein mit Fehlern im System zu entschuldigen. Aber wenn ich allein in meinem Hamsterrad rödele und ein paar andere Kollegen dies genauso tun, wir aber es nicht als Schulgemeinschaft schaffen, was nützt es dann?

Auf diesem und auf anderen Lehrerblogs wird von Zeit zu Zeit heftig über Unterrichtsformen diskutiert. Mir wird immer klarer, dass es darauf gar nicht ankommt, solange man ein System nicht zum Nonplusultra erhebt und das andere ausschließt. Mit Dogmen kann ich immer noch nicht gut umgehen. Ob ein Unterricht gelingt, sich Kinder wohlfühlen, bereit sind, etwas aufzunehmen, das liegt weniger an den sichtbaren Ebenen einer Unterrichtsstunde. Jans Lerntheke kann genauso erfolgreich sein wie Lilos deduktiver Grammatikunterricht, weil beide ihre Klasse gern haben, durch ihre Art von Unterricht klar führen und motivieren, und da beide Ahnung von dem haben, was sie da tun, fachlich, methodisch, menschlich, sind sie und die Kinder und meist auch die Eltern in der Regel zufrieden.

Das ist der Punkt: in der Regel bin ich mit meinem Unterricht zufrieden, aber ich will mehr. Ich könnte mir meinen Unterricht durchaus in einen ganz anderen schulischen Kontext eingebettet vorstellen. Und da sind wir wieder bei den obigen Punkten:

Ich träume von einer besseren, freundlicheren Atmosphäre und das hat mit baulichen Veränderungen zu tun, mit Rücksichtnahme von Kollegen, ich will so gerne unserer Schule als Lebensraum begreifen… Außerdem träume ich von mehr Zeit. Ständig hetzte ich von Stunde zu Stunde und dabei wollte ich doch noch mit Keran reden oder Franca zur neuen Frisur gratulieren, mal ein Geburtstagslied singen, ohne auf die Uhr schauen zu müssen, und selbst in der Oberstufe wäre das Lernen leichter, wenn wir mal wieder ein Tässchen Kakao trinken dürften (das ist nämlich mit den neuen Sicherheitsvorschriften seit ungefähr zwei Jahren vorboten!)… dann hätten wir auch mehr Zeit für Schulrituale, damit wir uns als Gemeinschaft wahrnehmen. Momentan ist vielen Kollegen alles zuviel. Sie haben selbst für Freundlichkeit keine Zeit mehr.

Das können wir von den Grundschulen lernen, denn die schaffen das, obwohl sie es ansonsten nicht leichter haben.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Die Apokalyse naht

Liebe Leser,

eben saßen die Jugendlichen noch im Bus und alberten herum, da reißt sie eine Katastrophe aus ihren jugendlichen Träumen und die Welt um sie herum wird unwiederbringlich zerstört. Leiber fliegen durch die Luft, beste Freundinnen werden von zu Monstern gewordenen Menschen zerfleischt, gebrochene Knochen, Blutlachen und berstende Schädel inbegriffen.

Was liest mein Kind da?

 

Noch vor einem Jahr war Lucy noch nicht einmal bereit für Harry Potter und nun gleich die Apokalypse in Buchform.

Ich spioniere nicht, nein, Lucy lässt mich freiwillig in ihre Bibliotheksbeute schauen, die sie spätestens aller zwei Wochen aus unserer örtlichen Bibliothek verschleppt, zu sich nach Hause ans Bett, wo sie sich dann tagelang verkriechen kann. Mit den Überlebenden der Apokalypse streift sie durch zerstörte Großstädte, flieht vor tollgewordenen Menschen in die Wälder und fragt mich ab und zu Dinge wie: „Sag mal, wie lange kann man eigentlich überleben, wenn man Diabetes hat und kein Insulin mehr?“ Und jetzt, nach dem ich dieses Endzeitszenario selbst erlese, fragt sie: „Bist du schon da, wo die Chee stirbt?“

Wieso verstecke ich eigentlich meine alten zerfledderten Stephen-King-Bände vor ihr, wenn diese Art Lektüre bereits in den Bücherregalen den Jugendabteilung unserer Kleinstadtbibliothek angekommen ist?

Aber Lucy bleibt cool. Wir reden halt darüber. Diese Lust an der Apokalypse umgibt uns überall. Lucy kennt sie bis jetzt nur aus Jugendbüchern – auch wenn deren Brutalität nicht wirklich jugendfrei ist – aber beim Lesen hat sie so die Möglichkeit, sich die Bilder nicht gar zu schlimm auszumalen. Fear The Walking Death kennt sie ja noch nicht und auch nicht Wayward Pines und natürlich keine Endzeitfilme wie Hell (deutsch-schweizerisch), Le Temps Du Loup (französisch) oder The Road (amerikanisch). Auch die Stephen Kings bleiben noch im Schrank! In der Bibliothek gibt es genug Endzeitfutter, extra für junge Menschen geschrieben.

Was treibt uns aber dazu, uns am Ende zu ergötzen? Natürlich sind die Bücher spannend, die Serien sowieso. Aber sie sind auch brutal, eklig, verstörend. Warum tun wir uns das an?

Es geht uns so gut. Vielleicht gerade deswegen. Es geht uns zu gut. Eine Verbesserung ist kaum vorstellbar. Ein Abstieg schon.

Wenn es uns so gut geht, fangen wir an, uns zu langweilen. Wir haben zu viel Zeit, um uns Gedanken zu machen. Und gute, schreckliche Geschichten waren schon immer beliebt. Die Brüder Grimm haben auch Märchen für Erwachsene gesammelt. Die könnten wahre Steilvorlagen für Horrorfilme bieten.

Und wenn wir den Fernseher oder das Internet anschalten, hören wir ständig von Toten. Das Drama in Orlando erinnert fatal an Szenen aus dem Jugendroman. Verarbeiten junge Menschen so ihre Ängste? Denn wer liest, gehört ja mit zu den Überlebenden, ist bei ihrer Flucht dabei, baut irgendwann einmal eine neue Gesellschaft auf. Im Jugendbuch stirbt nicht die liebgewonnenen Hauptfigur. Nein, am Ende küsst sie sogar den Helden…

Nun rede ich mit Lucy über solche Romane. Was mir gefallen hat (spannend, vielleicht auch, weil die Jugendlichen sich eben nicht sofort bewaffnen), was ich nicht so gelungen fand (Hauptsatz an Hauptsatz an Hauptsatz, misslungene Sprachbilder, Klischees ohne Ende – aber mit diesem Stil schafft man es sogar in die Universität als Dozent für creative writing!), aber vor allem reden wir über die Handlung und das Gesellschaftsbild, was transportiert wird. Irgendwann töten die Jugendlichen, auch wenn sie das natürlich gar nicht wollen. Aber sie stecken nie wirklich in einem moralischem Dilemma, denn ihr Töten ist immer zu rechtfertigen: zum einen ist es natürlich Notwehr und zum anderen sind die Menschen gar keine richtigen Menschen mehr, es sind Kampfmaschinen, die mit animalischen Attributen belegt werden. Sie haben schwarze Adern in den Augen und fletschen die Zähne. Wer könnte es den jungen Leuten verübeln, ein solches Wesen zu töten, wenn es kreischen und bewaffnet auf sie zurennt, um sie zu zerfleischen?

Niemand. Und deshalb fliehen die Jugendlichen von einer Station zur nächsten, erleben Gemetzel um Gemetzel und verteidigen sich dabei. Mehr Handlung ist im Grunde nicht. Und das ist schade.

Jugendlichen Lesern kann man schon etwas mehr Reflektiertheit zutrauen. Selbst einem Kind wie Lucy.

Was mache ich eigentlich, wenn ich so hungere, dass ich mich entscheiden muss, ob ich jemandem sein Essen wegnehme und er dadurch stirbt oder ich verhungere. Wenn der Kampf ums Überleben Menschen trifft und nicht Monster? Gebe ich meiner kleinen Schwester das letzte Brot oder esse ich es selbst? Lasse ich den Freund zurück, der nicht mehr laufen kann, oder erfriere ich mit ihm im nahenden Schneesturm? Lasse ich einen Fremden ins Haus, weil es ihm noch schlechter geht als mir? Und dann wären wir endlich an dem Punkt, der uns tatsächlich mit der Realität verbindet. Was passiert mit Menschen im Angesicht einer Katastrophe?

Übrigens gibt es auch Bücher, die so differenziert an dieses Thema herangehen, auch für junge Menschen. Susan Beth Pfeffers Trilogie „Die Welt wie wir sie kannten“, „Die Verlorenen von New York“ und „Das Leben das uns bleibt“ kann ich nur empfehlen. Hier geht es nicht um brutale Szenen, auch wenn sie vor allem in dem New-York-Band vorkommen, sondern hier werden genau die Fragen gestellt, die unsere menschliche Schwäche und Stärke ausmachen. Die Bände hat Lucy natürlich längst gelesen. Tja, irgendwann fängt man eben an mit dem Erwachsenwerden.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Hochglanzbilder

Liebe Leser,

Frau Henner hat ein Projekt. Frau Henner sucht eine neue Schule. Natürlich gibt es ganz pragmatische Kriterien: Wohnortnähe oder zumindest gute Erreichbarkeit. Das schränkt auf dem Land natürlich schon mal ein. Aber es bleibt doch eine ansehnliche Auswahl.

Dann besucht Frau Henner die Schulwebsites. Naja, das könnte sie sich vielleicht auch sparen. Da erfährt man eher, ob es an der Schule jemanden gibt, der die Website in Schuss hält, oder eben nicht. Manche stellen alles, aber auch alles rein. Da erfahre ich sogar recht private Dinge über potenzielle Kollegen, wenn zum Beispiel die interne Elternbeiratssitzung mit Protokoll abgelegt wurde. Ach Frau M. geht ab 3. 7. in Elternzeit! Andere Schulen geben nicht einmal eine Lehrerliste preis. Manche rühmen sich mit TOLLEN Projekten, von einigen der Projekte kenne ich aber die Wahrheit hinterm schönen Schein… es wird überall nur mit Wasser gekocht. Nur einigen Schulen verkaufen ihr Wasser besser als andere.

So wirbt die eine von mir ins Auge gefasste Schule mit ihrer supergut funktionierenden Grundschulkooperation und ich kann nur darüber lachen, denn die Schüler aus der genannten Grundschule besuchen gar nicht dieses Gymnasium, sondern unseres. Aber es klingt so gut… „wir kümmern uns nachhaltig um eine enge Kooperation mit der Grundschule XY…“ Haben die eigentlich mal auf ihre Anmeldezahlen geschaut? Oder was verstehen sie unter Nachhaltigkeit?

Ich sollte aber nicht zu laut lachen, denn das Wasser scheint mir überall schal zu sein. Im Klartext: Leider gibt es sie einfach nicht, die Wunderschule, die Traumschule, die Schule, auf die ich als Lehrer sofort möchte. Ein sanierter Bau mit Wohlfühlatmosphäre, ein Raum, den ich mir einrichten kann mit meinen Unterrichtsmaterialien, ein durchweg motiviertes Kollegium, das bereit wäre, auch einmal ganz neue Wege auszuprobieren, ein Kollegium, das miteinander Schule denkt und nicht gegeneinander, späterer Schulbeginn und längere Pausen… ach träum weiter, Frau Henner! Es gibt nur Mittelmaß und faule Kompromisse, wie es scheint – was mich allerdings nicht vom Suchen abhält.

Da stellt sich die Frage: Welche Prioritäten möchte ich setzen? Wahllos notiere ich Stichwörter, um dann folgende Liste zu erstellen:

  1. Ganz oben steht der Wunsch nach Verantwortung, der Möglichkeit, bestimmte Bereiche planen, leiten und damit selbst gestalten zu können. Im Fach Deutsch ist das eine Illusion. Da gibt es immer viele Kollegen und meist sehr – wie sagt man – starke Persönlichkeiten. Deshalb schaue ich mir die Arbeitsbedingungungen in meinem Nebenfach an: Wie viele Kollegen gibt es da? Wie alt sind sie? Was kann ich über sie und ihre Arbeitseinstellung in Erfahrung bringen? Dem einen oder anderen bin ich ja bereits auf Fortbildungen oder bei Prüfungen über den Weg gelaufen. Schnell merkt man, ob man miteinander kann oder nicht. Wenn die Chemie nicht stimmt und die Vorstellungen vom Unterrichten und der Fachschaft zu weit divergieren, ist ein etwas höheres Alter des entsprechenden Kollegen und seine absehbare Pensionierung sicher ein Pluspunkt. Das klingt hart, aber wieso soll ich mich unnötig quälen?
  2. Wenn schon keine Wohlfühlatmosphäre, dann wünsche ich mir doch Räume, in denen man es aushalten kann oder die ich mir mit etwas Phantasie annehmbar machen kann. Mindesten fünf, zehn Jahre, vielleicht aber auch ein ganzes Berufsleben werde ich dann an dieser Schule sein. Es ist also legitim, nach dem Potential des Umfelds zu schauen, denke ich.
  3. Die Schulleitung! Wenn ich mir die diversen Schulen anschaue, muss ich mir unbedingt einen Eindruck von der Schulleitung machen. Welche Wege hat sie für die Schule im Auge, was ist ihr wichtig, welcher Typ Lehrer wird gesucht? Wie die Atmosphäre im Kollegium ist, kann ich vorher nicht wirklich durchschauen, auch ändert sich eine Stimmungslage je nach Zusammensetzung und Situation. Aber mit der Schulleitung steht oder fällt vieles. Ich hoffe, dass ich spüre, ob ein Funken überspringt oder nicht.

So viel zur Wunschliste. Auf den Schulhomepages ist alles toll, Friede – Freude – eitel Sonnenschein! Die Fotos auf Hochglanz poliert zeigen auch langweiligste Zweckbauten kontrastreich, modern und spritzig. Immer gewinnen alle Schüler alle Wettbewerbe und alle Schüler strahlen auf den unzähligen Konzerten, Theateraufführungen und halten die Medaillen in die Kamera. Überall sind nur glückliche Kinder, weil wir wissen, wie Schule geht, weil wir Schule leben, weil bei uns alles besser ist.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Gymnasium versus Gesamtschule – Herr Klinge und Frau Henner streiten

Liebe Leser,

TATATATA!!!!!

Hier streiten sich zwei Blogger.  Jan-Martin Klinge, den ich sehr schätze, und meine Wenigkeit  sind ja nicht immer einer Meinung und es lohnt sich vielleicht für euch, da mal Mäuschen zu spielen….

Ist die Gesamtschule die Schule der Zukunft? Wo findet das Gymnasium seinen Platz in der immer heterogener werdenden Schülerschaft. Wie viele Glieder braucht unser Schulsystem eigentlich? Frau Henner und Herr Klinge streiten über die Zukunft des Schulsystems.

Klinge: Liebe Frau Henner, du arbeitest an einem Gymnasium in Baden-Württemberg, bei dem die Schüler nach insgesamt 12 Jahren ihr Abitur machen. Seit 2012 gibt es in BaWü auch Gemeinschaftsschulen, die wohl nach und nach die Haupt- und Werkrealschulen ablösen werden. Soweit richtig?

Henner: So sieht es zumindest aus. Den einen Gedanken dahinter kann ich gut nachvollziehen: Es geht darum, die stigmatisierte Hauptschule loszuwerden. Deshalb geht sie vielerortens jetzt „einfach“ in der Realschule auf, was das Problem natürlich nicht löst, sondern nur verschiebt.

Klinge: So ist das in NRW auch.

Henner: Das muss dann noch keine Gemeinschaftsschule sein, denn diese verfolgt neben dem gemeinsamen Lernen ja noch ein für mich sehr fragwürdiges pädagogisches Konzept. Aber egal ob Gemeinschaftsschule oder Realschule+ oder wie auch immer man das nennen mag: Die Tendenz geht eindeutig in Richtung eine Schule für alle und… vielleicht das Gymnasium.

Klinge: Welches Konzept meinst du?

Henner: Lehrer sind nur noch Lernbegleiter, das heißt, die Schüler suchen sich selbständig aus, was sie wie und wann lernen wollen, hocken ziemlich isoliert in ihren Lernboxen, wenn sie sich nicht gerade freiwillig ein Input geholt haben oder den Lernbegleiter um Hilfe gebeten haben… das ist für mich eben kein Lernen in Gemeinschaft, sondern genau das Gegenteil. Und da auf der Gemeinschaftsschule eher der schwächeren Schüler sind, funktioniert das nicht, denn gerade schwache Schüler brauchen verbindliche Strukturen und Anleitung.

Klinge: An der Stelle möchte ich widersprechen! Ich ahne, was du meinst und habe so etwas an der Montessori-Grundschule meiner Tochter erlebt, aber an weiterführenden Schulen sind mir solche „Lernbegleiter“ noch nie begegnet. Weil das – wie du richtig sagst – gerade bei schwächeren Schülern oft nicht funktioniert. Aber „Gesamtschule“ bedeutet doch nicht „lernt, was ihr wollt“ und noch nicht einmal „lernt alle alles gemeinsam“.
Konkret: Bei uns werden die Schüler in allen Hauptfächern in E- und g-Kursen je nach Leistung aufgeteilt. In Sport und Kunst und so weiter können sie trotzdem alle gemeinsam lernen. Wir haben sehr klare Strukturen und Anforderungen. Für alle Kinder.

Henner: So eine ähnliche Struktur in Niveaustufen haben wir ja demnächst auch in unserem neuen Bildungsplan. Der ist für die Sekundarstufe für alle Schulen gleich ausgewiesen und differenziert dann intern. Das gilt natürlich nicht nur für die Hauptfächer. Da stellt sich mir die eine oder andere grundsätzliche Frage und hier muss ich leider ausholen. Nehmen wir beispielsweise das Fach Geschichte, wo es ja nicht um das Auswendiglernen von Fakten, sondern um die Entwicklung der historischen Urteilsfähigkeit oder das Einüben in historisches (also kritisch, multiperspektivisches) Denken geht. Wenn ich ein differenziertes historisches Urteil fälle (das nennt sich dann „Reflexionskompetenz“ – oder „Urteilskompetenz“ …), dann geht das meines Erachtens eben nur auf einem Niveau. Ein reflektiertes historisches Urteil ist ein reflektiertes historisches Urteil. Da kann ich nicht sagen: „Für Schüler X gilt hier nur Niveaustufe 1, wohingegen für Schüler Y Niveaustufe 3 anzulegen ist.“ Das ist sachlogisch hochproblematisch und ich bezweifle sogar, ob das überhaupt möglich ist. Also: Die Konsequenz für mich ist die Beibehaltung einer möglichst homogenen Lerngruppe, für die gewisse Standards gelten, die zu erfüllen sind. Also müsste ich auch in Nebenfächern unterschiedliche Kurse anbieten. Das gilt übrigens auch für Kunst und Musik, wo unsere Lehrer in der Mittelstufe schon den theoretischen Blickwinkel für die Oberstufe vorbereiten.

Klinge: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Wie würdest du die Schülerschaft an deiner Schule beschreiben? Unterscheidet sie sich von der Schülerschaft von vor, sagen wir, zehn Jahren?

Henner: Wenn die Hauptschüler zunehmend auf die Realschulen gehen, „fliehen“ immer mehr Realschüler auf das Gymnasium. Aber das ist nur ein Grund für eine zunehmende Heterogenität, oder, wie man jetzt politisch korrekt sagen muss, für zunehmende Diversität. Unsere Welt verändert sich stetig. Diese Entwicklung ist völlig normal und ich weine garantiert nicht der guten alten Zeit hinterher. Um es ganz konkret zu machen: In meiner ersten fünften Klasse gab es ein Kind mit erhöhtem Förderbedarf in Deutsch und zwei weitere, die sich so richtig auf den Hosenboden setzten mussten. Momentan müsste ich in meiner aktuellen fünften Klasse bei zehn Kindern einen erhöhten Förderbedarf diagnostizieren. Und ja, auch ich sitze inzwischen vor Eltern, die des Deutschen nicht so mächtig sind, dass ein vernünftiges Elterngespräch möglich ist. Das Gymnasium ist also mitten in der Gesellschaft angekommen – darauf willst du doch hinaus, oder?

Klinge: Ich will auf gar nichts raus. Ich mag möglichst differenziert und begründet diskutieren.

Henner: Das eine schließt das andere nicht aus.

Klinge: Ich arbeite an einer Gesamtschule aus einem typischen Vorort. Das bedeutet, ein großer Teil der Schüler kommt aus intakten Familien und wir erleben im Kollegium eine große Unterstützung seitens der Elternschaft. Tatsächlich sind wir, vereinfacht gesagt, der Lehrbuchfall einer Gesamtschule mit einer guten Durchmischung von Haupt-, Real- und Gymnasialschülern.
In meiner Arbeit erlebe ich, wie gut den Kindern diese Heterogenität tut – sowohl kognitiv, als auch im Sozialverhalten. Man lernt, den eigenen Horizont zu erweitern.

Henner: Das klingt alles wunderbar. Ich bin übrigens selbst auf eine Gesamtschule gegangen und bis zu einem gewissen Alter hat mich das auch nicht gestört, aber als die anderen Kinder anfingen, mich wegen meiner Leistungen schief anzuschauen, war ich dann heilfroh, als ich an einer anderen Schule erlebte, wie nett es ist, wenn alle Schüler gewisse Leistungen bringen und wie toll dann auch der Unterricht dort war, wie herausfordernd. Ich bin regelrecht aufgeblüht. Später bin ich auf ein ganz normales Gymnasium gewechselt. Natürlich habe ich da alle möglichen Schüler kennen gelernt, auch leistungsschwache, aber meine Freunde, das waren genau die, die Leistung brachten. Ich habe meinen Horizont also eher in eine Richtung erweitert, tut mir leid.

Klinge: Ich denke nicht, dass man das generalisieren kann – das Schüler wegen guter Leistungen verspottet werden habe ich noch nicht erlebt. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, welche Lehrer vorne stehen. Ich war auf einem altsprachlichen Gymnasium – so richtig mit Griechisch und Latein – und auch da gab es ein Hauen und Stechen. Umgekehrt sitzen bei uns ehemalige Gymnasiasten, die solche Mathematiklehrer wie den deiner Tochter erlebt haben. Lehrer, die Vorlesungen halten.

Henner: Man kann nie etwas generalisieren, da hast du völlig Recht. Trotzdem bildet man sich eine Meinung nach dem eigenen Erleben. Lucy ist auch wieder mit guten Schülern befreundet, da gibt es einfach mehr gemeinsame Interessen, das hat bei ihr und hatte auch bei mir nichts mit dem Lehrer zu tun.

Klinge: Bei uns machen die Schüler auch Abitur und – im Vergleich zu Gymnasien – kein schlechteres. Mal provokant gefragt: Wozu braucht man das Gymnasium eigentlich noch?

Henner: In den 70ern gab es schon einmal eine Gesamtschulwelle. Damals ließ man aber das Gymnasium nebenbei bestehen und das hat einfach nicht funktioniert, weil die Gesamtschulen so nicht die Leistungen erbringen konnten, wie sie an Gymnasien erreicht wurden – auch bei guten Schülern nicht. Nehmen wir mal an, wir machen also wieder Gesamtschule, aber diesmal ohne das lästige Gymnasium, was dann wieder einen Teil der sehr guten Schüler abzieht. Das funktioniert bei euch, was sehr schön ist. Aber schauen wir uns mal um, durchaus auch gern in anderen Ländern. Willst du tatsächlich ein High-School-System, was eine so schwache Bildung vermittelt, dass dann vor die Universität unbedingt das College geschaltet werden muss? Oder wie ist es mit dem Privatschulsektor. Glaubst du nicht, dass dann vermehrt die Privatschulen die Aufgabe des Gymnasiums übernehmen? Das fände ich fatal, denn dann wäre Bildung erst recht an den Geldbeutel der Eltern gebunden.

Klinge: Nochmal: Unsere Abiturienten machen Zentralabitur. Diejenigen, die nach der 10 abgehen machen Zentrale Abschlussprüfungen. Mit den exakt gleichen Anforderungen wie jedes andere Gymnasium bzw. jede andere Realschule auch. Und gerade die Abiturienten schneiden völlig erwartungsgemäß ab. Da gibt es kein Absinken des Bildungsniveaus.

Henner: Da habe ich eine ganz praktische Frage. Nehmen wir mal das fiktive Beispiel Lucy. Stell dir vor, sie ist überall im E-Kurs, aber in Mathe im g-Kurs. Könnte sie dann überhaupt in die Oberstufe? Könnte sie dann mit einem, sagen wir mal „schwachen“ g-Kurs-Ergebnis ins Abitur gehen? Ab wieviel g-Kurse wird einem die Oberstufe bzw. das Abitur verwehrt? Und welchen Einfluss haben die Kurse dann auf den Notenschnitt?

Klinge: Vereinfacht gesagt: Einen g-Kurs darf sie sich leisten, aber der muss am Ende mit der Note „gut“ abgeschlossen werden. Lucy wäre aber nur dann ein Fall für den Grundkurs, wenn sie vor der Zuteilung auf „ausreichend“ gestanden hätte. Diese Grundkurse bestehen dann aus etwa 12 Schülern, die sehr stark gefördert werden können. Mit der richtigen Arbeitseinstellung kann jeder wieder in den Erweiterungskurs kommen – Hochstufen geht jederzeit. Lucy würde also in einem kleinen Kurs sitzen und dort gefördert.  Übrigens müssen alle Hauptfächer im Schnitt mindestens „befriedigend“ sein, um für die Oberstufe zugelassen zu werden – das spräche gegen deine Befürchtung des sinkenden Niveaus.
Durch diese gezielte Unterstützung können wir „Spätzünder“ besser fördern – im Gegensatz zur frühen Trennung auf andere Schulsysteme: Die Schmuddelkinder sollen bitte unter sich bleiben, damit die Reichen und Klugen nicht gestört werden. Ein Bild, wie abgeschottete amerikanische Vorstädte. Ich bin ein Freund großer Durchmischung.

Henner: Du schreibst selbst weiter oben, dass deine Gesamtschule eine Vorortschule ist mit einem Großteil intakter Familien und breiter Elternunterstützung. Das ist ein schön, aber noch keine wirkliche Durchmischung. Ich fürchte ganz ehrlich, dass es genügend Eltern gibt, die kein Freund großer, wirklicher Durchmischung sind und dann vorm staatlichen Schulsystem fliehen. Gesamtschule kann nur funktionieren, wenn es keine ernstzunehmende Alternativen gibt. Und dann wäre unsere Bildungslandschaft nicht mehr so vielseitig.

Klinge: Autsch. In Siegen gibt es mehrere ernsthafte Alternativen: Gymnasien und auch Realschule mit sehr gutem Ruf – in unserem Vorort gerade 10 Minuten entfernt. Die Gesamtschulen bei uns machen einfach, behaupte ich, eine wirklich gute Arbeit. Funktionierende Gesamtschule ist für mich die Alternative schlechthin.

Henner: Andersherum gefragt: Was ist eigentlich so schlimm an einer Leistungsdifferenzierung an verschiedenen Institutionen ab einem bestimmten Zeitpunkt, um so die unterschiedlichen Bedürfnisse besser fördern zu können?

Klinge: Ich begrüße eine Leistungsdifferenzierung sogar, jede Gesamtschule differenziert doch durch verschiedene Kurse. Aber eine Differenzierung in den Hauptfächern kann doch unabhängig von den Fächern Sport oder Kunst sein. Der Knackpunkt ist „der bestimmte Zeitpunkt“.
Ein ganz, ganz großer Teil unserer Abiturienten hat von der Grundschule aus keine Gymnasialempfehlung. Da sitzen junge Menschen, die am Gymnasium nicht angenommen worden oder vermutlich gescheitert wären. Eine frühe Differenzierung holt aus den Kindern nicht das Beste raus.

Henner: Das finde ich etwas einseitig argumentiert. Ich sehe selbst, dass die Grundschulempfehlung zwar im Großen und Ganzen, aber nicht bei jedem Kind eine gute Prognosekraft besitzt und ich freue mich ehrlich, wenn ein Realschüler dann ein tolles Abitur hinlegt. Was wir allerdings mit den vielen, sehr schlechten Abituren sollen, die wir in den letzten Jahren produzieren, das frage ich mich wirklich, denn für diese Schüler wäre dann ein ordentlicher Realschulabschluss besser gewesen. Wir lassen zu sehr die Durchlässigkeit des alten Systems unter den Tisch fallen. Wie viele gute Realschüler haben eine gute Schulbildung genossen und dann ein Fachabitur gemacht, mit dem sie dann auch alles studieren konnten.

Klinge: Ich betrachte aber im Gegenzug die Schulentwicklung als Ganzes mit Sorgen: Die Differenzierung in Hauptschüler für die Ausbildungsberufe, Realschüler für die klassischen kaufmännischen Berufe und das Gymnasium als Vorbereitung für das Hochschulstudium funktioniert heute nicht mehr.
In der Folge sitzen viele Kinder an Gymnasien und sind genauso überfordert wie die Lehrer vor ihnen, die nicht gelernt haben, so zu differenzieren, wie man es an einer Gesamtschule machen muss. Also wird gesiebt.
Das geht an einer Gesamtschule nicht: Bei uns können die Kinder nicht sitzen bleiben. Aber sie lernen voneinander und miteinander. Jonathan ist in Mathematik vielleicht grottenschlecht, aber in Englisch und Deutsch womöglich eine Granate. Und in der Pause spielt er mit Ayce und Kevin, die ihrerseits ein individuelles Profil haben. Für mich das Idealbild einer Gesellschaft, in der jeder seine Stärken hat und danach gefördert wird.

Henner: Du sagst es, ein Idealbild. Ich nehme mal als Beispiel meine Tochter, die in jedem Fach dann im Gymnasialkurs wäre, außer in Mathe, dort würde sie wahrscheinlich im mittleren Kurs sitzen. Dann wäre sie vielleicht gut in Mathe – klingt erst einmal super. Aber sie würde sich nicht anstrengen, Lucy ist nicht sehr ehrgeizig.

Klinge: Ja, solche Kinder haben wir natürlich auch. Egal welcher Kurs: Das bleibt immer „3“.

Henner: Weniger Individualisierung bedeutet im Gegenzug, dass Kinder lernen, dass  man sich auch anstrengen muss, dass einem nichts so einfach geschenkt wird und dass man sich zu fügen hat. Wenn man nicht die zu erfüllenden Standards als Basis nimmt, kommt es über einen längeren Zeitpunkt zur Niveauabsenkung. Der Fehler, den man derzeit auch in BW macht, liegt, denke ich, darin, dass man eben nicht von der Leistungsspitze her denkt, also von dem Optimum, sondern man denkt von unten – von den schwachen Schülern her – und das momentan ausschließlich. Das ist durchaus legitim, aber das führt eben langfristig dazu, dass wir unser hohes Bildungsniveau im Gesamten nicht werden halten können.

Klinge: Ich habe einige Jahre in BaWü gelebt und miterlebt, wie schon Grundschüler in Nachhilfeinstitute geschickt wurden. Schön war das nicht. Dieses Denken von der Leistungsspitze her einhergehend mit enormem Leistungsdruck, den du auf deinem Blog ja auch beschreibst, geht genauso oft schief.

Henner: Lucy spielt übrigens mit Ayce, aber nur wenn ihre Freundinnen nicht zur Verfügung stehen, (aber selbst dann nicht mit Kevin). Ich beobachte, wie sehr die Mädchen selbst beim Spielen in ihren Schichten und in ihrem Leistungsgefüge bleiben. Ausnahme sind die Jungen und ihr Fußball, da brechen solche Grenzen schon mal auf. Doch nach der Unterstufe spielen auch die Jungs nicht mehr Fußball auf dem Hof und die Grenzen verhärten sich auch dort.

Klinge: Das ist nachvollziehbar – wäre an einer guten Gesamtschule aber vielleicht anders. Alle Eltern wünschen sich für den Freundeskreis ihrer Kinder nur gebildete, höfliche Oberschichtenkinder. Nach oben buckeln, nach unten Abstand halten. Das Ergebnis sieht man in den Großstädten. Die Hauptschulen sind der große Verlierer.

Henner:  Man wollte die Stigmatisierung der Hauptschüler abschaffen, weil man einfach keine Lösung hat, wie man dem Bildungsrand der Gesellschaft in einer Gesellschaft, die auch in einfacheren Berufen ein höheres Niveau als früher anlegt, zu einer angesehenen Stellung in der Gesellschaft verhilft. Dieses Problem auf Kosten der Realschule zu lösen, ist ein sehr schwacher Versuch. Die Gesamtschule scheint mir auch keine Lösung, sondern nur eine andere Etikettierung. Man bräuchte zudem große Schulzentren, nichts mehr mit unserer kleinen Landschule, die könnte nämlich keine Kurse auf allen Niveaus für alle Schüler anbieten.

Klinge: Ich möchte einen Vorschlag machen: Wir pausieren an dieser Stelle und bitten die Leser unseres Blogs, ihre Meinung kundzutun.

Henner:  Alle beide?

Klinge: Alle beide! Auf jeden Fall möchte ich mich bis hierher schon mal bei dir bedanken.

Henner: Ganz meinerseits. Vielen Dank, es hat wirklich Freude gemacht, sich mit dir „zu streiten“!

Klinge: Also: Gymnasium oder Gesamtschule? Liebe Leser, was sind eure Gedanken dazu?

 

Viele Grüße aus der bunten Bildungslandschaft Deutschland von Herrn Klinge und Frau Henner, wir hätten wahrscheinlich noch ewig weiterdiskutiert!

 

Stille Nacht, stumme Nacht…

Liebe Leser,

 

ein paar gemütliche Weihnachtstage liegen hinter mir, ich hoffe, auch euch geht es gut. Vor allem genieße ich die Z E I T ! Lange schlafen, in Ruhe gemeinsam mit der Familie frühstücken, spazieren gehen, Musik hören und Weihnachtslieder singen. Ja, wir singen tatsächlich Weihnachtslieder. Also ich am Klavier, Lucy überall und Herr Henner kennt wenigstens die Texte und summt ein bisschen.

Am letzten Schultag habe ich dahingehend einen Schock erlitten. Ich wollte mit den Kindern meiner fünften Klasse zusammen Weihnachtslieder singen – ganz spontan, es waren also keine Textblätter vorhanden. Aber so ein bisschen „Alle Jahre wieder“ und „Morgen Kinder wird’s was geben“ muss doch drin sein, dachte ich. Wenigstens die erste Strophe. Meinetwegen auch „Rudolph, ihr-wisst-schon-das-rotnasige-Rentier“. Aber bis auf eine Strophe „Oh Tannenbaum“ ging gar nichts. Nur die Mädchen vom Chor haben mutig „White Christmas“ geschmettert, nachdem sie die Notenblätter herausgekramt hatten.

Wo lag das Problem?

„Leise rieselt der Schnee? Kenn ich nicht!“

„Morgen kommt der Weihnachtsmann? Nee, das ist zu altmodisch!“

„Stille Nacht, wie? Nee, wie geht denn das?“

„Aber ich kenn „Last Christmas“ – naja, aber ohne Text.“

Nun, da ist man schon sprachlos. Wir haben immerhin eine Strophe „Oh Tannenbaum“ gesungen und eine sehr textunsichere Strophe von „In der Weihnachtsbäckerei“. Aber nächstes Jahr, meine Kinderlein, da werde ich mit euch singen, den ganzen Advent lang. Auch wenn ich keine Musiklehrerin bin, werden wir gemeinsam singen. Ihr werdet viele Weihnachtslieder kennen lernen. Hiermit sage ich der Unkultur den Kampf an!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Der Stein der Weisen – erste Ergebnisse

Liebe Leser,

heute flattern sie mir auf den Tisch, die Vorschläge der Kinder, wie sich unsere Klassengemeinschaft verbessern ließe. Jeder hat eine Idee und fast jeder eine andere. Die meisten beziehen diese Idee auch gleich auf sich und schreiben dazu, was sie sich in der nächsten Zeit vorgenommen haben. Sie wollen nicht mehr so überreagieren, sie wollen die anderen in der Hofpause mitspielen lassen, sie wollen sich entschuldigen, wenn sie aus Versehen etwas Dummes gesagt haben. Es sind viele große Worte auf kleinen Zetteln.

Wir wissen alle, dass es noch ein weiter Weg ist. Aber ich sehe in den Kinderaugen, dass sie diesen Weg eigentlich gerne begehen wollen. Ich möchte diese positive Energie gerne über die Weihnachtszeit hinaus retten. Wie kann ich es nur schaffen, dass aus diesen Worten nun auch Taten werden?

Ich habe das Gefühl, dass wir uns nun ganz auf die Fortschritte konzentrieren sollten und diese für alle sichtbar machen… lauter kleine Füße, die irgendwohin laufen und am Ziel machen wir etwas Schönes gemeinsam. Sozusagen Schritt für Schritt… jetzt brauche ich nur noch die durchschlagende Idee, leere Wände habe ich genügend im Klassenraum!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner