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Mathelehrer bis 3,0 sind voll okay

Liebe Leser,

Frau Henner macht Statistik. Interessant sind Zahlen immer. Und Mathematiker sagen wahrscheinlich auch, dass sie immer eindeutig sind. Eine 2 ist eine 2 und eine 3 ist eine 3. Das will ich nur vorab klargestellt haben, ehe ich in den Verdacht gerate, etwas gegen Mathelehrer zu haben. Ich kann nichts für die Zahlen! Aber ich muss leider feststellen, dass eine 2 eben auch eine 3 sein kann und umgekehrt.

Heute geht es um die Lehrereinstellungen in Baden-Württemberg im neuen Schuljahr. Die Zahlen liegen offen. Wieviel Bewerber gibt es für welches Fach, wer wurde bis zu welchem Schnitt eingestellt? Die Statistik wird nur dadurch unklar, dass ein „normaler“ Anwärter meist zwei Fächer anbietet und er in der Regel nur wegen eines dieser Fächer eingestellt wird. Das andere Fach gibt es quasi gratis dazu.

Eine wichtige Vorbemerkung ist noch zu machen: Die Geschlechterverteilung verrutscht immer mehr – weg von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Männlein und Weiblein hin zu einem frauenlastigen Beruf. 71 % der Bewerber sind am Gymnasium Bewerberinnen.

Nun studieren Frauen aber häufiger Sprachen als Naturwissenschaften. Merkt ihr was? Klar, dazu muss man kein Mathematiker sein. Es gibt viel zu viele Bewerber mit Fächern wie Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch und es konnten viele Bewerber nicht eingestellt werden (über das Nachrückverfahren bin ich noch nicht informiert). Beispiel gefällig? In Deutsch gab es 936 Bewerber auf 80 Stellen, in Spanisch 321 auf 20 und in Englisch 826 auf 90. Das heißt wiederum, dass in diesen Fächern besonders die sehr guten Bewerber genommen werden konnten und man schon ab einer Note von 1,7 kaum mehr eine Chance hatte. 1,7!

Man kann auch sagen, selbst schuld, wenn ihr halt besser in Sprachen seid, die Mathematiker und Physiker sind nicht so arm dran. Dort hätte es genügend Stellen gegeben, um alle Bewerber einzustellen – alle! Doch dort macht das Land dann von sich aus einen Schnitt. Wer schlechter ist als 3,0 wird nicht eingestellt. Aber bis 3,0 ist alles okay.

Also, in Spanisch ist eine 2,0 eine Katastrophe und in Mathe eine 3,0 ganz ordentlich. Das nennt man dann die Relativität der Realität.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Seitenhiebe – ein Nachtrag

Liebe Leser,

es stört mich doch. Es ist nur ein Satz und auf der anderen Seite der Waagschale unzählige nette, liebe, lobende Sätze in der Abizeitung, die es seit letzter Woche gibt und inzwischen von wirklich jedem an der Schule gelesen wurde. Aber dieser eine Satz ist eben unter aller Sau und ich merke nach einer Weile, dass er mich trifft.

Frau Weinstett steht in der Pause da und raunt mir zu: „Du, ich versteh das überhaupt nicht. Wie meinen die denn das? – Damit kannst doch gar nicht du gemeint sein…“

Frau Sonnenschein sagt erstaunt: „Aber Sie machen doch guten Unterricht und sind immer gut gelaunt!“

Vor der Tür steht eine Gruppe vom Neigungskurs, um sich noch mal für die zwei Jahre zu bedanken. Sie haben mir ein Geschenk selbstgemacht. Jeder hat einen kleinen Teil an einer Geschichte der Frau Henner geschrieben. Eigentlich superrührend.

Hilft trotzdem nichts, das Geschenk nehme ich dankend entgegen und wünsche allen noch einmal viel Erfolg im Leben und stecke das Geschenk im Lehrerzimmer schnell weg. Dieser eine Satz wurmt sich durch mich hindurch. Und da ist es bei mir nur dieser eine Satz. Herr Schrat hat heute Saulaune. Könnte an seinem Abitext liegen. Hat aber sicher auch noch andere Ursachen. Und wenn ich erst an Frau Christmann denke…

ja, wo ist denn Frau Christmann?

Die ist heute gleich gar nicht da.

Fällt aber gar nicht auf, weil Frau von Ostrach an unserem Tisch jedem, aber auch jedem ihr Abigeschenk unter die Nase hält: „Och ist das nicht toll, was mir die Schüler geschenkt haben! Sag mal!“ Ich verlasse das Lehrerzimmer.

In der Mensa beugt sich eine Gruppe Mittelstufenschüler über die Zeitung und hat Gaudi daran, die schlechten Bewertungen einzelner Kollegen mit großem Hallo und Beifall zu bejubeln. Es geht hier gar nicht um mich, meine Noten sind voll okay. Einser, Zweier und auch Zweibisdrei in einer Kategorie, die misst, wie cool man ist. Und cool, das war Frau Henner in diesem Jahrgang definitiv nicht. Das kann ich nur dann sein, wenn die Schüler selbst cool sind. Ich bin nicht von mir aus cool, sondern nur in Reaktion auf coole Situationen. Da fühle ich mich also völlig richtig bewertet. Trotzdem stört mich diese Szene. Und diesmal liegt es nicht an diesem einen Satz.

Man darf Schülern Kritik nicht verwehren. Wir sollen sie zu kritischen Menschen erziehen. Und natürlich vergeben wir Noten in vorher transparent gemachten Kategorien. Ich will hier nicht die Schülermeinung einfach weichgespült haben. Wer will schon noch eine Abizeitung, wenn nur noch seichte Texte darin stehen. Gähn!

Aber wir hängen die Noten der Schüler nicht am SMV-Brett aus, damit sie von allen anderen Schülern begafft werden können. Im Regelfall suchen wir das Gespräch mit einem Schüler, wenn wir ein Problem mit ihm haben. Ein Schüler soll die Chance haben, seine Sicht darzulegen. Zumindest die guten Lehrer machen das so.

Meinen einen Satz, den schlucke ich herunter und lese mir die vielen schönen Sätze durch. Aber die Sache mit den Noten in der Abizeitung, also da muss ich wohl mal mit der Schulleitung reden. Freundlich und sachlich, wie die Frau Henner halt ist.

In unserem Lehrerzimmer wird sowieso schon genug Gift versprüht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Was am Ende bleibt

Liebe Leser,

Prüfungen kann man immer aus mehreren Perspektiven betrachten. Der Prüfling hat eine völlig andere Wahrnehmung als der Prüfer und die Eltern sehen es wieder anders. Das liegt in der Natur der Sache bzw. des Menschen.

Die mündlichen Prüfungen laufen gut. Natürlich gibt es sehr unterschiedliche Ergebnisse. Mit sechs Punkten ist wahrscheinlich keiner zufrieden, mit neun Punkten kommt es auf den Schüler an, ein sonst sehr guter Schüler ärgert sich sogar noch über zehn Punkte und mit vierzehn sollte eigentlich jeder glücklich sein. Fünfzehn Punkte sorgen für Ungläubigkeit und/oder totale Freudenhysterie. Alles im normalen Bereich. Es ist eine gute Prüfung.

Sie ist nicht gut, weil alle Schüler gut wären. Sie sind es nicht, die Gaußsche Normalverteilungskurve schlägt zu! Sie ist gut, weil wir Prüfer uns bei jedem Kandidaten einig sind. Grübele ich über neun oder zehn Punkte, grübelt der zweite Prüfer genauso und auch der Protokollant hängt genau zwischen dieses beiden Bewertungen fest. Dann diskutieren wir, schauen uns unsere Notizen noch einmal an, lassen die Prüfung Revue passieren und kommen einstimmig zu einem Ergebnis. Was für eine Prüfung! Drei Menschen sind sich einig, objektiver geht es kaum in den Geisteswissenschaften.

Die Kandidaten, die schlecht abschneiden, waren auch schlecht. Die Kandidaten, die gut abschneiden, haben sich das redlich verdient. Selten gehe ich so zufrieden aus so einem Tag, ich fühle mich von niemandem über den Tisch gezogen.

Die Schüler, die schlechter als von sich selbst erwartet abgeschnitten haben, schon. Noch bevor ich das Schulhaus verlasse, höre ich schon die ersten Gerüchte. „Das war ein besonders strenger Prüfer!“ „Das ist ja gar nicht gut gelaufen!“

Stimmt alles nicht. Aber das wird am Ende dieses Tages bleiben.

Schade, denn es war ein guter Tag zum Prüfen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Die nackten Zahlen

Liebe Leser,

dieses Jahr habe ich mich gar nicht über den Abituraufwand geärgert, weil es ganz moderat zuging. Lehrer A hat sich bemüht, Lehrer B auch und Lehrer C sieht zwar die großen Differenzen in manch Entscheidung, aber es ist alles vermittelbar. Natürlich werden einige Schüler bei soften Lehrern bevorteilt – glaubt ja nie wieder einem Abi-Schnitt! – aber es sind dieses Jahr keine größeren Katastrophen zu vermelden.

Nur eines stimmt mich etwas wehmütig, weil es auch meine Schüler und auch mal mein Töchterlein betreffen wird, sofern wir nicht noch vor der Oberstufe in eine größere Stadt ziehen sollten.

Die Zahlen lügen nicht.

Die Schüler in den Städten der mir zur Korrektur vorliegenden Abiture haben durch die Bank weg bessere Vornoten als meine Schüler, die Schüler an unserem ollen Landgymnasium überhaupt. Lucy wird sicher mal ein gutes, vielleicht sogar ein sehr gutes Abitur machen, aber der Notenschnitt ist anderswo leichter zu bekommen, denn eines lasse ich mir nicht einreden: die Kinder auf dem Land sind im Durchschnitt nicht dümmer!

Aber sie haben die schlechteren Schnitte.

Weil wir strenger sind.

In der Pause quatsche ich mit ein paar der netten Kollegen. Natürlich ist die Drittkorrektur eines der Themen. Auch die anderen beobachten dieses Phänomen.

„Sind wir denn zu streng?“, frage ich ratlos.

„Du, aber noch bessere Noten geben, das kann ich dann doch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren“, sagt Frau Weinstett.

„Wie oft ich schon ein Auge zugedrückt habe und wenn die Korrekturen zurückkommen, könnte ich mich in den Hintern beißen, weil ich locker zwei, drei Notenpunkte hätte höher gehen können. Dabei hatte ich schon das Gefühl, ich gehe ans Äußerste“, nickt Frau Sellawie.

„Naja, meist werden sie (die Schüler der Stadtgymnasien) ja in den Prüfungen runterkorrigiert, aber guckt euch doch mal die Vornoten an. Kann mir keiner erzählen, dass die alle mit realistischen 12,6 bis 13,6 ins Abi gegangen sind und dann ach so plötzlich nur mit 6 oder 7 Punkten rauskommen. Das ist doch die Ungerechtigkeit!“

Wir kennen dieses Phänomen auch aus mündlichen Prüfungen. Mit 13 Punkten angemeldet und der Schüler stottert sich mit Halbwissen so durch seinen Text und der unterrichtende Lehrer kann nicht fassen, dass ein Lehrer unserer Schule das eher in den befriedigenden Bereich setzen möchte und nicht in den sehr guten. Am Ende einigt man sich dann vielleicht auf 11, 12 Punkte. Bei uns hätte der Schüler 9 Punkte bekommen, weil er nicht mehr verdient hat. Und weil er nett und freundlich war, bekommt er eben 9 statt 8.

Dort eine Zwei bei uns eine Drei.

Am Ende bleibt aber die nackte Zahl. Meine Schüler erreichen die Traumschnitte der Stadtgymnasien nicht. Lucy wird hier mehr rudern müssen, wenn sie eine Medaille will. Ja, wie sagt man so schön: Sellawie!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Verwirrung mit dem deutschen Schulsystem

Liebe Leser,

heute war nun Elifs letzter Schultag bei uns. Die Eltern waren nach der Halbjahresinformation recht schnell zu überzeugen, dass wir am Gymnasium ihre Tochter nicht adäquat fördern können. Der Abstand zwischen ihr und dem Rest der Klasse wurde immer größer. Wo andere Kinder sich langsam, aber stetig entwickeln, war bei Elif nichts zu merken. So deutlich sage ich das auch im Elterngespräch. Elifs Eltern sprechen nicht so gut deutsch, dass sie eine beschönigende Formulierung entlarven könnten. Lieber die Karten offen legen. Sie sind traurig.

„Wir wollten sowieso nicht Gymnasium“, sagt die Mutter, die ich zu diesem Elterngespräch zum ersten Mal kennen lerne.

„Ja, Elif wollte unbedingt. Hat gesagt, ich schaff das schon“, bestätigt der Vater.

Es nützt nichts darüber zu diskutieren, inwieweit zehnjährige Kinder solche großen Lebensentscheidungen überhaupt tragen können, zumal die Schüler an unseren Grundschulen bei dem beratenden Schullaufgespräch an der Grundschule meist nicht mit anwesend sind.

„Ein guter, solider Realschulabschluss ist ein gute Sache!“, sage ich und meine es ernst.

„Aber Realschule ist doch das gleiche wie Gymnasium?“, fragt der Vater.

Ich versuche mit einfachen Worten den Unterschied zu umreißen.

„Aha“, meint der Papa, „also wenn Elif dann auf Realschule wieder besser ist, dann kann sie wieder Gymnasium wechseln?“

„Sie kann nach ihrem Realschulabschluss auf ein berufliches Gymnasium wechseln und dort auch ihr Abitur ablegen, ja. Aber jetzt geht es doch darum, dass Elif Erfolge sieht, wieder motiviert wird. Ich wünsche ihr einmal eine Drei oder eine Zwei!“

Die Mama nickt eifrig. Dem Papa geht das mit dem Gymnasium nicht ganz aus dem Kopf.

„Und Nachhilfe, sollen wir weiterlaufen lassen?“

„Ich würde damit nicht sofort aufhören, lassen sie Elif Zeit, sich einzugewöhnen. Aber dann sollten sie die Nachhilfe zurückfahren. Wissen Sie, ich denke, ein Kind sollte auf die Schulform gehen, wo es ohne dauerhafte Nachhilfe gut dem Unterricht folgen kann.“

Der Vater starrt mich an. Er kann nicht recht glauben, was ich sage. Wo der Nachhilfelehrer doch sagt, dass Elif noch viel besser sein könnte, wenn sie weiterhin regelmäßig in die Nachhilfe komme…

Das war am Dienstag, heute ist schon alles klar. Die Eltern waren gleich im Anschluss des Gesprächs an der Realschule und dort nimmt man sie natürlich auf. Ich freue mich. Es gibt nicht mehr so viele Realschulen und eine Gemeinschaftsschule, wo Elif sehr selbständig lernen müsste, ist nichts für sie. Sie braucht unbedingt Anleitung. Das ist die Chance für sie!

Elif, die gerade ihre Schultasche einpackt, wirkt verwirrt. Sie schwankt zwischen Erleichterung und Traurigkeit. Zum Glück haben wir noch eine Menge zu tun: Bücher abgeben, Abmeldeformular unterschreiben, Zeugnisheft raussuchen, von den Klassenkameraden verabschieden. Ich wünsche ihr alles Gute, hoffe, dass sie es packt, denn ich kann nicht einschätzen, ob sie überhaupt den Anforderungen der Realschule gerecht werden kann. Für Elif ist es noch ein langer Weg.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Wer hat die beste Klasse?

Liebe Leser,

Halbjahr. Halbjahresinformationen. Notenkonferenzen.

Meine Fünfer sind ja leistungstechnisch nicht so der Knaller, aber wenn ich die Liste mit Frau Weinstetts Schäfchen vergleiche, dann ist alles normal. Ihre sind besser, aber nicht viel, und irgendeiner muss ja schließlich das Schlusslicht sein. Wären Elif und Adam nicht in meiner Klasse, sehe alles auch anders aus. Aber jede Klasse hat ihre Elifs und Adams und wir kämpfen gemeinsam weiter. Frau Weinstett und ich, wir tauschen uns oft aus, sprechen unsere Maßstäbe ab, so ein bisschen innere Transparenz muss schon sein. Das gibt uns bei der veränderten Schülerschaft auch ein bisschen Sicherheit.

Dann komme ich an der offen einzusehenden Notenliste der dritten Fünferklasse vorbei und ich muss einfach kurz draufschauen – ich kann nicht anders. Mir stockt der Atem.

Wow, sind das gute Noten in Deutsch! Wie macht der das nur? Ganz im Ernst, ich fange an zu überlegen, wie man bei einem Diktat als Klassenarbeit überhaupt auf solche Noten kommen kann. ALLE Noten in Deutsch sind überdurchschnittlich, da gibt es keine Ausreißer nach unten – KEINE. Wie macht der Kollege das mit seiner Elif und seinem Adam?

Dann erinnere ich mich. Eine Preisverleihung, der Kollege steht vor mir. Seine Klasse sahnt voll ab. So viele Preise und Belobigungen hat keine andere Klasse.

„Wow!“, sage ich.

„Ja, wow“, strahlt der Kollege, „meine Klasse ist echt gut!“

Ich würde den Kollegen ja fragen, wie er zu solchen Leistungen kommt, aber er arbeitet nicht gerne mit anderen zusammen, das habe ich inzwischen erkannt. Er wiegelt immer ab. Dann soll er den Wanderpokal für die beste Klasse am besten gleich behalten. Ich gehe lieber zu Frau Weinstett, die teilt mein Schicksal. Wir überlegen gemeinsam, wie wir unseren Elifs und Adams deutsche Rechtschreibung beibringen könnten, welches Arbeitsheft für Kinder mit Migrationshintergrund vielleicht gewinnbringender wäre als unser übliches, was wir den Eltern nach der Halbjahresinformation raten. Das alles hat der dritte Kollege im Bunde ja gar nicht nötig. Dort ist alles in Butter.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner