Unterschiedliche Wahrnehmung

Liebe Leser,

der Mathelehrer ist genesen und Lucy hat nun erfahren, warum auf der Halbjahresinformation eine Drei in Mathe prangt. Der Mathelehrer hat ihr mündlich eine 3-4 gegeben und die Gesamtnote dann aufgerundet. Das mit dem Aufrunden verstehe ich nicht, denn genau dafür haben wir ja in der Halbjahresinformation die Viertelnoten. Und überhaupt: aufgerundet werden doch nur die x,5-Schnitte? Aber sei es drum, Lucy hat gefragt und hat Antwort bekommen, das ist schon mal was.

Ich gebe eine solche Note (3-4) in Klasse Fünf eigentlich nur, wenn ein Schüler stumm drinhockt und auf Fragen Minimalantworten gibt. Kann er dann auch kaum etwas sagen, erteile ich eine Vier. Sagt er gar nichts Richtiges, kommt eine Fünf – ist aber noch nie vorgekommen, weil ich Schüler ja so fragen kann, dass schon irgendwas Richtiges dabei ist. Aber ich bin wahrscheinlich zu gutmütig.

Lucy beteiligt sich am Unterricht. So sieht sie es. „Ich melde mich mehrmals in der Stunde, wirklich. Aber meist komme ich nicht dran.“ Das ist ihre Wahrnehmung.

„Lucy beteiligt sich zu selten“, das ist die Wahrnehmung des Lehrers.

Ich kann das nicht beurteilen und denke, der Lehrer wird schon Recht haben. Kinder können sich eben noch nicht richtig einschätzen. Die 3-4 schmerzt mein Mutterherz. Völlig normal. Zumal das kein anderer Lehrer so sieht. Lucy ist im Mündlichen der typische Einser- und Zweier-Kandidat. Aber auch das ist kein Argument. Mathe ist etwas anderes als Deutsch oder Biologie.

Und Lucy? Sie ist ein wenig schockiert. Interessanterweise gibt sie sich nicht bockig. Sie ist ziemlich gelassen. Vielleicht schöpft sie sogar Motivation daraus und lernt, dass sie nicht hinterm Berg halten darf? Also wegen des Mündlichen will sie sich ja nicht die Mathenote verderben. Auf ins nächste Halbjahr!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Rechtschreibung braucht man heute sowieso nicht mehr!

Liebe Leser,

beim Einkaufen treffe ich eine Mutter. Sie kommt freudestrahlend auf mich zu und bedankt sich für die Halbjahresnote ihres Sohnes. Ich wiegele erst einmal ab, dass sie sich nicht bei mir bedanken müsse, es sei schließlich die Leistung des Kindes. Im Hintergrund läuft mein Daten-Abgleichprogramm: mit wem spreche ich eigentlich, wessen Mutter ist das? Die nichtvorhandene Ähnlichkeit hilft mir dabei nicht weiter, aber dann denke ich an die Noten und tatsächlich, da habe ich doch einem Jungen eine 1-2 auf der Halbjahresinformation gegeben, der bei meiner Vorgängerin eine Drei hatte.

Ich erzähle der Mutter jetzt nicht, dass fast alle Jungen bei meiner Vorgängerin eine Drei hatten und die Mädchen ausschließlich Einsen und Zweien, egal wie fähig oder auch unfähig. Zum Glück habe ich diese Mutter getroffen, denn es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass ein Mädchen jetzt mit einer Drei dasitzt, die bei der anderen Lehrerin immer eine Eins hatte. Wenn ich mir die Leistungen des Mädchens angucke, kann ich nicht nachvollziehen, wie sie das bei einer halbwegs objektiven Bewertung geschafft haben will. Wahrscheinlich war sie brav, das mag die Kollegin und stellt es über alles.

Wir plaudern noch fünf Minuten und kommen ganz schnell auf das leidige Thema Rechtschreibung.

„Wissen Sie, Frau Henner, ich möchte schon gerne wissen, woran das liegt, dass die Kinder so schlecht in Rechtschreibung sind“, sagt die Mutter, „Kann das was damit zu tun haben, dass die Kinder schreiben durften, wie sie wollen?“

Ihr wisst, dass ich kein Freund davon bin, aber spätestens ab Klasse 3 führen doch die meisten Grundschulen dann auch die Rechtschreibung ein…

„Nein, ich hab mich da so oft mit dem Grundschullehrer drüber unterhalten, der sagte: Die Kinder schreiben später nur noch mit dem Computer. Rechtschreibung braucht man da sowieso nicht mehr. Das macht alles der Computer mit dem Rechtschreibprogramm!“

Na, dann lasse ich mal über diesen Post das Rechtschreibprogramm laufen. Ich habe ein paar Fehler eingebaut. Zwei der Fehler erkennt das Programm überhaupt nicht, weil er einzelne Wörter überprüft, aber nicht den Zusammenhang. Dafür liefert er mir fünf Falschmeldungen, die aber richtig sind. Ich habe schon oft festgestellt, dass das Rechtschreibprogramm keine Ahnung von Groß- und Kleinschreibung und auch Getrennt- und Zusammenschreibung zu haben scheint. Fehler beim das-dass erkennt er auch nicht richtig, sondern sagt nur „wiederholtes Wort“, sieben Wörter kennt er gar nicht. Die Vorschläge haben zum Teil gar nichts mit dem von mir intendierten Wort zu tun. Wenn das Wort vorne nicht halbwegs richtig geschrieben ist, ist der Computer nahezu hilflos, weil er nicht weiß, was ich eigentlich sagen wollte.

Sicher, es gibt bessere Rechtschreibprogramme und manch Tippfehler wird dadurch aufgespürt, aber deshalb eine alte Kulturtechnik aufzugeben, das richtige Schreiben, das ist traurig und als Lehrer macht man sich gegenüber den Kindern schuldig, wenn man ihnen das verwehrt.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Hier folgt der Text noch einmal, so wie ihn das Rechtschreibprogramm gerne hätte. In Klammern gesetzte Wörter erkennt der Computer nicht und kann also auch nicht korrigieren:

Liebe Leser,

beim Einkaufen treffe ich eine Mutter. Sie kommt Freude strahlend auf mich zu und bedankt sich für die (Halbjahresnote) ihres Sohnes. Ich wiegte erst einmal ab, dass sie sich nicht bei mir bedanken müsse, es sei schliesslich die Leistung des Kindes. Im Hintergrund läuft mein Daten-Abgleichprogramm: mit wem spreche ich eigentlich, wessen Mutter ist das? Die nicht vorhandene Ähnlichkeit hilft mir dabei nicht weiter, aber dann denke ich an die Noten und tatsächlich, da habe ich doch einem Jungen eine 1-2 auf der (Halbjahresinformation) gegeben, der bei meiner Vorgängerin eine drei hatte.

Ich erzähle der Mutter jetzt nicht, dass fast alle Jungen bei meiner Vorgängerin eine drei hatten und die Mädchen ausschließlich Einsen und Zweien, egal wie fähig oder auch unfähig. Zum Glück habe ich diese Mutter geschossen, denn es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass ein Mädchen jetzt mit einer drei da sitzt, die bei der anderen Lehrerin immer eine Eins hatte. Wenn ich mir die Leistungen des Mädchens angucke kann ich nicht nachvollziehen, wie sie das bei einer halbwegs objektiven Bewertung geschafft haben will. Wahrscheinlich war sie brav, das mag die Kollegin und stellt es über alles.

Wir plaudern noch fünf Minuten und kommen ganz schnell auf das leidige Thema Rechtschreibung.

„Wissen Sie, Frau Henne, ich möchte schon gerne wissen woran das liegt, dass die Kinder so schlecht in Rechtschreibung sind“, sagt die Mutter, „Kann das was damit zu tun haben, dass die Kinder schreiben durften, wie sie wollen?“

Ihr wisst, dass ich kein Freund davon bin, aber spätestens ab Klasse 3 führen doch die meisten Grundschulen dann auch die Rechtschreibung ein…

„Nein, ich hab mich da so oft mit dem Grundschullehrer drüber unterhalten, der sagte: Die Kinder schreiben später nur noch mit dem Computer. Rechtschreibung braucht man da sowieso nicht mehr. Dass macht alles der Computer mit dem (Rechtschreibprogramm)!“

(Na), dann lasse ich mal über diese Post das (Rechtschreibprogramm) laufen. Ich habe ein paar Fehler eingebaut. Zwei der Fehler erkennt das Programm überhaupt nicht, weil er einzelne Wörter überprüft, aber nicht den Zusammenhang. Dafür liefert er mir fünf Falschmeldungen, die aber richtig sind. Ich habe schon oft festgestellt, dass das (Rechtschreibprogramm) keine Ahnung von Groß- und Kleinschreibung und auch Getrennt- und Zusammenschreibung zu haben scheint. Fehler beim das-dass erkennt er auch nicht richtig, sondern sagt nur „wiederholtes Wort“, einige Wörter kennt er gar nicht. Die Vorschläge haben zum Teil gar nichts mit dem von mir intendierten Wort zu tun. Wenn das Wort vorne nicht halbwegs richtig geschrieben ist, ist der Computer nahezu hilflos, weil er nicht weiß, was ich eigentlich sagen wollte.

Sicher, es gibt bessere (Rechtschreibprogramme) und manch Tippfehler wird dadurch aufgespürt, aber deshalb eine alte Kältetechnik aufzugeben, das richtige Schreiben, dass ist eine traurig und als Lehrer macht man sich gegenüber den Kindern schuldig, wenn man ihnen das verwehrt.

Man kann schon verstehen, worum es gehen soll, aber ich habe die Mutter übrigens nie abgeschossen! Nur um das klarzustellen, auch wenn es richtig geschrieben ist.

Brudermord im Altwasser – wenn Wörter funkeln und die Lernlust erwacht

Liebe Leser,

in einer losen Reihe möchte ich mich immer wieder mit Erinnerungen an die alte Schulzeit beschäftigen, weil es viel später interessant sein könnte, was Schule gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutet hat, aber vor allem, weil ich meiner Tochter Lucy etwas hinterlassen möchte, was ihr, wenn sie erwachsen ist, einen Blick auf die Facetten ihrer Mutter erlaubt, die sie nicht selbst erlebt hat.

Da kommt es gerade recht, dass Bob Blume eine Blogparade zum Thema Lernlust veranstaltet, bei der jeder, der sich beteiligt, ganz subjektiv aus eigener Erfahrung berichten darf. Wunderbar. Und dann lese ich auch gleich von anderen initiierenden Momenten…

Die kleine Frau Henner war ein braves Mädchen, aber damals waren alle Mädchen brav. Ich habe mich nicht auf die Schule gefreut, weil mein großer Bruder schon in der Schule war und mir seine Laune nicht besonders gesteigert vorkam. Das habe ich auch allen verkündet auf die allgegenwärtige Frage: „Und, freust du dich schon auf die Schule?“ „Nein!“

Aber ich bin dann doch sehr gerne hingegangen. Zum einen habe ich sofort gemerkt, dass ich das kann, wen motiviert das nicht? Zum anderen fand ich das Lernen wirklich spannend. Wenn ich aber heute über meine Lehrer aus der Grundschulzeit zurückdenke, kann ich das kaum fassen. Ich hatte langweilige, politisch verborte, stupide den Plan abarbeitende Lehrerinnen, die weder hübsch noch in irgendeiner Weise interessant waren. Und ich saß in den späten Achtzigern in zur Tafel ausgerichteten Bankreihen, haben Aufgaben aus dem Lehrbuch bekommen und bearbeitet. Nix Gruppenarbeit, nix Projekt, nix moderne Lehrmethoden. Wer nichts konnte, wurde vom Lehrer bloßgestellt, wer aufmuckte, kam vor die Tür. Ein besonderes Lob erhielt ich selten, sehr gute Leistungen wurden von mir erwartet, gute Noten schon mit gespielt enttäuschter Mine kommentiert. Das Individuum interessierte in meiner Grundschulzeit niemanden.

Aber ich bin gerne zur Schule gegangen. Ich erinnere mich an so viele Schulstunden! Aber eine ist mir wie ins Hirn gebrannt. Dank Georg Britting! Unsere Lehrerin – ein wenig begabte Frau – las uns die Kurzgeschichte „Brudermord im Altwasser“ von ihm vor. Ich will euch nichts verraten, wenn ihr sie noch nicht kennt, nur soviel: heute würde die kein Lehrer in der Grundschule mehr drannehmen. Tod, Versagen, Schuld… das sind keine Themen für Kinder. Denkt ihr!

Die Sprache der Geschichte nahm mich so gefangen, ihre stille, atmosphärische Erzählweise berührte mich, das Tragische faszinierte mich. Die Wörter begannen zu funkeln. Wir sollten uns nach dem Lesevortrag in einen der beiden Brüder hineinversetzen und seine Gedanken auf dem Nachhauseweg aufschreiben. Es war mucksmäuschenstill, als unsere Federn über das Papier kratzten. Gebannt hörte ich zu, was die anderen geschrieben hatten. Ich weiß es noch wie heute, wir hatten uns alle in den jüngeren Bruder versetzt, wir wollten unsere Schuld kleinschreiben. Das beschämte mich einen Moment. Als wäre ich selbst dabeigewesen.

Immer wieder habe ich an die Kurzgeschichte gedacht, aber nie gewusst, wie sie heißt und von wem sie ist. Das hatte uns unsere Lehrerin nicht gesagt und es war sowieso dritte oder vierte Klasse, welches Kind will da den Autor wissen? Aber im Studium stolperte ich über den Titel „Brudermord im Altwasser“ und sofort wusste ich, dass das die über Jahre gesuchte Geschichte sein muss.

Noch etwas hat die Kurzgeschichte bewirkt. Seither habe ich mich nicht mit meinen Gedanken versteckt. Seitdem wählte ich lieber die ungewöhnliche Perspektive. Als wir in Geschichte ein Gnadengesuch an einen Pharao schreiben sollte, wurde mein Untertan trotzdem hingerichtet, als wir in Deutsch Mondgedichte schreiben sollten, habe ich aus der Sicht eines Mörders geschrieben, der in einer klaren Mondnacht nach vollbrachter Tat mit seiner Schuld ringt, als wir in Geschichte eine Gedenkmarke für die Französische Revolution entwerfen sollten, wählte ich Robespierre und die Guillotine, ich habe aufgehört, an Happy Ends zu glauben, weil mir durch diese Kurzgeschichte die fast körperliche Erfahrung kam, dass gerade die andere Seite die für unseren Geist anregendere Seite ist.

Es war also nicht die Lehrerin, es war auch nicht die Methode, es war ganz allein der Inhalt.

Später hatte ich auch ein paar gute Lehrer neben schlechten und sehr schlechten, aber wenn der Inhalt interessant war, hatte ich immer Lust zu lernen, egal wie!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Erstaunliches

Liebe Leser,

vor einigen Wochen habe ich euch berichtet, wie schockiert wir als Kollegium waren, als wir mitbekamen, wie groß der Anteil der Kinder inzwischen ist, die keine Gymnasialempfehlung haben und trotzdem aufs Gymnasium gehen. Völlig klar, es gibt eine Grauzone, völlig klar, ein guter Realschüler kommt auch bei uns mit, völlig klar, es gibt die Spätzünder, alles völlig klar.

Probleme bereitete uns eher, dass das durch G8 durchaus angezogene Tempo mit einem so hohen Prozentsatz an Kindern, die etwas länger brauchen, um die Inhalte zu verstehen und Fähigkeiten auszubilden, einfach nicht zu halten ist. Besonders ärgerlich ist das, wenn es sich nicht um Kinder handelt, die in der Grauzone liegen und damit unseren Ehrgeiz motorisieren, sondern wenn es sich in den Augen der Grundschullehrerinnen um eindeutige Hauptschüler handelt. Nun kann man verschiedene Strategien fahren. Die einen Lehrer senken das Niveau oder senken die Notenanforderungen, die anderen haben es aufgegeben, einer Handvoll Kindern überhaupt noch etwas zu erklären.

„Am Anfang hab ich mich noch hingesetzt und es den zwei mit der längeren Leitung halt noch einmal erklärt, vielleicht auch noch ein zweites Mal. Heute gehe ich an dem Platz vorbei, sehe, dass im Heft nur Murks entsteht, und gehe weiter, weil ich weiß, dass es das Kind einfach nicht verstehen wird.“ So der O-Ton aus dem Lehrerzimmer. „Und es sind ja auch nicht mehr zwei, sondern inzwischen sind es fünf Kinder oder mehr – pro Klasse.“ Ein anderer Kollege meint: „Ich mach jetzt nur noch das Experiment und lasse ein Protokoll anfertigen. Das dauert in der Regel viel zu lange und wir haben weder die Zeit noch überhaupt das Verständnis, um über eine Erklärung des Beobachteten nachzudenken. Das lasse ich dann eben weg.“

Und was jetzt? Reihenweise Fünfer? Nö, in den einzelnen Arbeiten schon, aber nun nach einem halben Jahr zeigt sich, dass die liebe heile Notenwelt die Leistungen nivelliert hat. Noch sind wenig der Unterstufenschüler versetzungsgefährdet, trotz grottiger Leistungen in den Klassenarbeiten hieven sich die meisten der schwierigen Fälle doch auf eine Vier und manchmal sogar auf eine Drei.

So schlimm sieht es also gar nicht aus!

Das ist doch erstaunlich. Ich weiß noch nicht, ob ich das jetzt positiv oder negativ werten soll. Ganz ehrlich – ich denke, es ist zu früh, um wirkliche Aussagen treffen zu können. Das Fazit steht zwar: Auch Hauptschüler kommen am Gymnasium mit. Aber es ist erst ein halbes Jahr vergangen. Nun wird es interessant, was das Endjahr bringt und vor allem, was geschieht, wenn die Komfortzone der Unterstufe verlassen wird.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Also sprach Zarathustra

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich nur meine Hohlstunde entspannt mit einem Käffchen verbringen, als ich am Kaffeeautomaten auf Pistorius treffe, den Kollegen, der sich mit der viel lieberen Parallelklasse herumschlägt. Pistorius ist ein frommer Mensch, der einen guten Humor besitzt und eigentlich immer freundlich ist. Auch zu mir, obwohl ich in vielem anders denke und handele, wie übrigens fast alle weiblichen Kollegen an unserer Schule. Ihr werdet gleich verstehen, wo der Konflikt unter anderem liegt.

Eigentlich wollte ich nur nett sein und wir wechseln ein paar Worte. Eigentlich wollte ich mich ÜBERHAUPT nicht auf eine Diskussion einlassen, weil ich in früheren Jahren gelernt habe, dass eine solche mit Fundamentalisten zu nichts führt – außer zur eigenen Verzweiflung. Aber Pistorius ist doch immer so entgegenkommend und ich habe das Gefühl, dass er auch gerne ein bisschen plaudern möchte.

Warum wir gleich zum Eingemachten kommen, weiß ich nicht mehr, aber es geht nach wenigen Minuten um nicht Kleineres als Gott und unsere Rolle auf Erden. Ich kann akzeptieren, dass er Gott über alles stellt und sein Handeln nach ihm ausrichtet, ich halte es tatsächlich für seine Privatangelegenheit, wenn er seine Frau und Kinder von allen schädlichen Einflüssen abhält wie Arbeit, Kindergarten, Fernsehen oder gar Internet. Es ist sein Leben und seine Frau sieht es ja auch so. Da haben sich also zwei gefunden, die gemeinsam ein gutes Leben bestreiten. Das aber mein Leben kein gutes ist, weil ich trotz Kind arbeite und mein Kind auch zeitweilig in eine öffentliche Betreuung gebe, das muss ich nicht akzeptieren. Aber Pistorius spricht sein Denken gar nicht aus. Ich kann ihm gar nicht widersprechen, denn nur zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass er alles, was nicht seiner göttlichen Ordnung entspricht, nicht nur ablehnt, sondern in Grunde auch als bekämpfenswert erachtet.

Er hält meinen Gedanken, dass Religion eine Privatangelegenheit ist und unser Zusammenleben vom Staat geregelt sein sollte – einem Staat der Freiheit im Denken bei gleichzeitigem Schutz der Persönlichkeitsrechte und nicht zuletzt Frieden als oberste Maximen haben sollte – diesen Gedanken hält er für einen Irrglauben, denn es kann sich kein Staat über Gott stellen. Unser Zusammenleben sollte auf Gottes Regeln aufbauen.

Unsere Diskussion verfängt sich ein wenig in einer Standortbestimmung: wieviel freiheitliche Gedanken gestehen wir dem einzelnen und damit auch dem Andersgläubigen oder Nichtgläubigen zu, wo tun sich Grenzen auf, wo müsste ein Staat eingreifen… Seine Argumente sind teils sehr nachvollziehbar, teils widersprüchlich und manchmal steigt auch eine leise Furcht in mir auf. Pistorius ist ein so friedlicher Mensch, aber ich merke zunehmend, hier hat er seine Grenze. Für Gottes Wort wäre er zu vielem bereit.

„Aber dann bist du ja beim Heiligen Krieg!“, meine ich unser Gespräch zusammenfassend.

Und was antwortet Pistorius?

Er lächelt mich an und schweigt. Sein Lächeln spricht Bände, sein Schweigen auch.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Lucy erfindet neue Fächer

Liebe Leser,

grad so schaffe ich es noch nach Hause – vorbei an hängengebliebenen LKWs, trotz Winterreifen schlingernd und mit dem besorgten Blick in den immer noch schneewolkenverhangenen Himmel. Der Winterdienst hat keine Spuren hinterlassen. Angeblich kam ein Räumfahrzeug durch, als alle schon irgendwie zur Arbeit fort waren, aber der Neuschnee hat die Straße schon wieder überhäuft, so dass ich nicht ins Warme komme, ehe ich nicht die Zufahrtsstraße und die Einfahrt geschippt habe. Nur wohin eigentlich noch mit dem Schnee?

Das Gute daran ist, dass ich heute garantiert kein weiteres Sportprogramm brauche. Und für Lucy ist es das reinste Paradies. Vorm Haus entsteht ein Iglu und heute Abend könnten wir aus Schneebällen Leuchtkegel errichten, in deren Innerem eine in ein Glas gestellte Kerze brennt. Aber ob ich morgen zur Schule komme? Darf man in der Schule anrufen und sagen: „Ich komme heute nicht, weil ich nicht kommen kann“? Endlich habe ich den Schnee besiegt und kann mein Auto in die Garage fahren. Wie freue ich mich da auf ein warmes Mittagessen!

Lucy sinniert beim Mittagessen: „Wenn man drei Fächer abschaffen dürfte und drei neue dazunehmen, das wäre schön!“

„Was wäre das denn?“

„Also abschaffen würde ich Lernen lernen, Musik und Naturphänome!“, kommt Lucys Antwort recht schnell.

„Und was würdest du statt denen aufnehmen?“

„Also auf alle Fälle ein Fach Erforschen, wo man sich selbst Fragen stellen kann und dann erforscht man das. Da kann man dann an seiner eigenen Frage überlegen oder passende Experimente machen… und dann würde ich noch ein Fach einführen, wo man was für andere tut, anderen hilft, den Schulgarten pflegt, sich um irgendwas kümmert.“

„Aha, Soziales Engagement…“

„Ja, das könnte man Soziales Engagement nennen.“

„Und als drittes?“

Jetzt muss Lucy überlegen: „Hm, ein Fach, wo man draußen ist und sich bewegt, also unter freiem Himmel, nicht wie in Sport, also nicht in Sportkleidung. Man könnte Ausflüge machen und Schnitzeljagden und solche Sachen.“

„Also ein Rausgeh-Fach.“

„Ja, Erforschen, Soziales Engagement und Rausgeh-Fach, das wäre super!“, strahlt Lucy nun.

Während Lucy nun schnell ihre Aufgaben macht, damit sie in das weiße Winterparadies kann, sitze ich am Computer und überlege, was das über Lucy und die Schule aussagt. Lucy ist neugierig und will etwas lernen, aber manchmal würde sie sich viel lieber mit dem beschäftigen, was sie interessiert. Schließlich werden in Naturphänomene Experimente gemacht, Fragen geklärt. Aber Lucy will selbst die Fragen und ihre Antworten finden, mehr zu einem spannenden Thema wissen, als nur einen Merksatz abschreiben. Lernen lernen findet sie einfach doof, weil langweilig. Und Musik… naja, das Thema hatte ich schon, wenn etwas mehr gesungen werden würde, würde vielleicht auch mehr Freude aufkommen? Lucy möchte die Welt gerne direkt begreifen, draußen, mit Menschen, mit eigenen Ideen.

Sie beschwert sich nicht, nein, sie geht gerne zur Schule. Und ich denke, nun ja, ein bisschen mehr Leben in unserer Schule wäre schon nicht schlecht. Ein paar mehr Projekte, ein Ausflug mehr, eine Wanderung und dann kann vieles auch bleiben, wie es ist. Lernen lernen ist vom Konzept eigentlich gut: wir bringen Kindern bei, wie sie richtig lernen. Aber die Voraussetzungen sind so unterschiedlich, dass es auch einige Kinder langweilt, weil sie das bereits können. Hier müssten wir dringend über Differenzierung nachdenken, neue Konzepte für das Fach. Und Musik? Da bin ich noch immer ratlos.

Der Schnee fällt noch immer. Lucy wird gleich erforschen, wie haltbar Schnee ist, in ihrem Rausgeh-Fach. Vielleicht kann ich sie überzeuge, dass zum Sozialen Engagement auch gehören könnte… beispielsweise unsere Straße freizuschippen?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Halbjahr!

Liebe Leser,

das erste Halbjahr ist schon wieder geschafft, ab nächste Woche gilt der neue Stundenplan, der aber zum Glück nur marginale Veränderungen bringt. Viel interessanter ist das erste Halbjahreszeugnis!

Selbst wenn das eigene Kind in der Grundschule wenig Schwierigkeiten hatte, weiß man als Eltern nicht hundertprozentig, wie das eigene Kind sich nun an der weiterführenden Schule schlägt. Natürlich ahnt man es, schließlich muss man ständig irgendwelche Noten unterschreiben. Und ich durfte dieses Halbjahr nur Einsen und Zweien unterschreiben und eine Zweibisdrei. Es läuft also. Lucy gehört zur Leistungsspitze der Klasse, aber sie ist nicht die beste Schülerin, was auch gut ist, wie schnell bekommt man von neidischen Mitschülern sonst den Streberstempel auf die Stirn gedrückt. Es ist also alles in Butter.

Wenn… ja wenn da nicht diese Drei auf dem Zeugnis prangte. Obwohl Lucy immer eine Zwei in schriftlichen Arbeiten in Mathe mit nach Hause gebracht hat, steht auf dem Zeugnis eine Drei.

Hat sich der Mathelehrer verrechnet? Unvorstellbar.

Ist Lucy im Mündlichen so eine Niete, dass das durchschlägt, obwohl in Mathe das Mündliche recht wenig zählt? Hm?

Ist das eine pädagogische Entscheidung, die Lucy anspornen soll, nicht nachzulassen, damit am Ende eine Zwei dasteht? Vorstellbar, aber seltsam, denn davon fühlt sich Lucy nun ganz und gar nicht motiviert.

Ich suche nach weiteren Gründen, aber mir fällt nichts Vernünftiges mehr ein. Bekommt Lucy absichtlich eine schlechtere Note, damit niemand glaubt, Lehrerkinder werden bevorzugt? Absurd! Eher glaube ich, dass der Mathelehrer noch Noten gemacht hat, von denen ich nichts weiß und vielleicht sogar Lucy nichts ahnt. Bei Gelegenheit werde ich den Mathelehrer ansprechen, bei Gelegenheit, wenn er sich von der Grippe erholt hat, die gerade einen Teil unserer Lehrerschaft lahmlegt und wenn ein wenig Gras darüber gewachsen ist. Ich will nämlich nicht als Löwenmutter kämpfen, weil ich zu nah an den Kollegen dran bin, aber ich will schon wissen, wie es zu dieser Note kommt. Aber es soll nicht vorwurfsvoll rüberkommen, sondern ehrlich interessiert und ein bisschen beiläufig. Es ist ja eh nur eine Halbjahresinformation…

Würde ich auch so handeln, wenn ich keine Lehrerin wäre? Ja, ich denke schon. Denn am Ende sind die Kinder doch abhängig vom Wohlwollen des Lehrers – und nervige Mütter hinterlassen keinen guten Eindruck, das steht mal fest. Und was am Jahresende auf dem richtigen Zeugnis steht… werden wir sehen und überhaupt, wen interessiert schon die Mathenote in Klasse 5?

Lucy! Mit dieser Note steht und fällt die Motivation, die sie endlich aufgebaut hatte.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner