Der gute Ruf

Liebe Leser,

auf einer Abendveranstaltung treffe ich einen Bekannten. „Ach du bist jetzt in T.? Und auch noch am EG? Na, das EG, das hat aber einen guten Ruf, alle Achtung!“

Was sagt man da… Sagt man, dass das mit dem guten Ruf nun wirklich ein alter Hut ist, dass es eine von der Struktur her altmodische Schule ist, die bis jetzt nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist, wo mir zwar das Unterrichten Spaß macht (denn es sind ja auch normale Schüler und da funktioniert das Unterrichten eben so wie sonst auch), der ganze Rest aber nicht? Ich entscheide mich für eine diplomatische Antwort:

„Es ist eine ganz normale Schule…“

Mein Gegenüber fällt mir gleich ins Wort: „Nein, nein, das EG hat wirklich einen guten Ruf!“

„Glaub mir, als Schule von innen betrachtet, ist es eine ganz normale Schule…“

Doch mein Bekannter insistiert weiterhin: „Nein, die Schule hat einen sehr guten Namen – wirklich!“

Mag sein, aber was kann man sich für einen sehr guten Namen oder guten Ruf kaufen, wenn nicht viel dahintersteckt?

Natürlich funktioniert die Schule – ich bin zwar jetzt im städtischen Umfeld, aber es ist doch immer noch kleinstädtisches Milieu. Und wer sich im Südwesten Deutschlands auskennt, der weiß, wie kleinstädtisch das ist! Nun gibt es in T. zwei Gymnasien neben vielen anderen Schulen und das EG ist das Gymnasium der Bürgerschaft. Dort sammeln sich die Akademikerkinder und die ambitionierten Eltern und das merkt man. Im Positiven (Disziplin) wie im Negativen (übersteigertes Selbstbewusstsein). Auch wenn dieser Satz natürlich sehr plakativ ist – aber hey, das hier ist ein Blog! Und gerade weil wir das obere Klientel abschöpfen, funktioniert die Schule so gut – viele Probleme sind einfach nicht so akut.

Aber Frau Henner sieht die Welt nun ein bisschen anders. Tradition ist etwas Gutes, wenn man dieselbige hinterfragt und die Essenz weitergibt, die in der neuen Zeit von Bedeutung ist. Ein „Das wird hier schon immer so gemacht“ nützt niemandem. Das ist zumindest meine Meinung.

Viele sind überzeugt, dass ihre Schule etwas Besonderes ist und dass das alles gut ist, wie es ist. Dass es auch anders geht, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Ein guter Ruf verstellt eben auch manchmal die Sicht. Wenn ich dann vorsichtig anfrage, warum dieses und jenes eigentlich so oder so ist, höre ich fadenscheinige Begründungen mit dem Nachschub: „Stört dich das?“

Und ja: Es stört mich. Ich hatte nun schon mehrere Erlebnisse, bei denen ich merkte, dass ich ein anderes pädagogisches Grundverständnis habe. Es ist für mich kein Widerspruch, nett zu Schülern zu sein UND das Einhalten von Regeln einzufordern, und dann auch irgendwann einmal nicht nett zu sein, wenn das mit den Regeln eben nicht klappt. Und das ist dann nicht immer leicht, es ist anstrengend und herausfordernd. Hier sind alle supernett zueinander, besonders die Lehrer. Das ist natürlich schön! Versteht mich bitte nicht falsch. Sie sind aber zum Teil so nett zu den Schülern, dass man kein „Guten Morgen“ einfordert, die Schüler nicht zum Aufheben von Müll anhält, den Schülern vieles hinterherträgt, was sie besorgen müssten, Sachen ohne „bitte“ und „danke“ aushändigt, wegguckt, wenn Schüler Handys unsachgemäß benutzen und und und. Das macht das Leben erheblich leichter, denn es gibt weniger Konflikte. Und nein, es sind nicht alle Kollegen so. Ich kehre hier nichts über den berühmten einen Kamm. Es ist eher die Grundstimmung. Wir sind alle ganz toll hier, wir regeln alles menschlich, wir wollen es mal nicht übertreiben, das kann ja jeder mit Augenmaß entscheiden. Läuft ja alles ganz super bei uns.

Klingt gut, oder? Passt aber nicht zu einer Institution, in der 600 junge Menschen lernen – lernen fürs Leben.

Das alles kann man aber nicht am Rande einer Abendveranstaltung erklären, vor allem nicht, wenn der gute Ruf des EGs in Zement gegossen scheint. Unverrückbar steht sie da, die strahlende Schule, deren Glanz jetzt auf mich abfärbt. Was für ein Glück, an dieser Institution zu sein!

„Doch, doch – ein blendender Ruf!“, wiederholt mein Bekannter. Zum Glück beginnt da die Veranstaltung und wir müssen unserer Sitzplätze aufsuchen. Mir wird klar, dass ich Außenstehenden kaum verständlich machen kann, was mich bewegt, denn Bilder in den Köpfen haben magische Wirkung.

Und momentan ist nur mein Bild schief – alle anderen scheinen mir glücklich mit ihrem zu sein. Ich bin also der Spielverderber. Pssst!… auf der Bühne geht es los…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

Getaktete Kindheit

Liebe Leser,

in völligem Bewusstsein, dass es mir in meiner Stellung als Lehrerin an einem Gymnasium in Baden-Württemberg noch richtig gut geht, so möchte ich mir doch von der Seele schreiben, was ich immer mehr beobachte und was mich so sehr an meiner Profession zweifeln lässt, dass ich immer häufiger über Alternativen zum Lehrberuf nachdenke. Dabei bin ich mit Leib und Seele Lehrer. Ich begreife mich als Person, die jungen Menschen einen Teil der Welt nahe bringt, in dem sie ihnen Wissen vermittelt, denn ohne Wissen kann man nichts beurteilen, Fähigkeiten, mit Material und Situationen umzugehen, denn alles Wissen nützt nichts, wenn ich es nicht einordnen kann, und sie gleichzeitig versucht anzuhalten, genau dies wieder zu hinterfragen, denn ich will sie nicht zu Ja-Sagern erziehen, sondern zu kritischen, mündigen Bürgern. Dazu gehört für mich das Pädagogensein zwingend dazu. Ich bilde nicht aus, ich bilde und ich erziehe Menschen. Guten Morgen und Auf Wiedersehen, bitte und danke, ja und nein und immer ein Lächeln als kürzesten Weg zwischen zwei Menschen sind da nur ein Anfang.

Nein, ich bin kein Dienstleister, nein, ich bin kein Input-Manager und nein, ich bin kein Lernbegleiter. Ich bin Lehrer. Pädagoge.

Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen, nicht nur mit Schülern. Aber wie soll die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleiben, wenn mir die Sinnhaftigkeit meines Tuns abhanden kommt? Um Lehrer zu sein, muss ich Mensch sein können. Um Schüler zu sein, müssen Kinder auch noch Kinder sein dürfen. Und genau das vermisse ich immer mehr.

Wir takten in unserem Land die Kinder ein wie Erwachsene. Jede Minute ist mit sinnvoller Beschäftigung ausgefüllt – allem voran mit Schule. Die Kinder haben inzwischen einen Stundenplan, der ihnen eine Wochenarbeitszeit von locker vierzig Stunden beschert. Lernen kann Spaß machen, ich weiß. Projekte sind toll. Klar. Merkt ihr, dass das hohle Phrasen sind? Fünftklässler, die zweimal in der Woche Nachmittagsschule haben, Zehntklässler, die bereits an vier Nachmittagen in der Schule bleiben – aber nicht, um in der Theater-AG die eigene Persönlichkeit zu bilden, sondern schnöde um Physik und Geografie zu pauken. Wie um Himmels willen sollen ernsthaft Sechsklässler Geschichte begreifen, die dieses Fach einmal die Woche zwischen 15.30 und 17.30 Uhr haben, nach Englisch, Mathe und Biologie? Unsere Schüler haben nicht nur Kunst und Musik und Sport am Nachmittag – und nebenbei, auch diesen Fächern tut man Unrecht, wenn man sie so an den Rand verdrängt und tut, als wäre das alles Erholung und Larifari, ein reiner Spaß und gar keine Anstrengung. Von früh um acht bis abends halb sechs halten sich die Kinder in hässlichen Räumlichkeiten, wahlweise in zugigen Gängen oder stickigen Klassenräumen auf, sie hecheln von einem Fach zum nächsten, Schule als Lebensraum ist in meinem Umfeld nicht vorgesehen. Begeisterung für Bildung kann da nur die Ausnahme bleiben. Kreatives Andersdenken fällt zu oft unter den Tisch. Zukunft ist anderes. Aber sie lernen auf alle Fälle das Im-Takt-Marschieren. Und sie geben sich redlich Mühe. Ich staune, wie fleißig die Schüler trotz dieser enormen Belastung in der Regel doch sind. Sie haben das Arbeitsleben schon völlig internalisiert.

Wenn es nur diese zwei Nachmittage wären, dann könnte man ja mit mir reden. Aber so ist es nicht. Der normale Stundenplan eines Kindes sieht vielerorts ganz anders aus. An den wenigen freien Nachmittagen findet mindestens noch der Sportverein, die Musikschule und nicht zu vergessen die Nachhilfe statt. Gerne Mathe UND Latein.

Das führt dazu, dass die Kinder nichts mehr mit sich anzufangen wissen, haben sie tatsächlich einmal frei. Wenn ich mittags nach der einstündigen Pause in die Schule zurückkomme, lungern die Fünftklässler schon im Flur herum und fragen, wann es weiter geht, denn ihnen sei langweilig. Gut denke ich, aus Langeweile kann etwas entstehen – etwas Neues. Aber wenn ich mich in der trostlosen Umgebung umschaue und weiß, dass es bis zum Klingeln eh nur noch sieben Minuten sind, ist mir schnell klar, dass auch jetzt nicht Neues entstehen wird. Dann eben Smartphonegedaddel. Das lenkt wieder schön vom eigenen Ich ab.

Es gibt so viele Details, die ich argumentativ heranziehen könnte, aber ich bin es manchmal einfach leid, weil alles Rufen nichts bringt. Wir tackten die Kindheit nur noch enger. Damit Mutter und Vater sorglos arbeiten gehen können. Warum auch nicht. Da habe ich gar nicht dagegen. Nur eben nicht SO!

Und ich bin Teil dieses absurden Systems. Auch ich versuche um 16.20 Uhr Zwölfjährigen etwas zu erklären, anstatt mich mit ihnen draußen ins Herbstlaub zu legen und die letzten warmen Sonnenstrahlen zu spüren, gemeinsam einen Kuchen zu backen und mit ihnen über das Leben zu diskutieren. Wahrscheinlich könnten sie dabei auch eine Menge lernen, doch das ist nunmal nicht so gut abrechenbar. Aber es ist eben 16.20 Uhr und die Schule geht bis 17.30 Uhr und hier ist mein Bildungsplan. Und Kakaotrinken ist in den Schulräumen sowieso verboten. Wenn der Kakao mit den giftigen Dämpfen des abgelatschten, grauen Linoleums zusammentrifft… Grau sind auch die Wände und die Spinde rechts und links im Flur. Farbe wäre ja auch noch schöner. Schule könnte ja Spaß machen. Schule könnte ja ein Lebensraum sein. Leider sieht meine neue Schule sowohl von außen als auch von innen eher aus wie eine Jugendstrafanstalt. Das sind uns also die Kinder wert, unsere Kinder, die Zukunft.

Es reicht ja nicht einmal für einen regelmäßigen Anstrich. Aber wollen die Eltern das überhaupt? Kinder, die den Nachmittag nicht mit einem weiteren Run auf die Poolposition verbringen, sondern an ihrer Persönlichkeit basteln? Haben sie nicht alle Angst, dass ihr Kind dann nicht mitkommt in dieser Welt, wo scheinbar nur die harten Fakten zählen? Ein anderer könnte es überholen. Deshalb muss alles einen Mehrwert haben, vor allem die Freizeit der Nachmittag.

Wenn ich daran denke, wie ich die Nachmittage verträumt habe, welche Wege ich in Kauf genommen habe, um Freunde zu treffen, dafür aber auch die Zeit und das Gottvertrauen meiner Eltern hatte. Was ich neben der Schule alles gemacht habe – aus Langeweile, wovon vieles sinnfrei war und sich doch in ein großes ganzes Selbstbestimmtes gefügt hat. Sprich, wie ich ein kreativer, neugieriger, selbstdenkender Mensch geworden bin. Mir ist völlig klar, dass man die Welt nicht zurückdrehen kann und dass früher nicht alles besser war. Das heißt aber nicht, dass man vor negativen Beobachtungen in der Gegenwart die Augen verschließen muss und behaupten darf, das sei eben so, dass sei der Fortschritt, es gehe nicht anders.

Ich bin sicher, dass es anders geht. Ich bin mir nur nicht sicher, welche Rolle ich in dieser Fantasie spiele. Das ist gerade mein Problem.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Physik und die Welt

Liebe Leser,

die erste Oktoberwoche vergeht mit der Vehemenz und strahlenden Kraft eines letzten Aufbäumens der Natur. Um uns herum tanzen gelbe Blätter, die Rosen blühen in einer stattlichen Parade im Garten und wir sitzen am Esstisch und lernen Physik.

Wir, das sind Lucy und ich. Wie ich es schon geahnt hatte, weil ich nun mal meine alten Kollegen noch kenne, entpuppt sich Lucys Physikunterricht als Katastrophe. Ich kann mich nur auf die Erzählungen meiner Tochter verlassen, aber höre quasi als Resonanz die vielen Schülerstimmen dazu, die alle den gleichen Ton anschlagen und den Physiklehrer zum unbeliebtesten Lehrer der Schule machen. Lucy nennt ihn nur ML – Miese Laune.

Ich selbst fand Physik an sich gar nicht so dröge, aber habe auch diese Erinnerungen an laaaaaaaaaangweilige Stunden in potthässlichen Fachräumen. Schlimm genug, dass Lucy das ganze 25 Jahre später wieder genauso erleben muss. ML steht vorne, macht ein Experiment und erklärt es nebenbei. Nun hängt es von der Sichtachse des jeweiligen Schülers und der direkten Umgebung ab, wieviel er überhaupt von diesem Experiment mitbekommt. Aber immerhin wird überhaupt ein Experiment gemacht. Leider sind die Erklärungen nicht sonderlich verständlich, weil ML Fachbegriffe benutzt, die den Schülern nicht klar sind. Ihm ist ja alles klar. Fragen die Schüler nun nach, bekommen sie Sätze wie: „Du weißt nicht, was eine Auslenkung ist? Ja, lebst du auf dem Mars?“ zu hören, aber das ist nunmal nicht sonderlich hilfreich. Besonders demotivierend ist es dann, wenn das anschließende, sich ewig hinziehende Lehrer-Schüler-Gespräch von Lehrers Seite nur mit den Jungen geführt wird, weil Mädchen ja eh keine Ahnung haben. Als bestätigendes Beispiel wird dann ab und zu die schüchterne Leonie aufgerufen. Und Lucy bekommt zu hören, als sie eine Frage richtig und mit Fachbegriff beantworten kann: „Den Fachbegriff darfst du noch gar nicht kennen, der ist erst in Klasse 10 dran.“ Super.

Lucy hat also nach drei Wochen die Segel gestreckt, ich weiß nicht, ob der Rest der Klasse überhaupt aufgetakelt hatte. Ergebnis: keiner macht mehr mit und Miese Laune bekommt noch miesere Laune. Jetzt droht der Lehrer mit Tests, denn so doof kann sich ja kein Schüler anstellen. Frau Henner will Lucy vor einem Riesenreinfall bewahren und findet außerdem, dass man Physik auch verstehen kann – der Lehrerehrgeiz ist erwacht. Und Lucy? Die sagt: „Also diesem Typen will ich’s grade beweisen, der darf nicht glauben, dass Mädchen alle doof sind!“ Also sitzen wir beide über dem Physikstoff. Ohne das Buch wäre ich aufgeschmissen. Es existiert zwar ein Heftaufschrieb, aber der besteht allein aus Versuchsaufbauten. Erklärungen, Rechnungen, Übungen, das alles fehlt. Merksätze?

Ich bin gut vorbereitet. Aus dem Internet habe ich mir Beispieltests runtergeladen, leider hätte ich die Lösungen bezahlen müssen. Seis drum, das kriegen wir schon hin. Auch finde ich You-tube-Videos, die sind zwar cool gemacht, aber in ihrer Verkürzung viel zu simplifizierend und trashig, da bleibt nicht viel hängen. Man kann ein ganzes Stoffgebiet eben nicht in 2.40 Minuten packen.

Anfänglich sträubt sich die Tochter. Physik ist ja voll doof. Aber als wir dann zu allerlei Naturphänomenen kommen, die sie nun endlich erklären kann und damit tiefer begreift, findet sie es selbst ganz interessant. Nur mit den Rechnungen klappt es nicht so recht, aber das ist ja wieder ein anderes Problem. Gerne hätte ich ein paar mehr Übungsaufgaben gefunden – mit Erklärung und Lösung, denn Miese Laune wird der Klasse ja beweisen wollen, WIE doof sie ist. Aber selbst wenn sich Lucy bei den Rechnungen schwertut, das Prinzip hat sie kapiert, darauf kommt es an.

Lucy wird langsam klar, dass zum Weltretten auch ein bisschen Physik dazugehört. Biologie ist das eine, Politik und Ethik das andere, aber die Wasserpumpe in Afrika ist das dritte. „Dann sollte ich wohl Physik auch in der Oberstufe machen“, überlegt Lucy tollkühn. Nun ja, hängen wir uns mal lieber nicht so weit aus dem Fenster, freuen wir uns über diesen kleinen Anfang. So gehen wir auseinander und haben beide das Gefühl, dass es etwas gebracht hat. Miese Laune kann uns den Tag nicht verderben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Physiknachhilfelehrerin Frau Henner

Noch ein Anfang

Liebe Leser,

nicht nur ich bin in ein neues Schuljahr gestartet, sondern auch Lucy und Leo sind es. Während die Große inzwischen absolut routiniert ihren eigenen Kram macht, ist für den Kleinen alles neu, denn nun ist Leo ebenfalls ein Schulkind.

Jeden Morgen geht er hochmotiviert in die Schule bzw. wird gefahren (wir leben auf dem Land). Nach der Schule macht er gleich seine Hausaufgaben und, weil die momentan noch viel zu popelig sind und er in fünf Minuten fertig ist, verziert er dann auch gleich die Arbeitsblätter mit bunten Farben. Nach dem Mittagessen, geht er stolz auf sein Zimmer und sagt: „So, jetzt mache ich mal Freizeit!“ Es macht ihn so glücklich, endlich ein Schulkind zu sein. Ich freue mich.

Aber Konflikte bleiben natürlich nicht aus. Leo, ein ruhiges, ausgesprochen braves Kind, lernt nun in der Grundschule andere Verhaltensweisen kennen und probiert diese zuhause aus. Gleich mehrfach musste er in den letzten Wochen die Erfahrung machen, dass weder Frau noch Herr Henner das akzeptieren. Und wenn man etwas lauter mit Leo spricht, bricht er gleich in Tränen aus. Leo ist sehr dünnhäutig. Und seine Tränen gehen mir zu Herzen.

„Du warst ganz schön laut“, sage ich zu Herrn Henner am Abend im Bad, nachdem es beim Abendbrot zu einem solchen Konflikt gekommen war, „das war wirklich übertrieben.“

„Du“, antwortet Herr Henner verständnisvoll, „ich war einfach überrascht. So ist der kleine Leo doch sonst nie.“

Leos Kindergarten war recht streng, dafür kam er nie mit blöden Sprüchen und Schimpfwörtern nach Hause oder verweigerte sich, blödelte rum geschweigedenn wurde handgreiflich. Nun lernt er andere Sitten kennen. Eine Schule ist ein anderer Ort als ein Kindergarten, hier sind die Kinder nicht mehr dauerüberwacht und das ist richtig und wichtig. In der Hofpause verstecken sich die Jungen im Gebüsch, das hat mir Leo schon erzählt und mir sogar das Gebüsch gezeigt. Er pendelt zwischen Abnabeln und Nähesuchen. Er weiß zum Beispiel, dass ich das Verhalten seines neuen Freundes Marco schrecklich finde. Aber den weise ich nicht zurecht, sondern sage ihm nur, dass es in meiner Gegenwart keine Sch*wörter gibt. Dass der fremde Junge sich dabei großkotzig in den Schritt greift, versuche ich zu ignorieren. Wo wird er das wohl herhaben… Leo dreht auf, wenn er mit Marco zusammen ist. Ich kann nur hoffen, dass Leo nicht auch mit der Hand im Schritt johlend über den Schulhof rennt. Ach was, das würde nicht zu ihm passen.  Trotzdem, als wir wieder zu zweit sind, nehme ich mir den kleinen Leo zur Seite und spreche mit ihm darüber. Ich mache Marco weder schlecht, noch verbiete ich dem kleinen Leo den Umgang mit ihm, er soll nur wissen, dass man nicht alles nachmachen  darf. Und Leo weint. Schon wieder.

Leo muss neben Buchstaben und Zahlen eine ganze Menge lernen – am meisten wohl über andere Menschen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Aller Anfang ist schwer

Liebe Leser,

die Sonne wärmt mir den Pelz, ich nutze den freien Nachmittag, um einfach einmal NICHTS zu tun. Dann habe ich plötzlich wieder Lust zum Bloggen – das erste Mal seit Wochen. Das heißt, es geht mir besser. Die Welt ist schon verflixt – aus den Augen eines Individuums betrachtet…

In den Sommerferien hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben anhaltende Schlafprobleme. Obwohl mich im Alltag nichts belastete, lag ich nachts sinnlos wach und hatte nicht einmal Sorgen, die ich hätte wälzen können. Bin ich dann doch eingeschlafen, plagten mich kuriose Schulträume. Und mir wurde bewusst, dass es in mir arbeitet, da kommt selbst mein Verstand nicht dagegen an. Erst die Sonne des Südens hat dieses Ungleichgewicht weggebrannt. Dauerhafte 35 Grad Celsius wirken Wunder!

Am letzten Tag des Urlaubs musste ich mich noch einmal vom Pool verabschieden und ich drehte eine Runde nach der anderen. Hin der Blick auf den Olivenhain, zurück der Blick auf das malerische Bergstädtchen, wieder hin Olivenhain, zurück Bergstädtchen, Olivenhain, Bergstädtchen… ich hätte ewig so weiter schwimmen können. Kein Drang, nach Hause zu fahren. Auch das war für mich neu. Dabei bin ich sonst so souverän – nun ja – nach außen zumindest.

Und dann die erste Schulwoche. Nun hatte man mich doch in eine Stadt versetzt, hier gibt es noch ein Gymnasium, sozusagen Konkurrenz, morgens muss ich mir nun selbst einen Parkplatz suchen und mit den Eltern konkurrieren, die ihre Kinder bis vor die Türe fahren und die Parkplätze besetzen, hundert neue Namen lernen und vor allem die Regeln UND die Gewohnheiten. Und die unterscheiden sich sehr.

An meiner neuen Schule gibt es Regeln – natürlich, aber es scheint Gewohnheit, dass man die nicht so ernst nimmt. Und Frau Henner hält sich natürlich an die Regeln der Hausordnung und wundert sich, warum die Schüler sich häufig nicht daran halten, aber das hier keinen stört.

Ich kann so nicht arbeiten, ich denke ernsthaft, dass junge Menschen ganz gerne Regeln haben, weil sie ihnen einen Rahmen geben. Also führt Frau Henner die Regeln ein, die es ja sowieso gibt. Einige Schüler murren, einige wollen verhandeln, andere strahlen mich an. Ja, nett sind die meisten Schüler schon. Und selbstbewusst…

In der Woche zwei habe ich mich dann schon etwas eingerichtet, den Müll meines Vorgängers entsorgt, Platz geschaffen im Fachkabinett und nebenbei festgestellt, dass die Oberstufenschüler nicht so feindselig waren, weil ich da stand, sondern weil sie das Fach hassen. Nachdem ich ihre Ordner im Fachkabinett gefunden und durchgeblättert habe, ahne ich, was ich da für einen Vorgänger hatte. Es gibt hier viel Arbeit…

Und dann kommt die zweite Woche und ich sehe Licht am Horizont. Erste nette Gespräche im Lehrerzimmer entwickeln sich, der Schulleiter ist unheimlich entgegenkommend, ich verstehe langsam das System und vor allem, die Schüler werden immer netter. Inzwischen sprechen sie mich mit Namen im Schulhaus an, lächeln und akzeptieren meine Regeln. Nun bin ich froh, dass ich nicht gleich in der ersten Woche gebloggt habe: da war ich ein paarmal nahe am Verzweifeln. Aber jetzt erscheint mir vieles in anderem Licht. Einzelne Schüler werde ich nicht kriegen, aber die Mehrheit. Es ist an dieser Schule auf alle Fälle anstrengender als an meinem Landgymnasium, aber ich packe das. Frau Henner hat sich gefangen, richtet das Krönchen und fängt an loszulegen. Auf in ein neues Schuljahr. Es wird spannend!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 38: Ein bewegender Abschied

Liebe Leser,

die Emotionen sind in den letzten Tagen hochgekocht wie sonst nie. Ich habe mich geärgert, mich gefreut, vor Rührung geweint und mit mir vor allem die Kinder, deren Gefühle so unmittelbar und ehrlich sind, dass mir diese Tränen am meisten guttun, denn die Kinder haben geweint, weil ich gehe. Nach zwei Jahren auf und ab mit dieser Klasse ist sie am Ende doch zusammengewachsen. Nach einer äußerst berührenden Verabschiedung, die ich meinen Lebtag nicht vergessen werde, ist es zum großen Gruppenkuscheln gekommen, an dem sogar die Jungen teilgenommen haben. Da standen wir alle im Kreis und haben gelacht und geweint. Die Geschenke, die sie mir gemacht haben, waren so individuell und persönlich und seit Wochen in Arbeit, dass ich gleich noch einmal hätte weinen können. Ihr Abschiedslied, zusammen einstudiert und sogar instrumental begleitet, hat dann sein Übriges getan. Wo sind die Taschentücher? Aber die Mädchen haben die Packungen eh schon in der Hand. Und Vladimir fragt mich, ob das schlimm sei, wenn er als Junge jetzt auch mal weinen würde…

Auch von vielen Kollegen werde ich geknuddelt und ich weiß, dass es viele ernst meinen, andere halten sich bedeckt und das ist gut so. Auf Abschiedsfeiern und Beerdigungen wird bekanntlich viel gelogen. Frau von Ostrach schafft es nicht, herzlich zu sein, und das ist völlig in Ordnung. So muss ich mich nicht verstellen. Ein einfaches „Auf Wiedersehen“ tut es auch. Letzte Woche bei den Zeugniskonferenzen habe ich mich nämlich wieder geärgert. Fachnoten sind das eine, auch wenn man sich wirklich fragt, wie es sein kann, dass die Schüler bei dem einen Lehrer nur Einser, Zweier und Dreier erhalten, und bei einem anderen Lehrer im gleichen Fach ein Jahr später die Klasse um die Vier herumtingelt. Aber da kann ich mich nicht einmischen, das geht über meine Kenntnis und über meine Befugnis. Fachnoten sind Schicksal. Aber wenn wir dann wieder mal über die sogenannten Kopfnoten (Verhalten und Mitarbeit) diskutieren, und es kein einziger Schüler im Verhalten auf eine Eins schafft, dann bin ich schon irritiert. Der Maximilian soll die gleiche Verhaltensnote erhalten wie der Yannik, der ständig stört und bei Gruppenarbeiten prinzipiell die anderen arbeiten lässt? Das ist nicht fair.

Frau von Ostrach ereifert sich: „Also der Maximilian, Frau Henner, der ist doch nur so nett, damit der bessere Noten bekommt! Und überhaupt, der engagiert sich nur in der Schule, weil er an sein eigenes Fortkommen denkt!“ Punkt. Basta! Am Ende haben wieder mal alle eine Zwei bekommen. Und Fräulein Häuptchen bemerkt in harschem Tonfall: „Und dann möchte ich noch sagen, der Ton den der Maximilian an den Tag legt, wenn er Dinge in der Klasse organisiert, also der ist ja der eines Feldmarschalls. SO REDET MAN NICHT!“ Zum Abschluss bin ich also noch einmal in eine Comedyshow geraten. Ich sehe das schon als Sketch mit Anke Engelke vor mir.

Im Flur treffe ich an meinem letzten Tag dann auf besagten Maximilian. „Oh Frau Henner, gut, dass ich Sie treffe“, sagt er freundlich, „ich habe Sie schon überall gesucht. Hier habe ich noch ein Geschenk für Sie. Das ist eine CD mit allen Fotos drauf, die wir im Laufe der Jahre mit Ihnen gemacht haben, damit Sie uns nicht vergessen!“ Das ist aber nett. Wir verabreden uns gleich einmal zum Abitur. Spätestens dann sehen wir uns wieder, dann stehst du da oben auf unserer Bühne mit all den anderen aus deiner Klasse, abgemacht? Maximilian nickt: „Hoffentlich.“ „Was heißt hier hoffentlich, na klar, ich trau das euch allen zu!“ Jetzt lächelt Maximilian. „Na, wenn Sie das sagen.“ Klar sage ich das, die wirklich überforderten Schüler habe diese Klasse längst verlassen müssen. Jeder, der jetzt noch dabei ist, kann sein Abitur schaffen – mit mehr oder weniger Aufwand. Bei Maximilian eindeutig mit weniger Aufwand. Und weil er trotzdem immer viel tut, wird es ein super Abitur werden. Ganz bestimmt. Egal welche Verhaltensnote dasteht.

Als nach der Zeunisausgabe die ganze Schulmeute endlich weg ist, sitzt Anita noch da. Der Papa hat vergessen sie abzuholen, gerade hat sie mit dem Handy zuhause angerufen. Ich finde das traurig. Vergessen zu werden, ist schlimm. Also setzte ich mich die zehn Minuten noch zu ihr, die der Papa brauchen wird, auch wenn Anita nicht zu meinen Lieblingsschülerinnen gehört hat. Im Unterricht war sie häufig bockig, suchte Fehler nie bei sich und hatte schnell schlechte Laune. Aber Kinder sind häufig Spiegelbilder der häuslichen Verhältnisse. Die Anita, die ein wenig traurig grade an der Bushaltestelle sitzt, ist eine ganz andere als die aus dem Unterricht. Ich frage nach den Sommerferien und sie erzählt von dem Haus in Rumänien, dass der Papa gerade gebaut hat und der fünfzehnstundenlangen Fahr dahin und von der großen Verwandtschaft dort und von der kleinen Schwester, auf die sie Rücksicht nehmen muss. Und ich erkenne ein zerrissenes Ich, einen Menschen, der in zwei Welten lebt, der auf der Suche nach Identität ist. Endlich verstehe ich Anita besser und freue mich sehr, dass sie mich warmherzig anlächelt, als der Papa vorfährt. Also auch mit Anita ausgesöhnt, selbst wenn nie etwas vorgefallen ist zwischen uns, so scheiden wir noch viel besser voneinander. Schade, dass wir nicht schon früher dieses Gespräch hatten.

Seltsam, aber die Abschiede von den Kindern, die berühren mich im Innersten, während es mir nicht schwerfiel, mich von den Erwachsenen zu verabschieden. Und da wird mir bewusst, dass ich tatsächlich mit Leib und Seele Lehrer geworden bin in den letzten Jahren.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 37: Jan am Ende – am Ende noch einmal Jan

Liebe Leser,

es gibt die witzigen Kinder, die den Lehrer bewusst oder manchmal auch unfreiwillig zum Schmunzeln bringen, die stillen, die sich schlecht einschätzen lassen, die langweiligen, an die man schnell keine Erinnerung mehr hat, die strebsamen, deren Namen man noch Jahre später kennt, die Rabauken, die einem das Leben von Zeit zu Zeit schwer machen, die vom Schicksal geschlagenen, die das Mitleid herausfordern, und dann gibt es Jan.

Jan hat mich zwei Jahre lang begleitet oder besser gesagt ich ihn. Er hat wild um sich geschlagen, unflätig herumgeschrien, war immer als erster fertig und uneinsichtig, wenn man ihn bat, sorgfältiger zu arbeiten. Neben Kindern wie Jan will in der Regel kein anderes Kind sitzen. Also sitzen Jans oft allein und meist erste Reihe, damit man sie ständig im Auge hat. Und Jans genießen diese Aufmerksamkeit, denn sie brauchen sie. Jan würde alles tun, um vom Lehrer beachtet zu werden.

Es geht gar nicht anders, ich schenke ihm mehr Beachtung als jedem anderen Kind in der Klasse. Ich sehe, wenn er wieder unleserlich schreibt und halte einfach nur meinen Zeigefinger in sein Heft, dann weiß er schon, was los ist. Jan kommt immer dran, wenn er sich meldet, Jan stellt inzwischen seine Exklusivfragen flüsternd und ich beantworte sie häufig. Ab und zu mahnt ihn mein Blick, bevor etwas Schlimmeres passiert. Viel nonverbale Interaktion zwischen Lehrertisch und erster Reihe hat dazu geführt, dass Jan sich halbwegs einfügt.

Jan hat sich dadurch enorm verbessert.

Nicht nur seine Leistungen wurden stetig besser, auch sein Verhalten hat sich verändert. Er muss nicht mehr sofort herausplatzen, was ihn anbelangt, er lässt andere zu Wort kommen und er beteiligt sich sogar in Gruppenarbeiten. Über Wochen erhalte ich keine Elternmails mehr. Yeah! Es wird Zeit, ihn aus der Eins-zu-eins-Betreuung zu entlassen. Andere Kinder haben auch ein Recht darauf. Und ich selbst muss ebenso mit meinen Kräften haushalten.

Die letzten Wochen des Schuljahres schienen mir für dieses Experiment besonders gut geeignet. Also: Jan fort aus der ersten Reihe und als Mitglied einer inzwischen funktionierenden Klassengemeinschaft mitten hinein zu den Kameraden.

Schon nach wenigen Tagen fällt mir auf, dass mit Jan etwas nicht stimmt. Er meldet sich kaum mehr und war doch vorher kaum zu bremsen. Da ich mich nun endlich mehr um andere Kinder kümmern kann, kommt mir das ganz recht. Dann fängt er an zu zucken. Nun ja, Ticks haben Kinder immer mal. Wird schon vorüber gehen. Aber das Zucken ist wirklich auffällig. Selbst Kollegen sprechen mich darauf an. Es dauert nicht lange, bis die ersten Mails wieder einsetzen. Was denn los sein in der Schule, weil die Frau Mama wissen. Jan wäre so bedrückt. Auch zuhause gehe es schlechter. Ob ich da etwas wisse?

Unser Schuljahresabschlussausflug steht an. Die Eltern sind über alle Eventualitäten informiert, bitte genügend Essen und Trinken mitgeben… Jan hat nichts dabei. Aber er lügt mich an. „Mein Essen habe ich im Rucksack“, sagt er, als ich ihn frage, ob er Hunger habe, weil mir auffällt, dass er ständig seine Klassenkameraden um Süßes angeht. Da Jan aus einem sozial abgesicherten Elternhaus kommt, denke ich mir, wird er genauso umsorgt sein wie alle anderen Kinder. Am Anfang geben sie ihm noch etwas, irgendwann reicht es ihnen jedoch. Da kommt heraus, dass er auch nichts zu trinken hat. Und auch nicht die Regenjacke, die wir so dringend benötigen, weil es gegen Abend zu einem heftigen Gewitter kommt. Wie ein Häufchen Elend sitzt er frierend unterm Unterstand, während die anderen Kinder munter Spaß miteinander haben, ihre Wurstbrote vertilgen und aus Thermoskannen Kakao trinken. Und dann tickt Jan aus.

„Ihr Hurensöhne, ihr verf*ten A*schgesichter ihr…“, schreit er und stürzt sich auf die am nächsten stehende Kindergruppe, um wahllos auf sie einzuschlagen und zu würgen. Aber sie wehren sich und Sekunden später steht Jan vor Wut bebend auf der einen Seite und die Klasse zutiefst erschrocken auf der anderen und ich dazwischen. Das Gewitter ist vorüber, der Regen nur noch sanft, wir könnten weitergehen. Mit ein paar beruhigenden Sätzen und Kopfnicken schaffe ich, dass die Klasse friedlich weiterzieht, Hauptsache erst einmal weg von Jan. Der ist allerdings nicht zum Weitergehen zu bewegen.

Es braucht viel Geduld, viel Gelassenheit und ein paar pädagogische Tricks, aber alle Kinder kommen gesund und munter ans Ziel. Selbst Jan. Und seine Klassenkameraden sind noch nicht einmal besonders verstimmt. Verwundert über ihre Größe, aber erleichtert über die Deeskalation falle ich auf die Bank der Schenke.

Später ruft Jans Mama an. Nach zwei, drei Sätzen bricht die Stimme, sie weint. Jan sei so unkontrollierbar geworden. Sie wisse nicht mehr, was sie tun solle. Natürlich habe er Essen mitbekommen, aber er habe nichts haben wollen. Am Handy kann ich kein rechtes Gespräch mit ihr führen. Hier in den dichten Wäldern des Südens habe ich kaum Empfang. Zudem habe ich schon so viele Gespräche geführt, auch Jans Mama hat von mir ungleich mehr Aufmerksamkeit erhalten als alle andere Eltern. Jetzt möchte ich nur noch mein Abendessen. Und danach werde ich mit den Kindern Karten spielen. Jeder soll heute schöne Erinnerungen sammeln. Es war ein wunderbarer Tag, den lassen wir uns nicht durch Jan verderben. Jan kann gerne mitspielen. Niemand schneidet ihn. Die Abendsonne taucht alles in ein sanftes Rosa.

Ach, sollen sich die nächsten Lehrer um Jan kümmern. Nächstes Schuljahr. Es gibt Grenzen. Meine ist hier erreicht. Ich schlage sowieso einen Familientherapeuten vor. Jans Problem liegt viel tiefer, als ein Pädagoge vordringen könnte. Aber wenn sich gar niemand kümmert, haben wir hier einen potenziellen Gewalttäter sitzen.

Nach dem Abendessen sind alle bester Laune – auch Jan. Wir spielen Karten – alle gemeinsam. Es wird viel gelacht und geträumt und in den Sommerabend gelauscht. Was das Leben uns wohl so bringt?

Als die Eltern die Kinder abholen, verabschieden sich einige Kinder mit strahlenden Gesichtern, ein paar Eltern nicken mir immerhin zu. Zwei Mamas bedanken sich für diesen gelungenen Abschluss und führen noch einen kurzen Schwatz mit mir. Jan verschwindet ohne jede Spur, seine Eltern sehe ich nicht. Das Problem sitzt ganz, ganz tief.

Aber ich mache mir trotzdem noch einen schönen Abend. Ich kann nicht die Last der Welt tragen. An diesem Tag bin ich für alle Kinder dagewesen – nicht nur für Jan. Punkt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner