Archiv der Kategorie: Zukunft

Pfingsten 2: Vier Frauen – ein Problem

Liebe Leser,

Ferienzeit ist Freundezeit. Also sitzen mal wieder drei Damen im Restaurant – diesmal ist es eine Pizzeria, die wir mangels echter Alternativen aufsuchen – Großstäde sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren – zumindest nicht jede! Wir reden, was Frauen halt so machen. Und es geht kaum um unsere Kinder, Frauen können auch anders.

Diesmal ist das Hauptthema des Abends die Arbeit. Zwei Tage später werde ich noch eine Freundin besuchen, die mit den beiden anderen nicht so viel zu tun hat, deshalb die getrennten Gespräche. Aber schnell stellt sich heraus, dass auch hier die Arbeit ein wichtiger Aspekt geworden ist und vor allem dass der Schuh drückt. Um nicht hin und her zu springen fasse ich beide Treffen in eines zusammen, wir haben sowieso so viel gemeinsam: wir sind gleich alt, wir haben zusammen die Schulbank gedrückt, wir sorgen jeweils für zwei Kinder – wahlweise kommt noch ein Mann dazu. Nach sehr guten und guten Abschlüssen haben wir unterschiedliche Ausbildungswege eingeschlagen: zwei haben eine Ausbildung absolviert, zwei studiert. Eine hat schon mehrfach die Arbeitsstelle gewechselt, wir anderen sind mehr oder weniger direkt von Schule und Uni zu unserer Arbeitsstelle gekommen. Und alle sind wir unzufrieden – aber jede aus einem anderen Grund.

Ist das schon symptomatisch?

Meine Probleme ziehen sich schon länger durch diesen Blog. Da will man so gerne und möchte etwas tun und fühlt sich häufig durch Kollegen ausgebremst, die hübsch ihre Ruhe haben wollen und auch wollen, dass alle anderen Ruhe geben, denn sonst müssten sie ja auch etwas tun. Das ist keine Arbeitsatmosphäre für motivierte Mitarbeiter.

Und genau das gleiche Problem haben auch die anderen Frauen. Die eine wird ausgebremst, weil es die hierarchische Struktur ihrer Arbeitsstelle nicht zulässt, dass sich eine Untergebene engagiert. Sie können da nicht so eigenmächtig handeln, da muss man immer erst den unfähigen allwissenden Chef fragen, der dann die Probleme auf die lange Bank schiebt und Neuerungen aussitzt sorgfältig alle Optionen abwägt. Die andere wird ausgebremst, weil da Männer unter sich ausmachen, wer weiterkommt, und das sind Männer, nicht Frauen. Die sollen sich erst einmal vorrangig um ihre Kinder kümmern. Später ist ja auch noch Zeit für Karriere – und überhaupt, wozu braucht denn eine alleinerziehende Mutter so ein Gehalt, das kann man doch kürzen, damit der andere Mitarbeiter einen schicken Firmenwagen fahren kann. Und die letzte wird von der überforderten Chefin zur Schnecke gemacht, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, aber Menschen eignen sich doch so gut als seelische Fußabtreter…

Das ist keine Arbeitsatmosphäre.

Nun wechsle ich die Dienststelle, dabei bin ich eindeutig am besten dran, weil es bei mir nicht um die Existenz geht. Das können die drei anderen Frauen nicht so verhältnismäßig einfach. Die eine ist froh überhaupt eine Stelle in ihrer Branche gefunden zu haben und das bei dem noch akzeptablen Fahrtweg, die andere ist familiär auch gebunden und Stellen in dieser Brache… ha! Und auch die dritte sagt: „Der Arbeitsweg, den ich jetzt gerade habe, der ist einmalig, das bekomme ich sonst nicht mehr und solange die Kinder…“ Und dann hält sie kurz inne und ergänzt: „Aber wenn meine Chefin mich wieder anbrüllt, dass ich zu dumm sei, dann überlege ich mir das vielleicht. Das muss ich mir einfach nicht bieten lassen.“

Vier Frauen, alle wollen gerne arbeiten. Alle kümmern sich trotzdem um ihre Familie. Keine macht hier groß eine „Karriere“. Es geht nur um eine rechtschaffene Arbeit für ein angemessenes Entgelt und vor allem geht es um die Anerkennung der Leistung, die diese Frauen gewollt sind zu erbringen.

Ich wundere mich, dass es sich unserer Gesellschaft leisten kann, dieses Potential nicht voll auszuschöpfen. Vielleicht werden wir uns da in Zukunft noch mehr wundern. Neulich hat Jan-Martin ein ähnliches Problem zum Thema Gleichberechtigung angeschnitten. Wir haben in Deutschland noch immer viel zu tun in dieser Hinsicht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Pfingsten 1: Melancholie

Liebe Leser,

am letzten Freitag vor den Pfingstferien trage ich die ersten beiden großen Kisten aus dem Schulhaus, denn ich habe angefangen aufzuräumen. Was sich alles so angesammelt hat! Ordner, Bücher, lose Blattsammlungen. Da noch ein wenig Zeit ist, setze ich mich an den kleinen Teich im Park und betrachte die blühenden Uferblumen, die Vögel, die Libellen… und da überkommt mich zum ersten Mal das Gefühl der Wehmut. Wahrscheinlich liegt das an den Kisten – sie machen alles endgültig. Ich ziehe aus aus meinem bisherigen Schulleben.

Dann setzt sich Lucy zu mir ins Auto und meint: „Du Mama, ich bin heute so melancholisch, jetzt wird wohl alles anders werden.“ Ja, diese Ferien sind die letzten, nach denen ich noch einmal in mein kleines Landgymnasium zurückkehren werde. Dass Lucy das auch so empfindet, berührt mich fast noch mehr. Der schwarze Hund wird den ganzen Nachmittag lang noch um uns herumschleichen.

Dann räume ich mein Arbeitszimmer auf. Dieses Schuljahr ist nicht mehr viel zu tun, da lohnt es sich, auch hier einmal gründlich klar Schiff zu machen. Zu viel ist in den letzten anstrengenden Wochen liegen geblieben. Auch Lucy räumt ihr Zimmer auf. Sonst kann man ja gar nicht gemütlich in die Ferien gehen, meint sie. Putzen hat etwas Kathartisches.

Während ein Teil Deutschlands sich schon wieder auf die Sommerferien vorbereitet, liegen vor uns noch einige Schulwochen. Noch zähle ich sie nicht rückwärts. Denn jetzt bin ich soweit, dass ich in dieser Zeit tatsächlich Abschied nehmen werde. So vieles ein letztes Mal – ganz bewusst. Um nicht in einen Unruhezustand zu fallen, habe ich mich mit vielen Büchern eingedeckt, werde Freunde treffen, Musik machen, Rosen beschneiden und bloggen. Der Sommer kann kommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner