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Der gute Ruf

Liebe Leser,

auf einer Abendveranstaltung treffe ich einen Bekannten. „Ach du bist jetzt in T.? Und auch noch am EG? Na, das EG, das hat aber einen guten Ruf, alle Achtung!“

Was sagt man da… Sagt man, dass das mit dem guten Ruf nun wirklich ein alter Hut ist, dass es eine von der Struktur her altmodische Schule ist, die bis jetzt nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist, wo mir zwar das Unterrichten Spaß macht (denn es sind ja auch normale Schüler und da funktioniert das Unterrichten eben so wie sonst auch), der ganze Rest aber nicht? Ich entscheide mich für eine diplomatische Antwort:

„Es ist eine ganz normale Schule…“

Mein Gegenüber fällt mir gleich ins Wort: „Nein, nein, das EG hat wirklich einen guten Ruf!“

„Glaub mir, als Schule von innen betrachtet, ist es eine ganz normale Schule…“

Doch mein Bekannter insistiert weiterhin: „Nein, die Schule hat einen sehr guten Namen – wirklich!“

Mag sein, aber was kann man sich für einen sehr guten Namen oder guten Ruf kaufen, wenn nicht viel dahintersteckt?

Natürlich funktioniert die Schule – ich bin zwar jetzt im städtischen Umfeld, aber es ist doch immer noch kleinstädtisches Milieu. Und wer sich im Südwesten Deutschlands auskennt, der weiß, wie kleinstädtisch das ist! Nun gibt es in T. zwei Gymnasien neben vielen anderen Schulen und das EG ist das Gymnasium der Bürgerschaft. Dort sammeln sich die Akademikerkinder und die ambitionierten Eltern und das merkt man. Im Positiven (Disziplin) wie im Negativen (übersteigertes Selbstbewusstsein). Auch wenn dieser Satz natürlich sehr plakativ ist – aber hey, das hier ist ein Blog! Und gerade weil wir das obere Klientel abschöpfen, funktioniert die Schule so gut – viele Probleme sind einfach nicht so akut.

Aber Frau Henner sieht die Welt nun ein bisschen anders. Tradition ist etwas Gutes, wenn man dieselbige hinterfragt und die Essenz weitergibt, die in der neuen Zeit von Bedeutung ist. Ein „Das wird hier schon immer so gemacht“ nützt niemandem. Das ist zumindest meine Meinung.

Viele sind überzeugt, dass ihre Schule etwas Besonderes ist und dass das alles gut ist, wie es ist. Dass es auch anders geht, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Ein guter Ruf verstellt eben auch manchmal die Sicht. Wenn ich dann vorsichtig anfrage, warum dieses und jenes eigentlich so oder so ist, höre ich fadenscheinige Begründungen mit dem Nachschub: „Stört dich das?“

Und ja: Es stört mich. Ich hatte nun schon mehrere Erlebnisse, bei denen ich merkte, dass ich ein anderes pädagogisches Grundverständnis habe. Es ist für mich kein Widerspruch, nett zu Schülern zu sein UND das Einhalten von Regeln einzufordern, und dann auch irgendwann einmal nicht nett zu sein, wenn das mit den Regeln eben nicht klappt. Und das ist dann nicht immer leicht, es ist anstrengend und herausfordernd. Hier sind alle supernett zueinander, besonders die Lehrer. Das ist natürlich schön! Versteht mich bitte nicht falsch. Sie sind aber zum Teil so nett zu den Schülern, dass man kein „Guten Morgen“ einfordert, die Schüler nicht zum Aufheben von Müll anhält, den Schülern vieles hinterherträgt, was sie besorgen müssten, Sachen ohne „bitte“ und „danke“ aushändigt, wegguckt, wenn Schüler Handys unsachgemäß benutzen und und und. Das macht das Leben erheblich leichter, denn es gibt weniger Konflikte. Und nein, es sind nicht alle Kollegen so. Ich kehre hier nichts über den berühmten einen Kamm. Es ist eher die Grundstimmung. Wir sind alle ganz toll hier, wir regeln alles menschlich, wir wollen es mal nicht übertreiben, das kann ja jeder mit Augenmaß entscheiden. Läuft ja alles ganz super bei uns.

Klingt gut, oder? Passt aber nicht zu einer Institution, in der 600 junge Menschen lernen – lernen fürs Leben.

Das alles kann man aber nicht am Rande einer Abendveranstaltung erklären, vor allem nicht, wenn der gute Ruf des EGs in Zement gegossen scheint. Unverrückbar steht sie da, die strahlende Schule, deren Glanz jetzt auf mich abfärbt. Was für ein Glück, an dieser Institution zu sein!

„Doch, doch – ein blendender Ruf!“, wiederholt mein Bekannter. Zum Glück beginnt da die Veranstaltung und wir müssen unserer Sitzplätze aufsuchen. Mir wird klar, dass ich Außenstehenden kaum verständlich machen kann, was mich bewegt, denn Bilder in den Köpfen haben magische Wirkung.

Und momentan ist nur mein Bild schief – alle anderen scheinen mir glücklich mit ihrem zu sein. Ich bin also der Spielverderber. Pssst!… auf der Bühne geht es los…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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SW 37: Jan am Ende – am Ende noch einmal Jan

Liebe Leser,

es gibt die witzigen Kinder, die den Lehrer bewusst oder manchmal auch unfreiwillig zum Schmunzeln bringen, die stillen, die sich schlecht einschätzen lassen, die langweiligen, an die man schnell keine Erinnerung mehr hat, die strebsamen, deren Namen man noch Jahre später kennt, die Rabauken, die einem das Leben von Zeit zu Zeit schwer machen, die vom Schicksal geschlagenen, die das Mitleid herausfordern, und dann gibt es Jan.

Jan hat mich zwei Jahre lang begleitet oder besser gesagt ich ihn. Er hat wild um sich geschlagen, unflätig herumgeschrien, war immer als erster fertig und uneinsichtig, wenn man ihn bat, sorgfältiger zu arbeiten. Neben Kindern wie Jan will in der Regel kein anderes Kind sitzen. Also sitzen Jans oft allein und meist erste Reihe, damit man sie ständig im Auge hat. Und Jans genießen diese Aufmerksamkeit, denn sie brauchen sie. Jan würde alles tun, um vom Lehrer beachtet zu werden.

Es geht gar nicht anders, ich schenke ihm mehr Beachtung als jedem anderen Kind in der Klasse. Ich sehe, wenn er wieder unleserlich schreibt und halte einfach nur meinen Zeigefinger in sein Heft, dann weiß er schon, was los ist. Jan kommt immer dran, wenn er sich meldet, Jan stellt inzwischen seine Exklusivfragen flüsternd und ich beantworte sie häufig. Ab und zu mahnt ihn mein Blick, bevor etwas Schlimmeres passiert. Viel nonverbale Interaktion zwischen Lehrertisch und erster Reihe hat dazu geführt, dass Jan sich halbwegs einfügt.

Jan hat sich dadurch enorm verbessert.

Nicht nur seine Leistungen wurden stetig besser, auch sein Verhalten hat sich verändert. Er muss nicht mehr sofort herausplatzen, was ihn anbelangt, er lässt andere zu Wort kommen und er beteiligt sich sogar in Gruppenarbeiten. Über Wochen erhalte ich keine Elternmails mehr. Yeah! Es wird Zeit, ihn aus der Eins-zu-eins-Betreuung zu entlassen. Andere Kinder haben auch ein Recht darauf. Und ich selbst muss ebenso mit meinen Kräften haushalten.

Die letzten Wochen des Schuljahres schienen mir für dieses Experiment besonders gut geeignet. Also: Jan fort aus der ersten Reihe und als Mitglied einer inzwischen funktionierenden Klassengemeinschaft mitten hinein zu den Kameraden.

Schon nach wenigen Tagen fällt mir auf, dass mit Jan etwas nicht stimmt. Er meldet sich kaum mehr und war doch vorher kaum zu bremsen. Da ich mich nun endlich mehr um andere Kinder kümmern kann, kommt mir das ganz recht. Dann fängt er an zu zucken. Nun ja, Ticks haben Kinder immer mal. Wird schon vorüber gehen. Aber das Zucken ist wirklich auffällig. Selbst Kollegen sprechen mich darauf an. Es dauert nicht lange, bis die ersten Mails wieder einsetzen. Was denn los sein in der Schule, weil die Frau Mama wissen. Jan wäre so bedrückt. Auch zuhause gehe es schlechter. Ob ich da etwas wisse?

Unser Schuljahresabschlussausflug steht an. Die Eltern sind über alle Eventualitäten informiert, bitte genügend Essen und Trinken mitgeben… Jan hat nichts dabei. Aber er lügt mich an. „Mein Essen habe ich im Rucksack“, sagt er, als ich ihn frage, ob er Hunger habe, weil mir auffällt, dass er ständig seine Klassenkameraden um Süßes angeht. Da Jan aus einem sozial abgesicherten Elternhaus kommt, denke ich mir, wird er genauso umsorgt sein wie alle anderen Kinder. Am Anfang geben sie ihm noch etwas, irgendwann reicht es ihnen jedoch. Da kommt heraus, dass er auch nichts zu trinken hat. Und auch nicht die Regenjacke, die wir so dringend benötigen, weil es gegen Abend zu einem heftigen Gewitter kommt. Wie ein Häufchen Elend sitzt er frierend unterm Unterstand, während die anderen Kinder munter Spaß miteinander haben, ihre Wurstbrote vertilgen und aus Thermoskannen Kakao trinken. Und dann tickt Jan aus.

„Ihr Hurensöhne, ihr verf*ten A*schgesichter ihr…“, schreit er und stürzt sich auf die am nächsten stehende Kindergruppe, um wahllos auf sie einzuschlagen und zu würgen. Aber sie wehren sich und Sekunden später steht Jan vor Wut bebend auf der einen Seite und die Klasse zutiefst erschrocken auf der anderen und ich dazwischen. Das Gewitter ist vorüber, der Regen nur noch sanft, wir könnten weitergehen. Mit ein paar beruhigenden Sätzen und Kopfnicken schaffe ich, dass die Klasse friedlich weiterzieht, Hauptsache erst einmal weg von Jan. Der ist allerdings nicht zum Weitergehen zu bewegen.

Es braucht viel Geduld, viel Gelassenheit und ein paar pädagogische Tricks, aber alle Kinder kommen gesund und munter ans Ziel. Selbst Jan. Und seine Klassenkameraden sind noch nicht einmal besonders verstimmt. Verwundert über ihre Größe, aber erleichtert über die Deeskalation falle ich auf die Bank der Schenke.

Später ruft Jans Mama an. Nach zwei, drei Sätzen bricht die Stimme, sie weint. Jan sei so unkontrollierbar geworden. Sie wisse nicht mehr, was sie tun solle. Natürlich habe er Essen mitbekommen, aber er habe nichts haben wollen. Am Handy kann ich kein rechtes Gespräch mit ihr führen. Hier in den dichten Wäldern des Südens habe ich kaum Empfang. Zudem habe ich schon so viele Gespräche geführt, auch Jans Mama hat von mir ungleich mehr Aufmerksamkeit erhalten als alle andere Eltern. Jetzt möchte ich nur noch mein Abendessen. Und danach werde ich mit den Kindern Karten spielen. Jeder soll heute schöne Erinnerungen sammeln. Es war ein wunderbarer Tag, den lassen wir uns nicht durch Jan verderben. Jan kann gerne mitspielen. Niemand schneidet ihn. Die Abendsonne taucht alles in ein sanftes Rosa.

Ach, sollen sich die nächsten Lehrer um Jan kümmern. Nächstes Schuljahr. Es gibt Grenzen. Meine ist hier erreicht. Ich schlage sowieso einen Familientherapeuten vor. Jans Problem liegt viel tiefer, als ein Pädagoge vordringen könnte. Aber wenn sich gar niemand kümmert, haben wir hier einen potenziellen Gewalttäter sitzen.

Nach dem Abendessen sind alle bester Laune – auch Jan. Wir spielen Karten – alle gemeinsam. Es wird viel gelacht und geträumt und in den Sommerabend gelauscht. Was das Leben uns wohl so bringt?

Als die Eltern die Kinder abholen, verabschieden sich einige Kinder mit strahlenden Gesichtern, ein paar Eltern nicken mir immerhin zu. Zwei Mamas bedanken sich für diesen gelungenen Abschluss und führen noch einen kurzen Schwatz mit mir. Jan verschwindet ohne jede Spur, seine Eltern sehe ich nicht. Das Problem sitzt ganz, ganz tief.

Aber ich mache mir trotzdem noch einen schönen Abend. Ich kann nicht die Last der Welt tragen. An diesem Tag bin ich für alle Kinder dagewesen – nicht nur für Jan. Punkt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 1: Üben Sie das!

Liebe Leser,

es fehlte nur noch, dass sie die Hände ringend gegen die Decke des Klassenraums streckte. Immer wieder wiederholte sie mantraartig diesen einen Satz: „Üben Sie das!“

Letzte Woche saß ich mal wieder auf viel zu kleinen Stühlen in einem Klassenzimmer einer Grundschule – Leos zukünftiger Grundschule – und hörte gebannt der Lehrerin zu. Was sie zu sagen hatte, war jetzt nicht ganz so spannend für mich. Schließlich bin ich durch Lucy schon grundschulerfahren und unterrichte selbst eine Unterstufe an einer weiterführenden Schule. Auch ich könnte manchmal diesen einen Satz rufen: „Üben Sie das!“

Was mich an diesem Abend fasziniert und tatsächlich bei der Stange hält, ist die Art und Weise, wie die Grundschullehrerin diesen Satz in den Raum stellt: Ihre Augen werden jedesmal besonders groß und sie scannen den Raum intensiv ab. Ihre Stimme ist dabei nicht weinerlich, aber doch fast flehend, laut und deutlich – hier soll es keine Missverständnisse geben. Jetzt ist Schluss mit lustig.

Es ist eine junge Lehrerin und mich wundert daher die Verzweiflung, die aus diesem Satz spricht. Was sollen wir Eltern denn mit unseren zukünftigen Schulanfängern üben?

Stift halten.

Schere halten.

Linien nachfahren.

Auf einer Linie schneiden.

Eine gerade Kanten falzen.

Einen Klebestift benutzen.

Ein Spiel verlieren zu können, ohne strampelnd auf dem Boden zu liegen.

Zuhören.

Eine Schleife binden.

Eine einfache Aufgabe zügig ausführen.

Sich zwei einfache Aufgaben merken und diese erledigen.

Eine Fläche ausmalen, ohne über den Rand zu schmadern.

Und so weiter.

Die Lehrerin weist noch auf eine Menge solcher basalen Fähigkeiten hin, sie hat sogar ein paar farbige Merkblätter für uns Eltern vorbereitet und gibt zu jedem noch ein paar Tipps, wie man genau diese Fähigkeit ganz spielerisch trainieren kann. Die Frau macht das definitiv nicht zum ersten Mal.

Aber ihr eindringlicher Ton verrät mir, dass sie schon zu oft gegen taube Ohren geredet hat. „Sie glauben nicht, wie schwer das manchen Kindern noch fällt. Damit tut sich Ihr Kind von Anfang an schwer und der Abstand wird immer größer. Jetzt ist noch Zeit, wichtige Dinge zu lernen! Sie glauben gar nicht, wie demotiviert sonst Ihr Kind ist. Es soll doch aber Freude an der Schule haben. Üben Sie das!“

Die Defizite mancher Kinder müssen enorm sein. Wohlgemerkt geht es hier gar nicht um Inklusionskinder. Und gerade deshalb hat die Lehrerin auch keine zusätzliche Kraft, die sich mit eben diesen Kindern beschäftigen könnte. „Also üben Sie das bitte JETZT!“

Schade, dass nicht einmal die Hälfte der Eltern zu diesem Elternabend gekommen ist.

 

 

Nun sind Osterferien und ich sitze mit dem kleinen Leo am Esstisch. Er macht ein paar dieser Aufgaben, die die Lehrerin uns mitgegeben hat. Bis heute hat Leo den Stift auch falsch gehalten, aber da er sauber zeichnet, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Nun ein letzter Versuch.

„Guck mal Leo, der Stift liegt locker auf dem Mittelfinger, so… schau mal, das bekommst du hin!“

Und wie durch ein Wunder, plötzlich nimmt Leo den Stift richtig in die Hand und fährt die gepunkteten Linien nach. Hundert Mal habe ich das versucht, immer bin ich auf Widerstand gestoßen, immer wieder ist der Mittelfinger auf den Stift gerutscht, hat sich durchgebogen, bis die Spitze blutleer wurde. Auf einmal geht es, ohne Gezeter, ohne Druck, aber mit großen Erfolg. Leo bearbeitet die ganze Seite, legt den Stift auch mal aus der Hand und nimmt ihn immer wieder richtig auf.

Jetzt heißt es wohl dranbleiben, jeden Tag eine kleine Aufgabe, dann sitzt die Stifthaltung nach den Osterferien.

Ich habe sogar Schuhe mit Schnürsenkeln gekauft, was gar nicht so einfach ist, denn Kinderschuhe haben in der Regel Klettverschlüsse. Die Schuhe habe ich aber nicht wegen der Lehrerin gekauft, sondern weil sie einfach schick waren. Leo kann Schleife binden, aber wenn er es nicht täglich übt, verlernt er das wieder. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Es ist Ostern, Zeit, Osterkarten zu basteln, Eier zu bemalen, im Garten erste Hüpfspiele zu machen. Heute Vormittag spiele ich mit Leo sein liebstes Piratenspiel. Leider gewinnt er durch unverschämtes Würfelglück. Aber ich lache und wälze mich nicht strampelnd auf dem Boden. Will ja ein Vorbild sein. Eigentlich ist es ganz einfach, was die Grundschullehrerin will.

Deshalb frage ich mich ernsthaft: Was läuft da in einigen Familien so grundlegend schief, dass ein Kind zur Einschulung noch nicht einmal eine Schere richtig bedienen kann?

Hier nehme ich ausdrücklich die Kindergärten in Schutz. In Leos Kindergarten wird im Vorschuljahr intensiv gesprochen, gesungen, gezeichnet, geschnitten, gewebt, gezählt und zugehört. Und natürlich gespielt. Aber auch das scheint diese Defizite nicht immer ausgleichen zu können.

Leo will noch immer nicht in die Schule gehen, weil er dann nicht mehr so viel Lego spielen kann, aber er hat so viel Freude an der Welt, rechnet kleine Alltagsdinge aus, fragt mich nach Buchstaben, ist stolz, wenn er irgendwo die Buchstaben seines Namens entdeckt, zeichnet Fantasiemaschinen mit allerlei Zahnrädern und Kurbeln, dass definitiv klar ist – dieses Kind ist schulreif.

Und uns macht es so viel Freude, dieses kleine Wesen bei diesem großen Schritt zu beobachten. Eigentlich schade, dass nicht alle Eltern das so erleben…

 

Viele Grüße aus der Provinz und euch allen ein paar frühlingshafte Ostertage von eurer Frau Henner

 

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 8: Frech wie Oskar

Liebe Leser,

die Siebener fangen ja schon ganz schön an zu müffeln. Pubertät nennt der eine das, erwachsen werden der andere. Neben Totalverblödung (neulich stellte Lucy mal ein Glas in den Kühlschrank und stand dann lässig mit der Milchpackung in der Küche herum. „Was wollte ich noch mal?“) führt sie allerdings auch zu neuen Fähigkeiten. Die Siebener können sich jetzt tatsächlich in die Erwachsenen hineindenken – naja zum Teil zumindest.

Gestern in der Schule: „Wie kann man sein Kind nur Moon nennen? Oder Talita! Das müssen ja dann Zicken werden. Da sitzten jetzt Fünfer mit im Chor, die heißen tatsächlich so und Sky und Maxima. Und die sagt auch noch Maxima, wie die Prinzessin!“ „Ja, die sind so was von eingebildet, das gibt es gar nicht.“ „Das hätten wir uns nicht getraut, was die zur Frau Christmann sagen.“ „So total snobbish.“ Eine Siebenerin äfft die Prinzessinnen nach: „Aber an unserer Grundschule, da haben WIR das ganz anders gemacht!

Auch die Oberstufe beklagt sich bitter über die neuen Fünfer. „Kein Respekt, frech wie Oskar und dann heißen die auch noch so!“

Frau Henner grinst. „Sie sind doch die Großen. Stellen Sie sich doch mal neben so einen Fünfer und gucken von oben drauf und dann sagen Sie dem ganz bestimmt, was hier Sache ist. Verschaffen Sie sich den Respekt, den Sie haben wollen. Aber niemanden verhauen, ja?!“ Die Oberstufenschüler nicken. Müsste man mal machen.

Dann schlappen sie weiter durchs Schulhaus. Vorbei an zwei Jungs aus der Fünften, die sich johlend ihre Ranzen um die Ohren hauen. Die Oberstufenschüler gucken lieber weg. Schade, jetzt muss wieder Frau Henner das klären. Wäre doch zu schön gewesen, wenn der große Marcel sich die zwei geschnappt hätte und von seinen zwei Metern mal auf die beiden heruntergedroht hätte. Aber Theorie und Praxis…

Ach der eine, das ist tatsächlich Oskar. Den habe ich schon letzte Woche bei der Busaufsicht als Drängler aus der Masse gefischt. Und da ist mich dieser kleine Kerl angegangen: „Ich habe ein Recht darauf, in den Bus zu steigen!“

Ihr kennt Frau Henner. Sie kann nun mal nicht aus zwei Metern Höhe mit tiefer Stimme auf den Jungen herunterdrohen. Oskar durfte also in den Bus einsteigen.

Als letzter.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner