Schleichender Verfall

Liebe Leser,

der Schnee deckt die Schmuddelecken zu und es könnte eine so schöne Winterwelt sein, aber es ist alles nur Schein. Gehäuft kommen sie nun die Anweisungen und Empfehlungen von oben, die das Gymnasium in Baden-Württemberg kaputt machen sollen. Offiziell heißt es zwar, nein, das Gymnasium darf bleiben, aber die Wegweiser zeigen in eine andere Richtung.

Meist sind es kleine, unscheinbare Dinge. Das Niveau am Gymnasium ist mit der Einführung des Wegfalls der Grundschulempfehlung noch einmal rapide gesunken, aber wir dürfen keinem Kind zum Halbjahr den Wechsel auf die Realschule empfehlen – das ist in der Fünften tabu. Das Kind kann Fünfer und Sechser haben, so viel es will, es soll sich erst einmal aklimatisieren. So ein Start ist schwierig, wir wollen keinen rauswerfen. Lieber ein ganzes Jahr in den Sand setzen, als zum Halbjahr die Notbremse ziehen. Geben wir den Kindern etwas mehr Zeit, Zeit um noch mehr Fünfer zu sammeln.

Da das Niveau gesunken ist, brauchen wir bessere Noten, sonst wirft das ein zu schlechtes Bild. Ein Vorschlag für Deutsch ist jetzt: statt einem großen Diktat lieber drei kleine schreiben und dann jeweils nur den Schwerpunkt mit einem ganzen Fehler bewerten. Dadurch halbieren sich gleich mal die Fehler und wir haben bessere Noten. So einfach ist das! Ist aber erst einmal nur eine Empfehlung…

Und da jetzt die Realschulen die zweite Fremdsprache auch ab Klasse sechs einführen müssen, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, sein Kind auf die Realschule zu geben. Und dann haben wir die endlich kaputt und installieren die neue, schöne Gemeinschaftsschule. Und dann sagt man den Landgymnasien ganz offen, dass man erwarte, dass sie sich ebenfalls in den nächsten Jahren in Gemeinschaftsschulen umwandeln – ganz freiwillig. In den neuen Lehrplänen ist doch das Wort „Studierfähigkeit“ sowieso komplett gestrichen worden. Wozu also noch das Gymnasium?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

Die Welt da draußen

Liebe Leser,

das Leben auf dem Lande ist sehr ruhig. Die Radionachrichten morgens im Bett dauern zehn Minuten inklusive Wetter. Plakatwände fahre ich auf dem Arbeitsweg nicht ab, Fernsehen ist marginal. Ich lebe hinterm Mond. Nicht ganz – ich lese Zeitung, oft aber erst ein paar Tage verspätet. Bei mir kommen wichtige Nachrichten an, aber nicht mehr ganz so heiß, wie sie gekocht wurden. Das genieße ich, denn es beruhigt mein Leben.

Wenn ich jedoch mit meinen Eltern telefoniere oder Menschen, die gerade in Großstädten leben, erfahren ich einmal mehr, dass es da auch noch ein anderes Deutschland gibt. Meine Mutter macht sich richtig Sorgen, meine Geschwister diskutieren über Pegida, die Gemüter sind erhitzt. Das abendliche Fernsehen macht ihnen zu schaffen. Manche gehen auf Kundgebungen. Nun ist es nicht so, dass ich politisch desinteressiert bin, nein, im Gegenteil, ich halte mich für einen politischen Menschen und beziehe auch Stellung. Ehe ich jemanden seiner Meinung wegen verurteile, versuche ich seine Beweggründe zu erfahren. Erst dann kann ich mich überhaupt äußern.

Und ich muss mich auch selbst hinterfragen. Warum stört es mich überhaupt, dass ein paar unserer Schülerinnen Kopftücher tragen und sich bis auf eine kleine Gesichtsscheibe gänzlich verhüllen? Was ist denn so schlimm dabei? Es ist doch ihre Sache, wie sie rumlaufen? Eigentlich ist Frau Henner doch ein toleranter Mensch. In den letzten Jahren haben wir immer mehr Schüler muslimischen Glaubens an unserer Schule. Zu diesem Umstand habe ich keinerlei Gefühle, das ist einfach so. Ich empfinde es nicht per se als Bereicherung. Denn allein ein Glaube bereichert nicht – ich kann nur den Menschen im Besonderen als Bereicherung empfinden, seinen Charakter, seine Handlungen – und dafür, ja dafür gibt es viele Beispiele.

Meine Bewunderung für eine Schülerin mit türkischen Eltern ist beispielsweise sehr groß. Sie hat letztes Jahr Abitur gemacht und schlechte Startbedingungen (zuhause kein Deutsch und in der Schule viel Gegenwind) durch stetigen Fleiß wettgemacht. Wie oft wurde in der Mittelstufe gesagt, sie gehöre nicht aufs Gymnasium, und sie hat es allen gezeigt. In ihr – und natürlich in vielen anderen – habe ich Menschen kennen gelernt, die ich achte und die mir ein positives Bild zeigen. Allein über ihren Glauben haben wir nie gesprochen. Nicht absichtlich – er war einfach kein Thema.

Ein anderes Mädchen mit türkischen Eltern gibt hingegen religöse Phrasen wider, die ans Fundamentale grenzen und die ich so nicht als Bereicherung empfinden kann und genau das auch äußern können möchte. Sie ist verschleiert und sagt Sätze wie: „Gottgefällige Muslime bedecken ihr Haar, die Muslime, die das nicht machen, werden bestraft.“ Sie ist ein Kind, persönlich verzeihe ich ihr solche Aussagen, sie betet nur das her, was ihr die Eltern eintrichtern. Aber wie fühlen sich eigentlich die anderen muslimischen Mädchen aus der Klasse, die alle kein Kopftuch tragen? Sie sind irritiert. „Wieso bestraft mich Gott, was habe ich denn getan?“

Bei diesem Mädchen wird das Kopftuch zu einer Meinungsäußerung, die die Freiheit anderer einschränkt, und steht somit gegen meine demokratische Auffassung von persönlicher Freiheit. Das kann ich dem Kind nicht anlasten, deshalb behandele ich es wie alle anderen Schüler. Die Religion des Kindes spielt keine Rolle in der Schule – wir sind säkularisiert. Und das Kind wird auch keine Extrarolle spielen. In der Theorie.

In der Praxis ist das ziemlich schwierig, weil die Eltern durch das Tuch UND die Äußerungen das Kind in eine Außenseiterposition bringen. Und an der Stimmung im Kollegium merke ich, dass wir auch nicht wirklich gewillt sind, dem Kind herauszuhelfen. Warum? Weil auch wir uns angegriffen fühlen, vielleicht sogar provoziert, aber ein gleichberechtigter Dialog bleibt uns verwehrt. Und das staut Unverständnis an.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Kopflos

Liebe Leser,

als Kind gruselte mich das Märchen von Zwerg Nase schon bei der Beschreibung des Zwergs, wenn sein großer Kopf bedenklich auf dem dünnen Hals hin- und herwackelte. Inzwischen bin ich groß und mein Kopf sind fest und recht aufrecht auf dem Halse. Dass das auch anders geht, beweisen mir heute zwei kleine Jungs aus Lucys Parallelklasse.

Nach Schulschluss warte ich auf dem Lehrerparkplatz auf meine Tochter. Mit mir die anderen Lehrerkinder. Da fällt mir ein, dass Lucy Sport hat und es noch ein bisschen dauern kann, außerdem habe ich ja die Autoschlüssel – im Gegensatz zu den anderen Wartenden. Ha, ich setze mich schon mal in den Wagen. Als ich in den Rückspiegel gucke, erblicke ich eine kuriose Szene.

Zehnjährige Jungs sind seltsame Zwitterwesen. Auf der einen Seite sind sie noch so knuddelig und süß, wie viele Mädchen schon längst nicht mehr in diesem Alter, so mit verträumt naivem Blick und dem richtigen Händchen für die blödesten Nebensächlichkeiten. Auf der anderen Seite wollen sie schon Männer sein, die Größten, cool und das macht sie gerne auch extrem nervig.

Hinter meinem Auto gut einsehbar stehen jetzt drei Jungen, die schon von der Turnhalle gekommen sind. Einer hat seine Sporttasche noch über seinen sowieso schon weit herauskragenden Rucksack auf den Rücken geklemmt, so dass er von der Seite aussieht wie ein kenterndes Schiff. Der Riemen der Sporttasche ist straff über die Stirn des Jungen gespannt, seine Pudelmütze wird nach oben gestaucht. Um nicht nach hinten zu kippen, muss er sich quasi in die Riemen legen. Er sieht selten dämlich aus. Und irgendwie lustig. Wenn er sonst cool ist, lachen die anderen mit ihm, wenn er nicht cool ist, macht er sich gerade noch mehr zum Außenseiter. Aber noch eine Eigenschaft von zehnjährigen Jungs: Äußerlichkeiten sind ihnen oft noch egal. Der Clown scheint Glück zu haben. Die anderen Zwei sind… ähem… kopflos.

Genau das sehe ich: jeweils zwei Turnschuhe, zwei Jeansbeine, ein Stück Anorak, den Rucksack und… nichts.

Zwei Minuten vergehen. Regungslos. Nur das Sporttaschenschiff springt hin und her.

Dann löst sich das Rätsel auf, die anderen beiden gehen drei Schritte vorwärts und nun sehe ich sie im Viertelprofil. Die Köpfe stehen ungelogen im 90GradWinkel nach vorn, so dass die Köpfe von hinten nicht, aber auch gar nicht zu sehen waren. Das sieht ziemlich ungesund aus. Vor allem, wenn man neulich gelesen hat, dass das Gewicht unseres Kopfes enorme Zugkraft auf unsere Nackenmuskulatur ausübt, sobald der Kopf aus der aufrechten Halten genommen wird. Ein häufigen Neigen des Kopfes führt daher irgendwann zum krummen Rücken. Je tiefer ich den Kopf beuge, desto mehr Gewicht zieht, desto schneller schädige ich bei fehlendem Ausgleich meine Muskulatur und das hat Auswirkungen auf das Skelettsystem. Um mal einen großen, unwissenschaftlichen Rundumschlag zu machen.

Früh krümmt sich, was ein Haken werden will. Aber wer will schon ein Haken werden?

Da erscheint mir der Spinner, der seine Sachen mit der Stirn trägt, doch auf einmal ganz sympathisch, immerhin wird der mal kein Invalide. Bei den anderen beiden Jungs sieht es mir wirklich danach aus – schwere Haltungsschäden, wenn die so weiter machen. Und die machen weiter! Oder glaubt ihr, die 5er geben ihre tollen Smartphones her, auf die sie synchron starren?

Wieviel Millionen Jahre haben wir bis zum aufrechten Gang gebraucht?

Wir geben ihn ganz schön schnell wieder auf!

Im Übrigen habe ich dann noch beobachten können, wie die Jungs über die Straße zur Schule rüberliefen: stockend, weil immer wieder in etwas Neues vertieft, und nicht ein Blick nach rechts und links. Zum Glück war weit und breit noch kein Schulbus im Anmarsch. Die hätten sie glatt nicht bemerkt. Die kopflosen Autisten.

Ob den Eltern diese Gefahren eigentlich bewusst sind?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ungerechtigkeiten

Liebe Leser,

das Halbjahr nähert sich und damit häufen sich zuhause die Zensuren. Endlich trudeln sie ein, die vielen Klassenarbeiten. Und ich begutachte als Mutter die Leistung meines Kindes und begutachte als Lehrerin auch ab und zu die Aufgabenstellungen. Das machen doch andere Eltern auch, oder?

Dabei fällt mir auf, dass es viele Kollegen gibt, die wohlwollend korrigieren. Damit ist nicht gemeint, dass sie Punkte oder gar Noten verschenken, sondern dass sie sich in den Schüler hineinversetzen und versuchen, die Antworten aus der Sicht eines Zehnjährigen zu verstehen. In Mathe, Englisch und Deutsch erlebe ich sogar selbstkritische Korrekturen. Konnte der Schüler die Aufgabe überhaupt so lösen, wie ich es mir gedacht habe, oder war meine Aufgabenstellung vielleicht etwas missverständlich? Manchmal kann ich erkennen, wie Punkte noch einmal abgeändert wurden, als dem Kollegen klar wurde, dass die Gewichtung vielleicht doch so nicht ganz stimmig ist.  Egal ob es dann einen Punkt gibt oder nicht, an den Kommentaren zur Arbeit, erkennt man auch eine Menge. Steht da nur eine Note oder wenigstens ein Wort  – ein klitzekleines?

In der fünften Klasse wird Lucy in den Nebenfächern vorrangig mit naturwissenschaftlichen Inhalten neu konfrontiert. Es geht erst einmal um genaues Beobachten und dann Erklären von Zusammenhängen. In den Arbeiten werden häufig Situationen dargestellt, die die Kinder dann erläutern müssen. Und dort erlebe ich nun auch andere Korrekturen.

Da werden Situationen nicht genau genug in der Aufgabenstellung skizziert und Lucy antwortet aus ihrer Informationslage heraus korrekt, aber der Lehrer wollte auf etwas anderes hinaus – hätte er aber in der Aufgabenstellung dann auch schreiben müssen. Beim Korrigieren müsste einem so etwas auffallen. Als Lehrer müsste ich zähneknirschend die Punkte geben und für mich und meine Aufgabenstellung etwas lernen. Und wenn ich das schon nicht kann, weil ich mir als Lehrer Fehler nicht eingestehen mag, dann könnte ich doch wenigstens etwas Aufmunterndes unter die Arbeiten schreiben. Keinen Roman, ein „Gut gemacht!“ oder „Schöne Ideen, nun genauer arbeiten!“ , „Gute Ansätze, die nun nun ausführen musst.“ würde reichen – irgend etwas Persönliches.

Wahrscheinlich ist es Zufall, dass sich ausgerechnet in den Naturwissenschaften solche Arbeiten häufen. Aber wie gehe ich als Mutter damit um?

1. Ich tröste Lucy bei den Punkten, wo sie aufgrund einer ungenauen Aufgabenstellung Punkte verloren hat.

2. Ich unternehme nichts.

Lucy lernt, dass die Welt nicht immer gerecht ist, dass das aber gar nicht zählt. Wen interessieren schon die Noten aus Klasse 5?! Lucy lernt nebenbei auch noch, dass es immer sinnvoll ist, etwas mehr hinzuschreiben nach dem Motto: „Es könnte aber auch sein, dass…“ Lucy lernt, dass Menschen fehlbar sind. Lucy lernt auch, dass Aufgabenstellungen sehr wichtig sind und man unter Umständen noch einmal nachfragen sollte.

Lucy wird älter werden und mit der Zeit lernen, wie die verschiedenen Arbeiten bei verschiedenen Lehrern funktionieren. Sie wird sich besser oder schlechter auf den Stil des Einzelnen einstellen können. Das ist der Lauf der Dinge.

Nur merke ich durch sie einmal mehr, dass es Kollegen gibt, die sich bei diesem Prozess auf die Schüler zubewegen, und dass es Kollegen gibt, die keinen Schritt von sich selbst abweichen. Nun wird mir klarer, warum selbst die Oberstufenschüler diesen einen Lehrer nicht mögen. Sie sagen immer, er sei streng. Aber das ist es nicht. Streng ist an sich keine negative Eigenschaft, wenn sie sich mit Gerechtigkeit paart. Erst wenn diese fehlt, fühlen sich die Schüler hilflos.

Und gerecht sein, heißt manchmal auch, sich selbst zu hinterfragen.

Eigentlich kann ich nur dankbar sein. Diese Erfahrung zeigt mir einmal mehr den Weg. Frau Henner, hinterfrage deine Aufgabenstellung, hinterfrage deine Anforderungen, gleiche sie ab mit dem, was du ihnen bietest, dann kannst du auch streng sein. Lerne aus den Fehlern, die du wie jeder Mensch eben ab und zu machst. Da fällt einem keine Zacke aus der Krone. Und ein netter Satz untendrunten kann auch Eltern wieder versöhnen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Von Freundebüchern und Untoten

Lieber Leser,

eine interessante Entwicklung in Bloggerkreisen fällt mir auf. Wahrscheinlich ein alter Hase und ich bekomme das erst jetzt mit, denn ich bin  – was das Internet anbelangt! – kein alter Hase. Es geht um die Fragen, die man sich gegenseitig stellt und als Stöckchen zuwirft, sich verlinkt oder was auch immer.

Es erinnert mich an meine Jugend. Es gab da eine Zeit, als das Privatfernsehen ganz neu war und auf RTL (glaube ich) mittags lauter Trickfilme kamen. Meine Mutter hatte einen gänzlich unbedarften Umgang mit diesem neuen Phänomen und ließ mich nach der Schule diesen Scheiß diese unterschwellige Unterhaltung angucken. Eigentlich ein Unding: raus aus der Schule, ab nach Hause, seinen Teller mit Mittagessen ins Wohnzimmer balanciert! und Kiste an. Das durfte ich! Würde ich heute Lucy nie erlauben, nie im Leben. Ist ja totale Verblödung… schweig, naja, aus mir ist doch auch was geworden, oder?

Aber es waren Trickfilme und so ein Trickfilm schafft es nicht, meine Aufmerksamkeit auf Dauer zu fesseln. Aber ich liebe Hörspiele. Also habe ich den Fernseher angemacht und gar nicht hingeschaut. Nachdem der Teller leer war und ich fünf Minuten geguckt hatte, habe ich meine Hausaufgaben erledigt und in Freundebücher eingeschrieben. Alles bei laufender Glotze.

Und jetzt komme ich endlich zu den Stöckchen. Das waren damals die Freundebücher. Meines Wissens gab es noch keine vorgedruckten Freundebücher oder wir hatten einfach keine. Wir haben die selbst gemacht. Es gab schöne dicke Karohefte zu kaufen, die wir Kladden nannten. Und dort haben wir unsere Fragen reingeschrieben. Natürlich auch sowas Langweiliges wie Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsstar (obwohl das langsam wieder interessant wird, Gott, wen hab ich damals eingetragen – Johnny Depp?). Die Hauptsache waren aber interessantere Fragen wie:

Du fährst auf eine einsame Insel und darfst drei Dinge mitnehmen. Erkläre warum du dich für die entschieden hast!

Wann willst du mal heiraten und warum?

Welche Eigenschaften schätzt du an einem Menschen?

Diese Fragen dachte man sich selbst aus oder übernahm sie einfach aus anderen Freundekladden. Damit habe ich ganze Nachmittage verbracht. Denn im Gegensatz zu heute musste man ja nicht nur die Antworten hinkritzeln, sondern auch noch die Fragen abschreiben, denn es gab ja keine Vordrucke – und es war immer eine ganze Doppelseite. Zudem hatten wir auch den Ehrgeiz, das alles schön zu gestalten… es hat viel Spaß gemacht und gehört zusammen mit einer neuen Zeit, die heute schon längst wieder Vergangenheit ist.

Wir haben es also des Spaßes wegen gemacht und weil wir noch wenig andere Ablenkungsmöglichkeiten hatten. Und weil wir neugierig waren. Und wozu wirft man sich heute Stöckchen im Blögchen zu? Es hat doch etwas von diesem alten Kinderspiel von damals. Weil wir das immer noch mögen? Weil wir neugierig sind, weil es im Internet trotz Blogs und social network doch recht anonym zugeht? Weil wir uns als Menschen wahrnehmen wollen? Weil wir Menschen nach Zusammenhängen suchen, uns ein Bild machen wollen?

Lange Rede, kurzer Sinn. Hier die elf Fragen von Pimalrquadrat (danke für den kleinen Ausflug in die Vergangenheit!):

1. Was befindet sich in Griffnähe zu deinem Bett?

Total bieder: ein Nachttisch mit Wecker und einem Buch oder zwei oder drei…

2. Hast du ein Ritual vor dem Schlafengehen, falls ja, welches? (Z.B. noch ein wenig lesen, etc.)

Oft bin ich zu erschöpft, um nach lange zu lesen, deshalb stapeln sich auch die Bücher so. Aber wenn ich das Licht lösche und schlafen will, besuche ich imaginäre Orte und Menschen. Von diesen Orten habe ich eine Handvoll, die ich mir in den letzten Jahrzehnten immer genauer ausgemalt habe. Ich kann da quasi nach Hause kommen, als wäre es ein zweites Leben. Ich finde es ja sowieso schade, dass wir nur ein Leben haben… und schon bin ich eingeschlafen.

3. Was war deine letzte, richtig gute Tat?

Ins Poesiealbum (also vor der Zeit der Freundekladden) habe ich immer einen Sinnspruch eingeschrieben: Man kann nicht jeden Tag etwas Großes tun, aber gewiss etwas Gutes. Den Spruch fand ich schon als Kind schön und er zeigt, dass Gutes gar nicht groß sein muss.

Letzte Woche habe ich ein paar meiner Nervensägen gelobt, obwohl ich ihnen vor den Ferien den Hals hätte umdrehen können, aber Leistung ist Leistung und da gab es nichts zu kritteln. Ich war also nicht nachtragend und empfinde das als etwas Gutes, wenn auch Klitzekleines.

4. Und was war dein letzter großer Aufreger?

Diese Woche neue Anweisungen von Regierungspräsidium für unsere Schule, die versuchen, uns als Gymnasium platt zu machen. Aber dazu ein andermal.

Seltsamerweise habe ich mich persönlich nämlich gar nicht aufgeregt. Das Leben wird weitergehen. Ich werde weiterkämpfen. Leben heißt nicht Stillstand. Wir werden sehen…

5. Mit welcher Kleinigkeit könnte man dir die aktuell die größte Freude machen, und warum?

Mit schöner Wolle könnte man mich momentan beglücken, auch heute beschäftige ich mich gerne noch mit anderen Dingen als nur einem Film zu folgen. Aber schöne Wolle ist eigentlich keine Kleinigkeit, richtige Wolle hat zurecht ihren Preis, eine Tüte leckeren Tees würde es auch tun. Teetrinken (oder wahlweise Kaffee) und Abwarten ist immer gut…

6. Waschbrett- oder Waschbärbauch?

Was ist ein Waschbärbauch?

7. Bist du eher ein Sommer- oder ein Wintermensch?

Eindeutig ein Herbstmensch! Das ist meine Lieblingsjahreszeit, die Fülle an Farben und Düften, Wechsel von Licht und Schatten und über allem der Hauch von Erinnerung. Mit dem Herbst bin ich ganz bei mir.

8. Hast du eine kreative Ader, wenn ja, welche? Lebst du diese auch aus?

Wo ich gehe, wo ich stehe, immer sing ich vor mich hin, diese ganzen Melodien gehn mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich singe und erfinde dabei Lieder. Wenn ich jünger wäre und auf der Suche nach Ruhm, würde ich das Ganze ins Netz stellen. Aber hey, dann wäre ich auch nicht glücklicher – denn dafür reicht schon die Musik allein. Musikmachen macht glücklich!

9. Du hast gerade eine/n Horrorgeschichte/-film gelesen/gesehen und musst in den Keller. Was nun?

Licht aus und rinn in den Keller! Ich lese Horror und gucke mir auch so etwas an – ich weiß, wie ich manipuliert werde und grusele mich trotzdem wirklich sehr, aber was solls, wenn ich in den Keller muss, dann muss ich wohl. Da bin ich dann doch pragmatisch. Ich gehe auch nachts allein im Wald spazieren. Manchmal denke ich mir dann selbst die besten Horrorgeschichten aus… neulich hatte ich eine spannende Idee von einer riesigen Welle Untoter, die im Winter abends übers Land schwappt und aufs Licht zugeht und dort alles niedermäht. Da ich ja aber ohne Licht im Freien war, habe ich mich hinter den nächsten Holzstapel gelegt, ganz flach auf den Boden gepresst und die Untoten sind an mir vorbei marschiert. Ein kalter Hauch überflutete mich und die Nacht wurde noch schwärzer, weil mit einem Mal alle Lichter unseres Dorfes ausgingen… ja sowas denkt sich Frau Henner aus, wenn sie allein spazieren geht. Dann ist jedes Wildschwein absolut harmlos. Sagt das irgendetwas über meine Psyche aus? Aber wisst ihr was, den Holzstapel hab ich mir zur Sicherheit trotzdem schon mal ausgesucht, man weiß ja nie. Also Licht anmachen, nö, damit verrate ich mich ja nur. Licht bleibt aus. Da fühle ich mich sicherer.

10. Wie stehst du zur Todesstrafe?

Nein, auch wenn ich verstehe, dass Menschen Rache verspüren. Nein, wir dürfen uns nicht auf die gleiche Ebene herablassen wie der Täter. Auch wenn das schwierig ist. Ein einzelner mag töten können, eine Gesellschaft aber sollte das tunlichst vermeiden – eine Gesellschaft ist stärker als alle Impulse.

11. Welchen Film, den du sehr magst, meidest du, weil du genau weißt, dass du hinterher eine Packung Taschentücher brauchst?

Ich heule recht schnell vor Rührung, wenn ein Mensch etwas Gutes tut, über sich hinauswächst – aber dann wirft mir Herr Henner sein Taschentuch rüber (als Mann hat er immer ein sauberes dabei, alte Schule!) und ich kuschele mich noch weiter in meine Decke ein und heule weiter. Wo ist da das Problem?

 

Jetzt sollte ich mir eigene Fragen ausdenken, obwohl ich einige von Pimalquadrats doch recht nett fand und gerne beantwortet habe. Der Einfachheit halber nehme ich also schon mal die drei aus meinem alten Freundebuch:

1. Du fährst auf eine einsame Insel und darfst drei Dinge mitnehmen. Erkläre warum du dich für die entschieden hast!

2. Wann willst du mal heiraten und warum? (Sollte man für Erwachsene vielleicht umändern in : Wie stehst du zum Heiraten?)

3. Welche Eigenschaften schätzt du an einem Menschen?, klaue mir ein paar bei Pimalrquadrat:

4. Was war deine letzte, richtig gute Tat?

5. Mit welcher Kleinigkeit könnte man dir die aktuell die größte Freude machen, und warum?

6. Hast du eine kreative Ader, wenn ja, welche? Lebst du diese auch aus?, klaue mir ein paar aus einer Radiosendung:

7. Was fällt dir leichter: anfangen oder aufhören?

8. Welches Buch liegt momentan auf deinem Nachttisch?, und denke mir selbst noch ein paar aus (wer hat eigentlich diese Zahl elf festgelegt?):

9. Wen du einen Roman schreiben würdest, wovon würde er handeln?

10. Tanzbär oder Salzsäule?

11. Gibt es einen Punkt in deinem Leben, an dem du gerne grundlegend anders gehandelt hättest?

Und das alles schicke ich an Herr Mess und gebe sie auch gerne frei an alle, die Spaß dran haben. Fragt euch Löcher in den Bauch, aber vergesst nicht – im Netz ist alles nur ein Spiel, oder doch nicht?

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Bin ich Günther Jauch?

Liebe Leser,

noch vor den Ferien hätte ich Nico und Oskar und ein paar andere Jungen aus meiner Sechsten auf den Mond schießen können. Sie waren menschlich nicht zum Aushalten. Irgendein Weihnachtsmärchen ist inzwischen geschehen. Oder sind es Neujahrsvorsätze?:

„Ich nehme mir vor bei der Frau Henner ein ganz normaler Junge zu sein, ich werde mich im Unterricht melden, wenn ich etwas weiß, lächeln, wenn mich Frau Henner anlächelt, und ich werde mich bemühen, niemanden blöd anzumachen und so zu tun, als sei ich der Größte. Ab heute bin ich der nette Junge von nebenan.“

So stelle ich mir das vor. Anders kann ich mir die seltsamen Veränderungen nicht erklären.

Ich mache gerade Rechtschreibung – obermegalangweilig. Aus pragmatischen Gründen arbeite ich mit unserem völlig überaltertem Schulbuch, welches absolut keinen Schüler vom Hocker haut. Natürlich denke ich mir nette, kleine Auflockerungen aus – aber im Grunde ist mein Unterricht gerade genau das, was momentan die Medien niederschreien: ich stehe vorne, erkläre, schreibe Sätze an, die Schüler beantworten meine Fragen, dann schreiben sie alles ins Heft ab und wir machen die Übungen aus dem Buch. Very old fashion. Aber die Stimmung ist ungefährt so wie bei „Wer wird Millionär“. Wenn Fabrice überlegt, warum man „am größten“ trotz Substantiv-Signal nicht groß schreibt, dann ist es still, wie bei der Zehntausend-Euro-Frage. Und wenn Christina fragend in die Menge schaut, weil sie nicht versteht, was ein Indefinitpronomen ist, meldet sich die Klasse von allein zum Publikumsjoker. Fabian, Maximilian, Hannah, Nico!, Justus, Bernhardt, Felix, Paul, Doreen, Oskar, Nadja, Elena und Serafina nehmen ihre Arme schon gar nicht mehr runter. Sogar die stille Lara meldet sich. Das lässt nur zwei Schlüsse zu:

1. Ich sehe aus wie Günther Jauch oder

2. Es ist doch alles nicht so blöd (die Schüler, der Lehrer, der Unterricht, Rechtschreibung).

Nach kurzem Überlegen entscheide ich mich für 2.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Parallelverschiebung

Liebe Leser,

Lucy hat ihre Hausaufgaben in der Freistunde erledigt. Freistunde und Hausaufgaben? Als Mutter ist man da doch eher skeptisch und lässt sich besagte Aufgaben noch einmal zeigen. Koordinatensysteme, Parallelogramme, orthogonale und parallele Strecken – aha. Stopp.

Was auf den ersten Blick recht gut aussah, kommt dann doch nicht durch meine Gütekontrolle.

„Was ist das?“

„Keine Ahnung!“

„Was soll das denn sein?“

„Weiß ich doch nicht, das ergibt sich halt, wenn man die Punkte einträgt.“

Kinder haben es schon schwer. Als Erwachsener sieht man sofort, dass es sich höchstwahrscheinlich um ein Parallelogramm handeln soll – laut Lehrbuch. Aber ein Parallelogramm hat dann eben auch parallele Seiten – zumindest die gegenüberliegenden. Ein Erwachsener liest sich schnell die Aufgabenstellung durch und erkennt den Fehler. Ja, Kindern fehlt dieser Durchblick oft – sie merken gar nicht, dass etwas falsch sein könnte.

Lucy hat eine Seite nicht parallel, sondern irgendwie verschoben. Das ist doch easy, denke ich, dann mach halt eine Parallelverschiebung. Das kenne ich noch aus der Grundschule. Einmal gelernt, nie vergessen. Ich mache nun den typischen Fehlschluss, dass ich glaube, auch andere Menschen – in dem Falle Lucy – müssen genauso begeistert und überzeugt von dieser Methode sein.

Lucy greift ihr Geodreieck und verschiebt mit Augenmaß. Was eine Zehnjährige so halt Augenmaß nennt. Ich nenne das krumm und schief. Ja ja, Frau Henner ist da pingelig. Parallelogramm heißt nun mal Parallelogramm und nicht Irgendwiegramm. Lucy ist schon sichtlich genervt. Besonders weil bei ihr längst die Erkenntnis durchsickert, dass sie eventuell die Hausaufgabe noch einmal machen muss. Eine ganze Seite!

Ich erkläre Lucy, wie man mithilfe eines Lineals und des Geodreiecks jede beliebige Linie parallel verschieben kann. Das klappt so gut, das muss sie doch erkennen, dass das eine bessere Methode ist als Ich-schätze-halt-so-ab. Lucys Argument ist stärker:

„Wir haben das im Unterricht aber noch nie so gemacht und wir werden das auch in der nächsten Mathearbeit nicht so machen!“

Lucy hasst es, wenn ich ihr etwas beibringen will. Ich hasse es, wenn sie sich von mir nichts beibringen lassen will. In der Schule hängen die Schülerchen meist ganz brav an meinen Lippen, Lucy guckt nicht mal auf meine Zauberhände, die ihr Schmierblatt mit lauter parallelen Linien überziehen. Es handelt sich hier um einen typischen Eltern-Kind-Konflikt. Dass es ausgerechnet Mathe ist, ist völlig egal. Mathematik hat Lucy nämlich inzwischen ganz gerne.

Also verlasse ich Lucy und flöte noch, dass sie ja nun wisse, wo es hapert und dass sie halt die Aufgabe noch mal machen müsse. Sei ja nicht schlimm. Aus Fehlern lerne man schließlich.

Hätte sie mal lieber in der Freistunde Stadt-Land-Fluss gespielt, das wäre effektiver gewesen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner