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Von der Wirksamkeit

Liebe Leser,

diese Herbstferien nutze ich nur für mich, dabei war ich gar nicht fertig und ferienreif, wie es manchmal der Fall ist – es sind ja auch die ersten Ferien dieses Jahres und da sollte man doch noch voller Energie stecken, oder? Dann lese ich den Beitrag von Herrn Mess vom Brennen beziehungsweise über das Verbrennen und ich finde mich wieder, obwohl ich mich in einer definitiv anderen Lage befinde. Natürlich habe ich längst bemerkt, dass Herr Mess nicht mehr so häufig bloggt, und es schade gefunden, aber mir gedacht: „Wird er wohl viel um die Ohren haben…“ Und genau das scheint der Fall zu sein. Da ist ein engagierter Lehrer, der sich mit so vielen Dingen beschäftigt und damit momentan auch nicht glücklich wird. Vielen Dank, Herr Mess, dass du so ehrlich darüber schreibst.

Meine Ausgangssituation ist eine völlig andere, weil ich die Schule gewechselt und dabei keine Funktionsstelle übernommen habe. Ich bin jetzt nur noch Lehrer. Ha, was für ein Satz! Was bin ich denn sonst?

Jeder, der an einer Schule unterrichtet, weiß, dass nicht nur der Unterricht zu den Aufgaben gehört. Gut, Klassenlehrer bin ich und da ist einiges zu tun, davon aber ein anderes Mal. Durch meinen Wechsel bin ich aber aller meiner Funktiönchen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, enthoben worden. Keine Mitarbeit im Schulentwicklungsteam mehr, keine Grundschulkooperation, kein Krisenteam usw. Also sollte es mir doch gut gehen. Ich bekomme mein Gehalt und muss viel weniger dafür tun, ist das nicht ein Traumzustand?

Ist es nicht.

Der Stillstand um mich herum lähmt mich selbst. Ich verbrenne nicht, um im Bild von Herrn Mess zu bleiben, ich erkalte eher. Gibt es hier überhaupt ein Schulentwicklungsteam? Ist mir bis jetzt nicht untergekommen, woran sollten die denn arbeiten, ist doch alles so toll hier? Die Grundschulkooperation ist nicht wirklich eine Kooperation, aber der Abteilungsleiter, der sich darum kümmert, fand neulich auch, dass hier doch alles ziemlich gut laufe. nicht wahr?, wie soll man sich da als Neuling einbringen?

In meinem Elternhaus habe ich gelernt, dass man sich erst einmal zurückhält und beobachtet, wenn man irgendwo neu ist. Man schreit nicht gleich: Ich, ich, ich weiß, wie es besser geht! Schließlich hat das Bestehende auch seine innere Logik und die will erst einmal erkundet sein. Also halte ich mich zurück und strecke zaghaft meine Fühler aus. Dabei beobachte ich eine Kollegin, die ganz ähnliche Ziele verfolgt wie ich. Sie ist mir gleich sympathisch, leider haben wir so gut wie nie Zeit uns zu unterhalten, da sie einen gegenläufigen Stundenplan zu meinem hat. Nennen wir sie Frau Schwätzinger, Heidrun, denn sie hat mir schon das Du angeboten. Heidrun versucht also in den fünf Minuten, die wir uns am Kopierer treffen, mich davon zu überzeugen, mich hier und da einzubringen, weil endlich mal jemand gekommen sei, der auch Interesse an Veränderungen habe. Heidrun freut sich. Heidrun versucht nämlich seit fünf Jahren, die sie schon an der Schule ist, etwas zu bewirken. Leider erfolglos. Genau deshalb freue ich mich nicht. Seit fünf Jahren versucht diese Frau mit Engagement schon kleine Veränderungen zu bewirken, aber alles bleibt, wie es ist. Da soll ich motiviert werden? Es versetzt mir regelrecht einen Stich, wenn ich höre, wie Frau Schwätzinger in der Fachkonferenz über den Mund gefahren wird, als sie ein heikles Thema anspricht. Ja, man wisse, dass Sie das wichtig finde, aber das hätte jetzt keinen Platz in der Tagesordnung, ein anderes Mal. Fünf Jahre ein anderes Mal?

Und das ist der Grund für mein Erkalten. Diese Schule gibt mir nicht das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Lehrer ja, damit der Schulbetrieb funktioniert. Gut, das ist ein wichtiger Teil meines Berufs. Aber das ist nicht alles. Ich will nicht wie Frau Schwätzinger werden, die voller Ideen ist und doch ständig gegen Mauern rennt. Also beginne ich, mich von meinem eigenen Tun zu distanzieren. Das ist das Gegenteil von Brennen, aber es hat die gleiche Ursache. Ich spüre die Wirksamkeit in meinem Tun nicht. Es geht gar nicht darum, wieviel man tut. Belastung kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Es geht darum, ob das, was man tut, eine Wirksamkeit erzielt.

Nun können manche auflachen und sagen: Was hat Frau Henner da für Luxusprobleme, frag doch mal den Fließbandarbeiter, ob er seine Arbeit als wirksam empfindet. Und da widerspreche ich. Das ist kein Luxusproblem und es geht nicht um die gesellschaftliche Anerkennung, die eine Tätigkeit erfährt, es geht um das subjektive Empfinden und das ist kein Luxus, sondern essentiell. Ein Fließbandarbeiter kann zufrieden nach seinem Tagwerk nach Hause gehen, wenn er sich in dem Unternehmen wohlfühlt, oder er kann geschafft nach Hause kommen und krank werden, wenn er seine Arbeit als stupide und sinnentleert wahrnimmt. Und so kann es auch einem Akademiker gehen. Und das wird am Ende zu einem gesellschaftlichen Problem, denn Unzufriedenheit macht auf die Dauer nicht nur die Seele krank.

Nun ist Frau Henner, ihr solltet sie ja nun schon kennengelernt haben, niemand, der sich seinem Schicksal ergibt. Frau Henner schmiedet Pläne. Und seit sie das tut, geht es ihr besser. Frau Henner hat wieder ein klares Ziel vor Augen. Sie strebt einfach nach mehr Wirksamkeit und hat kühl kalkulierend mehrere Optionen aufgestellt, was das in ihrem konkreten Fall bedeuten kann. Alles ist auf den Tisch gekommen. Und dann hat Frau Henner ausgesiebt. Dazu hat sie sich sogar Hilfe geholt. Wem kann man vertrauen, wer kennt sich aus in diesem Schulwirrwarr, wer kann Auskünfte geben über die Gepflogenheiten eines Regierungspräsidiums, wer hat genügend Erfahrung? Und dieser Jemand zeichnet mir kein gutes Bild von meinen Möglichkeiten, aber macht mir dennoch Mut, ich bin ein Sklave meines Regierungspräsidiums, eine bloße Nummer, die eine Planstelle besetzt. Aber da genau sehe ich eine Chance. Seit ich diese Chance sehe, geht es mir besser. Weniger Kopfschmerzen, weniger Erschöpfung, wieder mehr Energie. Ein kleines Leuchten kommt zurück.

Mir ist klar geworden, dass ich nicht den einen Plan B brauche, sondern mindestens drei, ich habe vier Pläne, nach dem Motto: Wenn der erste nicht klappt, versuche ich den zweiten, dann den dritten… denn mir ist ebenso bewusst geworden in den letzten Wochen, dass ich Ziele brauche. Ich werde nicht verbrennen, aber auch nicht erkalten. Dazu muss ich selbst etwas tun, denn niemand wird auf mich zukommen. Aber man kann erst dann etwas tun, wenn man sein Problem klar erkannt hat.

Frau Schwätzinger hat mir dabei geholfen, indem sie mir, ohne es zu wollen, einen Spiegel vorgehalten hat, der einen Prozess beschleunigt. Ich werde weiterhin zuhören und beobachten und gleichzeitig meine Pläne weitertreiben, ohne dies nach außen zu tragen, denn das Problem ist meines, nicht das der anderen, sie fühlen sich wohl. Wer bin ich denn, dass ich mich da einmische?

Und dann denke ich an die Schüler. Da gibt es eine Klasse, die ich sehr ins Herz geschlossen habe – und sie mich, das ist ja häufig ein wechselseitiger Prozess. Sie haben mir schon erzählt, was sie alles sch*e an der Schule finden, Jugendliche drücken sich eben einfach direkter aus. Und gleichzeitig haben sie mich regelrecht gebettelt, doch nicht wieder von der Schule zu gehen. Als ob man das einfach so könnte…

Es gibt also auch Gründe, hier weiterzukämpfen. Aber das geht nur, wenn Frau Henner wieder leuchtet, erkaltet geht da gar nix. Dann macht sie nur Dienst nach Vorschrift. Und damit kommt unserer Gesellschaft über kurz oder lang nicht weiter. Und das ist kein marginales Problem von Frau Henner. Dieses Problem haben viele Menschen. Auch die Fließbandarbeiterin, der Verkäufer und sogar der Mitarbeiter im Regierungspräsidium.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

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Der gute Ruf

Liebe Leser,

auf einer Abendveranstaltung treffe ich einen Bekannten. „Ach du bist jetzt in T.? Und auch noch am EG? Na, das EG, das hat aber einen guten Ruf, alle Achtung!“

Was sagt man da… Sagt man, dass das mit dem guten Ruf nun wirklich ein alter Hut ist, dass es eine von der Struktur her altmodische Schule ist, die bis jetzt nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist, wo mir zwar das Unterrichten Spaß macht (denn es sind ja auch normale Schüler und da funktioniert das Unterrichten eben so wie sonst auch), der ganze Rest aber nicht? Ich entscheide mich für eine diplomatische Antwort:

„Es ist eine ganz normale Schule…“

Mein Gegenüber fällt mir gleich ins Wort: „Nein, nein, das EG hat wirklich einen guten Ruf!“

„Glaub mir, als Schule von innen betrachtet, ist es eine ganz normale Schule…“

Doch mein Bekannter insistiert weiterhin: „Nein, die Schule hat einen sehr guten Namen – wirklich!“

Mag sein, aber was kann man sich für einen sehr guten Namen oder guten Ruf kaufen, wenn nicht viel dahintersteckt?

Natürlich funktioniert die Schule – ich bin zwar jetzt im städtischen Umfeld, aber es ist doch immer noch kleinstädtisches Milieu. Und wer sich im Südwesten Deutschlands auskennt, der weiß, wie kleinstädtisch das ist! Nun gibt es in T. zwei Gymnasien neben vielen anderen Schulen und das EG ist das Gymnasium der Bürgerschaft. Dort sammeln sich die Akademikerkinder und die ambitionierten Eltern und das merkt man. Im Positiven (Disziplin) wie im Negativen (übersteigertes Selbstbewusstsein). Auch wenn dieser Satz natürlich sehr plakativ ist – aber hey, das hier ist ein Blog! Und gerade weil wir das obere Klientel abschöpfen, funktioniert die Schule so gut – viele Probleme sind einfach nicht so akut.

Aber Frau Henner sieht die Welt nun ein bisschen anders. Tradition ist etwas Gutes, wenn man dieselbige hinterfragt und die Essenz weitergibt, die in der neuen Zeit von Bedeutung ist. Ein „Das wird hier schon immer so gemacht“ nützt niemandem. Das ist zumindest meine Meinung.

Viele sind überzeugt, dass ihre Schule etwas Besonderes ist und dass das alles gut ist, wie es ist. Dass es auch anders geht, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Ein guter Ruf verstellt eben auch manchmal die Sicht. Wenn ich dann vorsichtig anfrage, warum dieses und jenes eigentlich so oder so ist, höre ich fadenscheinige Begründungen mit dem Nachschub: „Stört dich das?“

Und ja: Es stört mich. Ich hatte nun schon mehrere Erlebnisse, bei denen ich merkte, dass ich ein anderes pädagogisches Grundverständnis habe. Es ist für mich kein Widerspruch, nett zu Schülern zu sein UND das Einhalten von Regeln einzufordern, und dann auch irgendwann einmal nicht nett zu sein, wenn das mit den Regeln eben nicht klappt. Und das ist dann nicht immer leicht, es ist anstrengend und herausfordernd. Hier sind alle supernett zueinander, besonders die Lehrer. Das ist natürlich schön! Versteht mich bitte nicht falsch. Sie sind aber zum Teil so nett zu den Schülern, dass man kein „Guten Morgen“ einfordert, die Schüler nicht zum Aufheben von Müll anhält, den Schülern vieles hinterherträgt, was sie besorgen müssten, Sachen ohne „bitte“ und „danke“ aushändigt, wegguckt, wenn Schüler Handys unsachgemäß benutzen und und und. Das macht das Leben erheblich leichter, denn es gibt weniger Konflikte. Und nein, es sind nicht alle Kollegen so. Ich kehre hier nichts über den berühmten einen Kamm. Es ist eher die Grundstimmung. Wir sind alle ganz toll hier, wir regeln alles menschlich, wir wollen es mal nicht übertreiben, das kann ja jeder mit Augenmaß entscheiden. Läuft ja alles ganz super bei uns.

Klingt gut, oder? Passt aber nicht zu einer Institution, in der 600 junge Menschen lernen – lernen fürs Leben.

Das alles kann man aber nicht am Rande einer Abendveranstaltung erklären, vor allem nicht, wenn der gute Ruf des EGs in Zement gegossen scheint. Unverrückbar steht sie da, die strahlende Schule, deren Glanz jetzt auf mich abfärbt. Was für ein Glück, an dieser Institution zu sein!

„Doch, doch – ein blendender Ruf!“, wiederholt mein Bekannter. Zum Glück beginnt da die Veranstaltung und wir müssen unserer Sitzplätze aufsuchen. Mir wird klar, dass ich Außenstehenden kaum verständlich machen kann, was mich bewegt, denn Bilder in den Köpfen haben magische Wirkung.

Und momentan ist nur mein Bild schief – alle anderen scheinen mir glücklich mit ihrem zu sein. Ich bin also der Spielverderber. Pssst!… auf der Bühne geht es los…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 29: Altersmilde

Liebe Leser,

zwischen Blitz und Donner des einen und des nächsten Frühlingsgewitters wagt sich Frau Henner nun doch einmal an den Computer. Das wechselhafte Wetter draußen verdirbt mir die Laune genauso wenig wie die vielen Abitursaufsätze, die es in diesen Wochen gerade zu korrigieren gilt. Und dies, obwohl die Korrekturzeiten diesmal extrem knapp sind.

Ja, in Deutschland befindet man sich auf den ersten, zaghaften Schritten hin Richtung Zentralabitur und daher müssen die Zeiten angeglichen werden, denn es gibt ja nun endlich einen gemeinsamen Pool, aus dem einzelne Aufgabenteile entnommen werden können. Diese vage Formulierung zeigt, dass dies noch alles sehr halbherzig geschieht. Wie sollte es auch anders sein, wenn wir nicht die gleichen Richtlinien für die Oberstufe in allen Bundesländern haben?!

Haben wir in Baden-Württemberg dieses Jahr etwas gemerkt? Nun ja, es war ein ausgesprochen mildes Abitur – heißt es aus den verschiedenen Fachschaften. Mathe bleibt da die Ausnahme, aber das hat wieder ganz andere Gründe.

Das einzige, was wir ansonsten merken, ist nur die knappe Korrekturzeit. Ansonsten ist alles wie immer. Aber nicht mit mir. Obwohl ich nun mehr unter Druck stehen sollte, korrigiere ich die Aufsätze mit einer inneren Gelassenheit durch, die ich noch vor wenigen Jahren so nicht gehabt hätte. Ich muss selbst in der Zweitkorrektur wahnsinnig viel anstreichen, weil der Erstkorrektor – mit Verlaub – einfach keine Ahnung von der deutschen Sprache zu haben scheint. Dabei geht es mir nicht um Spitzfindigkeiten in der Zeichensetzung, sondern um die ganz basalen Regeln der deutschen Orthografie und Grammatik. Einfachste Fehler werden übersehen, dafür völlig korrekte Schreibungen angestrichen. Ein dutzendmal schlage ich irritiert im Duden Wörter nach, deren Schreibung mit eigentlich bekannt ist. Aber wenn der Kollege das als Fehler markiert, werde ich unsicher.

Das Schöne dabei ist: es ärgert mich nicht – nicht die Bohne rege ich mich darüber auf. Ist das schon die einsetzende Altersmilde? Ich nehme einfach meinen grünen Fineliner und streiche den Fehler an, setze am Rand das entsprechende Kürzel und weiter geht die Chose.

Das Leben ist viel zu kurz für unnützen Ärger.

Liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 19: Einen Gang zurück…

Liebe Leser,

das zweite Halbjahr schlaucht. Durch den neuen Stundenplan bin ich ganz schön am Ende. Ich habe nun mehr Unterricht, das ließ sich dieses Schuljahr nicht anders legen. Hohlstunden fallen weg, aber Hohlstunde kommt ja von Erholung! Zudem habe ich mir schlichtweg zu viel aufgehalst. Frau Henner sitzt in Arbeitskreisen, bereitet hier und dort Fachschaftskram vor, konferiert gefühlt ununterbrochen, offiziell und inoffiziell, privat passieren auch eine Menge Dinge, Klassengeschäfte müssten dringend erledigt werden und dann hat sie auch noch diese Referendarin…

Das tut mir nicht gut. Ich bekomme zu wenig Schlaf. Aber wenigstens am Abend will man dann doch mal etwas für sich tun… Da gucke ich dann Serien, hobbyiere, lese und unterhalte mich mit Herrn Henner. Nein, Stress ist das nicht. Ich hetzte nicht von einem zum anderen. Ich bin kein Workaholic. Aber es ist trotzdem einfach zu viel. Mein Kopf beschäftigt sich mit zu vielen Dingen gleichzeitig.

Ich plane Fördermöglichkeiten für meine Schwächsten und gleichzeitig bin ich mental schon wieder im Abitur. Ich lese Aufsätze zur Schreibentwicklung und muss längst die Elternbriefe fürs Schullandheim aufsetzen. Franziska muss für den Vorlesewettbewerb gecoacht werden und den kleinen Leo möchte ich gerne in die Vorschule begleiten. Ich bereite die Gesamtlehrerkonferenz vor, während der Fortbildungskatalog daneben liegt, weil der kleine Chef ihn mir quasi unter die Nase gehalten hat, ich solle doch endlich einmal ein Führungskräfteseminar belegen. Kann ich das zwischen Abitur und Schullandheim noch irgendwie reinquetschen? Ach ja, und die Rede von Frau Dr. Eisenmann? Wollte nicht die Grundschule Villa Kunterbunt noch ein Schreiben von mir? Warum antworten denn die nicht auf meine Mail? Aber halt, jetzt braucht erst einmal eine Freundin unsere Unterstützung…

Also macht Frau Henner einen Spaziergang, das tut immer gut. Im Kopf lege ich mir einen Plan zurecht. Schritt für Schritt, immer das nahe im Auge behalten und dabei nicht schon an das nächste denken. Und wenn die Referendarin eine unvorbereitete Stunde erlebt, dann weiß sie gleich mal, wie das Leben tickt.

Ich kann momentan meine Arbeit nicht minimieren, ich kann nicht die Sorgen und Nöte meines Umfeldes aufräumen oder abwiegeln, ich kann mich nicht lösen von den Dingen, die mich antreiben, aber ich kann bewusst sagen: Immer eines nach dem anderen!

Mal sehen, ob das funktioniert.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 3: Auf einmal ist alles anders

Liebe Leser,

hinter uns liegen herrliche Spätsommertage – anders kann man dieses Sonnenwetter einfach nicht bezeichnen, sogar die Referendare zieht es in ihren Pausen mit der obligatorischen Tasse Kaffee ins Freie, dorthin wo die Grillen zirpen, die Meisen zwitschern und man mittags denkt, man könne nie wieder in den schnöden Alltag zurückkehren.

Aber man muss sich aufraffen, um den Nachmittagsunterricht über sich und die jungen Menschen ergehen zu lassen. Und es ist erst Schulwoche 3 und schon spielt die Welt verrückt.

Die Kursstufe, die ich sonst in den höchsten Tönen lobe, kommt einfach nicht ins Schuljahr hinein: Sie sind müde und lahm und sie schreiben, als wären sie grade in die Mittelstufe gestolpert. Wenn Frau Henner ehrlich ihre enttäuschte Überraschung darüber zum Ausdruck bringt, guckt sie in verständnislose Gesichter. Erst nach ein, zwei Sekunden huscht ein Lächeln darüber – so lange haben sie gebraucht, um Frau Henner überhaupt zu verstehen. Zwischen meinem Mund und ihren Ohren liegt das weite Tal der Final-Lethargie. Der Ernst ist viel zu schnell da, eben waren doch noch Sommerferien. Das kann nicht sein!

Und die Sechser, dieser seltsame Haufen? Die überraschen mich genauso. Plötzlich ist alles anders. Als wären sie aufgewacht, fangen sie miteinander zu reden an, werden lauter und unruhiger. Und Frau Henner freut sich, denn sie reden MITEINANDER! Und ja, sie haben Ideen und sie wollen diese auch umsetzen. Sogar die Eltern melden sich: „Frau Henner, könnten wir nicht im Advent einen Verkauf organisieren?“ „Frau Henner, ich hätte da eine tolle Idee…“ „Also beim Kuchenbasar bin ich dabei!“ „Wir haben uns überlegt, man könnte im nächsten Jahr…“ Ich erkenne meine Eltern nicht mehr wieder. Die stilleren Eltern haben sich endlich durchgerungen, das Wort zu ergreifen, nachdem das Jahr vorher nichts ging. Zwar lässt Franziskas Mama im Hintergrund noch immer ihre Kommentare ab, aber ihr hört keiner zu. Auch Franziska hat sich verändert, das übereifrige, selbstsüchtige Kind hebt langsam den Blick über den Brillenrand und fast glaube ich, sie begreift, dass es hier nur miteinander geht. In dieser dritten Schulwoche bekomme ich leise das Gefühl, als könne das doch noch etwas werden mit den Sechsern und mir.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Liebe Leser,

während manch Lehrer in Deutschland schon langsam wieder zu den Herbstferien schielt, ist in Baden-Württemberg gerade einmal die erste Schulwoche herum, aber Hauptsache wir zentralisieren das Abitur… nun ja, da war die Aufregung bei den Deutschlehrern groß, als ihnen diese Woche bewusst wurde, was das terminlich bedeutet. Dazu vielleicht ein andermal, heute geht es nicht um das Deutschabitur, sondern nur um mein Erleben dieser ersten Schulwoche, SW1.

Doch erst noch ein Schritt zurück.

Im Studium mussten wir ein sogenanntes Pädagogisches Praktikum absolvieren, das heißt, es ging nicht um die Fächer, sondern die Studenten sollten vermehrt auf pädagogische Belange achten. So kam es, dass ich in diesem Praktikum in zwei achten Klassen mitlief, egal welches Fach sie gerade hatten. Das Thema meiner dazugehörigen pädagogischen Arbeit war schnell gefunden: die self-fulfilling prophecy, die selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine achte Klasse galt als nett, lieb und leistungstechnisch ganz okay, die andere, nun ja, die andere war das schwarze Schaf. „Das sind solche Rabauken“ wurde im Lehrerzimmer schnell verknüpft mit „Die können nichts“. Und nun ging es mir darum, ob dem tatsächlich so ist, und, wenn ja, ob das Urteil der Lehrer sich auf die Atmosphäre in der Klasse und dann auch auf die Leistungen ausgewirkt hat oder umgekehrt.

Ich weiß nicht mehr exakt, zu welchem Schluss ich kam, aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist klar, dass die selbsterfüllende Prophezeiung tatsächlich ein Problem ist. Natürlich höre ich Urteile, natürlich werde ich beeinflusst, aber ich bemühe mich, mir diesen Prozess bewusst zu machen und mich selbst immer wieder zu ermahnen, dass ich wachsam bleibe, selbst urteile und jeder eine neue Chance verdient hat. Damit meine Meinung nicht am Ende dazu führt, dass Schüler dann unbewusst dieser Meinung entsprechen.

Also gehe ich am Montag ganz locker fröhlich in meine Klasse. Den schwarzen Spätsommerhund habe ich längst verscheucht.

Es funktioniert nicht. Einzelne Kinder enttäuschen mich mit ihrem kaum versteckten Egoismus so, dass meine Stimmung merklich abkühlt. Ich merke das, hoffentlich die Kinder nicht! Als ich dann enthusiastisch unser diesjähriges Klassenprojekt vorstelle (Lucy ist schon ganz neidisch auf meine Klasse, weil sie so was Cooles machen darf…), kommt kein Jubel, kein Glanz in den Augen, dafür ganz offen die Frage, was man denn davon habe… „Kann man da auch was gewinnen?“

Und da platzt mir innerlich der Kragen, aber mir wird auch schlagartig klar, welches Problem viele Kinder haben. Sie arbeiten, machen meist, was man ihnen sagt, aber es fehlt die Begeisterung, weil sie keine intrinsische Motivation haben. In der Grundschule haben sie für die nette Lehrerin und die Eltern geschafft, für die sehr gute Note und die Belohnung, die viele sicher erhalten haben. Das sind normale Prozesse, aber wenn man es übertreibt, zum Beispiel nur die Note gelobt wird und nicht ein wirkliches Interesse am Können des Kindes gezeigt wird, an den Themen, mit denen es sich beschäftigt, kann das leider dazu führen, dass gar keine innere Motivation mehr aufgebaut wird. Dann geht es nur noch um die Note oder das Geschenk.

Und nun? Was biete ich? Frau Henner hat keine kleinen Belohnungsgeschenke, die erwartet echt, dass man einfach nur Freude an der Sache haben könnte. „Wir machen das gemeinsam! Ein tolles Projekt, kein normaler Unterricht, wir können uns das alles selbst ausdenken und dann vor einer richtigen Jury präsentieren…“, Frau Henner zieht schelmisch die Augenbrauen hoch, sie würde am liebsten sofort loslegen – so ein tolles Projekt! Und was springt für uns dabei heraus?

Und so erlebe ich diese Woche als eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich in meiner Klasse bin, mache ich halt meinen Unterricht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn ich in der Oberstufe bin oder wieder in meiner „alten“ Klasse in der Mittelstufe, dann freue ich mich, werde auch freudig begrüßt, wir grinsen und lachen und lernen wie nebenbei auch noch Neues. So geht es täglich auf und ab.

Aber ich gebe nicht auf – ich möchte die Kinder mitreißen, das Projekt ist viel zu cool, als dass sie sich nicht dafür erwärmen können. Das geht gar nicht. Und immerhin bin ich von der Sache begeistert und nach und nach werde ich sie schon noch auf meine Seite bringen, denn es kann doch so viel Spaß machen, etwas gemeinsam zu machen – einfach nur, damit man etwas gemeinsam macht!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner