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SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 1: Üben Sie das!

Liebe Leser,

es fehlte nur noch, dass sie die Hände ringend gegen die Decke des Klassenraums streckte. Immer wieder wiederholte sie mantraartig diesen einen Satz: „Üben Sie das!“

Letzte Woche saß ich mal wieder auf viel zu kleinen Stühlen in einem Klassenzimmer einer Grundschule – Leos zukünftiger Grundschule – und hörte gebannt der Lehrerin zu. Was sie zu sagen hatte, war jetzt nicht ganz so spannend für mich. Schließlich bin ich durch Lucy schon grundschulerfahren und unterrichte selbst eine Unterstufe an einer weiterführenden Schule. Auch ich könnte manchmal diesen einen Satz rufen: „Üben Sie das!“

Was mich an diesem Abend fasziniert und tatsächlich bei der Stange hält, ist die Art und Weise, wie die Grundschullehrerin diesen Satz in den Raum stellt: Ihre Augen werden jedesmal besonders groß und sie scannen den Raum intensiv ab. Ihre Stimme ist dabei nicht weinerlich, aber doch fast flehend, laut und deutlich – hier soll es keine Missverständnisse geben. Jetzt ist Schluss mit lustig.

Es ist eine junge Lehrerin und mich wundert daher die Verzweiflung, die aus diesem Satz spricht. Was sollen wir Eltern denn mit unseren zukünftigen Schulanfängern üben?

Stift halten.

Schere halten.

Linien nachfahren.

Auf einer Linie schneiden.

Eine gerade Kanten falzen.

Einen Klebestift benutzen.

Ein Spiel verlieren zu können, ohne strampelnd auf dem Boden zu liegen.

Zuhören.

Eine Schleife binden.

Eine einfache Aufgabe zügig ausführen.

Sich zwei einfache Aufgaben merken und diese erledigen.

Eine Fläche ausmalen, ohne über den Rand zu schmadern.

Und so weiter.

Die Lehrerin weist noch auf eine Menge solcher basalen Fähigkeiten hin, sie hat sogar ein paar farbige Merkblätter für uns Eltern vorbereitet und gibt zu jedem noch ein paar Tipps, wie man genau diese Fähigkeit ganz spielerisch trainieren kann. Die Frau macht das definitiv nicht zum ersten Mal.

Aber ihr eindringlicher Ton verrät mir, dass sie schon zu oft gegen taube Ohren geredet hat. „Sie glauben nicht, wie schwer das manchen Kindern noch fällt. Damit tut sich Ihr Kind von Anfang an schwer und der Abstand wird immer größer. Jetzt ist noch Zeit, wichtige Dinge zu lernen! Sie glauben gar nicht, wie demotiviert sonst Ihr Kind ist. Es soll doch aber Freude an der Schule haben. Üben Sie das!“

Die Defizite mancher Kinder müssen enorm sein. Wohlgemerkt geht es hier gar nicht um Inklusionskinder. Und gerade deshalb hat die Lehrerin auch keine zusätzliche Kraft, die sich mit eben diesen Kindern beschäftigen könnte. „Also üben Sie das bitte JETZT!“

Schade, dass nicht einmal die Hälfte der Eltern zu diesem Elternabend gekommen ist.

 

 

Nun sind Osterferien und ich sitze mit dem kleinen Leo am Esstisch. Er macht ein paar dieser Aufgaben, die die Lehrerin uns mitgegeben hat. Bis heute hat Leo den Stift auch falsch gehalten, aber da er sauber zeichnet, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Nun ein letzter Versuch.

„Guck mal Leo, der Stift liegt locker auf dem Mittelfinger, so… schau mal, das bekommst du hin!“

Und wie durch ein Wunder, plötzlich nimmt Leo den Stift richtig in die Hand und fährt die gepunkteten Linien nach. Hundert Mal habe ich das versucht, immer bin ich auf Widerstand gestoßen, immer wieder ist der Mittelfinger auf den Stift gerutscht, hat sich durchgebogen, bis die Spitze blutleer wurde. Auf einmal geht es, ohne Gezeter, ohne Druck, aber mit großen Erfolg. Leo bearbeitet die ganze Seite, legt den Stift auch mal aus der Hand und nimmt ihn immer wieder richtig auf.

Jetzt heißt es wohl dranbleiben, jeden Tag eine kleine Aufgabe, dann sitzt die Stifthaltung nach den Osterferien.

Ich habe sogar Schuhe mit Schnürsenkeln gekauft, was gar nicht so einfach ist, denn Kinderschuhe haben in der Regel Klettverschlüsse. Die Schuhe habe ich aber nicht wegen der Lehrerin gekauft, sondern weil sie einfach schick waren. Leo kann Schleife binden, aber wenn er es nicht täglich übt, verlernt er das wieder. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Es ist Ostern, Zeit, Osterkarten zu basteln, Eier zu bemalen, im Garten erste Hüpfspiele zu machen. Heute Vormittag spiele ich mit Leo sein liebstes Piratenspiel. Leider gewinnt er durch unverschämtes Würfelglück. Aber ich lache und wälze mich nicht strampelnd auf dem Boden. Will ja ein Vorbild sein. Eigentlich ist es ganz einfach, was die Grundschullehrerin will.

Deshalb frage ich mich ernsthaft: Was läuft da in einigen Familien so grundlegend schief, dass ein Kind zur Einschulung noch nicht einmal eine Schere richtig bedienen kann?

Hier nehme ich ausdrücklich die Kindergärten in Schutz. In Leos Kindergarten wird im Vorschuljahr intensiv gesprochen, gesungen, gezeichnet, geschnitten, gewebt, gezählt und zugehört. Und natürlich gespielt. Aber auch das scheint diese Defizite nicht immer ausgleichen zu können.

Leo will noch immer nicht in die Schule gehen, weil er dann nicht mehr so viel Lego spielen kann, aber er hat so viel Freude an der Welt, rechnet kleine Alltagsdinge aus, fragt mich nach Buchstaben, ist stolz, wenn er irgendwo die Buchstaben seines Namens entdeckt, zeichnet Fantasiemaschinen mit allerlei Zahnrädern und Kurbeln, dass definitiv klar ist – dieses Kind ist schulreif.

Und uns macht es so viel Freude, dieses kleine Wesen bei diesem großen Schritt zu beobachten. Eigentlich schade, dass nicht alle Eltern das so erleben…

 

Viele Grüße aus der Provinz und euch allen ein paar frühlingshafte Ostertage von eurer Frau Henner

 

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 8: Frech wie Oskar

Liebe Leser,

die Siebener fangen ja schon ganz schön an zu müffeln. Pubertät nennt der eine das, erwachsen werden der andere. Neben Totalverblödung (neulich stellte Lucy mal ein Glas in den Kühlschrank und stand dann lässig mit der Milchpackung in der Küche herum. „Was wollte ich noch mal?“) führt sie allerdings auch zu neuen Fähigkeiten. Die Siebener können sich jetzt tatsächlich in die Erwachsenen hineindenken – naja zum Teil zumindest.

Gestern in der Schule: „Wie kann man sein Kind nur Moon nennen? Oder Talita! Das müssen ja dann Zicken werden. Da sitzten jetzt Fünfer mit im Chor, die heißen tatsächlich so und Sky und Maxima. Und die sagt auch noch Maxima, wie die Prinzessin!“ „Ja, die sind so was von eingebildet, das gibt es gar nicht.“ „Das hätten wir uns nicht getraut, was die zur Frau Christmann sagen.“ „So total snobbish.“ Eine Siebenerin äfft die Prinzessinnen nach: „Aber an unserer Grundschule, da haben WIR das ganz anders gemacht!

Auch die Oberstufe beklagt sich bitter über die neuen Fünfer. „Kein Respekt, frech wie Oskar und dann heißen die auch noch so!“

Frau Henner grinst. „Sie sind doch die Großen. Stellen Sie sich doch mal neben so einen Fünfer und gucken von oben drauf und dann sagen Sie dem ganz bestimmt, was hier Sache ist. Verschaffen Sie sich den Respekt, den Sie haben wollen. Aber niemanden verhauen, ja?!“ Die Oberstufenschüler nicken. Müsste man mal machen.

Dann schlappen sie weiter durchs Schulhaus. Vorbei an zwei Jungs aus der Fünften, die sich johlend ihre Ranzen um die Ohren hauen. Die Oberstufenschüler gucken lieber weg. Schade, jetzt muss wieder Frau Henner das klären. Wäre doch zu schön gewesen, wenn der große Marcel sich die zwei geschnappt hätte und von seinen zwei Metern mal auf die beiden heruntergedroht hätte. Aber Theorie und Praxis…

Ach der eine, das ist tatsächlich Oskar. Den habe ich schon letzte Woche bei der Busaufsicht als Drängler aus der Masse gefischt. Und da ist mich dieser kleine Kerl angegangen: „Ich habe ein Recht darauf, in den Bus zu steigen!“

Ihr kennt Frau Henner. Sie kann nun mal nicht aus zwei Metern Höhe mit tiefer Stimme auf den Jungen herunterdrohen. Oskar durfte also in den Bus einsteigen.

Als letzter.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 6: Trugschluss

Liebe Leser,

stellt euch vor, man sagt den Satz zu euch: „Wir sind die Schule der Zukunft, weil wir jedes Kind mit seiner Persönlichkeit achten.“ Das klingt doch erst einmal wunderbar. Da sind Menschen, die sich um das Wohl unserer Kinder kümmern. Toll, das mag man doch glatt unterstreichen.

Sollte es denn nicht selbstverständlich sein, dass man in der Schule die Persönlichkeit achtet? Jetzt rufen viele: „Passiert ja gar nicht, wird selektiert…“

Lasst mich erst einmal weitersprechen. Wozu sagt man dann einen solchen Satz, wenn er eigentlich selbstverständlich sein sollte? Genau, um sich abzugrenzen: WIR achten die Persönlichkeit, das macht IHR am Gymnasium aber nicht. Denn richtig, solche Rhetorik kommt von der Gemeinschaftschul-Idee. Die Gemeinschaftsschule achtet also die Persönlichkeit jedes Kindes, wir am Gymnasium nehmen nur einen Teil auf und bewerten und verletzen dadurch die Kinderseele.

Werden hier nicht Kategorien vertauscht?

Die Persönlichkeit eines Kindes ist doch nicht seine Leistungsfähigkeit. Ich achte jedes Kind, wenn es eine ansprechende Persönlichkeit hat. Nur weil es nicht gut im Kopfrechnen ist, halte ich ein Kind nicht für weniger liebenswert. Wer das unterstellt, merkt nicht, dass es falsche Schlüsse zieht.

Ich bin da ganz ehrlich. Ich achte die Kinder, die angenehme Charaktereigenschaften aufweisen. Respektlose oder gewalttätige Kinder muss ich nicht achten. Aber weil es noch Kinder sind, bemühe ich mich, das Verhalten zu verstehen, Ursachen zu finden und, wenn möglich, Hilfen anzubieten. JEDE Woche führe ich pädagogische Gespräche außerhalb meines Unterrichts, ganz abgesehen davon, dass ich im Unterricht natürlich dauernd pädagogisch handele. Mal mehr, mal weniger gelungen – ich bin auch nur ein Mensch, aber ich bemühe mich um Professionalisierung meines Tuns. Ja, auch das passiert am Gymnasium. Wir sind doch keine Trichterhalter mit der Böse-Rute-Drohung in der Hinterhand!

Also noch einmal: Ich nehme für mich auch in Anspruch, die Persönlichkeit eines Kindes zu achten. Gut, ich gebe zu, dass ich Persönlichkeiten gerne auch zu Gemeinschaftswesen formen möchte und nicht jedem Prinzen oder Rowdy freien Lauf lasse. Das verstehe ich unter erzieherischem Wirken. Kinder bekommen bei mir immer eine zweite Chance, oft sogar eine dritte und vierte. Wenn sie erwachsen werden und sich immer noch wie Ar*löcher benehmen, tut mir leid, dann zolle ich ihnen keinen Respekt. Vielfalt ist für mich nicht per se ein schützenswertes Gut. Meine Welt hat Grenzen. Gewalt und Respektlosigkeit sind zwei davon, aber nicht die einzigen.

Gleich im nächsten Satz wird euch dann gesagt: „Deshalb schätzen wir die besonderen Stärken und Schwächen eines jeden Kindes und fördern sie als Zeichen von Vielfalt.“ Und da hat man uns Gymnasiallehrer dann. Wir sind ja dafür bekannt, dass wir Schwächen nicht schätzen, sondern ausmerzen wollen. Aber warum soll ich Schwächen fördern? Was ist sonst eigentlich mein Berufsbild, wenn nicht das Stärken der Stärken und das Verringern der Schwächen? Wenn ich die Schwächen nicht angehe, dann bin ich nur noch Betreuer, kein Lehrer mehr. Das betrifft also nicht nur die oben genannte Persönlichkeit, sondern auch das Wissen und die Fähigkeiten eines Kindes. Ich sehe mich als jemand, der zwar erforschen muss, wo ein Kind steht, es dann aber an die Hand nimmt, um mit ihm gemeinsam einen Schritt weiter zu gehen. Das mit dem Ziel, diese anfangs noch kleine Hand einmal loslassen zu können, damit der junge Mensch allein weitergehen kann.

Und jetzt noch einmal zum Trugschluss: Wenn ich die Schwächen eines Kindes angehe, heißt das nicht, dass ich ein Kind ständig demütige und es nie für Erreichtes lobe, UND erst recht nicht, dass ich es nicht mag oder achte. Die Persönlichkeit eines Kindes hat nichts mit seiner Leistung zu tun. Wenn ich eine Note gebe oder Fehler aufzeige, aus denen das Kind lernen kann, dann bewerte ich nicht das Kind, sondern die erbrachte Leistung. Wenn ich ein Kind rüge, weil es frech war, verweigere ich ihm nicht meine Zuneigung, wenn ich sehe, dass es ihm leid tut und dass es sich ändern mag. Das ist, meiner Meinung nach, wahre Professionalität.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Zum Kaffee bei Frau K. – Der Kampf ums Kind

Liebe Leser,

hier folgt mal wieder ein Interview mit Frau K., einer ihre Kinder sehr umsorgenden Mutter, die ihre Familie in einem gänzlich anderem Umfeld durchbringen muss als ich: in einer Universitätsstadt unseres Landes.

Frau Henner: Ich glaube, ich verstehe langsam, warum du so viel Bohei um die Ausbildung deiner Kinder machst.

Frau K.: Naja, man muss ja sehen, wo man bleibt.

Frau Henner: Aber du hast doch nicht wirklich was zu befürchten, deine Kinder sind gute Schüler…

Frau K.: Reicht denn das?

Frau Henner: ?

Frau K.: Es gibt soooo viele sehr gute Kinder!

Frau Henner: Sag mal, kann es sein, dass du auch deiner Familie beweisen musst, dass deine Kinder toll sind?

Frau K. (lacht): Du kennst doch meine Schwiegermutter! Und dann die vielen Rechtsanwälte, Richter und Ärzte – es geht doch nichts mehr drunter bei uns. Deshalb sollen meine Kinder was ganz anderes machen…

Frau Henner: Was aber trotzdem Anerkennung bringt?

Frau K. (nickt): Weißt du, was meine Nichten und Neffen alles nebenbei machen? Fechten, golfen, Auslandsaufenthalte, natürlich Instrumente und dort die Beste und da der Gewinner und alles ist immer so toll! Die Noten in der Schule sowieso. Aber mehr noch geht es um das Dabeisein in einer gewissen Gesellschaft. Beziehungen werden auch da schon geknüpft – für später.

Frau Henner: Aber irgendwie machst du trotzdem mit in diesem Konkurrenzkampf.

Frau K.: Nicht im Konkurrenzkampf, ich hab mich langsam damit abgefunden, dass meine Kinder auch ihre Grenzen haben – aber in dem Zirkus mach ich schon mit, was bleibt mir denn anderes übrig? Ich lebe hier, ich kann uns da nicht völlig rausnehmen. … Außerdem müssen sich meine Kinder ja auch mal denen gegenüber behaupten. Später.

Frau Henner: Deshalb Sprachferien?

Frau K.: Wenn das alle machen, dann kannst du nicht einfach sagen, das machen wir nicht. Ich würde mir für meine Kinder das Essen vom Mund absparen, aber sie sollen die gleichen Chancen haben wie die anderen auch.

Frau Henner: Deshalb die Bildungsreisen zu Pfingsten?

Frau K.: Warum nicht?

Frau Henner: Holst du da auch selbst etwas nach?

Frau K.: Klar, ich hatte nie diese Chancen. Meine Eltern sind arbeiten gegangen und haben mich zur Schule geschickt. Später habe ich vieles nicht gehabt, was andere schon längst wussten, konnten, hatten. Woher auch. Wenn ich mehr gekonnt hätte, hätte ich es leichter gehabt, definitiv. Mein Gott, waren wir unbedarft!

Frau Henner: Aber doch nicht unglücklicher!

Frau K.: Naja, wir kannten ja auch nichts anderes.

Frau Henner: Aber unsere Kinder sollen doch zuallererst glücklich werden, oder?

Frau K. lacht laut: Also zuerst erfüllen sie meine Wünsche und dann dürfen sie glücklich sein!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner