Pfingsten 1: Melancholie

Liebe Leser,

am letzten Freitag vor den Pfingstferien trage ich die ersten beiden großen Kisten aus dem Schulhaus, denn ich habe angefangen aufzuräumen. Was sich alles so angesammelt hat! Ordner, Bücher, lose Blattsammlungen. Da noch ein wenig Zeit ist, setze ich mich an den kleinen Teich im Park und betrachte die blühenden Uferblumen, die Vögel, die Libellen… und da überkommt mich zum ersten Mal das Gefühl der Wehmut. Wahrscheinlich liegt das an den Kisten – sie machen alles endgültig. Ich ziehe aus aus meinem bisherigen Schulleben.

Dann setzt sich Lucy zu mir ins Auto und meint: „Du Mama, ich bin heute so melancholisch, jetzt wird wohl alles anders werden.“ Ja, diese Ferien sind die letzten, nach denen ich noch einmal in mein kleines Landgymnasium zurückkehren werde. Dass Lucy das auch so empfindet, berührt mich fast noch mehr. Der schwarze Hund wird den ganzen Nachmittag lang noch um uns herumschleichen.

Dann räume ich mein Arbeitszimmer auf. Dieses Schuljahr ist nicht mehr viel zu tun, da lohnt es sich, auch hier einmal gründlich klar Schiff zu machen. Zu viel ist in den letzten anstrengenden Wochen liegen geblieben. Auch Lucy räumt ihr Zimmer auf. Sonst kann man ja gar nicht gemütlich in die Ferien gehen, meint sie. Putzen hat etwas Kathartisches.

Während ein Teil Deutschlands sich schon wieder auf die Sommerferien vorbereitet, liegen vor uns noch einige Schulwochen. Noch zähle ich sie nicht rückwärts. Denn jetzt bin ich soweit, dass ich in dieser Zeit tatsächlich Abschied nehmen werde. So vieles ein letztes Mal – ganz bewusst. Um nicht in einen Unruhezustand zu fallen, habe ich mich mit vielen Büchern eingedeckt, werde Freunde treffen, Musik machen, Rosen beschneiden und bloggen. Der Sommer kann kommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 32: Natascha spricht deutsch

Liebe Leser,

Leo und ich sind auf dem Kindergartenfest. Zugegeben – ich hatte keine Lust und habe mich dann von seinem Hundeaugenblick breitschlagen lassen. Und wie es so kommt, dann ist es richtig schön geworden.

Die türkischen und syrischen Mamas sind nicht gekommen, dafür alle russischen. Verblüfft stelle ich fest, dass nur Jutta und ich die „Eingeborenen“ sind. Die anderen Mütter reden alle mit einem Akzent. Da sind Natascha und Svetlana, Tatyana und Olga und alle mit Familie. Eigentlich könnten sie auch russisch miteinander sprechen – das habe ich in Lucys Grundschule oft genug erlebt. Aber sie machen es nicht.

Vielleicht nehmen sie auf Jutta und mich Rücksicht, vielleicht wollen sie ihren Kindern ein Vorbild sein, vielleicht leben sie schon so lange hier, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, was man außer Haus spricht. Allein das rollende R und das lange I verrät die Herkunft noch in der Sprache. Vielleicht sprechen sie auch unterschiedliche russische Dialekte und das Deutsche ist die einfachste Verständigung – ich habe keine Ahnung.

Manchmal spricht Svetlana mit dem kleinen Alexander russisch, mit den anderen Frauen aber nie, Tatyana hat sogar deutsche Kosewörter für ihre Kinder parat, obwohl sie fast unter sich sind. Nur einmal flüstert sie ihrem Mann etwas Russisches zu. Das ist in Ordnung, das ist privat, das will ich sowieso nicht hören.

Ich finde das schön. Nicht, weil sie ihre Kultur verleugnen sollen – nein, sondern weil sie mich nicht ausschließen und das wie selbstverständlich. Also unterhalten wir uns über alles Mögliche, während die Kinder durch das frische Grün toben. Für sie spielen solche Unterschiede sowieso keine Rolle. Da zählt viel mehr, wer am schnellsten rennen kann, am höchsten klettern und wer das saftigste Grillwürstchen hat.

Ab dem nächsten Jahr werden unsere Kinder in verschiedene Grundschulen gehen und es werden sich verschiedene Lebenswege auftun. Dieser Nachmittag ist ein kleiner, feiner Moment, wo es nicht um Unterschiede geht – weil wir alle eine gemeinsame Basis haben. Svetlana wird nie meine Freundin werden, weil ich ihre Einstellung zu einigem nicht mag, aber das ist gerade völlig egal. Wir reden einfach miteinander. Tatyana finde ich sehr sympathisch. Wir reden miteinander. Und das ist des Pudels Kern.

Wir reden.

Und die Kinder spielen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 29: Altersmilde

Liebe Leser,

zwischen Blitz und Donner des einen und des nächsten Frühlingsgewitters wagt sich Frau Henner nun doch einmal an den Computer. Das wechselhafte Wetter draußen verdirbt mir die Laune genauso wenig wie die vielen Abitursaufsätze, die es in diesen Wochen gerade zu korrigieren gilt. Und dies, obwohl die Korrekturzeiten diesmal extrem knapp sind.

Ja, in Deutschland befindet man sich auf den ersten, zaghaften Schritten hin Richtung Zentralabitur und daher müssen die Zeiten angeglichen werden, denn es gibt ja nun endlich einen gemeinsamen Pool, aus dem einzelne Aufgabenteile entnommen werden können. Diese vage Formulierung zeigt, dass dies noch alles sehr halbherzig geschieht. Wie sollte es auch anders sein, wenn wir nicht die gleichen Richtlinien für die Oberstufe in allen Bundesländern haben?!

Haben wir in Baden-Württemberg dieses Jahr etwas gemerkt? Nun ja, es war ein ausgesprochen mildes Abitur – heißt es aus den verschiedenen Fachschaften. Mathe bleibt da die Ausnahme, aber das hat wieder ganz andere Gründe.

Das einzige, was wir ansonsten merken, ist nur die knappe Korrekturzeit. Ansonsten ist alles wie immer. Aber nicht mit mir. Obwohl ich nun mehr unter Druck stehen sollte, korrigiere ich die Aufsätze mit einer inneren Gelassenheit durch, die ich noch vor wenigen Jahren so nicht gehabt hätte. Ich muss selbst in der Zweitkorrektur wahnsinnig viel anstreichen, weil der Erstkorrektor – mit Verlaub – einfach keine Ahnung von der deutschen Sprache zu haben scheint. Dabei geht es mir nicht um Spitzfindigkeiten in der Zeichensetzung, sondern um die ganz basalen Regeln der deutschen Orthografie und Grammatik. Einfachste Fehler werden übersehen, dafür völlig korrekte Schreibungen angestrichen. Ein dutzendmal schlage ich irritiert im Duden Wörter nach, deren Schreibung mit eigentlich bekannt ist. Aber wenn der Kollege das als Fehler markiert, werde ich unsicher.

Das Schöne dabei ist: es ärgert mich nicht – nicht die Bohne rege ich mich darüber auf. Ist das schon die einsetzende Altersmilde? Ich nehme einfach meinen grünen Fineliner und streiche den Fehler an, setze am Rand das entsprechende Kürzel und weiter geht die Chose.

Das Leben ist viel zu kurz für unnützen Ärger.

Liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2

Liebe Leser,

es verändert sich noch mehr in unserer Gesellschaft, diesmal geht es nicht ums Internet und die Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern um die heilige Institution Familie. Aber fangen wir mit dem Altern an…

Warum altern wir? Seltsame Frage, oder? Unser Körper wird halt schwach. Aber so meine ich diese Frage nicht. Biologisch gesehen ist es nicht sinnvoll zu altern. Die meisten Lebewesen sterben recht schnell, wenn sie sich nicht mehr reproduzieren können. Anders einige Säugetiere und eben der Mensch. Eine Frau um die 50 kann sich in der Regel nicht mehr ohne fremde Hilfe reproduzieren, hat aber statistisch gesehen noch drei gute Jahrzehnte vor sich. Selbst wenn wir sagen, sie muss ja noch Kinder großziehen, können wir klar behaupten: Im Normalfall bekommt eine Frau zwischen 20 und 40 Kinder und die sind mit 10 Jahren auch in unserer Gesellschaft allein lebensfähig, also was soll das lange Alter?

Wissenschaftler haben natürlich Theorien: Alte Menschen haben Erfahrungen und werden ob dieser Weisheit geschätzt, insbesondere alte Frauen halten durch ihre hohe soziale Kompetenz Gemeinschaften zusammen und sichern so deren Fortbestand. So eine Theorie will aber nachgewiesen werden. Und das versuchen Wissenschaftler natürlich.

Karen McComb untersuchte zusammen mit ihrem Team über Jahre hinweg das Verhalten von Elefantengruppen im Amboseli-Nationalpark in Kenia. Solche Familiengruppen, die aus Elefanten unterschiedlichsten Alters bestehen, werden in der Regel von meist der ältesten Elefantin angeführt, da diese die größte Fähigkeit hat, Freund und Feind der anderen Elefantenfamilien, die man so trifft, wenn man auf Futtersuche durch die Steppen streift, unterscheiden zu können. Dies können sie schon anhand der sich über Luft UND Boden ausbreitenden Schallwellen der Rufe der fremden Tiere identifizieren. Je älter das Leittier war, desto besser konnte es das fremde Verhalten im Vorfeld einschätzen und die eigene Sippe schützen – ein klarer Vorteil.

Nun sind wir keine Elefanten, aber auch wir schätzen in der Regel die Erfahrung, die ältere Menschen haben. Für berufstätige Mütter ist es ein großer Vorteil, wenn sie eine Großmutter in der Nähe haben, die sie bei der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder unterstützt. Ist die Familie weit weg, so ist es doch eine unglaublich wichtige Basis, wenn man miteinander telefonieren kann und sich so wenigstens emotional Rückendeckung geben. Manchmal hilft auch ein guter Rat.

Wenn wir den überhaupt wollen. Und genau das ist die Veränderung, die ich zunehmend beobachte und die unserer Gesellschaft möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten mehr beeinflussen wird, als wir momentan glauben, da wir alle ja selbst mit unserem Leben, den Kindern, der Arbeit voll beschäftigt sind.

Immer mehr Menschen in meiner Umgebung definieren ihre Familie ausschließlich über das Modell Mutter-Vater-Kind. Und keiner hat da reinzureden. Großeltern werden manchmal gebraucht, um die Enkel zu versorgen, aber ihre Meinung zu verschiedenen Dingen haben sie bitteschön für sich zu behalten.

Es geht mir nicht darum, dass man alles miteinander teilen muss. Ich romantisiere auch keine Großfamilien im 19. Jahrhundert, wo sich alle dem Familienpatriarchen unterzuordnen hatten. Aber ich sehe Großeltern, die sich nicht trauen, etwas von früher zu erzählen oder mit ihren Kindern über Erziehung überhaupt einmal zu reden, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sich bevormundet fühlen und ihnen im schlimmsten Fall die Enkel entziehen. Ich sehe auch berufstätige Mütter, die sich lieber Betreuung einkaufen, als ihre Kinder ab und zu in der eigenen Familie betreuen zu lassen, weil sie sich ja nicht in Abhängigkeiten begeben wollen. Wer zahlt, bestimmt die Regeln. Ich sehe Familien, in denen ein normaler Diskurs abgebrochen wurde, wenn es um private Dinge geht. Man spricht noch über den Urlaub und das neue Auto, aber wehe die Oma fragt, wie es in der Schule läuft, oder der Opa will wissen, ob Mäxchen schon Fahrrad fahren kann. Familiäre Dialoge werden so zum Lauf auf dünnem Eis.

Ein Glück, wenn dies bei euch nicht so ist. Ich selbst schätze mich glücklich, weil ich meine Eltern und sogar von Zeit zu Zeit die Schwiegereltern anrufen kann und alles Mögliche besprechen. Natürlich stammen manche ihrer Meinungen aus dem vorigen Jahrhundert, aber wir reden dann darüber. Sie erzählen mir, wie das früher war, und ich erzähle ihnen, wie sich die Welt inzwischen verändert hat und warum manches so nicht mehr geht. Und stellt euch vor: vieles ist noch genau gleich und für das andere haben sie meist volles Verständnis. Meist. Grenzen gibt es immer. Aber wir sind im Gespräch.

Mein Vater sagt immer häufiger, er wolle uns noch ein wenig erhalten bleiben. Und statistisch gesehen ist mir klar, dass er inzwischen in geschenkten Lebensjahren lebt. Ich möchte noch einiges von ihm erfahren, denn mit ihm wird die Generation sterben, die tatsächlich noch vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Bei meinen Großeltern war ich zu jung, um diesen Schatz zu verstehen. Wir haben viel zu wenig von früher gesprochen. Das ist nun längst zu spät.

Ich hatte Freunde, die ihre alten Eltern als Last empfinden. Inzwischen sind wir nicht mehr befreundet. Einmal im Jahr besuche ich dennoch die Eltern der Freunde. Das mag seltsam erscheinen, aber sie freuen sich so und nehmen sich die Zeit zum Erzählen. Warum ich mit ihren Kindern nicht mehr befreundet bin? Sie haben keine Zeit mehr. Arbeit, Kindererziehung, das alles fordert so viel Kraft. Und dann auch noch die nervigen Eltern, die die Enkelkinder so gerne sehen wollen und dann doch alles falsch machen, weil sie einfach nicht im Hier und Jetzt angekommen sind, bestimmt reden die auch schlecht über uns.

Tun sie nicht. Die Eltern verteidigen ihre Kinder, berichten, wie viel die Kinder arbeiten müssen und wie fleißig die Enkelkinder sind, wie anstrengend das Leben geworden ist und wie toll das ihre Familie meistert. Und sie springen immer ein, wenn sie gebraucht werden. Es sind Eltern, die ihre Familie über alles lieben. Aber die Familie sieht das nicht im gleichen Maße.

Dies ist nicht der einzige Fall, den ich kenne, sonst würde ich hier nicht darüber berichten. Und natürlich weiß man nie genau, was in Familien vorfällt. Deshalb will ich niemanden beurteilen, schon gar nicht verurteilen. Ich frage mich nur, was aus den Elefantenfamilien würde, wenn sie die alten Leitkühe verstoßen und nicht mehr auf sie hören, weil die eh zu alt sind? Welchen Wert hat das Alter bei uns Menschen in diesem Falle?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 27: Die Lücke, die der Teufel lässt

Liebe Leser,

unsere Welt verändert sich so rasant, dass man dies manchmal erst aus einer gewissen Distanz heraus wahrnimmt, weil man ansonsten in diesem Strudel mitschwimmt und kaum Zeit hat, dies zu reflektieren. Nun lebe ich selbst zwar nicht auf einer Insel der Glückseligkeit, aber doch in einer überaus komfortablen Situation – global betrachtet allemal. Aber ich lebe nicht im Mainstream. Immer wieder merke ich, wie da ein Leben scheinbar an mir vorüberzieht, was so wenig mit mir zu tun hat. Selbst Lucy ist kein Korrektiv, da diese junge Dame ebenfalls nicht im großen Schwarm mitschwimmt. Immer wieder bin ich erstaunt, wie kritisch sie ihre Umwelt wahrnimmt, wie sie sich gegen Entwicklungen sperrt und ein eigenes Wesen ausgeprägt hat, wo sich andere noch auf der Selbstsuche befinden. Lucy besitzt noch immer kein Handy, keinen WhatsApp- oder Facebook-Account, wünscht sich lieber ein National-Geografic-Abo zum Geburtstag und macht sich gerne über die Schminktussis aus ihrer Klasse lustig, die das alles nicht verstehen können. Auch aus dieser Abgrenzung heraus entwickelt sich Identität. Heute Abend wollen wir gemeinsam Micheal Moores „Where to invade next“ anschauen. Über sowas unterhält man sich im Hause Henner, dafür kenne ich nicht die Namen der angesagten Yuo-tuber und Musically-Stars.

Aber diese Woche passiert mir auch das Internet. Eigentlich wollte ich nur eine Lehrerseite besuchen, werde dort auf ein Video hingewiesen, klicke es an, lande bei einer Bildungsdebatte und auf You tube. Ihr kennt das alle, diese kleinen Videohinweise am rechten Rand verführen zu weiteren Klicks. Und zwei Stunden späten sitze ich fertig und mit Kopfschmerzen immer noch vor diesem Rechner. Allerdings ist nichts mehr mit Bildungsdebatte. Über TV-Ausraster bin ich zu Game-Ausrastern gekommen und irgendwann bei erstaunlichen Fehlbildungen gelandet, so Menschen, die ihren Kopf nicht oben halten können und schließlich: Geister. Es gibt sie echt!

Warum schaue ich mir diesen Sch* an? Warum hockt eine gebildete Frau nachmittags um halb fünf vor einen dämlichen Gerät und hört egomanen Typen zu, die irgendwelche verpixelten Amateurvideos totlabern? Ich fasse es nicht!

Das ist mir bis jetzt so noch nie passiert. Ich sehe das Internet als Arbeitsmedium, mache es an, erledige meinen Kram und surfe höchstens noch ein paar Minuten, um ein Produkt nachzuschauen, was ich hier auf dem Lande in keinem Laden bekomme. Dann schließe ich das Internet und den Computer wieder und widme mich dem analogen Leben. Denn das findet nämlich tatsächlich statt.

Für viele junge Menschen aber nicht mehr. Noch erscheint uns das nicht bedrohlich, vielleicht weil es bequem ist. Die Kinder sind im Haus, man muss keine Angst um sie haben, kann sich selbst belügen, dass sie so ihre Medienkompetenz schulen würden, und die Kinder nerven nicht. Stundenlang sitzen sie vor ihren Geräten und gucken sich Videos an.

Habt ihr mal in diese Videos angeschaut? Da erklären zum Beispiel Schülerinnen anderen, wie man sich schminkt, wie man sich die Haare macht, wie man sich stylt, warum welches dm-Produkt cool ist und warum das andere absolut nicht geht. Es ist so hohl… Diese Hohlheit ist nur ein Problem, denn es bleibt zudem immer das Gefühl der Unzulänglichkeit. Entweder ist man es selbst oder das eigene Leben. Denn alles, was da draußen im Netz passiert, scheint spannender als das eigene Leben. Ist ja auch keine Kunst, wenn man im Zimmer hockt! In der Wahrnehmung eines jungen Menschen entsteht so das Gefühl von Unzufriedenheit.

Ihr werdet sagen, war bei uns auch schon so, wenn wir die BRAVO gelesen haben. Stimmt, da blieb auch manchmal dieses leere Gefühl, aber es wurde schnell relativiert, weil es das richtige Leben draußen noch gab und dieses die Hauptsache war. Was machen aber die normalen Zwölfjährigen heute? Sie gucken stundenlang solche Videos. Da ist nichts mehr mit Korrektiv. Die Kinder von heute erlangen so eine verzerrte Vorstellung von Leben. Der Sinn des Lebens scheint nur noch darin zu stehen, das eigene Ich gnadenlos ins Rampenlicht zu stellen. Ich. Bin. Wichtig.

Und wo ist nun die Lücke? Genau da.

Denn der hohe Internet-Konsum bewirkt dieses Ich-Sucht-Gefühl, aber er kann es nicht befriedigen – denn es sind ja immer die anderen, die toll aussehen, das spannende Leben haben und das absolut faszinierende, coole Untergehen unserer Welt kommentieren. Eltern verstehen das sowieso nicht. Und die Freunde? Naja, mit denen teilt man die Videos, denn es sind Wegbegleiter zum selben Ziel – also letztlich Konkurrenten.

Und während eine ganze Generation ihre Tage mit dem Gefühl verbringt, gar nicht am richtigen Leben teilhaben zu können, denn das Leben ist doch nicht der öde Alltag zuhause, es ist der Glamour im Netz – da will man rein, aber wie kommt man bloß in dieses Netz? – während also eine ganze Generation für das analoge Leben abstumpft, geschehen da draußen tatsächlich wichtige Dinge, bei deren Lösung wir genau diese Menschen in einer nahen Zukunft brauchen werden.

Vier Stunden soll ein Jugendlicher schon am Tag im Netz sein. Vier Stunden. Da kann man schon mal Fiktion und Wirklichkeit aus dem Blick verlieren. Ich bekomme davon nur Kopfschmerzen. Also werde ich jetzt den Computer wieder herunterfahren und entweder einen langen Waldspaziergang machen (Berg runter und wieder hoch, damit der Kreislauf in Schwung bleibt) oder ein Buch über neurowissenschaftliche Erkenntnisse lesen (damit die grauen Zellen in Schwung bleiben), Lucy fährt inzwischen alleine Fahrrad, denn die Gleichaltrigen sind ja nicht zum Rausgehen zu bewegen und der kleine Leo baut im Garten einen Turm für Käfer. Auch allein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner