Schlagwort-Archive: Erfolge

SW 38: Ein bewegender Abschied

Liebe Leser,

die Emotionen sind in den letzten Tagen hochgekocht wie sonst nie. Ich habe mich geärgert, mich gefreut, vor Rührung geweint und mit mir vor allem die Kinder, deren Gefühle so unmittelbar und ehrlich sind, dass mir diese Tränen am meisten guttun, denn die Kinder haben geweint, weil ich gehe. Nach zwei Jahren auf und ab mit dieser Klasse ist sie am Ende doch zusammengewachsen. Nach einer äußerst berührenden Verabschiedung, die ich meinen Lebtag nicht vergessen werde, ist es zum großen Gruppenkuscheln gekommen, an dem sogar die Jungen teilgenommen haben. Da standen wir alle im Kreis und haben gelacht und geweint. Die Geschenke, die sie mir gemacht haben, waren so individuell und persönlich und seit Wochen in Arbeit, dass ich gleich noch einmal hätte weinen können. Ihr Abschiedslied, zusammen einstudiert und sogar instrumental begleitet, hat dann sein Übriges getan. Wo sind die Taschentücher? Aber die Mädchen haben die Packungen eh schon in der Hand. Und Vladimir fragt mich, ob das schlimm sei, wenn er als Junge jetzt auch mal weinen würde…

Auch von vielen Kollegen werde ich geknuddelt und ich weiß, dass es viele ernst meinen, andere halten sich bedeckt und das ist gut so. Auf Abschiedsfeiern und Beerdigungen wird bekanntlich viel gelogen. Frau von Ostrach schafft es nicht, herzlich zu sein, und das ist völlig in Ordnung. So muss ich mich nicht verstellen. Ein einfaches „Auf Wiedersehen“ tut es auch. Letzte Woche bei den Zeugniskonferenzen habe ich mich nämlich wieder geärgert. Fachnoten sind das eine, auch wenn man sich wirklich fragt, wie es sein kann, dass die Schüler bei dem einen Lehrer nur Einser, Zweier und Dreier erhalten, und bei einem anderen Lehrer im gleichen Fach ein Jahr später die Klasse um die Vier herumtingelt. Aber da kann ich mich nicht einmischen, das geht über meine Kenntnis und über meine Befugnis. Fachnoten sind Schicksal. Aber wenn wir dann wieder mal über die sogenannten Kopfnoten (Verhalten und Mitarbeit) diskutieren, und es kein einziger Schüler im Verhalten auf eine Eins schafft, dann bin ich schon irritiert. Der Maximilian soll die gleiche Verhaltensnote erhalten wie der Yannik, der ständig stört und bei Gruppenarbeiten prinzipiell die anderen arbeiten lässt? Das ist nicht fair.

Frau von Ostrach ereifert sich: „Also der Maximilian, Frau Henner, der ist doch nur so nett, damit der bessere Noten bekommt! Und überhaupt, der engagiert sich nur in der Schule, weil er an sein eigenes Fortkommen denkt!“ Punkt. Basta! Am Ende haben wieder mal alle eine Zwei bekommen. Und Fräulein Häuptchen bemerkt in harschem Tonfall: „Und dann möchte ich noch sagen, der Ton den der Maximilian an den Tag legt, wenn er Dinge in der Klasse organisiert, also der ist ja der eines Feldmarschalls. SO REDET MAN NICHT!“ Zum Abschluss bin ich also noch einmal in eine Comedyshow geraten. Ich sehe das schon als Sketch mit Anke Engelke vor mir.

Im Flur treffe ich an meinem letzten Tag dann auf besagten Maximilian. „Oh Frau Henner, gut, dass ich Sie treffe“, sagt er freundlich, „ich habe Sie schon überall gesucht. Hier habe ich noch ein Geschenk für Sie. Das ist eine CD mit allen Fotos drauf, die wir im Laufe der Jahre mit Ihnen gemacht haben, damit Sie uns nicht vergessen!“ Das ist aber nett. Wir verabreden uns gleich einmal zum Abitur. Spätestens dann sehen wir uns wieder, dann stehst du da oben auf unserer Bühne mit all den anderen aus deiner Klasse, abgemacht? Maximilian nickt: „Hoffentlich.“ „Was heißt hier hoffentlich, na klar, ich trau das euch allen zu!“ Jetzt lächelt Maximilian. „Na, wenn Sie das sagen.“ Klar sage ich das, die wirklich überforderten Schüler habe diese Klasse längst verlassen müssen. Jeder, der jetzt noch dabei ist, kann sein Abitur schaffen – mit mehr oder weniger Aufwand. Bei Maximilian eindeutig mit weniger Aufwand. Und weil er trotzdem immer viel tut, wird es ein super Abitur werden. Ganz bestimmt. Egal welche Verhaltensnote dasteht.

Als nach der Zeunisausgabe die ganze Schulmeute endlich weg ist, sitzt Anita noch da. Der Papa hat vergessen sie abzuholen, gerade hat sie mit dem Handy zuhause angerufen. Ich finde das traurig. Vergessen zu werden, ist schlimm. Also setzte ich mich die zehn Minuten noch zu ihr, die der Papa brauchen wird, auch wenn Anita nicht zu meinen Lieblingsschülerinnen gehört hat. Im Unterricht war sie häufig bockig, suchte Fehler nie bei sich und hatte schnell schlechte Laune. Aber Kinder sind häufig Spiegelbilder der häuslichen Verhältnisse. Die Anita, die ein wenig traurig grade an der Bushaltestelle sitzt, ist eine ganz andere als die aus dem Unterricht. Ich frage nach den Sommerferien und sie erzählt von dem Haus in Rumänien, dass der Papa gerade gebaut hat und der fünfzehnstundenlangen Fahr dahin und von der großen Verwandtschaft dort und von der kleinen Schwester, auf die sie Rücksicht nehmen muss. Und ich erkenne ein zerrissenes Ich, einen Menschen, der in zwei Welten lebt, der auf der Suche nach Identität ist. Endlich verstehe ich Anita besser und freue mich sehr, dass sie mich warmherzig anlächelt, als der Papa vorfährt. Also auch mit Anita ausgesöhnt, selbst wenn nie etwas vorgefallen ist zwischen uns, so scheiden wir noch viel besser voneinander. Schade, dass wir nicht schon früher dieses Gespräch hatten.

Seltsam, aber die Abschiede von den Kindern, die berühren mich im Innersten, während es mir nicht schwerfiel, mich von den Erwachsenen zu verabschieden. Und da wird mir bewusst, dass ich tatsächlich mit Leib und Seele Lehrer geworden bin in den letzten Jahren.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Advertisements

SW 30: Selektion

Liebe Leser,

da stehen sie nun die Eltern und fragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die Klasse noch ein Jahr weiter zu nehmen, sicher könne man doch mal eine Ausnahme machen. Und als ich sage, dass es diese Ausnahme nicht gibt, weil ein Zweijahresrhythmus wichtig ist, das ja nicht jedes Kind mit jeder Lehrerpersönlichkeit klarkommt – und umgekehrt, fragt die eine Mama gleich, ob ich dann nicht wenigstens eine Fünfte nehme, da würde doch dieses Jahr das Geschwisterkind eingeschult.

Im Grunde ist das ein dickes Lob. Selbst Jans Mama ist nett zu mir, auch wenn Jans Papa mir beim Elternsprechtag klipp und klar jegliche pädagogische Kompetenz abgesprochen hat. Trotzdem bemühe ich mich täglich um den Jungen und – Heißa! – endlich sehe ich die Früchte der Mühen klein und zart, aber doch sichtbar heranwachsen. Jan ist seit Wochen nicht mehr ausgetickt. Endlich kann man seine Texte lesen und endlich schreibt er mehr als den obligatorischen einen Satz. Kann mir der Papa doch egal sein.

Natürlich selektiere ich.

Ich denke inzwischen darüber nach, welche Kollegen ich vermissen werde und es kommen schon ein paar zusammen. Schade eigentlich. Da trifft es sich gut, dass sich Fräulein Häuptchen  wieder mal zu einem absolut dämlichen Anfall im Lehrerzimmer hinreißen lässt. Jedes Jahr während der Abikorrekturen dreht diese Frau so am Rad, dass sie sich nicht entblödet, eigene Nichtkompetenz öffentlich an den Pranger zu stellen – sie sieht das natürlich völlig anders.

Naturgemäß. Auch Fräulein Häuptchen selektiert.

Es gibt genügend Kollegen, die ich nicht vermissen werde. Punkt.

Aber die schöne Umgebung… ich gerate wieder mal ins Schwärmen, weil nicht viele Schulen so eine schöne Umgebung aufzuweisen haben – vor allem im Mai, wenn der Park um die Schule grünt und blüht, die Schüler in der Mittagspause unter den Bäumen sitzen, die Jungen mit dem Fußball bolzen und der Grünspecht von Baum zu Baum fliegt. Das kann so keine Schule bieten, die ich mir angeschaut habe. Alles hat seinen Preis.

Werde ich die Schüler vermissen? Die Landeier? Diese netten, naiven Kinder? Möglicherweise, vielleicht, warum eigentlich? Andere Mütter haben auch nette Kinder…

Ich nabele mich langsam ab.

Das tut gut.

Neulich Nacht konnte ich lange nicht einschlafen, weil sich mein Hirn schon ein Projekt für die neue Schule ausgedacht hat – völlig ungefragt. Aber manchmal habe ich keine Macht über meine Gedanken. Schnell habe ich alle Ideen notiert und schon ein richtiges Konzept entwickelt. So soll es sein. Nach vorne schauen ist das Beste, was man machen kann. Und es gibt Momente im Leben, wo einem das leicht fällt. Danke, liebe Eltern, für euer indirektes Lob. Mit dieser Motivation gehe ich gerne zu neuen Aufgaben!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 3: Auf einmal ist alles anders

Liebe Leser,

hinter uns liegen herrliche Spätsommertage – anders kann man dieses Sonnenwetter einfach nicht bezeichnen, sogar die Referendare zieht es in ihren Pausen mit der obligatorischen Tasse Kaffee ins Freie, dorthin wo die Grillen zirpen, die Meisen zwitschern und man mittags denkt, man könne nie wieder in den schnöden Alltag zurückkehren.

Aber man muss sich aufraffen, um den Nachmittagsunterricht über sich und die jungen Menschen ergehen zu lassen. Und es ist erst Schulwoche 3 und schon spielt die Welt verrückt.

Die Kursstufe, die ich sonst in den höchsten Tönen lobe, kommt einfach nicht ins Schuljahr hinein: Sie sind müde und lahm und sie schreiben, als wären sie grade in die Mittelstufe gestolpert. Wenn Frau Henner ehrlich ihre enttäuschte Überraschung darüber zum Ausdruck bringt, guckt sie in verständnislose Gesichter. Erst nach ein, zwei Sekunden huscht ein Lächeln darüber – so lange haben sie gebraucht, um Frau Henner überhaupt zu verstehen. Zwischen meinem Mund und ihren Ohren liegt das weite Tal der Final-Lethargie. Der Ernst ist viel zu schnell da, eben waren doch noch Sommerferien. Das kann nicht sein!

Und die Sechser, dieser seltsame Haufen? Die überraschen mich genauso. Plötzlich ist alles anders. Als wären sie aufgewacht, fangen sie miteinander zu reden an, werden lauter und unruhiger. Und Frau Henner freut sich, denn sie reden MITEINANDER! Und ja, sie haben Ideen und sie wollen diese auch umsetzen. Sogar die Eltern melden sich: „Frau Henner, könnten wir nicht im Advent einen Verkauf organisieren?“ „Frau Henner, ich hätte da eine tolle Idee…“ „Also beim Kuchenbasar bin ich dabei!“ „Wir haben uns überlegt, man könnte im nächsten Jahr…“ Ich erkenne meine Eltern nicht mehr wieder. Die stilleren Eltern haben sich endlich durchgerungen, das Wort zu ergreifen, nachdem das Jahr vorher nichts ging. Zwar lässt Franziskas Mama im Hintergrund noch immer ihre Kommentare ab, aber ihr hört keiner zu. Auch Franziska hat sich verändert, das übereifrige, selbstsüchtige Kind hebt langsam den Blick über den Brillenrand und fast glaube ich, sie begreift, dass es hier nur miteinander geht. In dieser dritten Schulwoche bekomme ich leise das Gefühl, als könne das doch noch etwas werden mit den Sechsern und mir.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ein Wunder ist geschehen!

Liebe Leser,

noch kann ich es gar nicht fassen und sitze etwas betäubt, aber zufrieden geschafft am Schreibtisch. Die letzte Gesamtlehrerkonferenz des Jahres liegt nun hinter mir. Viele haben das Schlimmste erwartet. Dr. Franz stand schon morgens schimpfend im Lehrerzimmer und sein erzürntes: „Da müssen wir heute unbedingt drüber reden! Da geht so nicht hier!“ war nicht zu überhören. Lauthals und im Ton respektlos diskutierte Kollege Dröger mit unserem Direktor, der wiederum nicht mit sich diskutieren ließ. „Es tut mir leid, aber das ist nun mal eine Vorschrift, die Sie schützen soll. Was Sie da vorhaben, ist rechtlich nicht erlaubt und damit genehmige ich das nicht“, sagte der Chef bestimmt und sehr sachlich, drehte sich um und verließ das Lehrerzimmer. Dröger stand da, die Wut kochte in ihm und schwappte in kleinen Worthappen immer wieder aus ihm heraus. Herr Schrat flüsterte mir zu: „Du Lilo, wir müssen unbedingt mal über innere Emigration reden.“

Mit eingezogenen Köpfen begaben wir uns in Konferenzzimmer. Manche hatten die Notenlisten vor sich drapiert, um im Notfall hinter Zettelage verschwinden zu können. Frau Serpentas, Frau von Ostrach und Herr Albert brachten sich gemeinsam in Stellung. Ich selbst setze mich gerne bewusst nicht in diese Ecke und auch nicht zu Dr. Franz und auch nicht zum strebsamen Fräulein Häuptchen, die in den letzten Wochen aber ebenfalls auffällig ruhig geworden ist. Sie sprach allerdings nicht von innerer Emigration, sondern von Resignation. Ah, da ist noch ein Platz neben Pistorius, gerne, der hat wenigstens Humor!

Und dann geschieht das Wunder. Wir konferieren das aller erste Mal, ohne uns zu streiten. Kaum einer kann es fassen. Zwar schüttelt Dr. Franz die ganze Zeit missbilligend den Kopf. Herr Dröger ist sowieso stinkig. Und die anderen drei Aufwiegler schimpfen ab und zu vor sich hin, aber keiner bricht aus, keiner hält lange Monologe, keiner sagt beleidigende Dinge. Wir kommen am Ende ohne Gemetzel aus der Konferenz. Und dabei haben wir sogar einige wichtige Dinge beschlossen… Wer hätte das gedacht?

Lag es am schönen Wetter?

An der EM?

Lag es am festen Wunsch der Mehrheit nach Frieden… und nach Feierabend?

Oder war unser Kollegium einfach am absoluten Tiefpunkt angekommen und nun nur noch eine Umkehr möglich?

Ich weiß es nicht, aber es freut mich. Das ändert nichts an meiner Entscheidung, aber ich gehöre ja nicht zu denen, die wollen, dass diese Schule den Bach runtergeht. Es würde mich freuen, wenn an unserer Schule wieder andere Umgangsformen üblich werden.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ein kleines bisschen Hexerei

Liebe Leser,

das Lehrercafe fragte mich, ob ich tatsächlich meinen ganzen Unterricht in der Schule vorbereite.

Ja.

Natürlich bin ich kein Übermensch, ich habe genügend Schwächen. Das Unterrichten gehört aber nicht dazu. Es ist einfach so, dass ich im Laufe der Jahre viele pädagogische und methodische Arangements ausprobiert habe und schnell erkenne, was sie mir und der jeweiligen Klasse bringen oder auch nicht, und in meinem Gehirn einen Speicherplatz dafür habe. Ein unermesslicher Erfahrungsschatz, der einfach in mir drin ist. Ich lerne sehr schnell aus eigenen Fehlern. Was nicht funktioniert, wird verändert oder aussortiert. Fachlich stehe ich seit dem Studium sowieso meilenweit über den Schülern, ein bisschen Talent gehört dazu, Interesse und Freude an der Materie, sicher auch Intelligenz. Das ist die Basis, die mir das Lehrersein im Hinblick auf das Unterrichten so leicht macht.

Die räumliche Situation ist ungenügend, aber ich habe meinen kleinen Platz im Lehrerzimmer einfach in die Höhe erweitert und die wichtigsten Arbeitsmaterialien und die fetten Ordner dort deponiert und auch diese kleinen Utensilien wie Schere, Tipp-Ex, Klebeband. Und wenn mein Aufbau meinen Kollegen im Lehrerzimmer vielleicht nicht immer gefällt, meine kleinen Sächelchen nutzen sie so gerne heimlich mit, dass ich immer mal wieder neue Fineliner kaufen muss. Das sind also die Rahmenbedingungen, die man sich schaffen muss.

Eine Grundeigenschaft meines Gehirns ist Strukturiertheit. Mein Platz ist das reinste Chaos, meine Gedanken sind es nicht. Das hilft ungemein beim Planen. Selten mache ich To-do-Listen. Noch habe ich meinen Kram im Blick. Sehr Wichtiges notiere ich auf Zettel, die ich mir auf den Platz lege. Aber wann ich welche Stunde vorbereite, das habe ich im Blut oder besser im Gehirn. Oft gehe ich morgens unvorbereitet aus dem Haus, wenn ich weiß, ich habe doch noch diese Hohlstunde, da kann ich mich dann um meinen Neigungskurs kümmern. Das geht, weil ich soviel Routine habe, dass ich mir sicher sein kann, das auch in 30 Minuten zu schaffen. Das ist die Gelassenheit, die mir Selbstsicherheit gibt.

Dann stelle ich mir im Grunde nur zwei Fragen:

  1. Wohin will ich mit der Stunde? Also, was ist mein Ziel?
  2. Brauche ich für dieses Ziel ein Material, was ich besorgen muss – in meinem Fall in der Regel einen Text oder eine Bildquelle?

Habe ich beides, kann ich eine Stunde halten. Das Handwerkszeug ist da und es sprudelt aus mir immer im richtigen Moment – bis jetzt konnte ich mich immer darauf verlassen. Es ist tatsächlich ein bisschen wie Hexerei. Oft gehe ich in den Unterricht und weiß noch nicht, wie die Stunde im Detail aussehen wird. Im Hinterkopf habe ich aber diverse Möglichkeiten, wie sie aussehen kann. Das hat einen großen Vorteil: Ich bin immer nah am Schüler und beobachte genau, wie weit er im Unterricht mitkommt und kann dann sehr spontan reagieren, denn ich muss mich ja nicht an die nichtvorhandene Vorbereitung halten.

So zu unterrichten, würde vielen Menschen bestimmt Bauchschmerzen machen und sie würden sich überfordert fühlen – mir kommt es entgegen. Es ist nicht der Stein der Weisen und es ist nicht jede meiner Stunden ein Meisterwerk – es ist allein meine Art, Unterricht vorzubereiten.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner