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SW 29: Altersmilde

Liebe Leser,

zwischen Blitz und Donner des einen und des nächsten Frühlingsgewitters wagt sich Frau Henner nun doch einmal an den Computer. Das wechselhafte Wetter draußen verdirbt mir die Laune genauso wenig wie die vielen Abitursaufsätze, die es in diesen Wochen gerade zu korrigieren gilt. Und dies, obwohl die Korrekturzeiten diesmal extrem knapp sind.

Ja, in Deutschland befindet man sich auf den ersten, zaghaften Schritten hin Richtung Zentralabitur und daher müssen die Zeiten angeglichen werden, denn es gibt ja nun endlich einen gemeinsamen Pool, aus dem einzelne Aufgabenteile entnommen werden können. Diese vage Formulierung zeigt, dass dies noch alles sehr halbherzig geschieht. Wie sollte es auch anders sein, wenn wir nicht die gleichen Richtlinien für die Oberstufe in allen Bundesländern haben?!

Haben wir in Baden-Württemberg dieses Jahr etwas gemerkt? Nun ja, es war ein ausgesprochen mildes Abitur – heißt es aus den verschiedenen Fachschaften. Mathe bleibt da die Ausnahme, aber das hat wieder ganz andere Gründe.

Das einzige, was wir ansonsten merken, ist nur die knappe Korrekturzeit. Ansonsten ist alles wie immer. Aber nicht mit mir. Obwohl ich nun mehr unter Druck stehen sollte, korrigiere ich die Aufsätze mit einer inneren Gelassenheit durch, die ich noch vor wenigen Jahren so nicht gehabt hätte. Ich muss selbst in der Zweitkorrektur wahnsinnig viel anstreichen, weil der Erstkorrektor – mit Verlaub – einfach keine Ahnung von der deutschen Sprache zu haben scheint. Dabei geht es mir nicht um Spitzfindigkeiten in der Zeichensetzung, sondern um die ganz basalen Regeln der deutschen Orthografie und Grammatik. Einfachste Fehler werden übersehen, dafür völlig korrekte Schreibungen angestrichen. Ein dutzendmal schlage ich irritiert im Duden Wörter nach, deren Schreibung mit eigentlich bekannt ist. Aber wenn der Kollege das als Fehler markiert, werde ich unsicher.

Das Schöne dabei ist: es ärgert mich nicht – nicht die Bohne rege ich mich darüber auf. Ist das schon die einsetzende Altersmilde? Ich nehme einfach meinen grünen Fineliner und streiche den Fehler an, setze am Rand das entsprechende Kürzel und weiter geht die Chose.

Das Leben ist viel zu kurz für unnützen Ärger.

Liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 19: Einen Gang zurück…

Liebe Leser,

das zweite Halbjahr schlaucht. Durch den neuen Stundenplan bin ich ganz schön am Ende. Ich habe nun mehr Unterricht, das ließ sich dieses Schuljahr nicht anders legen. Hohlstunden fallen weg, aber Hohlstunde kommt ja von Erholung! Zudem habe ich mir schlichtweg zu viel aufgehalst. Frau Henner sitzt in Arbeitskreisen, bereitet hier und dort Fachschaftskram vor, konferiert gefühlt ununterbrochen, offiziell und inoffiziell, privat passieren auch eine Menge Dinge, Klassengeschäfte müssten dringend erledigt werden und dann hat sie auch noch diese Referendarin…

Das tut mir nicht gut. Ich bekomme zu wenig Schlaf. Aber wenigstens am Abend will man dann doch mal etwas für sich tun… Da gucke ich dann Serien, hobbyiere, lese und unterhalte mich mit Herrn Henner. Nein, Stress ist das nicht. Ich hetzte nicht von einem zum anderen. Ich bin kein Workaholic. Aber es ist trotzdem einfach zu viel. Mein Kopf beschäftigt sich mit zu vielen Dingen gleichzeitig.

Ich plane Fördermöglichkeiten für meine Schwächsten und gleichzeitig bin ich mental schon wieder im Abitur. Ich lese Aufsätze zur Schreibentwicklung und muss längst die Elternbriefe fürs Schullandheim aufsetzen. Franziska muss für den Vorlesewettbewerb gecoacht werden und den kleinen Leo möchte ich gerne in die Vorschule begleiten. Ich bereite die Gesamtlehrerkonferenz vor, während der Fortbildungskatalog daneben liegt, weil der kleine Chef ihn mir quasi unter die Nase gehalten hat, ich solle doch endlich einmal ein Führungskräfteseminar belegen. Kann ich das zwischen Abitur und Schullandheim noch irgendwie reinquetschen? Ach ja, und die Rede von Frau Dr. Eisenmann? Wollte nicht die Grundschule Villa Kunterbunt noch ein Schreiben von mir? Warum antworten denn die nicht auf meine Mail? Aber halt, jetzt braucht erst einmal eine Freundin unsere Unterstützung…

Also macht Frau Henner einen Spaziergang, das tut immer gut. Im Kopf lege ich mir einen Plan zurecht. Schritt für Schritt, immer das nahe im Auge behalten und dabei nicht schon an das nächste denken. Und wenn die Referendarin eine unvorbereitete Stunde erlebt, dann weiß sie gleich mal, wie das Leben tickt.

Ich kann momentan meine Arbeit nicht minimieren, ich kann nicht die Sorgen und Nöte meines Umfeldes aufräumen oder abwiegeln, ich kann mich nicht lösen von den Dingen, die mich antreiben, aber ich kann bewusst sagen: Immer eines nach dem anderen!

Mal sehen, ob das funktioniert.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 3: Auf einmal ist alles anders

Liebe Leser,

hinter uns liegen herrliche Spätsommertage – anders kann man dieses Sonnenwetter einfach nicht bezeichnen, sogar die Referendare zieht es in ihren Pausen mit der obligatorischen Tasse Kaffee ins Freie, dorthin wo die Grillen zirpen, die Meisen zwitschern und man mittags denkt, man könne nie wieder in den schnöden Alltag zurückkehren.

Aber man muss sich aufraffen, um den Nachmittagsunterricht über sich und die jungen Menschen ergehen zu lassen. Und es ist erst Schulwoche 3 und schon spielt die Welt verrückt.

Die Kursstufe, die ich sonst in den höchsten Tönen lobe, kommt einfach nicht ins Schuljahr hinein: Sie sind müde und lahm und sie schreiben, als wären sie grade in die Mittelstufe gestolpert. Wenn Frau Henner ehrlich ihre enttäuschte Überraschung darüber zum Ausdruck bringt, guckt sie in verständnislose Gesichter. Erst nach ein, zwei Sekunden huscht ein Lächeln darüber – so lange haben sie gebraucht, um Frau Henner überhaupt zu verstehen. Zwischen meinem Mund und ihren Ohren liegt das weite Tal der Final-Lethargie. Der Ernst ist viel zu schnell da, eben waren doch noch Sommerferien. Das kann nicht sein!

Und die Sechser, dieser seltsame Haufen? Die überraschen mich genauso. Plötzlich ist alles anders. Als wären sie aufgewacht, fangen sie miteinander zu reden an, werden lauter und unruhiger. Und Frau Henner freut sich, denn sie reden MITEINANDER! Und ja, sie haben Ideen und sie wollen diese auch umsetzen. Sogar die Eltern melden sich: „Frau Henner, könnten wir nicht im Advent einen Verkauf organisieren?“ „Frau Henner, ich hätte da eine tolle Idee…“ „Also beim Kuchenbasar bin ich dabei!“ „Wir haben uns überlegt, man könnte im nächsten Jahr…“ Ich erkenne meine Eltern nicht mehr wieder. Die stilleren Eltern haben sich endlich durchgerungen, das Wort zu ergreifen, nachdem das Jahr vorher nichts ging. Zwar lässt Franziskas Mama im Hintergrund noch immer ihre Kommentare ab, aber ihr hört keiner zu. Auch Franziska hat sich verändert, das übereifrige, selbstsüchtige Kind hebt langsam den Blick über den Brillenrand und fast glaube ich, sie begreift, dass es hier nur miteinander geht. In dieser dritten Schulwoche bekomme ich leise das Gefühl, als könne das doch noch etwas werden mit den Sechsern und mir.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Liebe Leser,

während manch Lehrer in Deutschland schon langsam wieder zu den Herbstferien schielt, ist in Baden-Württemberg gerade einmal die erste Schulwoche herum, aber Hauptsache wir zentralisieren das Abitur… nun ja, da war die Aufregung bei den Deutschlehrern groß, als ihnen diese Woche bewusst wurde, was das terminlich bedeutet. Dazu vielleicht ein andermal, heute geht es nicht um das Deutschabitur, sondern nur um mein Erleben dieser ersten Schulwoche, SW1.

Doch erst noch ein Schritt zurück.

Im Studium mussten wir ein sogenanntes Pädagogisches Praktikum absolvieren, das heißt, es ging nicht um die Fächer, sondern die Studenten sollten vermehrt auf pädagogische Belange achten. So kam es, dass ich in diesem Praktikum in zwei achten Klassen mitlief, egal welches Fach sie gerade hatten. Das Thema meiner dazugehörigen pädagogischen Arbeit war schnell gefunden: die self-fulfilling prophecy, die selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine achte Klasse galt als nett, lieb und leistungstechnisch ganz okay, die andere, nun ja, die andere war das schwarze Schaf. „Das sind solche Rabauken“ wurde im Lehrerzimmer schnell verknüpft mit „Die können nichts“. Und nun ging es mir darum, ob dem tatsächlich so ist, und, wenn ja, ob das Urteil der Lehrer sich auf die Atmosphäre in der Klasse und dann auch auf die Leistungen ausgewirkt hat oder umgekehrt.

Ich weiß nicht mehr exakt, zu welchem Schluss ich kam, aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist klar, dass die selbsterfüllende Prophezeiung tatsächlich ein Problem ist. Natürlich höre ich Urteile, natürlich werde ich beeinflusst, aber ich bemühe mich, mir diesen Prozess bewusst zu machen und mich selbst immer wieder zu ermahnen, dass ich wachsam bleibe, selbst urteile und jeder eine neue Chance verdient hat. Damit meine Meinung nicht am Ende dazu führt, dass Schüler dann unbewusst dieser Meinung entsprechen.

Also gehe ich am Montag ganz locker fröhlich in meine Klasse. Den schwarzen Spätsommerhund habe ich längst verscheucht.

Es funktioniert nicht. Einzelne Kinder enttäuschen mich mit ihrem kaum versteckten Egoismus so, dass meine Stimmung merklich abkühlt. Ich merke das, hoffentlich die Kinder nicht! Als ich dann enthusiastisch unser diesjähriges Klassenprojekt vorstelle (Lucy ist schon ganz neidisch auf meine Klasse, weil sie so was Cooles machen darf…), kommt kein Jubel, kein Glanz in den Augen, dafür ganz offen die Frage, was man denn davon habe… „Kann man da auch was gewinnen?“

Und da platzt mir innerlich der Kragen, aber mir wird auch schlagartig klar, welches Problem viele Kinder haben. Sie arbeiten, machen meist, was man ihnen sagt, aber es fehlt die Begeisterung, weil sie keine intrinsische Motivation haben. In der Grundschule haben sie für die nette Lehrerin und die Eltern geschafft, für die sehr gute Note und die Belohnung, die viele sicher erhalten haben. Das sind normale Prozesse, aber wenn man es übertreibt, zum Beispiel nur die Note gelobt wird und nicht ein wirkliches Interesse am Können des Kindes gezeigt wird, an den Themen, mit denen es sich beschäftigt, kann das leider dazu führen, dass gar keine innere Motivation mehr aufgebaut wird. Dann geht es nur noch um die Note oder das Geschenk.

Und nun? Was biete ich? Frau Henner hat keine kleinen Belohnungsgeschenke, die erwartet echt, dass man einfach nur Freude an der Sache haben könnte. „Wir machen das gemeinsam! Ein tolles Projekt, kein normaler Unterricht, wir können uns das alles selbst ausdenken und dann vor einer richtigen Jury präsentieren…“, Frau Henner zieht schelmisch die Augenbrauen hoch, sie würde am liebsten sofort loslegen – so ein tolles Projekt! Und was springt für uns dabei heraus?

Und so erlebe ich diese Woche als eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich in meiner Klasse bin, mache ich halt meinen Unterricht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn ich in der Oberstufe bin oder wieder in meiner „alten“ Klasse in der Mittelstufe, dann freue ich mich, werde auch freudig begrüßt, wir grinsen und lachen und lernen wie nebenbei auch noch Neues. So geht es täglich auf und ab.

Aber ich gebe nicht auf – ich möchte die Kinder mitreißen, das Projekt ist viel zu cool, als dass sie sich nicht dafür erwärmen können. Das geht gar nicht. Und immerhin bin ich von der Sache begeistert und nach und nach werde ich sie schon noch auf meine Seite bringen, denn es kann doch so viel Spaß machen, etwas gemeinsam zu machen – einfach nur, damit man etwas gemeinsam macht!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Der schwarze Spätsommerhund

Liebe Leser,

was für ein schöner Sommer! Blicke ich nicht über den Tellerrand, sondern mich nur in meiner kleinen Welt um, kann ich es nicht anders sagen. Es waren wunderbare Sommerferien, gefühlt ständig Sonnenschein, ein zwar polizeireiches, aber ansonsten entspanntes Frankreich, die Vorbereitungen für das neue Schuljahr liefen wie nebenbei, gute und spannende Bücher bereicherten die langen Sommertage, ich fühle mich erholt und sprudele vor Ideen. Grad heute sitze ich auf der Bank im Garten, um mich herum wuchern zuckersüße Tomaten und ich blättere Lucys Jugendzeitschrift durch. Da schießt mir die geniale Idee für meinen Start mit meiner Klasse in den Kopf. Auf meine Blitzideen ist doch immer wieder Verlass!

Warum freue ich mich dann nicht auf das neue Schuljahr?

Liegt es an meiner seltsam egoistischen Klasse? Mist, ich wollte doch wirklich unvoreingenommen ins neue Schuljahr gehen! Aber es ist tatsächlich so, ich freue mich nicht besonders, sie wiederzusehen. Ich werde meinen Job machen, ich habe so viel vor, die Distanz zwischen dieser Klasse und mir ist jedoch noch nicht gewichen. Aber ich werde meine alte Klasse auch wieder unterrichten – jeah! Also sollte ich mich doch wenigstens auf sie freuen… hmmm…

Liegt es an den Schulalpträumen, die ich seit einer Woche habe? Ich komme am ersten Schultag zu spät, die Schule ist eine riesige Baustelle, ich verlaufe mich in der Schule, ich sitze neben dem kleinen Leo und er schreibt eine Mathearbeit, neben den anderen Kindern sitzen deren Eltern und versuchen heimlich ihren Kindern Tipps zu geben, wenn die Grundschullehrerin nicht hinsieht. Ich träume sonst kaum von der Schule. Was macht mein Hirn da bloß?

Ist es der übliche Schulanfangsberg, der schier unüberwindlich scheint? Entschieden nein! Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann das: Es bringt nichts, stöhnend die Höhe des Berges abschätzen zu wollen. Weil man jeden Tag nur ein kleines Stück geht, lässt sich jeder Berg bezwingen, wenn man sich einfach nur auf das direkt vor einem liegende Stück konzentriert.

Hm… liegt es am Abschiedsgefühl, alles noch ein letztes Mal? Nö, Abschiedsgefühle habe ich nicht, in die könnte ich mich sogar hineinfallen lassen, wehmütig darin baden, das Problem ist eher, dass ich gar keine Gefühle habe…

… für die Schule! Dafür bin ich voller Ideen für Projekte, schaue mir im Netz Tutorials an, bestelle mir hübsche Dinge, plane, träume, aber die Schule? Die ist mir grad so was von egal. Ich hätte noch weitere zwei Wochen in Frankreich bleiben können und kein einziges Mal an die Schule denken… was ist nur los mit mir?

Ist es tatsächlich die schwarze Spätsommerhund? Kennt ihr den? Der schleicht sich ganz unbemerkt an, meist, wenn es draußen herrlich ist und die Sonne schon tief steht. Dann knurrt er und zieht einem die Freude von der Haut. Nein, er ist nicht mit der Melancholie zu verwechseln, der schwarze Spätsommerhund. Und auch nicht wie eine ausgewachsene Depression, die allem die Farben aussaugt. Der schwarze Spätsommerhund ist nur ein Hauch davon, ein flatterhaftes Wesen, meist verschwindet er unversehens wieder. Ich habe den schwarzen Spätsommerhund erst in den letzten Jahren kennengelernt.

Ich fasse einen Entschluss. Die letzten drei Jahre habe ich viel Zeit in diesen Blog investiert und werde ihn auch weiterhin betreiben, aber ich werde nicht mehr so viele Beiträge einstellen, einmal die Woche wird reichen, wenn mir dann die restliche Woche bleibt, um mich mehr dem Privaten zu widmen, dem, was mir noch so alles im Kopf herumspukt. Vielleicht funktioniert es, vielleicht funktioniert es nicht, aber ich will unbedingt den schwarzen Spätsommerhund wieder verscheuchen. Dazu sollte ich mehr unter Leute gehen. Leute, die keine Lehrer sind. Leute, die ganz andere Probleme haben. Leute, die die Welt anders sehen. Wann war ich denn das letzte Mal tanzen oder mit Freunden auswärts essen? Wo lag noch mal der Prospekt von der VHS?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Seitenhiebe

Liebe Leser,

Lehrer sind auch nur Menschen und das heißt: selten perfekt. Selbst wenn sie sich bemühen, wie ich das durchaus von mir behaupte, machen sie Fehler, vernachlässigen mal eine Klasse, weil sie sich so mit den anderen herumschlagen, treffen nicht immer den richtigen Ton und Nerv der jungen Menschen. Die Schüler, die abgehen, haben das Recht – zum Glück! – in der Abizeitung ihren Lehrern mal so richtig die Meinung zu sagen. Wir wissen alle, dass sich genügend Frust angestaut hat und mancher eben mal raus muss. Klar, schreiben nicht immer die richtigen Personen die Artikel und es kommt auch hier wieder zu Ungerechtigkeiten und Verletzungen. Das ist die unschöne Seite einer Abizeitung. Im Grunde kann ein Lehrer zufrieden sein, wenn er halbwegs gut wegkommt. Recht machen kann man es eh nie jedem – das liegt im Wesen der Sache.

Natürlich weiß ich, dass Kollegin Christmann keinen guten Unterricht macht, dass aber sie allein so abgestraft wird, ist dann doch unfair, weil sie damit nicht die einzige ist, es aber jetzt so aussieht – für alle Welt in unserer kleinen Stadt schwarz auf weiß lesbar, ohne Möglichkeit eines Gegen-Statements. Ich bin mir sicher, dass Kollegin Christmann dieses Wochenende kein Auge zugemacht hat. Das nimmt keiner cool und gelassen. Besonders frappierend ist das Ganze, weil die anderen Lehrer fast alle über den grünen Klee gelobt wurden. Mann, hat unsere Schule viele tolle Lehrer! Alle so schlagfertig und fetziger Unterricht oder die Abiturvorbereitung war voll gut – beides zusammen gibt es eher selten. Die Schüler honorieren auf alle Fälle, wenn du als Lehrer Sprüche klopfen kannst. Am besten leicht unter der Gürtellinie und Harald-Schmidt-reif. Machst du dann noch passablen Unterricht, ist alles in Butter. Aus Schülersicht.

Keine Angst, Frau Henner spricht gerade nicht von sich selbst. Frau Henner kann Kollegin Christmann nicht mal besonders leiden, trotzdem empfinde ich… Mitleid? Schade auch, dass die größten Meckersäcke der Schule, die die Stimmung im Kollegium ganz bewusst vergiften, von den Schülern als total coole Lehrer so gelobt werden. In meinem Empfinden tut sich da eine Schere auf. Wenn die Schüler wüssten, wie die Lehrer so über sie herziehen, wäre es dann aus mit lustig? Warum verhalten sich eigentlich so gute Lehrer, die sie ja tatsächlich sind!, ihren Kollegen gegenüber so arschig? Was frustriert sie denn so, wenn sie doch guten Unterricht machen UND auch noch bombe bei den Schülern ankommen?

Ich fühle mich immer unwohler. Im Lehrerzimmer wird Gift versprüht und nach außen sind immer die anderen schuld. Jammern, Beschwerden, Intrigen und offene Hetze sind zum normalen Alltagselement geworden. Fällt denn niemandem auf, dass das so nicht weitergehen kann! Hier vermischen sich zwei Dinge, die ich eigentlich trennen sollte, es aber einfach nicht kann.

Frau Henner ist zufrieden mit ihrem Abizeitungsbericht – naja, der Artikel könnte etwas spritziger sein, aber wenn das das ist, was bei den Schülern hängen geblieben ist, auch in Ordnung. Nicht jeder ist zum Schriftsteller geboren. Ich ja auch nicht. (Neulich las ich den amüsanten Satz: „Blogs sind für Leute, die gerne schreiben, denen das aber keiner abkaufen will.“ Und da ist was dran.) Also mal wieder kein nobelpreisverdächtiger Text, aber inhaltlich alles in Butter und das, obwohl Frau Henner in diesem Jahrgang kein einziges Mal verbal zu Hochtouren auflaufen konnte, nicht einmal schlagfertig sein musste und konnte. Mein Neigungskurs war brav und bemüht. Geistreich wird es aber erst dann, wenn ein Kurs auch einmal anders denkt, frech fragt und nicht immer nur Ja und Amen sagt. Geistreich war dieser Kurs aber kein einziges Mal. Dafür nett und fleißig.

Jeder Jahrgang ist anders, jeder Kurs. Die Schüler vor zwei Jahren waren große Klasse, letztes Jahr gruselig lahm, dieses Jahr nett und langweilig, mal sehen, was nächstes Jahr kommt, bis jetzt sind sie nett und sehr still.

Aber es wird auch Zeit für Selbstkritik. Man kann schließlich nicht alles auf die Schüler schieben. Ich bin so mit den Neigungskursen beschäftigt, den hypochondrischen Fünftklässlern und deren Helikoptereltern, dass ich die Grundkurse in der Oberstufe nur so nebenbei laufen lasse. Wer da drin sitzt, muss in der Regel dieses Fach belegen, das Interesse hält sich jedoch meist in Grenzen. Es gibt Kurse, da kommt trotzdem eine gute Stimmung auf. In diesem Jahrgang hat das aber gar nicht geklappt. Da gab es die Wandreihe mit Mädels, die alle dabei waren, und die Fensterreihe mit den coolen Jungs, die einfach keinen Bock auf Arbeit hatten. Ihr Pech, dass ich sie trotzdem hab‘ arbeiten lassen. Mein Pech, dass sie mir das in der Abizeitung heimzahlen.

Alles halb so wild, ich verstehe den Seitenhieb ja, aber Frau Henner, wäre nicht Frau Henner, wenn sie sich nicht Gedanken über das Grundproblem machen würde: Wie schaffe ich es, dass Schüler im Grundkurs mit Null-Bock-Laune am Ende wenigstens nicht das Gefühl haben, völlig umsonst dagewesen zu sein? Kann ich das überhaupt schaffen? Oder muss ich dieses partielle Scheitern aushalten lernen? Was kann ich an meinem Unterricht ändern?

Schülernähe? Weggang von den Pflichtthemen? Mehr Filme zeigen? Mich mehr mit den coolen Schülern verbünden und öfter über Fußball, Autos und Sex reden?

Nee, lieber authentisch bleiben. Aber ich will natürlich trotzdem besser werden. Mich soll nicht jeder lieben – das wäre fatal – aber ich will auch den Grundkurs-Großmäulern das Gefühl geben, dass sie Unterricht mitgestalten können. Sie sollen spüren, dass es auch an ihnen liegt, ob Unterricht gelingt oder nicht.

Also macht Frau Henner eine Umfrage. Natürlich nicht mehr bei den Abiturienten, die sind jetzt endgültig weg. Die Organisation ihres Abgangs war eher mittelprächtig, aber es passte zum Jahrgang. Deshalb gab es auch im Blog weder über den Abiball noch über den Abigag etwas zu berichten. Aber die nächsten Abiturienten rücken ja bereits nach. Nach dem Abi ist vor dem Abi. Ich starte meine Umfrage einfach in der Jahrgangsstufe I. Dort herrscht eine ganz andere Atmosphäre in den Grundkursen – da sitzen auch viele, die keinen Bock haben – zwangsläufig – aber die Großmäuler regieren nicht. Es sind nette Kurse, wenn auch wenig geistreich… hier werde ich den Versuchsballon „Was soll Frau Henner am Unterricht verändern, damit er dem Schüler etwas bringt“ durchziehen. Ich bin sehr gespannt. Und netten Kursen kommt man doch auch gleich viel lieber entgegen, da habe ich auch Lust, etwas zu verändern, wenn mir die Veränderung sinnvoll erscheint.

Am liebsten würde ich gleich morgen früh alle Schüler zusammentrommeln… wie war das: Lieber auf neuen Wegen stolpern, aber als alten auf der Stelle treten?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner