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Draußen ist die Welt der anderen

Liebe Leser,

mein ganzes Leben begleitet mich schon das unbestimmte Gefühl, nicht dazuzugehören. Nur in meiner Familie bin ich ganz ich. Im kleinen Freundeskreis vielleicht noch ab und zu, ansonsten sehe ich die Gesellschaft um mich herum meist wie ein Beobachter, manchmal wie ein Feldforscher und ab und zu auch völlig verblüfft wie ein längst aus der Zeit Gefallener. Ein Museumsstück in einer Zeitkapsel. Dabei bin ich offiziell gesehen gerade im besten Alter!

Und nein, es hat absolut nichts mit Nostalgie zu tun.

Wenn ich mich an die Weihnachtsmarktbesuche meiner Kindheit erinnere, dann ist da auch Geschiebe und Gedränge, besonders empfunden, weil man klein war. Zum Glück ist da die breite, immer warme Hand meines Vaters, die mich gehalten hat. Sein Schnurrbart im Senf der Bratwurst und die fröhlichen Kinderweihnachtslieder gehören ebenfalls dazu wie kalte Füße und die Freude über den Lichterglanz in der Winternacht. Die Mutter, die etwas enttäuscht über das Angebot ist, wird genauso erinnert, wie ihre roten Wangen, wenn sie sich dann doch dazu hinreißen ließ, am Schmalzgebäckstand ein paar Kräpfelchen zu erstehen. Und dann der Duft aus der Tüte…

Nun gut, ein bisschen Nostalgie ist dabei und das ist gar nicht schlimm, denn solche Erinnerungen treiben uns als Eltern dazu, an einem kalten Adventssonntag zum kleinstädtischen Weihnachtsmarkt aufzubrechen – en famille natürlich. Die Kälte haben wir also schon, die Menschen kommen von allein und Leo wird die paar Leutchen eventuell auch als Gedränge empfinden, denn er ist ja noch klein. Sein Papa hat auch so eine magische, immerwarme Hand. Wir kaufen gebrannte Mandeln, kalte Füße und Lichterglanz bekommen wir gratis.

Aber eines fehlt und damit ist das ganze Erlebnis nicht das gleiche. Statt fröhlicher Kinderstimmen, die „Oh Tannenbaum“ oder zur Not wenigstens „In der Weihnachtsbäckerei“ trällern, wird der gesamte Weihnachtsmarkt mit einer so primitiven Popsülze übergossen, dass ich nur noch fliehen will. Ich kann das nicht ertragen. Aber die Menschen um mich herum scheint die Kakophonie nicht zu stören. Man steht traut beim Glühwein zusammen, kauft Hosenträger und Handschuhe. Und über allem krächzt ein heißeres Popsternchen mit viel Synthesizer eine gar nicht weihnachtlich anmutende Melodie. Wenn überhaupt eine Melodie noch zu hören ist!

Das sind die Momente, wo mir bewusst wird, dass der Schwarm eben nicht besonders intelligent oder besonders geschmackvoll, sondern einfach nur besonders mittelmäßig ist, und ich in meiner Arroganz mich nicht dazugehörig fühlen kann. Und gleichzeitig weiß ich, dass jeder Mensch gleich viel wert ist und ich mich nicht über andere stellen darf. Das sagt der Verstand, der das sagt, aber das Gefühl sagt etwas ganz anderes.

Unser Weihnachtsmarktbesuch ist schnell beendet, zuhause legen wir klassische Weihnachtsmusik auf und essen selbstgebackene Lebkuchen. Wir haben uns zurückgezogen in unsere Welt, in diese Höhle der Familie, in der wir uns ganz bewusst abgrenzen von vielen Strömungen unserer Zeit.

So häufig wird in der letzten Zeit die Gemeinschaft beschworen und wie gut die Welt wäre, wenn wir alle den anderen anerkennen und in seinen Eigenheiten liebhaben. An solch banalen Kleinigkeiten zeigt sich aber einmal mehr, dass selbst gebildete, vernunftorientierte Menschen nicht dazu in der Lage sind, in der Masse aufzugehen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Gemeinschaftsspiel

Liebe Leser,

pünktlich zum Song „Let it snow“, der gerade durch die Klassenräume hallt, beginnen draußen zarte, weiße Flocken durch die kalte Winterluft zu schweben. Fabrizio ist so begeistert, dass er aufspringt und vorm Fenster stehend einen Freudentanz vollführt, im Grunde wackelt er nur mit dem Hintern, aber sein Ententanz kommt so von Herzen, das mir selbiges aufgeht.

In der grad beginnenden Pause stürmen entsprechend motiviert die Unterstufenschüler auf den Hof. Ich habe Aufsicht, ziehe meinen dicken Schal an und gehe etwas gemesseneren Schritts hinterher. Herrlich! Der Schnee lässt einen fast die Hässlichkeit des Hofs vergessen, der sonst dem einer Kaserne gleicht.

Rafael ruft mir etwas zu. Missmutig steht er vorm Fußballtor herum. Da er sich dabei immer wieder von mir abwendet, verstehe ich ihn nicht und es folgt ein absurder Dialog, bis ich endlich begreife, dass er sich bei mir beschwert, weil die Achtklässler mit dem Fußball der Siebtklässler spielen, also mit seinem Ball. Konstantin aus der b startet gerade einen Angriff  u n d IHM GELINGT EIN TOR! Ist auch keine Kunst, denn die Siebener machen nichts, außer sich bei mir zu beschweren.

„Konstantin, ist das dein Ball?“, frage ich.

„Nö“, antwortet er.

„Ist das der Ball der Siebener?“

„Kann sein…“, murmelt er und dreht das runde Ding schon wieder geschickt in die Richtung der Großen.

Rafaels Gesicht hat sich trotz Schnee und klarer Winterluft inzwischen ebenfalls in einen zerknautschten Ball verwandelt. „Sag ich doch!“, ruft er erbost.

Konstantin ist schon wieder am Tor. Ein neuer Angriff…. TOR! Die Siebener machen immer noch nichts, stehen nur wütend herum.

„Also Konstantin, du gibst entweder den Siebenern ihren Ball zurück oder, und das würde ich ja bevorzugen, ihr spielt gemeinsam. Siebener gegen Achter, das ist doch dann mal spannend!“

Jetzt gucken mich alle überrascht an. Dieser Gedanke ist ihnen noch gar nicht gekommen. Aber plötzlich kommt Leben in die Bude. Endlich bewegen sich auch mal die Siebener und versuchen wie Fußballer in den Besitz des Balles zu kommen – auf sportliche Weise. Zwar haben sie kaum eine Chance, aber doch einen ganz guten Torwart, der ab diesem Moment wenigstens jeden zweiten Ball hält, anstatt nur dumm rumzustehen. Die Mittelstufenjungs kriegen rote Wangen. Allesamt. Rafael rennt. Konatantin muss sogar den Ball ab und zu abgeben.

Fußball kann doch richtig Spaß machen, wenn man es gemeinsam spielt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Getaktete Kindheit

Liebe Leser,

in völligem Bewusstsein, dass es mir in meiner Stellung als Lehrerin an einem Gymnasium in Baden-Württemberg noch richtig gut geht, so möchte ich mir doch von der Seele schreiben, was ich immer mehr beobachte und was mich so sehr an meiner Profession zweifeln lässt, dass ich immer häufiger über Alternativen zum Lehrberuf nachdenke. Dabei bin ich mit Leib und Seele Lehrer. Ich begreife mich als Person, die jungen Menschen einen Teil der Welt nahe bringt, in dem sie ihnen Wissen vermittelt, denn ohne Wissen kann man nichts beurteilen, Fähigkeiten, mit Material und Situationen umzugehen, denn alles Wissen nützt nichts, wenn ich es nicht einordnen kann, und sie gleichzeitig versucht anzuhalten, genau dies wieder zu hinterfragen, denn ich will sie nicht zu Ja-Sagern erziehen, sondern zu kritischen, mündigen Bürgern. Dazu gehört für mich das Pädagogensein zwingend dazu. Ich bilde nicht aus, ich bilde und ich erziehe Menschen. Guten Morgen und Auf Wiedersehen, bitte und danke, ja und nein und immer ein Lächeln als kürzesten Weg zwischen zwei Menschen sind da nur ein Anfang.

Nein, ich bin kein Dienstleister, nein, ich bin kein Input-Manager und nein, ich bin kein Lernbegleiter. Ich bin Lehrer. Pädagoge.

Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen, nicht nur mit Schülern. Aber wie soll die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleiben, wenn mir die Sinnhaftigkeit meines Tuns abhanden kommt? Um Lehrer zu sein, muss ich Mensch sein können. Um Schüler zu sein, müssen Kinder auch noch Kinder sein dürfen. Und genau das vermisse ich immer mehr.

Wir takten in unserem Land die Kinder ein wie Erwachsene. Jede Minute ist mit sinnvoller Beschäftigung ausgefüllt – allem voran mit Schule. Die Kinder haben inzwischen einen Stundenplan, der ihnen eine Wochenarbeitszeit von locker vierzig Stunden beschert. Lernen kann Spaß machen, ich weiß. Projekte sind toll. Klar. Merkt ihr, dass das hohle Phrasen sind? Fünftklässler, die zweimal in der Woche Nachmittagsschule haben, Zehntklässler, die bereits an vier Nachmittagen in der Schule bleiben – aber nicht, um in der Theater-AG die eigene Persönlichkeit zu bilden, sondern schnöde um Physik und Geografie zu pauken. Wie um Himmels willen sollen ernsthaft Sechsklässler Geschichte begreifen, die dieses Fach einmal die Woche zwischen 15.30 und 17.30 Uhr haben, nach Englisch, Mathe und Biologie? Unsere Schüler haben nicht nur Kunst und Musik und Sport am Nachmittag – und nebenbei, auch diesen Fächern tut man Unrecht, wenn man sie so an den Rand verdrängt und tut, als wäre das alles Erholung und Larifari, ein reiner Spaß und gar keine Anstrengung. Von früh um acht bis abends halb sechs halten sich die Kinder in hässlichen Räumlichkeiten, wahlweise in zugigen Gängen oder stickigen Klassenräumen auf, sie hecheln von einem Fach zum nächsten, Schule als Lebensraum ist in meinem Umfeld nicht vorgesehen. Begeisterung für Bildung kann da nur die Ausnahme bleiben. Kreatives Andersdenken fällt zu oft unter den Tisch. Zukunft ist anderes. Aber sie lernen auf alle Fälle das Im-Takt-Marschieren. Und sie geben sich redlich Mühe. Ich staune, wie fleißig die Schüler trotz dieser enormen Belastung in der Regel doch sind. Sie haben das Arbeitsleben schon völlig internalisiert.

Wenn es nur diese zwei Nachmittage wären, dann könnte man ja mit mir reden. Aber so ist es nicht. Der normale Stundenplan eines Kindes sieht vielerorts ganz anders aus. An den wenigen freien Nachmittagen findet mindestens noch der Sportverein, die Musikschule und nicht zu vergessen die Nachhilfe statt. Gerne Mathe UND Latein.

Das führt dazu, dass die Kinder nichts mehr mit sich anzufangen wissen, haben sie tatsächlich einmal frei. Wenn ich mittags nach der einstündigen Pause in die Schule zurückkomme, lungern die Fünftklässler schon im Flur herum und fragen, wann es weiter geht, denn ihnen sei langweilig. Gut denke ich, aus Langeweile kann etwas entstehen – etwas Neues. Aber wenn ich mich in der trostlosen Umgebung umschaue und weiß, dass es bis zum Klingeln eh nur noch sieben Minuten sind, ist mir schnell klar, dass auch jetzt nicht Neues entstehen wird. Dann eben Smartphonegedaddel. Das lenkt wieder schön vom eigenen Ich ab.

Es gibt so viele Details, die ich argumentativ heranziehen könnte, aber ich bin es manchmal einfach leid, weil alles Rufen nichts bringt. Wir tackten die Kindheit nur noch enger. Damit Mutter und Vater sorglos arbeiten gehen können. Warum auch nicht. Da habe ich gar nicht dagegen. Nur eben nicht SO!

Und ich bin Teil dieses absurden Systems. Auch ich versuche um 16.20 Uhr Zwölfjährigen etwas zu erklären, anstatt mich mit ihnen draußen ins Herbstlaub zu legen und die letzten warmen Sonnenstrahlen zu spüren, gemeinsam einen Kuchen zu backen und mit ihnen über das Leben zu diskutieren. Wahrscheinlich könnten sie dabei auch eine Menge lernen, doch das ist nunmal nicht so gut abrechenbar. Aber es ist eben 16.20 Uhr und die Schule geht bis 17.30 Uhr und hier ist mein Bildungsplan. Und Kakaotrinken ist in den Schulräumen sowieso verboten. Wenn der Kakao mit den giftigen Dämpfen des abgelatschten, grauen Linoleums zusammentrifft… Grau sind auch die Wände und die Spinde rechts und links im Flur. Farbe wäre ja auch noch schöner. Schule könnte ja Spaß machen. Schule könnte ja ein Lebensraum sein. Leider sieht meine neue Schule sowohl von außen als auch von innen eher aus wie eine Jugendstrafanstalt. Das sind uns also die Kinder wert, unsere Kinder, die Zukunft.

Es reicht ja nicht einmal für einen regelmäßigen Anstrich. Aber wollen die Eltern das überhaupt? Kinder, die den Nachmittag nicht mit einem weiteren Run auf die Poolposition verbringen, sondern an ihrer Persönlichkeit basteln? Haben sie nicht alle Angst, dass ihr Kind dann nicht mitkommt in dieser Welt, wo scheinbar nur die harten Fakten zählen? Ein anderer könnte es überholen. Deshalb muss alles einen Mehrwert haben, vor allem die Freizeit der Nachmittag.

Wenn ich daran denke, wie ich die Nachmittage verträumt habe, welche Wege ich in Kauf genommen habe, um Freunde zu treffen, dafür aber auch die Zeit und das Gottvertrauen meiner Eltern hatte. Was ich neben der Schule alles gemacht habe – aus Langeweile, wovon vieles sinnfrei war und sich doch in ein großes ganzes Selbstbestimmtes gefügt hat. Sprich, wie ich ein kreativer, neugieriger, selbstdenkender Mensch geworden bin. Mir ist völlig klar, dass man die Welt nicht zurückdrehen kann und dass früher nicht alles besser war. Das heißt aber nicht, dass man vor negativen Beobachtungen in der Gegenwart die Augen verschließen muss und behaupten darf, das sei eben so, dass sei der Fortschritt, es gehe nicht anders.

Ich bin sicher, dass es anders geht. Ich bin mir nur nicht sicher, welche Rolle ich in dieser Fantasie spiele. Das ist gerade mein Problem.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Pfingsten 1: Melancholie

Liebe Leser,

am letzten Freitag vor den Pfingstferien trage ich die ersten beiden großen Kisten aus dem Schulhaus, denn ich habe angefangen aufzuräumen. Was sich alles so angesammelt hat! Ordner, Bücher, lose Blattsammlungen. Da noch ein wenig Zeit ist, setze ich mich an den kleinen Teich im Park und betrachte die blühenden Uferblumen, die Vögel, die Libellen… und da überkommt mich zum ersten Mal das Gefühl der Wehmut. Wahrscheinlich liegt das an den Kisten – sie machen alles endgültig. Ich ziehe aus aus meinem bisherigen Schulleben.

Dann setzt sich Lucy zu mir ins Auto und meint: „Du Mama, ich bin heute so melancholisch, jetzt wird wohl alles anders werden.“ Ja, diese Ferien sind die letzten, nach denen ich noch einmal in mein kleines Landgymnasium zurückkehren werde. Dass Lucy das auch so empfindet, berührt mich fast noch mehr. Der schwarze Hund wird den ganzen Nachmittag lang noch um uns herumschleichen.

Dann räume ich mein Arbeitszimmer auf. Dieses Schuljahr ist nicht mehr viel zu tun, da lohnt es sich, auch hier einmal gründlich klar Schiff zu machen. Zu viel ist in den letzten anstrengenden Wochen liegen geblieben. Auch Lucy räumt ihr Zimmer auf. Sonst kann man ja gar nicht gemütlich in die Ferien gehen, meint sie. Putzen hat etwas Kathartisches.

Während ein Teil Deutschlands sich schon wieder auf die Sommerferien vorbereitet, liegen vor uns noch einige Schulwochen. Noch zähle ich sie nicht rückwärts. Denn jetzt bin ich soweit, dass ich in dieser Zeit tatsächlich Abschied nehmen werde. So vieles ein letztes Mal – ganz bewusst. Um nicht in einen Unruhezustand zu fallen, habe ich mich mit vielen Büchern eingedeckt, werde Freunde treffen, Musik machen, Rosen beschneiden und bloggen. Der Sommer kann kommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 32: Natascha spricht deutsch

Liebe Leser,

Leo und ich sind auf dem Kindergartenfest. Zugegeben – ich hatte keine Lust und habe mich dann von seinem Hundeaugenblick breitschlagen lassen. Und wie es so kommt, dann ist es richtig schön geworden.

Die türkischen und syrischen Mamas sind nicht gekommen, dafür alle russischen. Verblüfft stelle ich fest, dass nur Jutta und ich die „Eingeborenen“ sind. Die anderen Mütter reden alle mit einem Akzent. Da sind Natascha und Svetlana, Tatyana und Olga und alle mit Familie. Eigentlich könnten sie auch russisch miteinander sprechen – das habe ich in Lucys Grundschule oft genug erlebt. Aber sie machen es nicht.

Vielleicht nehmen sie auf Jutta und mich Rücksicht, vielleicht wollen sie ihren Kindern ein Vorbild sein, vielleicht leben sie schon so lange hier, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, was man außer Haus spricht. Allein das rollende R und das lange I verrät die Herkunft noch in der Sprache. Vielleicht sprechen sie auch unterschiedliche russische Dialekte und das Deutsche ist die einfachste Verständigung – ich habe keine Ahnung.

Manchmal spricht Svetlana mit dem kleinen Alexander russisch, mit den anderen Frauen aber nie, Tatyana hat sogar deutsche Kosewörter für ihre Kinder parat, obwohl sie fast unter sich sind. Nur einmal flüstert sie ihrem Mann etwas Russisches zu. Das ist in Ordnung, das ist privat, das will ich sowieso nicht hören.

Ich finde das schön. Nicht, weil sie ihre Kultur verleugnen sollen – nein, sondern weil sie mich nicht ausschließen und das wie selbstverständlich. Also unterhalten wir uns über alles Mögliche, während die Kinder durch das frische Grün toben. Für sie spielen solche Unterschiede sowieso keine Rolle. Da zählt viel mehr, wer am schnellsten rennen kann, am höchsten klettern und wer das saftigste Grillwürstchen hat.

Ab dem nächsten Jahr werden unsere Kinder in verschiedene Grundschulen gehen und es werden sich verschiedene Lebenswege auftun. Dieser Nachmittag ist ein kleiner, feiner Moment, wo es nicht um Unterschiede geht – weil wir alle eine gemeinsame Basis haben. Svetlana wird nie meine Freundin werden, weil ich ihre Einstellung zu einigem nicht mag, aber das ist gerade völlig egal. Wir reden einfach miteinander. Tatyana finde ich sehr sympathisch. Wir reden miteinander. Und das ist des Pudels Kern.

Wir reden.

Und die Kinder spielen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2

Liebe Leser,

es verändert sich noch mehr in unserer Gesellschaft, diesmal geht es nicht ums Internet und die Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern um die heilige Institution Familie. Aber fangen wir mit dem Altern an…

Warum altern wir? Seltsame Frage, oder? Unser Körper wird halt schwach. Aber so meine ich diese Frage nicht. Biologisch gesehen ist es nicht sinnvoll zu altern. Die meisten Lebewesen sterben recht schnell, wenn sie sich nicht mehr reproduzieren können. Anders einige Säugetiere und eben der Mensch. Eine Frau um die 50 kann sich in der Regel nicht mehr ohne fremde Hilfe reproduzieren, hat aber statistisch gesehen noch drei gute Jahrzehnte vor sich. Selbst wenn wir sagen, sie muss ja noch Kinder großziehen, können wir klar behaupten: Im Normalfall bekommt eine Frau zwischen 20 und 40 Kinder und die sind mit 10 Jahren auch in unserer Gesellschaft allein lebensfähig, also was soll das lange Alter?

Wissenschaftler haben natürlich Theorien: Alte Menschen haben Erfahrungen und werden ob dieser Weisheit geschätzt, insbesondere alte Frauen halten durch ihre hohe soziale Kompetenz Gemeinschaften zusammen und sichern so deren Fortbestand. So eine Theorie will aber nachgewiesen werden. Und das versuchen Wissenschaftler natürlich.

Karen McComb untersuchte zusammen mit ihrem Team über Jahre hinweg das Verhalten von Elefantengruppen im Amboseli-Nationalpark in Kenia. Solche Familiengruppen, die aus Elefanten unterschiedlichsten Alters bestehen, werden in der Regel von meist der ältesten Elefantin angeführt, da diese die größte Fähigkeit hat, Freund und Feind der anderen Elefantenfamilien, die man so trifft, wenn man auf Futtersuche durch die Steppen streift, unterscheiden zu können. Dies können sie schon anhand der sich über Luft UND Boden ausbreitenden Schallwellen der Rufe der fremden Tiere identifizieren. Je älter das Leittier war, desto besser konnte es das fremde Verhalten im Vorfeld einschätzen und die eigene Sippe schützen – ein klarer Vorteil.

Nun sind wir keine Elefanten, aber auch wir schätzen in der Regel die Erfahrung, die ältere Menschen haben. Für berufstätige Mütter ist es ein großer Vorteil, wenn sie eine Großmutter in der Nähe haben, die sie bei der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder unterstützt. Ist die Familie weit weg, so ist es doch eine unglaublich wichtige Basis, wenn man miteinander telefonieren kann und sich so wenigstens emotional Rückendeckung geben. Manchmal hilft auch ein guter Rat.

Wenn wir den überhaupt wollen. Und genau das ist die Veränderung, die ich zunehmend beobachte und die unserer Gesellschaft möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten mehr beeinflussen wird, als wir momentan glauben, da wir alle ja selbst mit unserem Leben, den Kindern, der Arbeit voll beschäftigt sind.

Immer mehr Menschen in meiner Umgebung definieren ihre Familie ausschließlich über das Modell Mutter-Vater-Kind. Und keiner hat da reinzureden. Großeltern werden manchmal gebraucht, um die Enkel zu versorgen, aber ihre Meinung zu verschiedenen Dingen haben sie bitteschön für sich zu behalten.

Es geht mir nicht darum, dass man alles miteinander teilen muss. Ich romantisiere auch keine Großfamilien im 19. Jahrhundert, wo sich alle dem Familienpatriarchen unterzuordnen hatten. Aber ich sehe Großeltern, die sich nicht trauen, etwas von früher zu erzählen oder mit ihren Kindern über Erziehung überhaupt einmal zu reden, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sich bevormundet fühlen und ihnen im schlimmsten Fall die Enkel entziehen. Ich sehe auch berufstätige Mütter, die sich lieber Betreuung einkaufen, als ihre Kinder ab und zu in der eigenen Familie betreuen zu lassen, weil sie sich ja nicht in Abhängigkeiten begeben wollen. Wer zahlt, bestimmt die Regeln. Ich sehe Familien, in denen ein normaler Diskurs abgebrochen wurde, wenn es um private Dinge geht. Man spricht noch über den Urlaub und das neue Auto, aber wehe die Oma fragt, wie es in der Schule läuft, oder der Opa will wissen, ob Mäxchen schon Fahrrad fahren kann. Familiäre Dialoge werden so zum Lauf auf dünnem Eis.

Ein Glück, wenn dies bei euch nicht so ist. Ich selbst schätze mich glücklich, weil ich meine Eltern und sogar von Zeit zu Zeit die Schwiegereltern anrufen kann und alles Mögliche besprechen. Natürlich stammen manche ihrer Meinungen aus dem vorigen Jahrhundert, aber wir reden dann darüber. Sie erzählen mir, wie das früher war, und ich erzähle ihnen, wie sich die Welt inzwischen verändert hat und warum manches so nicht mehr geht. Und stellt euch vor: vieles ist noch genau gleich und für das andere haben sie meist volles Verständnis. Meist. Grenzen gibt es immer. Aber wir sind im Gespräch.

Mein Vater sagt immer häufiger, er wolle uns noch ein wenig erhalten bleiben. Und statistisch gesehen ist mir klar, dass er inzwischen in geschenkten Lebensjahren lebt. Ich möchte noch einiges von ihm erfahren, denn mit ihm wird die Generation sterben, die tatsächlich noch vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Bei meinen Großeltern war ich zu jung, um diesen Schatz zu verstehen. Wir haben viel zu wenig von früher gesprochen. Das ist nun längst zu spät.

Ich hatte Freunde, die ihre alten Eltern als Last empfinden. Inzwischen sind wir nicht mehr befreundet. Einmal im Jahr besuche ich dennoch die Eltern der Freunde. Das mag seltsam erscheinen, aber sie freuen sich so und nehmen sich die Zeit zum Erzählen. Warum ich mit ihren Kindern nicht mehr befreundet bin? Sie haben keine Zeit mehr. Arbeit, Kindererziehung, das alles fordert so viel Kraft. Und dann auch noch die nervigen Eltern, die die Enkelkinder so gerne sehen wollen und dann doch alles falsch machen, weil sie einfach nicht im Hier und Jetzt angekommen sind, bestimmt reden die auch schlecht über uns.

Tun sie nicht. Die Eltern verteidigen ihre Kinder, berichten, wie viel die Kinder arbeiten müssen und wie fleißig die Enkelkinder sind, wie anstrengend das Leben geworden ist und wie toll das ihre Familie meistert. Und sie springen immer ein, wenn sie gebraucht werden. Es sind Eltern, die ihre Familie über alles lieben. Aber die Familie sieht das nicht im gleichen Maße.

Dies ist nicht der einzige Fall, den ich kenne, sonst würde ich hier nicht darüber berichten. Und natürlich weiß man nie genau, was in Familien vorfällt. Deshalb will ich niemanden beurteilen, schon gar nicht verurteilen. Ich frage mich nur, was aus den Elefantenfamilien würde, wenn sie die alten Leitkühe verstoßen und nicht mehr auf sie hören, weil die eh zu alt sind? Welchen Wert hat das Alter bei uns Menschen in diesem Falle?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 27: Die Lücke, die der Teufel lässt

Liebe Leser,

unsere Welt verändert sich so rasant, dass man dies manchmal erst aus einer gewissen Distanz heraus wahrnimmt, weil man ansonsten in diesem Strudel mitschwimmt und kaum Zeit hat, dies zu reflektieren. Nun lebe ich selbst zwar nicht auf einer Insel der Glückseligkeit, aber doch in einer überaus komfortablen Situation – global betrachtet allemal. Aber ich lebe nicht im Mainstream. Immer wieder merke ich, wie da ein Leben scheinbar an mir vorüberzieht, was so wenig mit mir zu tun hat. Selbst Lucy ist kein Korrektiv, da diese junge Dame ebenfalls nicht im großen Schwarm mitschwimmt. Immer wieder bin ich erstaunt, wie kritisch sie ihre Umwelt wahrnimmt, wie sie sich gegen Entwicklungen sperrt und ein eigenes Wesen ausgeprägt hat, wo sich andere noch auf der Selbstsuche befinden. Lucy besitzt noch immer kein Handy, keinen WhatsApp- oder Facebook-Account, wünscht sich lieber ein National-Geografic-Abo zum Geburtstag und macht sich gerne über die Schminktussis aus ihrer Klasse lustig, die das alles nicht verstehen können. Auch aus dieser Abgrenzung heraus entwickelt sich Identität. Heute Abend wollen wir gemeinsam Micheal Moores „Where to invade next“ anschauen. Über sowas unterhält man sich im Hause Henner, dafür kenne ich nicht die Namen der angesagten Yuo-tuber und Musically-Stars.

Aber diese Woche passiert mir auch das Internet. Eigentlich wollte ich nur eine Lehrerseite besuchen, werde dort auf ein Video hingewiesen, klicke es an, lande bei einer Bildungsdebatte und auf You tube. Ihr kennt das alle, diese kleinen Videohinweise am rechten Rand verführen zu weiteren Klicks. Und zwei Stunden späten sitze ich fertig und mit Kopfschmerzen immer noch vor diesem Rechner. Allerdings ist nichts mehr mit Bildungsdebatte. Über TV-Ausraster bin ich zu Game-Ausrastern gekommen und irgendwann bei erstaunlichen Fehlbildungen gelandet, so Menschen, die ihren Kopf nicht oben halten können und schließlich: Geister. Es gibt sie echt!

Warum schaue ich mir diesen Sch* an? Warum hockt eine gebildete Frau nachmittags um halb fünf vor einen dämlichen Gerät und hört egomanen Typen zu, die irgendwelche verpixelten Amateurvideos totlabern? Ich fasse es nicht!

Das ist mir bis jetzt so noch nie passiert. Ich sehe das Internet als Arbeitsmedium, mache es an, erledige meinen Kram und surfe höchstens noch ein paar Minuten, um ein Produkt nachzuschauen, was ich hier auf dem Lande in keinem Laden bekomme. Dann schließe ich das Internet und den Computer wieder und widme mich dem analogen Leben. Denn das findet nämlich tatsächlich statt.

Für viele junge Menschen aber nicht mehr. Noch erscheint uns das nicht bedrohlich, vielleicht weil es bequem ist. Die Kinder sind im Haus, man muss keine Angst um sie haben, kann sich selbst belügen, dass sie so ihre Medienkompetenz schulen würden, und die Kinder nerven nicht. Stundenlang sitzen sie vor ihren Geräten und gucken sich Videos an.

Habt ihr mal in diese Videos angeschaut? Da erklären zum Beispiel Schülerinnen anderen, wie man sich schminkt, wie man sich die Haare macht, wie man sich stylt, warum welches dm-Produkt cool ist und warum das andere absolut nicht geht. Es ist so hohl… Diese Hohlheit ist nur ein Problem, denn es bleibt zudem immer das Gefühl der Unzulänglichkeit. Entweder ist man es selbst oder das eigene Leben. Denn alles, was da draußen im Netz passiert, scheint spannender als das eigene Leben. Ist ja auch keine Kunst, wenn man im Zimmer hockt! In der Wahrnehmung eines jungen Menschen entsteht so das Gefühl von Unzufriedenheit.

Ihr werdet sagen, war bei uns auch schon so, wenn wir die BRAVO gelesen haben. Stimmt, da blieb auch manchmal dieses leere Gefühl, aber es wurde schnell relativiert, weil es das richtige Leben draußen noch gab und dieses die Hauptsache war. Was machen aber die normalen Zwölfjährigen heute? Sie gucken stundenlang solche Videos. Da ist nichts mehr mit Korrektiv. Die Kinder von heute erlangen so eine verzerrte Vorstellung von Leben. Der Sinn des Lebens scheint nur noch darin zu stehen, das eigene Ich gnadenlos ins Rampenlicht zu stellen. Ich. Bin. Wichtig.

Und wo ist nun die Lücke? Genau da.

Denn der hohe Internet-Konsum bewirkt dieses Ich-Sucht-Gefühl, aber er kann es nicht befriedigen – denn es sind ja immer die anderen, die toll aussehen, das spannende Leben haben und das absolut faszinierende, coole Untergehen unserer Welt kommentieren. Eltern verstehen das sowieso nicht. Und die Freunde? Naja, mit denen teilt man die Videos, denn es sind Wegbegleiter zum selben Ziel – also letztlich Konkurrenten.

Und während eine ganze Generation ihre Tage mit dem Gefühl verbringt, gar nicht am richtigen Leben teilhaben zu können, denn das Leben ist doch nicht der öde Alltag zuhause, es ist der Glamour im Netz – da will man rein, aber wie kommt man bloß in dieses Netz? – während also eine ganze Generation für das analoge Leben abstumpft, geschehen da draußen tatsächlich wichtige Dinge, bei deren Lösung wir genau diese Menschen in einer nahen Zukunft brauchen werden.

Vier Stunden soll ein Jugendlicher schon am Tag im Netz sein. Vier Stunden. Da kann man schon mal Fiktion und Wirklichkeit aus dem Blick verlieren. Ich bekomme davon nur Kopfschmerzen. Also werde ich jetzt den Computer wieder herunterfahren und entweder einen langen Waldspaziergang machen (Berg runter und wieder hoch, damit der Kreislauf in Schwung bleibt) oder ein Buch über neurowissenschaftliche Erkenntnisse lesen (damit die grauen Zellen in Schwung bleiben), Lucy fährt inzwischen alleine Fahrrad, denn die Gleichaltrigen sind ja nicht zum Rausgehen zu bewegen und der kleine Leo baut im Garten einen Turm für Käfer. Auch allein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner