Von Freundebüchern und Untoten

Lieber Leser,

eine interessante Entwicklung in Bloggerkreisen fällt mir auf. Wahrscheinlich ein alter Hase und ich bekomme das erst jetzt mit, denn ich bin  – was das Internet anbelangt! – kein alter Hase. Es geht um die Fragen, die man sich gegenseitig stellt und als Stöckchen zuwirft, sich verlinkt oder was auch immer.

Es erinnert mich an meine Jugend. Es gab da eine Zeit, als das Privatfernsehen ganz neu war und auf RTL (glaube ich) mittags lauter Trickfilme kamen. Meine Mutter hatte einen gänzlich unbedarften Umgang mit diesem neuen Phänomen und ließ mich nach der Schule diesen Scheiß diese unterschwellige Unterhaltung angucken. Eigentlich ein Unding: raus aus der Schule, ab nach Hause, seinen Teller mit Mittagessen ins Wohnzimmer balanciert! und Kiste an. Das durfte ich! Würde ich heute Lucy nie erlauben, nie im Leben. Ist ja totale Verblödung… schweig, naja, aus mir ist doch auch was geworden, oder?

Aber es waren Trickfilme und so ein Trickfilm schafft es nicht, meine Aufmerksamkeit auf Dauer zu fesseln. Aber ich liebe Hörspiele. Also habe ich den Fernseher angemacht und gar nicht hingeschaut. Nachdem der Teller leer war und ich fünf Minuten geguckt hatte, habe ich meine Hausaufgaben erledigt und in Freundebücher eingeschrieben. Alles bei laufender Glotze.

Und jetzt komme ich endlich zu den Stöckchen. Das waren damals die Freundebücher. Meines Wissens gab es noch keine vorgedruckten Freundebücher oder wir hatten einfach keine. Wir haben die selbst gemacht. Es gab schöne dicke Karohefte zu kaufen, die wir Kladden nannten. Und dort haben wir unsere Fragen reingeschrieben. Natürlich auch sowas Langweiliges wie Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsstar (obwohl das langsam wieder interessant wird, Gott, wen hab ich damals eingetragen – Johnny Depp?). Die Hauptsache waren aber interessantere Fragen wie:

Du fährst auf eine einsame Insel und darfst drei Dinge mitnehmen. Erkläre warum du dich für die entschieden hast!

Wann willst du mal heiraten und warum?

Welche Eigenschaften schätzt du an einem Menschen?

Diese Fragen dachte man sich selbst aus oder übernahm sie einfach aus anderen Freundekladden. Damit habe ich ganze Nachmittage verbracht. Denn im Gegensatz zu heute musste man ja nicht nur die Antworten hinkritzeln, sondern auch noch die Fragen abschreiben, denn es gab ja keine Vordrucke – und es war immer eine ganze Doppelseite. Zudem hatten wir auch den Ehrgeiz, das alles schön zu gestalten… es hat viel Spaß gemacht und gehört zusammen mit einer neuen Zeit, die heute schon längst wieder Vergangenheit ist.

Wir haben es also des Spaßes wegen gemacht und weil wir noch wenig andere Ablenkungsmöglichkeiten hatten. Und weil wir neugierig waren. Und wozu wirft man sich heute Stöckchen im Blögchen zu? Es hat doch etwas von diesem alten Kinderspiel von damals. Weil wir das immer noch mögen? Weil wir neugierig sind, weil es im Internet trotz Blogs und social network doch recht anonym zugeht? Weil wir uns als Menschen wahrnehmen wollen? Weil wir Menschen nach Zusammenhängen suchen, uns ein Bild machen wollen?

Lange Rede, kurzer Sinn. Hier die elf Fragen von Pimalrquadrat (danke für den kleinen Ausflug in die Vergangenheit!):

1. Was befindet sich in Griffnähe zu deinem Bett?

Total bieder: ein Nachttisch mit Wecker und einem Buch oder zwei oder drei…

2. Hast du ein Ritual vor dem Schlafengehen, falls ja, welches? (Z.B. noch ein wenig lesen, etc.)

Oft bin ich zu erschöpft, um nach lange zu lesen, deshalb stapeln sich auch die Bücher so. Aber wenn ich das Licht lösche und schlafen will, besuche ich imaginäre Orte und Menschen. Von diesen Orten habe ich eine Handvoll, die ich mir in den letzten Jahrzehnten immer genauer ausgemalt habe. Ich kann da quasi nach Hause kommen, als wäre es ein zweites Leben. Ich finde es ja sowieso schade, dass wir nur ein Leben haben… und schon bin ich eingeschlafen.

3. Was war deine letzte, richtig gute Tat?

Ins Poesiealbum (also vor der Zeit der Freundekladden) habe ich immer einen Sinnspruch eingeschrieben: Man kann nicht jeden Tag etwas Großes tun, aber gewiss etwas Gutes. Den Spruch fand ich schon als Kind schön und er zeigt, dass Gutes gar nicht groß sein muss.

Letzte Woche habe ich ein paar meiner Nervensägen gelobt, obwohl ich ihnen vor den Ferien den Hals hätte umdrehen können, aber Leistung ist Leistung und da gab es nichts zu kritteln. Ich war also nicht nachtragend und empfinde das als etwas Gutes, wenn auch Klitzekleines.

4. Und was war dein letzter großer Aufreger?

Diese Woche neue Anweisungen von Regierungspräsidium für unsere Schule, die versuchen, uns als Gymnasium platt zu machen. Aber dazu ein andermal.

Seltsamerweise habe ich mich persönlich nämlich gar nicht aufgeregt. Das Leben wird weitergehen. Ich werde weiterkämpfen. Leben heißt nicht Stillstand. Wir werden sehen…

5. Mit welcher Kleinigkeit könnte man dir die aktuell die größte Freude machen, und warum?

Mit schöner Wolle könnte man mich momentan beglücken, auch heute beschäftige ich mich gerne noch mit anderen Dingen als nur einem Film zu folgen. Aber schöne Wolle ist eigentlich keine Kleinigkeit, richtige Wolle hat zurecht ihren Preis, eine Tüte leckeren Tees würde es auch tun. Teetrinken (oder wahlweise Kaffee) und Abwarten ist immer gut…

6. Waschbrett- oder Waschbärbauch?

Was ist ein Waschbärbauch?

7. Bist du eher ein Sommer- oder ein Wintermensch?

Eindeutig ein Herbstmensch! Das ist meine Lieblingsjahreszeit, die Fülle an Farben und Düften, Wechsel von Licht und Schatten und über allem der Hauch von Erinnerung. Mit dem Herbst bin ich ganz bei mir.

8. Hast du eine kreative Ader, wenn ja, welche? Lebst du diese auch aus?

Wo ich gehe, wo ich stehe, immer sing ich vor mich hin, diese ganzen Melodien gehn mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich singe und erfinde dabei Lieder. Wenn ich jünger wäre und auf der Suche nach Ruhm, würde ich das Ganze ins Netz stellen. Aber hey, dann wäre ich auch nicht glücklicher – denn dafür reicht schon die Musik allein. Musikmachen macht glücklich!

9. Du hast gerade eine/n Horrorgeschichte/-film gelesen/gesehen und musst in den Keller. Was nun?

Licht aus und rinn in den Keller! Ich lese Horror und gucke mir auch so etwas an – ich weiß, wie ich manipuliert werde und grusele mich trotzdem wirklich sehr, aber was solls, wenn ich in den Keller muss, dann muss ich wohl. Da bin ich dann doch pragmatisch. Ich gehe auch nachts allein im Wald spazieren. Manchmal denke ich mir dann selbst die besten Horrorgeschichten aus… neulich hatte ich eine spannende Idee von einer riesigen Welle Untoter, die im Winter abends übers Land schwappt und aufs Licht zugeht und dort alles niedermäht. Da ich ja aber ohne Licht im Freien war, habe ich mich hinter den nächsten Holzstapel gelegt, ganz flach auf den Boden gepresst und die Untoten sind an mir vorbei marschiert. Ein kalter Hauch überflutete mich und die Nacht wurde noch schwärzer, weil mit einem Mal alle Lichter unseres Dorfes ausgingen… ja sowas denkt sich Frau Henner aus, wenn sie allein spazieren geht. Dann ist jedes Wildschwein absolut harmlos. Sagt das irgendetwas über meine Psyche aus? Aber wisst ihr was, den Holzstapel hab ich mir zur Sicherheit trotzdem schon mal ausgesucht, man weiß ja nie. Also Licht anmachen, nö, damit verrate ich mich ja nur. Licht bleibt aus. Da fühle ich mich sicherer.

10. Wie stehst du zur Todesstrafe?

Nein, auch wenn ich verstehe, dass Menschen Rache verspüren. Nein, wir dürfen uns nicht auf die gleiche Ebene herablassen wie der Täter. Auch wenn das schwierig ist. Ein einzelner mag töten können, eine Gesellschaft aber sollte das tunlichst vermeiden – eine Gesellschaft ist stärker als alle Impulse.

11. Welchen Film, den du sehr magst, meidest du, weil du genau weißt, dass du hinterher eine Packung Taschentücher brauchst?

Ich heule recht schnell vor Rührung, wenn ein Mensch etwas Gutes tut, über sich hinauswächst – aber dann wirft mir Herr Henner sein Taschentuch rüber (als Mann hat er immer ein sauberes dabei, alte Schule!) und ich kuschele mich noch weiter in meine Decke ein und heule weiter. Wo ist da das Problem?

 

Jetzt sollte ich mir eigene Fragen ausdenken, obwohl ich einige von Pimalquadrats doch recht nett fand und gerne beantwortet habe. Der Einfachheit halber nehme ich also schon mal die drei aus meinem alten Freundebuch:

1. Du fährst auf eine einsame Insel und darfst drei Dinge mitnehmen. Erkläre warum du dich für die entschieden hast!

2. Wann willst du mal heiraten und warum? (Sollte man für Erwachsene vielleicht umändern in : Wie stehst du zum Heiraten?)

3. Welche Eigenschaften schätzt du an einem Menschen?, klaue mir ein paar bei Pimalrquadrat:

4. Was war deine letzte, richtig gute Tat?

5. Mit welcher Kleinigkeit könnte man dir die aktuell die größte Freude machen, und warum?

6. Hast du eine kreative Ader, wenn ja, welche? Lebst du diese auch aus?, klaue mir ein paar aus einer Radiosendung:

7. Was fällt dir leichter: anfangen oder aufhören?

8. Welches Buch liegt momentan auf deinem Nachttisch?, und denke mir selbst noch ein paar aus (wer hat eigentlich diese Zahl elf festgelegt?):

9. Wen du einen Roman schreiben würdest, wovon würde er handeln?

10. Tanzbär oder Salzsäule?

11. Gibt es einen Punkt in deinem Leben, an dem du gerne grundlegend anders gehandelt hättest?

Und das alles schicke ich an Herr Mess und gebe sie auch gerne frei an alle, die Spaß dran haben. Fragt euch Löcher in den Bauch, aber vergesst nicht – im Netz ist alles nur ein Spiel, oder doch nicht?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Bin ich Günther Jauch?

Liebe Leser,

noch vor den Ferien hätte ich Nico und Oskar und ein paar andere Jungen aus meiner Sechsten auf den Mond schießen können. Sie waren menschlich nicht zum Aushalten. Irgendein Weihnachtsmärchen ist inzwischen geschehen. Oder sind es Neujahrsvorsätze?:

„Ich nehme mir vor bei der Frau Henner ein ganz normaler Junge zu sein, ich werde mich im Unterricht melden, wenn ich etwas weiß, lächeln, wenn mich Frau Henner anlächelt, und ich werde mich bemühen, niemanden blöd anzumachen und so zu tun, als sei ich der Größte. Ab heute bin ich der nette Junge von nebenan.“

So stelle ich mir das vor. Anders kann ich mir die seltsamen Veränderungen nicht erklären.

Ich mache gerade Rechtschreibung – obermegalangweilig. Aus pragmatischen Gründen arbeite ich mit unserem völlig überaltertem Schulbuch, welches absolut keinen Schüler vom Hocker haut. Natürlich denke ich mir nette, kleine Auflockerungen aus – aber im Grunde ist mein Unterricht gerade genau das, was momentan die Medien niederschreien: ich stehe vorne, erkläre, schreibe Sätze an, die Schüler beantworten meine Fragen, dann schreiben sie alles ins Heft ab und wir machen die Übungen aus dem Buch. Very old fashion. Aber die Stimmung ist ungefährt so wie bei „Wer wird Millionär“. Wenn Fabrice überlegt, warum man „am größten“ trotz Substantiv-Signal nicht groß schreibt, dann ist es still, wie bei der Zehntausend-Euro-Frage. Und wenn Christina fragend in die Menge schaut, weil sie nicht versteht, was ein Indefinitpronomen ist, meldet sich die Klasse von allein zum Publikumsjoker. Fabian, Maximilian, Hannah, Nico!, Justus, Bernhardt, Felix, Paul, Doreen, Oskar, Nadja, Elena und Serafina nehmen ihre Arme schon gar nicht mehr runter. Sogar die stille Lara meldet sich. Das lässt nur zwei Schlüsse zu:

1. Ich sehe aus wie Günther Jauch oder

2. Es ist doch alles nicht so blöd (die Schüler, der Lehrer, der Unterricht, Rechtschreibung).

Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich für 2.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Parallelverschiebung

Liebe Leser,

Lucy hat ihre Hausaufgaben in der Freistunde erledigt. Freistunde und Hausaufgaben? Als Mutter ist man da doch eher skeptisch und lässt sich besagte Aufgaben noch einmal zeigen. Koordinatensysteme, Parallelogramme, orthogonale und parallele Strecken – aha. Stopp.

Was auf den ersten Blick recht gut aussah, kommt dann doch nicht durch meine Gütekontrolle.

„Was ist das?“

„Keine Ahnung!“

„Was soll das denn sein?“

„Weiß ich doch nicht, das ergibt sich halt, wenn man die Punkte einträgt.“

Kinder haben es schon schwer. Als Erwachsener sieht man sofort, dass es sich höchstwahrscheinlich um ein Parallelogramm handeln soll – laut Lehrbuch. Aber ein Parallelogramm hat dann eben auch parallele Seiten – zumindest die gegenüberliegenden. Ein Erwachsener liest sich schnell die Aufgabenstellung durch und erkennt den Fehler. Ja, Kindern fehlt dieser Durchblick oft – sie merken gar nicht, dass etwas falsch sein könnte.

Lucy hat eine Seite nicht parallel, sondern irgendwie verschoben. Das ist doch easy, denke ich, dann mach halt eine Parallelverschiebung. Das kenne ich noch aus der Grundschule. Einmal gelernt, nie vergessen. Ich mache nun den typischen Fehlschluss, dass ich glaube, auch andere Menschen – in dem Falle Lucy – müssen genauso begeistert und überzeugt von dieser Methode sein.

Lucy greift ihr Geodreieck und verschiebt mit Augenmaß. Was eine Zehnjährige so halt Augenmaß nennt. Ich nenne das krumm und schief. Ja ja, Frau Henner ist da pingelig. Parallelogramm heißt nun mal Parallelogramm und nicht Irgendwiegramm. Lucy ist schon sichtlich genervt. Besonders weil bei ihr längst die Erkenntnis durchsickert, dass sie eventuell die Hausaufgabe noch einmal machen muss. Eine ganze Seite!

Ich erkläre Lucy, wie man mithilfe eines Lineals und des Geodreiecks jede beliebige Linie parallel verschieben kann. Das klappt so gut, das muss sie doch erkennen, dass das eine bessere Methode ist als Ich-schätze-halt-so-ab. Lucys Argument ist stärker:

„Wir haben das im Unterricht aber noch nie so gemacht und wir werden das auch in der nächsten Mathearbeit nicht so machen!“

Lucy hasst es, wenn ich ihr etwas beibringen will. Ich hasse es, wenn sie sich von mir nichts beibringen lassen will. In der Schule hängen die Schülerchen meist ganz brav an meinen Lippen, Lucy guckt nicht mal auf meine Zauberhände, die ihr Schmierblatt mit lauter parallelen Linien überziehen. Es handelt sich hier um einen typischen Eltern-Kind-Konflikt. Dass es ausgerechnet Mathe ist, ist völlig egal. Mathematik hat Lucy nämlich inzwischen ganz gerne.

Also verlasse ich Lucy und flöte noch, dass sie ja nun wisse, wo es hapert und dass sie halt die Aufgabe noch mal machen müsse. Sei ja nicht schlimm. Aus Fehlern lerne man schließlich.

Hätte sie mal lieber in der Freistunde Stadt-Land-Fluss gespielt, das wäre effektiver gewesen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Westbam und Thomas Tallis

Liebe Leser,

nachdem Lucys Sportlehrerin den schönen Herbst für ein bisschen Leichtathletik genutzt hat, dachte sie nun in der Graunebel-Schneematsch-Zeit an ein bisschen Tanz. Die Gruppe besteht nur aus Mädchen, die müssen soetwas doch mögen.

Lucy ist ein Kind, das der Englisch-Lehrerin erklären kann, dass die Green-line-Kinder, die in die Thomas Tallis School gehen, auf eine Schule gehen, die den Namen eines berühmten Renaissancekomponisten trägt. Rihanna und Co kennt Lucy nur dem Namen nach, aber sie zeigt daran auch noch nicht viel Interesse. Also ist Tanz etwas sehr, sehr Neues für sie – und noch für einige andere, und Lucy merkt, dass es da einige gibt, die ihr etwas voraus haben. Lucy will nun zuhause üben.

Also kramt Herr Henner seine alten Ravebase-CDs heraus und der satte Bass wummert durch das Haus. Westbam und Marusha wechseln sich gegenseitig ab. Mama Henner muss einfach lostanzen. Gott, wie lange nicht so getanzt! Lucy ist recht schnell erschöpft, während ich noch munter durchs Zimmer hüpfe, um sie zu animieren.

Ich erinnere mich noch sehr genau. Auch ich stammte aus einem Klassik-Haushalt und fand die ersten Schuldiskos schrecklich. Weil ich das nicht tanzen konnte. Und wer nicht tanzen kann, tanzt nicht und kann es auch nicht. Das ist ein Kreislauf. Irgendwann habe ich mich überwunden. Zwar habe ich nie die aktuellen Hits gehört, sondern eher die Musik, die sich unter Independent zusammenfassen ließ, aber für die Disko hat mein Rhythmusgefühl dann doch gereicht. So weit ist Lucy noch nicht.

Am Ende unserer Ravesession fallen wir erschöpft in unserer Sessel. Herr Henner legt Thomas Tallis ein – eine vierzigstimmige Motette und Lucy sagt:

„Das gefällt mir trotzdem besser.“

Ich kann Lucy verstehen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ich will dir mal offiziell das Du anbieten…

Liebe Leser,

zum Einstieg eine kleine Episode: Ich jogge mit einer Bekannten und wir treffen mitten im Wald auf ein Auto mit jungen Männern und einem Kasten Bier auf der Rückbank.

„Tschuldigung, können Sie uns sagen, wo hier der Rastplatz ist?“

Können wir, tun wir auch. Als die jungen Männer fröhlich abgefahren sind und uns noch gewunken haben, platzt meine Bekannte entsetzt heraus: „Die haben uns mit „Sie“ angesprochen!“ Sie sagt es mehrfach und: „Lilo, jetze sind wir alt.“

Nun, das ist eine Interpretationsweise.

Blogs sind ja eine besondere Art der Kommunikation, weil man mit vielen Menschen spricht, die man nicht alle persönlich kennt. Und trotzdem finde ich es überhaupt nicht unhöflich, euch alle zu duzen, weil es das Schreiben einfacher macht und ich mir nicht mehr merken kann, wer gerne geduzt wird (umgekehrt hat sich noch niemand beschwert, dass er lieber gesiezt werden möchte). Also, ich bin die Lilo und du kannst du zu mir sagen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Lilo, die sich weiterhin Frau Henner nennt

Zäher Start mit Grusel-Franz

Liebe Leser,

herzlicher ging das aber auch schon – der Start ins neue Jahr. Schon am Morgen ist laue Stimmung im Lehrerzimmer, kaum jemand da. Wo sind die denn alle? Als der Direktor uns begrüßt, sind gerade zwei bis drei Handvoll Lehrer anwesend. Höchstens. Haben die anderen heute ihren freien Tag? Mittwochs? Also fällt das Bussi Bussi etwas mager aus. Ein Händedruck tut’s auch. Und überhaupt, wird eh alles überschätzt.

Meine Schüler schlafen definitiv noch. Nicht die Sechser – die haben zwar mal wieder ihren gesamten Hirninhalt über die Ferien ausgeschüttet: Maximilian kriegt keinen geraden Buchstaben hin, selbst Lara weiß einfachste Dinge aus Klasse 5 nicht mehr, aber munter sind sie definitiv. Ganz im Gegensatz zur Oberstufe, die stark ausgedünnt und schweigend vor mir sitzt. Wie, wir schreiben bald Abitur? Jau Mann, zählt schon mal die Tage!

Franz ist besonders müde. Still ist er immer, das ist nichts Neues. Er gehört zu der Sorte Mensch, die keinerlei Gemütsregungen im Gesicht verraten – egal ob ich ihn anraunze, weil er mal wieder keine Hausaufgaben hat, oder ihn lobe, weil er für manche Inhalte wirklich Talent hat. Immer trägt er den gleichen neutralen, leicht abweisenden Gesichtsausdruck. Wenn man das überhaupt Ausdruck nennen kann. Das ist gruselig. Und führt zu Spekulationen im Lehrerzimmer. Die Diagnose reicht von homosexuell und Probleme mit dem Outing über Asperger Syndrom bis zu schlichtweg „doof“. An diesen Diskussionen beteilige ich mich nicht, bringt ja nicht weiter, aber Grusel-Franz ist mir schon unheimlich. Wenn er wenigstens einmal herzlich lachen würde! Heute schläft er zudem noch fast im Stehen ein. Wenn ich ihm eine Aufgabe gebe, erledigt er sie wie ein Roboter, irgendwie mechanisch. Eigeninitiative ergreift er sowieso nicht. Ich muss an Psychothriller denken (und an Psychopathen) und bin erleichtert, dass bald das Abitur kommt. Grusel-Franz macht keine Probleme, ist ein durchschnittlicher Schüler, auf der einen Seite talentiert, auf der anderen faul, eben ein normaler Jugendlicher, aber wenn ich ihn nicht mehr unterrichten muss, werde ich trotzdem erleichtert sein. Und da bin ich nicht die einzige.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder warum Frau Henner schlaflose Nächte bereitet

Liebe Leser,

vorab eine Warnung: Menschen, die schnell unter Schlafstörungen leiden, sollten diesen Post nicht lesen. Hört auf, trinkt ein Glas Wein, macht euch einen schönen Abend… wer aber gerne rätselt und oder mathematisch Denken kann oder zumindest Spaß daran hat, darf gerne weiterlesen. Aber kommt mir nicht hinterher und beschwert euch…

Vor zehn Jahren hätte Frau Henner sich geschmeichelt gefühlt, wenn ihr einer gestanden hätte, dass er wegen ihr nicht mehr schlafen kann, aber wenn nun Frau Henners Vater (ein Mann schon jenseits der Rentengrenze) anruft und fleht: „Verrat uns das bitte mit der Ziege, deine Mutter schläft seit drei Tagen nicht mehr, sie leidet da regelrecht drunter!“, ja dann ist es alles andere als schmeichelhaft, dann hat Frau Henner ein Problem.

Aber zum besseren Verständnis von Anfang an. In den Weihnachtsferien kommen die Eltern der Henners vorbei – sowohl die leiblichen, als auch die schwieger. Man trinkt Kaffee, macht ausgedehnte Spaziergänge, unterhält sich und irgendwann kommt Herr Henner mit ein paar Rätseln. Dazu muss man wissen, beide Opas scheuen geistige Herausforderungen nicht und insbesondere meine Wenigkeit ist in einem Haushalt groß geworden, in dem gerne mal eine knifflige Aufgabe gestellt und gelöst wurde. Mein Vater hatte schon immer viel Freude daran. Herr Henner sagt gleich, dass das wirklich schwierige Rätsel seien, aber man könne ja gemeinsam…

Ein, zwei Rätsel lösen wir recht schnell, mehr oder weniger gemeinsam. Dann kommt die Sache mit der Ziege.

Letzte Warnung, jetzt könnt ihr noch aussteigen!

Ein Bauer hat eine quadratische Wiese, die nicht umzäunt ist. Er möchte eine Hälfte für seine Bienen lassen. Die andere Hälfte jedoch soll seine Ziege exakt halbkreisförmig abfressen. Die parallel zur Außenkante halbierende Mittellinie des Quadrats bildet dabei den Durchmesser des imaginären Kreises, von dem aber nur eine Hälfte von der Ziege abgefressen werden darf. (Zeichnungen sind erlaubt!) Der Bauer geht zu einem weisen Mann und erläutert sein Problem. Der weise Mann gibt dem Bauer drei Seile und drei Pflöcke und erklärt ihm, wie er damit seine Ziege anpflocken muss, um das Problem zu lösen. Wie pflockt der Bauer die Ziege an?

Eine kurze, rege Diskussion entsteht, dann sehe ich die Lösung vor mir.

„Ich hab’s“, sage ich und ernte erstaunte Blicke.

Ich gehe mit Herrn Henner in die Küche und erkläre ihm meine Lösung, wir zeichnen das kurz auf, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, Frau Henner ist glücklich, karamba! Als ich ins Wohnzimmer zurückkehre, treffen mich erwartungsvolle Blicke.

„Ja, es funktioniert“, sage ich nur und genieße den kleinen Triumph. Die Opas und Omas zeichnen, diskutieren, gucken mich schräg von der Seite an. Irgendwann beschließen sie, ein anderes Rätsel zu lösen.

Zu dem sagt Herr Henner: „Also das hab ich auch nicht rausgekriegt, da muss man mathematisch denken können…“ Ich gehe inzwischen mal in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Aus dem Wohnzimmer dringen laute Stimmen herüber.

Noch während des Essens kommt immer wieder das Gespräch auf die Ziege.

„Nein, man darf keinen Zaun bauen“, murmel ich.

Und meine Mutter sagt: „Aber heute Abend müsst ihr das auflösen, sonst kann ich nicht schlafen!“

Zwei Tage später ruft meine Mutter an und hat „mal ein paar Fragen zu der Sache mit der Ziege“.

„Nein, die Ziege wird nicht umgepflockt“, sage ich unter anderem.

Noch einen Tag  später dann der Anruf meines Vaters. „Verrat uns das bitte mit der Ziege, deine Mutter schläft seit drei Tagen nicht mehr, sie leidet da regelrecht drunter!“ Ich verrate aber keine Rätsellösungen, nein, das mache ich nicht. Aber ich kann ja Fragen stellen, solche, mit denen meine Eltern, die beide an der Lautsprechanlage des Telefons sitzen, jeder Papier und Stift in der Hand, doch selbst zur Lösung kommen können. Interessanterweise hat meine Mutter dann auch schon Lösungsansätze, die sie nur noch zusammendenken muss, aber das kann sie nicht.

„Du hast es mir doch schon gesagt, jetzt bring das beides zusammen!“

„Das kann ich aber nicht, ich hab da ein Brett vorm Kopf. Das hab ich noch nie gekonnt…“

Da greift mein Vater rettend ins Gespräch ein und präsentiert mir die Lösung. Hundert Punkte für Opa! Während mein Vater nun meiner Mutter die Lösung aufzeichnet, will ich mich aus dem Gespräch verabschieden. Schlaf gerettet, Familienfrieden wieder hergestellt… „Und wie ist das mit den Geldsäcken?“, fragt mein Vater.

„Das hab ich mir selbst noch gar nicht angeguckt, aber wenn Herr Henner sagt, dass das wirklich schwierig sei…“, wiegele ich ab und lege auf.

Und dann packt mich der Ehrgeiz. Ich hole mir Papier und Stift. Wie war das noch mal?:

Man hat zehn Säcke voll Münzen. In neun Säcken sind echte Münzen zu zehn Gramm das Stück. In einem aber sind falsche Münzen zu neun Gramm das Stück. Der Unterschied ist mit der Hand nicht zu messen. Weder bei einer einzelnen Münze noch bei einem ganzen Sack. Du hast aber eine Digitalwaage und darfst genau eine Wägung vornehmen. Dann musst du sagen, in welchem Sack das Falschgeld ist. Wie machst du das?

Frau Henner kriegt es raus in weniger als einer Viertelstunde und platzt fast vor Stolz. Und was macht sie dann? Sie greift zum Telefonhörer und ruft bei ihren Eltern an. Zum Glück ist der Vater dran.

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich die Sache mit den Geldsäcken raushabe. Schönen Tag noch.“

Eine halbe Stunde später ruft der Schwiegervater an: „Alles klar bei euch?“, fragt er höflicherweise, „ich hab da mal noch eine Frage zu der Sache mit der Ziege…“

Am nächsten Tag ruft mein Vater wieder an und sagt nur: „Ich wollte dir nur sagen, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Ich hab’s raus!“

Hundert Punkte für meinen Vater, auf den ich richtig stolz bin.

Er lacht und meint: „Naja, von irgendwem musst du das ja schließlich haben!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner, die eines dabei gelernt hat: Stelle nie jemandem ein Rätsel, der Schlafprobleme hat!

P.S. Noch eine große Bitte: Veröffentlicht KEINE LÖSUNGEN! Freut euch, wenn ihr es raushabt. Für manche ist das ja Kinderkram, aber bitte bitte, verratet nicht, wie es geht. Ein Rätsel soll schließlich ein Rätsel bleiben!