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Pfingsten 2: Vier Frauen – ein Problem

Liebe Leser,

Ferienzeit ist Freundezeit. Also sitzen mal wieder drei Damen im Restaurant – diesmal ist es eine Pizzeria, die wir mangels echter Alternativen aufsuchen – Großstäde sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren – zumindest nicht jede! Wir reden, was Frauen halt so machen. Und es geht kaum um unsere Kinder, Frauen können auch anders.

Diesmal ist das Hauptthema des Abends die Arbeit. Zwei Tage später werde ich noch eine Freundin besuchen, die mit den beiden anderen nicht so viel zu tun hat, deshalb die getrennten Gespräche. Aber schnell stellt sich heraus, dass auch hier die Arbeit ein wichtiger Aspekt geworden ist und vor allem dass der Schuh drückt. Um nicht hin und her zu springen fasse ich beide Treffen in eines zusammen, wir haben sowieso so viel gemeinsam: wir sind gleich alt, wir haben zusammen die Schulbank gedrückt, wir sorgen jeweils für zwei Kinder – wahlweise kommt noch ein Mann dazu. Nach sehr guten und guten Abschlüssen haben wir unterschiedliche Ausbildungswege eingeschlagen: zwei haben eine Ausbildung absolviert, zwei studiert. Eine hat schon mehrfach die Arbeitsstelle gewechselt, wir anderen sind mehr oder weniger direkt von Schule und Uni zu unserer Arbeitsstelle gekommen. Und alle sind wir unzufrieden – aber jede aus einem anderen Grund.

Ist das schon symptomatisch?

Meine Probleme ziehen sich schon länger durch diesen Blog. Da will man so gerne und möchte etwas tun und fühlt sich häufig durch Kollegen ausgebremst, die hübsch ihre Ruhe haben wollen und auch wollen, dass alle anderen Ruhe geben, denn sonst müssten sie ja auch etwas tun. Das ist keine Arbeitsatmosphäre für motivierte Mitarbeiter.

Und genau das gleiche Problem haben auch die anderen Frauen. Die eine wird ausgebremst, weil es die hierarchische Struktur ihrer Arbeitsstelle nicht zulässt, dass sich eine Untergebene engagiert. Sie können da nicht so eigenmächtig handeln, da muss man immer erst den unfähigen allwissenden Chef fragen, der dann die Probleme auf die lange Bank schiebt und Neuerungen aussitzt sorgfältig alle Optionen abwägt. Die andere wird ausgebremst, weil da Männer unter sich ausmachen, wer weiterkommt, und das sind Männer, nicht Frauen. Die sollen sich erst einmal vorrangig um ihre Kinder kümmern. Später ist ja auch noch Zeit für Karriere – und überhaupt, wozu braucht denn eine alleinerziehende Mutter so ein Gehalt, das kann man doch kürzen, damit der andere Mitarbeiter einen schicken Firmenwagen fahren kann. Und die letzte wird von der überforderten Chefin zur Schnecke gemacht, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, aber Menschen eignen sich doch so gut als seelische Fußabtreter…

Das ist keine Arbeitsatmosphäre.

Nun wechsle ich die Dienststelle, dabei bin ich eindeutig am besten dran, weil es bei mir nicht um die Existenz geht. Das können die drei anderen Frauen nicht so verhältnismäßig einfach. Die eine ist froh überhaupt eine Stelle in ihrer Branche gefunden zu haben und das bei dem noch akzeptablen Fahrtweg, die andere ist familiär auch gebunden und Stellen in dieser Brache… ha! Und auch die dritte sagt: „Der Arbeitsweg, den ich jetzt gerade habe, der ist einmalig, das bekomme ich sonst nicht mehr und solange die Kinder…“ Und dann hält sie kurz inne und ergänzt: „Aber wenn meine Chefin mich wieder anbrüllt, dass ich zu dumm sei, dann überlege ich mir das vielleicht. Das muss ich mir einfach nicht bieten lassen.“

Vier Frauen, alle wollen gerne arbeiten. Alle kümmern sich trotzdem um ihre Familie. Keine macht hier groß eine „Karriere“. Es geht nur um eine rechtschaffene Arbeit für ein angemessenes Entgelt und vor allem geht es um die Anerkennung der Leistung, die diese Frauen gewollt sind zu erbringen.

Ich wundere mich, dass es sich unserer Gesellschaft leisten kann, dieses Potential nicht voll auszuschöpfen. Vielleicht werden wir uns da in Zukunft noch mehr wundern. Neulich hat Jan-Martin ein ähnliches Problem zum Thema Gleichberechtigung angeschnitten. Wir haben in Deutschland noch immer viel zu tun in dieser Hinsicht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Hilfe – ein Schülerblog!

Liebe Leser,

da ist Ben aus der zehnten. Ben hat einen Blog und sagt dort seine Meinung. Ben ist redegewandt und seine Seite sieht professionell aus – schließlich ist er kein Kind mehr. Auch seine Meinung ist recht erwachsen, aber sie passt so gar nicht ins Bild. Ben ist ein Rebell, aber ein schlauer. Und sicher will er sich auch ein bisschen wichtig machen.

Und trotz seiner Wut im Bauch auf die Schule – unsere Schule – bemüht er sich, im WorldWideWeb ein anständiger Mensch zu sein. Er anonymisiert die Schule und die Lehrer und bleibt sprachlich auf einer angemessenen Ebene. Was will man mehr?

Freuen wir uns, dass ein junger Mensch so verantwortungsvoll im Netz unterwegs ist. Seien wir stolz, dass dort einer seine Meinung begründet und eben nicht einfach verbale Fäkalien ausschüttet. Nehmen wir die Subjektivität hin, aus der heraus alles geschrieben ist, Wahrheit und Fiktion liegt im Netz oft nur ein paar Tastenklicks nebeneinander und ist schwer zu unterscheiden, durchdenken wir seine Kritik und antworten ihm angemessen – sachlich.

Glaubt ihr, Lehrer reagieren so, wenn der Blog auffliegt?

Nein, gekränkte Eitelkeiten sind so schnell verletzt. Über disziplinarische Maßnahmen wird gesprochen. Allianzen bilden sich im Lehrerzimmer. Es wird zum Aufreger des Monats. Und kaum einer liest mehr die Texte genau. Es geht nur noch daraum, dass so etwas gar nicht geht.

Was geht nicht? Das Internet als Plattform? Die eigene Meinung?

Ich dachte, wir bemühen uns um mündige Bürger. Tja, dann müssen wir uns auch mit genau diesen auseinandersetzen. Es bleibt einfach nicht mehr verborgen, was in verschlossenen Räumen passiert – das ist die Chance und auch die Gefahr des Internets. Hatten früher Schüler Wut auf die ihr Leben bestimmende Institution, haben sie vielleicht Zettel geschrieben oder heimliche Brandbriefe, die man wieder verschwinden lassen konnte, haben die Turnhallenwand besprayt oder sich resigniert abgewandt. Heute erhalten sie Zuspruch im Netz durch fremde Kommentatoren, für deren Äußerungen der Blogbetreiber nun wiederum nichts kann.

Gut, er könnte sie mehr moderieren, selbst kommentieren, Kommentar und Ursprungstext wieder in das richtige Verhältnis setzen. Unsachliche Kommentare auch bewusst nicht freischalten und dazu stehen. Subjektivität auch als solche kennzeichnen und überhaupt erst einmal konsequent bei der Wahrheit bleiben. Das muss und kann Ben noch lernen. Ist ja immerhin ein Schülerblog.

Wenn die sich wiedererkennenden Lehrer schlau wären, würden sie mit dem Schüler ein gutes Vier-Augen-Gespräch führen. Wenn Ben schlau wäre, würde er genau darüber wieder bloggen und somit ein Versöhnungsangebot liefern.

Wir stecken doch alle noch in den Kinderschuhen, was neue Kommunikationsformen anbelangt. Und die althergebrachten, die sollten wir dabei nicht ganz vergessen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

Der Mittelweg

Liebe Leser,

Lucy war drei Tage mit einer Jugendgruppe weg. So etwas finde ich ja große Klasse: alle Kinder in einen Bus und ab in eine Jugendherberge, tagsüber Projekte und abends lustiges Beisammensein auf den Zimmern, ein bisschen Abenteuer und neue Erfahrungen und nebenbei noch was Sinnvolles gemacht. Wie es sich herausstellte, waren zwei Mädels aus Lucys Klasse dabei und man war sich schnell einig, dass man auf ein Zimmer geht. Zufälligerweise haben auch ein paar meiner Sechser an dem Ausflug teilgenommen. Es versprach also, lustig zu werden. So weit – so gut.

Lucy kam etwas enttäuscht nach Hause. Die Projekte waren anstrengend, aber sie haben Spaß gemacht. Das war es also nicht. Doch ihre beiden Zimmergenossinnen, zwei brave Mädchen, entpuppten sich als die absoluten Spaßbremsen. Natürlich kauft man sich im Kiosk neben der Jugendherberge Chips und Gummibärchen (davon leben solche Kioske) und natürlich reizt man die Nachtruhe bis aufs letzte aus – das nennt man Jugend! Und Lucy ist da mittendrin. Aber ihre Zimmergenossinnen waren so brav, dass sie die Feier im Zimmer nebenan doof fanden und lieber zeitig ins Bett gehen wollten. Sollen sie doch, dachte sich Lucy und feierte im Nachbarzimmer mit, freundete sich mit ein paar meiner Sechser lose an, die Mädchen lackierten sich die Nägel, man erzählte sich Schulgeschichten und lästerte über Lehrer, Mädchen gickerten, Jungs verdrückten Colavorräte – alles harmlos. Lucy kostete diese Harmlosigkeit einen Abend lang aus. Aber Johanna und Annika ließen es Lucy spüren, dass das alles nichts ist: „Kommst du auch schon!“ „Na, wie war die doofe Party da drüben?“ „Mann, dein Nagellack sieht bescheuert aus!“

Die Jugendleiterin erzählt mir, als wir die Kinder vom Bus abholen: „Also das Zimmer von Lucy, die waren ja brav! Ich mache meine Nachtrunde halb elf und überall ist noch Licht und lustiges Leben und dann komme ich in ein dunkles Zimmer und denke erst, da ist ja gar niemand, geh ich wieder raus, dann denke ich, nee das ist doch das Zimmer von Annika, die hauen doch nicht ab, geh ich wieder rein, und tatsächlich, die schlafen schon! Alles still.“ Jetzt könnt ihr euch sicher vorstellen, dass Lucy das nicht so toll fand. Lucy wäre lieber ermahnt worden, ins Bett zu gehen. Lucy hätte vielleicht auch mit Johanna und Annika ein bisschen Party gemacht…

Ich setze mich an diesem Abend ein bisschen in Lucys Zimmer und lasse mir das alles erzählen. Johanna und Annika sind Musterschülerinnen. Christina aus der Sechsten, die Lucy die Nägel lackiert hat, und Lana, die Lucy total nett fand, kämpfen beide in der Schule ums Durchkommen. Und Lucy stand zwischen den Stühlen.

Liebe Lucy, es gibt einen Mittelweg. Man kann im Grunde vernünftig sein und sich um seine Leistungen kümmern und trotzdem Spaß am Leben haben und auch mal alle Fünfe grade sein lassen. Man muss sich nicht für eine Seite entscheiden. Ich weiß, dass das nicht immer einfach ist. Es dauert, bis man Menschen findet, die ähnliche Interessen haben, die ähnlich ticken, mit denen man Pferde stehlen und für die nächste Englischarbeit lernen kann.

Lucy meint, sie würde nächstes Jahr einfach nicht mit Johanna und Annika in ein Zimmer gehen. Schön, dass Lucy also trotzdem wieder hin will. Ich habe nichts dagegen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Drei Frauen im Restaurant

Liebe Leser,

Frau Henner nutzt die Ferien und trifft sich mit zwei Freundinnen in einem Restaurant. Draußen schneestürmt es, drinnen ist es huschlig warm und gemütlich voll. Wir sind in einer Großstadt, da ist auch unter der Woche etwas los. Wir essen und trinken, reden, scherzen, lachen. Im richtigen Leben sind wir drei Frauen außerdem drei Mütter mit insgesamt sechs Kindern und je einem mehr oder weniger passenden Partner dazu, wir arbeiten oder suchen gerade Arbeit, versuchen unseren Haushalt im Griff zu halten und sind uns doch bewusst, dass wir nicht perfekt sein können. Also drehen sich die Gespräche um unsere Kinder (die eine Freundin scherzt: „Leider ist die Babyklappe inzwischen zu klein!“ – aber keine Angst, sie hat ihre kleinen Terroristen wirklich lieb), unsere Männer, unsere Eltern („Stellt euch vor, meine Eltern haben mich eben gefragt, ob ich weiß, wie man in die Stadt fährt! Ich habe seit achtzehn Jahren einen Führerschein und fahre diese Strecke exakt genauso lange!“), unsere Arbeit und unsere Zukunftspläne. Es ist ein unterhaltsamer Abend und wir sind einfach nur drei Frauen in einem Restaurant. Keine meiner Freundinnen ruft noch mal schnell zuhause an, um den Kindern verstohlen ins Telefon ein Gute-Nacht-Lied zu singen. Keine whatsappt schnell noch mit einer anderen Freundin. Keine wird vom Mann angerufen und gefragt, ob der gelbe Body mit den Hasenbärchen der richtige ist oder ob der Reisbrei mit Milch oder Wasser angerührt werden muss. Keine der Freundinnen lächelt ein eben geschossenes Babybild an, was der Papa stolz in die Welt geschickt hat. Die Handys bleiben in den Handtaschen. Unsere Kinder kommen auch ohne unsere Hilfe ins Bett und die Papas machen das schon. An diesem Abend dreht sich unsere kleine Welt nur um unseren kleinen Tisch. Wir leben im Hier und Jetzt.

Danke ihr zwei, dass das mit euch noch möglich ist!

Danke für den schönen Abend!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Weibchen und so

Liebe Leser,

es ist diese kurze Szene des Films, den Lucy und ich in den Fastnachtsferien gedreht haben, die mich irritiert, nicht mal eine Sekunde dauert es, aber ich lege plötzlich den Kopf schief und lächele. Es ist diese Geste der weiblichen Unterwürfigkeit, die wir seit Jahrhunderten trainiert haben und inzwischen völlig unbewusst ausführen, diese Geste, die ruft: „Hab mich lieb, tu mir nix, ich bin doch nur das schwache Geschlecht!“ Gegen diese Geste haben – wie man sieht – völlig erfolglos die Feministinnen gekämpft. Dabei halte ich mich doch für emanzipiert und nun das, ich verhalte mich in Wirklichkeit wie ein Weibchen!

Montags habe ich meine jungen Weibchen als abschreckendes Beispiel vor Augen. Kursstufe. Grundkurs. Lange, blonde Haare. Eine von ihnen beherrscht das Weibchenschema ganz besonders gut. Helena. Sie sieht nicht nur zart und damit beschützenswert aus, die Natur hat ihr auch noch eine viel zu hohe Stimme beschert, die ich nervig finde, aber bei der Männerwelt im Kurs den großen Mann weckt. Wenn Helena dann auch noch den Kopf schief legt, die Augen leicht kullert und eine absurde Frage stellt, dann lacht da keiner. Nein, Helena darf die dümmsten Sachen sagen, die Männerwelt himmelt sie an.

Vielleicht hat Helena eine ganz normale Stimme und spricht nur so, weil sie in ihren sechzehn Jahren Leben eben schon eines gelernt hat: damit kann man als Frau Erfolg haben. Noch immer. Schließlich ist sie auch nicht mit schiefem Hals geboren. Auch das ist abgeguckt, angewöhnt, internalisiert.

Gut, das ist Helena, aber bei Frau Henner! Bei Frau Henner sieht das doch dümmlich aus, voll peinlich – finde ich jedenfalls. Und überhaupt, so eine überkommene Geste darf doch nicht sein!

ODER?

Aus Helena werde ich sowieso nicht schlau. Manchmal sagt sie die dümmsten Sachen, dann hat sie wieder recht gute Ideen. Die letzte Klausur war erstaunlich gut für ihr Weibchen-Getue. Was nun, wenn Helena gar nicht so dumm ist, aber gemerkt hat, dass man sich im Leben viel harte Arbeit ersparen kann, wenn man sich schwach darstellt und die Männer dann zu Hilfe eilen? Könnte ja sein? Ist ja eigentlich schlau. Mache ich das nicht auch manchmal? Ein bisschen blöd tun und hübsch lächeln, dann fühlt sich das Gegenüber geschmeichelt, bietet Hilfe an und ist zu erstaunlichen Kompromissen bereit. Das ist eine Strategie, mit der viele Frauen an ein Ziel gelangt sind, was ihnen sonst verwehrt geblieben wäre. Nicht sehr modern, ich weiß, aber die neue Generation der Frauen beherrscht dieses intuitive Strategiespiel der Frauen schon ganz gut.

Wir sind noch lange nicht aufgeklärt und emanzipiert.

Denkt Frau Henner und – legt den Kopf schief und lächelt.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner