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Pfingsten 1: Melancholie

Liebe Leser,

am letzten Freitag vor den Pfingstferien trage ich die ersten beiden großen Kisten aus dem Schulhaus, denn ich habe angefangen aufzuräumen. Was sich alles so angesammelt hat! Ordner, Bücher, lose Blattsammlungen. Da noch ein wenig Zeit ist, setze ich mich an den kleinen Teich im Park und betrachte die blühenden Uferblumen, die Vögel, die Libellen… und da überkommt mich zum ersten Mal das Gefühl der Wehmut. Wahrscheinlich liegt das an den Kisten – sie machen alles endgültig. Ich ziehe aus aus meinem bisherigen Schulleben.

Dann setzt sich Lucy zu mir ins Auto und meint: „Du Mama, ich bin heute so melancholisch, jetzt wird wohl alles anders werden.“ Ja, diese Ferien sind die letzten, nach denen ich noch einmal in mein kleines Landgymnasium zurückkehren werde. Dass Lucy das auch so empfindet, berührt mich fast noch mehr. Der schwarze Hund wird den ganzen Nachmittag lang noch um uns herumschleichen.

Dann räume ich mein Arbeitszimmer auf. Dieses Schuljahr ist nicht mehr viel zu tun, da lohnt es sich, auch hier einmal gründlich klar Schiff zu machen. Zu viel ist in den letzten anstrengenden Wochen liegen geblieben. Auch Lucy räumt ihr Zimmer auf. Sonst kann man ja gar nicht gemütlich in die Ferien gehen, meint sie. Putzen hat etwas Kathartisches.

Während ein Teil Deutschlands sich schon wieder auf die Sommerferien vorbereitet, liegen vor uns noch einige Schulwochen. Noch zähle ich sie nicht rückwärts. Denn jetzt bin ich soweit, dass ich in dieser Zeit tatsächlich Abschied nehmen werde. So vieles ein letztes Mal – ganz bewusst. Um nicht in einen Unruhezustand zu fallen, habe ich mich mit vielen Büchern eingedeckt, werde Freunde treffen, Musik machen, Rosen beschneiden und bloggen. Der Sommer kann kommen!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 32: Natascha spricht deutsch

Liebe Leser,

Leo und ich sind auf dem Kindergartenfest. Zugegeben – ich hatte keine Lust und habe mich dann von seinem Hundeaugenblick breitschlagen lassen. Und wie es so kommt, dann ist es richtig schön geworden.

Die türkischen und syrischen Mamas sind nicht gekommen, dafür alle russischen. Verblüfft stelle ich fest, dass nur Jutta und ich die „Eingeborenen“ sind. Die anderen Mütter reden alle mit einem Akzent. Da sind Natascha und Svetlana, Tatyana und Olga und alle mit Familie. Eigentlich könnten sie auch russisch miteinander sprechen – das habe ich in Lucys Grundschule oft genug erlebt. Aber sie machen es nicht.

Vielleicht nehmen sie auf Jutta und mich Rücksicht, vielleicht wollen sie ihren Kindern ein Vorbild sein, vielleicht leben sie schon so lange hier, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, was man außer Haus spricht. Allein das rollende R und das lange I verrät die Herkunft noch in der Sprache. Vielleicht sprechen sie auch unterschiedliche russische Dialekte und das Deutsche ist die einfachste Verständigung – ich habe keine Ahnung.

Manchmal spricht Svetlana mit dem kleinen Alexander russisch, mit den anderen Frauen aber nie, Tatyana hat sogar deutsche Kosewörter für ihre Kinder parat, obwohl sie fast unter sich sind. Nur einmal flüstert sie ihrem Mann etwas Russisches zu. Das ist in Ordnung, das ist privat, das will ich sowieso nicht hören.

Ich finde das schön. Nicht, weil sie ihre Kultur verleugnen sollen – nein, sondern weil sie mich nicht ausschließen und das wie selbstverständlich. Also unterhalten wir uns über alles Mögliche, während die Kinder durch das frische Grün toben. Für sie spielen solche Unterschiede sowieso keine Rolle. Da zählt viel mehr, wer am schnellsten rennen kann, am höchsten klettern und wer das saftigste Grillwürstchen hat.

Ab dem nächsten Jahr werden unsere Kinder in verschiedene Grundschulen gehen und es werden sich verschiedene Lebenswege auftun. Dieser Nachmittag ist ein kleiner, feiner Moment, wo es nicht um Unterschiede geht – weil wir alle eine gemeinsame Basis haben. Svetlana wird nie meine Freundin werden, weil ich ihre Einstellung zu einigem nicht mag, aber das ist gerade völlig egal. Wir reden einfach miteinander. Tatyana finde ich sehr sympathisch. Wir reden miteinander. Und das ist des Pudels Kern.

Wir reden.

Und die Kinder spielen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 28: Die Lücke, die der Teufel lässt 2

Liebe Leser,

es verändert sich noch mehr in unserer Gesellschaft, diesmal geht es nicht ums Internet und die Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern um die heilige Institution Familie. Aber fangen wir mit dem Altern an…

Warum altern wir? Seltsame Frage, oder? Unser Körper wird halt schwach. Aber so meine ich diese Frage nicht. Biologisch gesehen ist es nicht sinnvoll zu altern. Die meisten Lebewesen sterben recht schnell, wenn sie sich nicht mehr reproduzieren können. Anders einige Säugetiere und eben der Mensch. Eine Frau um die 50 kann sich in der Regel nicht mehr ohne fremde Hilfe reproduzieren, hat aber statistisch gesehen noch drei gute Jahrzehnte vor sich. Selbst wenn wir sagen, sie muss ja noch Kinder großziehen, können wir klar behaupten: Im Normalfall bekommt eine Frau zwischen 20 und 40 Kinder und die sind mit 10 Jahren auch in unserer Gesellschaft allein lebensfähig, also was soll das lange Alter?

Wissenschaftler haben natürlich Theorien: Alte Menschen haben Erfahrungen und werden ob dieser Weisheit geschätzt, insbesondere alte Frauen halten durch ihre hohe soziale Kompetenz Gemeinschaften zusammen und sichern so deren Fortbestand. So eine Theorie will aber nachgewiesen werden. Und das versuchen Wissenschaftler natürlich.

Karen McComb untersuchte zusammen mit ihrem Team über Jahre hinweg das Verhalten von Elefantengruppen im Amboseli-Nationalpark in Kenia. Solche Familiengruppen, die aus Elefanten unterschiedlichsten Alters bestehen, werden in der Regel von meist der ältesten Elefantin angeführt, da diese die größte Fähigkeit hat, Freund und Feind der anderen Elefantenfamilien, die man so trifft, wenn man auf Futtersuche durch die Steppen streift, unterscheiden zu können. Dies können sie schon anhand der sich über Luft UND Boden ausbreitenden Schallwellen der Rufe der fremden Tiere identifizieren. Je älter das Leittier war, desto besser konnte es das fremde Verhalten im Vorfeld einschätzen und die eigene Sippe schützen – ein klarer Vorteil.

Nun sind wir keine Elefanten, aber auch wir schätzen in der Regel die Erfahrung, die ältere Menschen haben. Für berufstätige Mütter ist es ein großer Vorteil, wenn sie eine Großmutter in der Nähe haben, die sie bei der Erziehung und Betreuung der eigenen Kinder unterstützt. Ist die Familie weit weg, so ist es doch eine unglaublich wichtige Basis, wenn man miteinander telefonieren kann und sich so wenigstens emotional Rückendeckung geben. Manchmal hilft auch ein guter Rat.

Wenn wir den überhaupt wollen. Und genau das ist die Veränderung, die ich zunehmend beobachte und die unserer Gesellschaft möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten mehr beeinflussen wird, als wir momentan glauben, da wir alle ja selbst mit unserem Leben, den Kindern, der Arbeit voll beschäftigt sind.

Immer mehr Menschen in meiner Umgebung definieren ihre Familie ausschließlich über das Modell Mutter-Vater-Kind. Und keiner hat da reinzureden. Großeltern werden manchmal gebraucht, um die Enkel zu versorgen, aber ihre Meinung zu verschiedenen Dingen haben sie bitteschön für sich zu behalten.

Es geht mir nicht darum, dass man alles miteinander teilen muss. Ich romantisiere auch keine Großfamilien im 19. Jahrhundert, wo sich alle dem Familienpatriarchen unterzuordnen hatten. Aber ich sehe Großeltern, die sich nicht trauen, etwas von früher zu erzählen oder mit ihren Kindern über Erziehung überhaupt einmal zu reden, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sich bevormundet fühlen und ihnen im schlimmsten Fall die Enkel entziehen. Ich sehe auch berufstätige Mütter, die sich lieber Betreuung einkaufen, als ihre Kinder ab und zu in der eigenen Familie betreuen zu lassen, weil sie sich ja nicht in Abhängigkeiten begeben wollen. Wer zahlt, bestimmt die Regeln. Ich sehe Familien, in denen ein normaler Diskurs abgebrochen wurde, wenn es um private Dinge geht. Man spricht noch über den Urlaub und das neue Auto, aber wehe die Oma fragt, wie es in der Schule läuft, oder der Opa will wissen, ob Mäxchen schon Fahrrad fahren kann. Familiäre Dialoge werden so zum Lauf auf dünnem Eis.

Ein Glück, wenn dies bei euch nicht so ist. Ich selbst schätze mich glücklich, weil ich meine Eltern und sogar von Zeit zu Zeit die Schwiegereltern anrufen kann und alles Mögliche besprechen. Natürlich stammen manche ihrer Meinungen aus dem vorigen Jahrhundert, aber wir reden dann darüber. Sie erzählen mir, wie das früher war, und ich erzähle ihnen, wie sich die Welt inzwischen verändert hat und warum manches so nicht mehr geht. Und stellt euch vor: vieles ist noch genau gleich und für das andere haben sie meist volles Verständnis. Meist. Grenzen gibt es immer. Aber wir sind im Gespräch.

Mein Vater sagt immer häufiger, er wolle uns noch ein wenig erhalten bleiben. Und statistisch gesehen ist mir klar, dass er inzwischen in geschenkten Lebensjahren lebt. Ich möchte noch einiges von ihm erfahren, denn mit ihm wird die Generation sterben, die tatsächlich noch vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Bei meinen Großeltern war ich zu jung, um diesen Schatz zu verstehen. Wir haben viel zu wenig von früher gesprochen. Das ist nun längst zu spät.

Ich hatte Freunde, die ihre alten Eltern als Last empfinden. Inzwischen sind wir nicht mehr befreundet. Einmal im Jahr besuche ich dennoch die Eltern der Freunde. Das mag seltsam erscheinen, aber sie freuen sich so und nehmen sich die Zeit zum Erzählen. Warum ich mit ihren Kindern nicht mehr befreundet bin? Sie haben keine Zeit mehr. Arbeit, Kindererziehung, das alles fordert so viel Kraft. Und dann auch noch die nervigen Eltern, die die Enkelkinder so gerne sehen wollen und dann doch alles falsch machen, weil sie einfach nicht im Hier und Jetzt angekommen sind, bestimmt reden die auch schlecht über uns.

Tun sie nicht. Die Eltern verteidigen ihre Kinder, berichten, wie viel die Kinder arbeiten müssen und wie fleißig die Enkelkinder sind, wie anstrengend das Leben geworden ist und wie toll das ihre Familie meistert. Und sie springen immer ein, wenn sie gebraucht werden. Es sind Eltern, die ihre Familie über alles lieben. Aber die Familie sieht das nicht im gleichen Maße.

Dies ist nicht der einzige Fall, den ich kenne, sonst würde ich hier nicht darüber berichten. Und natürlich weiß man nie genau, was in Familien vorfällt. Deshalb will ich niemanden beurteilen, schon gar nicht verurteilen. Ich frage mich nur, was aus den Elefantenfamilien würde, wenn sie die alten Leitkühe verstoßen und nicht mehr auf sie hören, weil die eh zu alt sind? Welchen Wert hat das Alter bei uns Menschen in diesem Falle?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 27: Die Lücke, die der Teufel lässt

Liebe Leser,

unsere Welt verändert sich so rasant, dass man dies manchmal erst aus einer gewissen Distanz heraus wahrnimmt, weil man ansonsten in diesem Strudel mitschwimmt und kaum Zeit hat, dies zu reflektieren. Nun lebe ich selbst zwar nicht auf einer Insel der Glückseligkeit, aber doch in einer überaus komfortablen Situation – global betrachtet allemal. Aber ich lebe nicht im Mainstream. Immer wieder merke ich, wie da ein Leben scheinbar an mir vorüberzieht, was so wenig mit mir zu tun hat. Selbst Lucy ist kein Korrektiv, da diese junge Dame ebenfalls nicht im großen Schwarm mitschwimmt. Immer wieder bin ich erstaunt, wie kritisch sie ihre Umwelt wahrnimmt, wie sie sich gegen Entwicklungen sperrt und ein eigenes Wesen ausgeprägt hat, wo sich andere noch auf der Selbstsuche befinden. Lucy besitzt noch immer kein Handy, keinen WhatsApp- oder Facebook-Account, wünscht sich lieber ein National-Geografic-Abo zum Geburtstag und macht sich gerne über die Schminktussis aus ihrer Klasse lustig, die das alles nicht verstehen können. Auch aus dieser Abgrenzung heraus entwickelt sich Identität. Heute Abend wollen wir gemeinsam Micheal Moores „Where to invade next“ anschauen. Über sowas unterhält man sich im Hause Henner, dafür kenne ich nicht die Namen der angesagten Yuo-tuber und Musically-Stars.

Aber diese Woche passiert mir auch das Internet. Eigentlich wollte ich nur eine Lehrerseite besuchen, werde dort auf ein Video hingewiesen, klicke es an, lande bei einer Bildungsdebatte und auf You tube. Ihr kennt das alle, diese kleinen Videohinweise am rechten Rand verführen zu weiteren Klicks. Und zwei Stunden späten sitze ich fertig und mit Kopfschmerzen immer noch vor diesem Rechner. Allerdings ist nichts mehr mit Bildungsdebatte. Über TV-Ausraster bin ich zu Game-Ausrastern gekommen und irgendwann bei erstaunlichen Fehlbildungen gelandet, so Menschen, die ihren Kopf nicht oben halten können und schließlich: Geister. Es gibt sie echt!

Warum schaue ich mir diesen Sch* an? Warum hockt eine gebildete Frau nachmittags um halb fünf vor einen dämlichen Gerät und hört egomanen Typen zu, die irgendwelche verpixelten Amateurvideos totlabern? Ich fasse es nicht!

Das ist mir bis jetzt so noch nie passiert. Ich sehe das Internet als Arbeitsmedium, mache es an, erledige meinen Kram und surfe höchstens noch ein paar Minuten, um ein Produkt nachzuschauen, was ich hier auf dem Lande in keinem Laden bekomme. Dann schließe ich das Internet und den Computer wieder und widme mich dem analogen Leben. Denn das findet nämlich tatsächlich statt.

Für viele junge Menschen aber nicht mehr. Noch erscheint uns das nicht bedrohlich, vielleicht weil es bequem ist. Die Kinder sind im Haus, man muss keine Angst um sie haben, kann sich selbst belügen, dass sie so ihre Medienkompetenz schulen würden, und die Kinder nerven nicht. Stundenlang sitzen sie vor ihren Geräten und gucken sich Videos an.

Habt ihr mal in diese Videos angeschaut? Da erklären zum Beispiel Schülerinnen anderen, wie man sich schminkt, wie man sich die Haare macht, wie man sich stylt, warum welches dm-Produkt cool ist und warum das andere absolut nicht geht. Es ist so hohl… Diese Hohlheit ist nur ein Problem, denn es bleibt zudem immer das Gefühl der Unzulänglichkeit. Entweder ist man es selbst oder das eigene Leben. Denn alles, was da draußen im Netz passiert, scheint spannender als das eigene Leben. Ist ja auch keine Kunst, wenn man im Zimmer hockt! In der Wahrnehmung eines jungen Menschen entsteht so das Gefühl von Unzufriedenheit.

Ihr werdet sagen, war bei uns auch schon so, wenn wir die BRAVO gelesen haben. Stimmt, da blieb auch manchmal dieses leere Gefühl, aber es wurde schnell relativiert, weil es das richtige Leben draußen noch gab und dieses die Hauptsache war. Was machen aber die normalen Zwölfjährigen heute? Sie gucken stundenlang solche Videos. Da ist nichts mehr mit Korrektiv. Die Kinder von heute erlangen so eine verzerrte Vorstellung von Leben. Der Sinn des Lebens scheint nur noch darin zu stehen, das eigene Ich gnadenlos ins Rampenlicht zu stellen. Ich. Bin. Wichtig.

Und wo ist nun die Lücke? Genau da.

Denn der hohe Internet-Konsum bewirkt dieses Ich-Sucht-Gefühl, aber er kann es nicht befriedigen – denn es sind ja immer die anderen, die toll aussehen, das spannende Leben haben und das absolut faszinierende, coole Untergehen unserer Welt kommentieren. Eltern verstehen das sowieso nicht. Und die Freunde? Naja, mit denen teilt man die Videos, denn es sind Wegbegleiter zum selben Ziel – also letztlich Konkurrenten.

Und während eine ganze Generation ihre Tage mit dem Gefühl verbringt, gar nicht am richtigen Leben teilhaben zu können, denn das Leben ist doch nicht der öde Alltag zuhause, es ist der Glamour im Netz – da will man rein, aber wie kommt man bloß in dieses Netz? – während also eine ganze Generation für das analoge Leben abstumpft, geschehen da draußen tatsächlich wichtige Dinge, bei deren Lösung wir genau diese Menschen in einer nahen Zukunft brauchen werden.

Vier Stunden soll ein Jugendlicher schon am Tag im Netz sein. Vier Stunden. Da kann man schon mal Fiktion und Wirklichkeit aus dem Blick verlieren. Ich bekomme davon nur Kopfschmerzen. Also werde ich jetzt den Computer wieder herunterfahren und entweder einen langen Waldspaziergang machen (Berg runter und wieder hoch, damit der Kreislauf in Schwung bleibt) oder ein Buch über neurowissenschaftliche Erkenntnisse lesen (damit die grauen Zellen in Schwung bleiben), Lucy fährt inzwischen alleine Fahrrad, denn die Gleichaltrigen sind ja nicht zum Rausgehen zu bewegen und der kleine Leo baut im Garten einen Turm für Käfer. Auch allein.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Osterferien 1: Üben Sie das!

Liebe Leser,

es fehlte nur noch, dass sie die Hände ringend gegen die Decke des Klassenraums streckte. Immer wieder wiederholte sie mantraartig diesen einen Satz: „Üben Sie das!“

Letzte Woche saß ich mal wieder auf viel zu kleinen Stühlen in einem Klassenzimmer einer Grundschule – Leos zukünftiger Grundschule – und hörte gebannt der Lehrerin zu. Was sie zu sagen hatte, war jetzt nicht ganz so spannend für mich. Schließlich bin ich durch Lucy schon grundschulerfahren und unterrichte selbst eine Unterstufe an einer weiterführenden Schule. Auch ich könnte manchmal diesen einen Satz rufen: „Üben Sie das!“

Was mich an diesem Abend fasziniert und tatsächlich bei der Stange hält, ist die Art und Weise, wie die Grundschullehrerin diesen Satz in den Raum stellt: Ihre Augen werden jedesmal besonders groß und sie scannen den Raum intensiv ab. Ihre Stimme ist dabei nicht weinerlich, aber doch fast flehend, laut und deutlich – hier soll es keine Missverständnisse geben. Jetzt ist Schluss mit lustig.

Es ist eine junge Lehrerin und mich wundert daher die Verzweiflung, die aus diesem Satz spricht. Was sollen wir Eltern denn mit unseren zukünftigen Schulanfängern üben?

Stift halten.

Schere halten.

Linien nachfahren.

Auf einer Linie schneiden.

Eine gerade Kanten falzen.

Einen Klebestift benutzen.

Ein Spiel verlieren zu können, ohne strampelnd auf dem Boden zu liegen.

Zuhören.

Eine Schleife binden.

Eine einfache Aufgabe zügig ausführen.

Sich zwei einfache Aufgaben merken und diese erledigen.

Eine Fläche ausmalen, ohne über den Rand zu schmadern.

Und so weiter.

Die Lehrerin weist noch auf eine Menge solcher basalen Fähigkeiten hin, sie hat sogar ein paar farbige Merkblätter für uns Eltern vorbereitet und gibt zu jedem noch ein paar Tipps, wie man genau diese Fähigkeit ganz spielerisch trainieren kann. Die Frau macht das definitiv nicht zum ersten Mal.

Aber ihr eindringlicher Ton verrät mir, dass sie schon zu oft gegen taube Ohren geredet hat. „Sie glauben nicht, wie schwer das manchen Kindern noch fällt. Damit tut sich Ihr Kind von Anfang an schwer und der Abstand wird immer größer. Jetzt ist noch Zeit, wichtige Dinge zu lernen! Sie glauben gar nicht, wie demotiviert sonst Ihr Kind ist. Es soll doch aber Freude an der Schule haben. Üben Sie das!“

Die Defizite mancher Kinder müssen enorm sein. Wohlgemerkt geht es hier gar nicht um Inklusionskinder. Und gerade deshalb hat die Lehrerin auch keine zusätzliche Kraft, die sich mit eben diesen Kindern beschäftigen könnte. „Also üben Sie das bitte JETZT!“

Schade, dass nicht einmal die Hälfte der Eltern zu diesem Elternabend gekommen ist.

 

 

Nun sind Osterferien und ich sitze mit dem kleinen Leo am Esstisch. Er macht ein paar dieser Aufgaben, die die Lehrerin uns mitgegeben hat. Bis heute hat Leo den Stift auch falsch gehalten, aber da er sauber zeichnet, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Nun ein letzter Versuch.

„Guck mal Leo, der Stift liegt locker auf dem Mittelfinger, so… schau mal, das bekommst du hin!“

Und wie durch ein Wunder, plötzlich nimmt Leo den Stift richtig in die Hand und fährt die gepunkteten Linien nach. Hundert Mal habe ich das versucht, immer bin ich auf Widerstand gestoßen, immer wieder ist der Mittelfinger auf den Stift gerutscht, hat sich durchgebogen, bis die Spitze blutleer wurde. Auf einmal geht es, ohne Gezeter, ohne Druck, aber mit großen Erfolg. Leo bearbeitet die ganze Seite, legt den Stift auch mal aus der Hand und nimmt ihn immer wieder richtig auf.

Jetzt heißt es wohl dranbleiben, jeden Tag eine kleine Aufgabe, dann sitzt die Stifthaltung nach den Osterferien.

Ich habe sogar Schuhe mit Schnürsenkeln gekauft, was gar nicht so einfach ist, denn Kinderschuhe haben in der Regel Klettverschlüsse. Die Schuhe habe ich aber nicht wegen der Lehrerin gekauft, sondern weil sie einfach schick waren. Leo kann Schleife binden, aber wenn er es nicht täglich übt, verlernt er das wieder. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Es ist Ostern, Zeit, Osterkarten zu basteln, Eier zu bemalen, im Garten erste Hüpfspiele zu machen. Heute Vormittag spiele ich mit Leo sein liebstes Piratenspiel. Leider gewinnt er durch unverschämtes Würfelglück. Aber ich lache und wälze mich nicht strampelnd auf dem Boden. Will ja ein Vorbild sein. Eigentlich ist es ganz einfach, was die Grundschullehrerin will.

Deshalb frage ich mich ernsthaft: Was läuft da in einigen Familien so grundlegend schief, dass ein Kind zur Einschulung noch nicht einmal eine Schere richtig bedienen kann?

Hier nehme ich ausdrücklich die Kindergärten in Schutz. In Leos Kindergarten wird im Vorschuljahr intensiv gesprochen, gesungen, gezeichnet, geschnitten, gewebt, gezählt und zugehört. Und natürlich gespielt. Aber auch das scheint diese Defizite nicht immer ausgleichen zu können.

Leo will noch immer nicht in die Schule gehen, weil er dann nicht mehr so viel Lego spielen kann, aber er hat so viel Freude an der Welt, rechnet kleine Alltagsdinge aus, fragt mich nach Buchstaben, ist stolz, wenn er irgendwo die Buchstaben seines Namens entdeckt, zeichnet Fantasiemaschinen mit allerlei Zahnrädern und Kurbeln, dass definitiv klar ist – dieses Kind ist schulreif.

Und uns macht es so viel Freude, dieses kleine Wesen bei diesem großen Schritt zu beobachten. Eigentlich schade, dass nicht alle Eltern das so erleben…

 

Viele Grüße aus der Provinz und euch allen ein paar frühlingshafte Ostertage von eurer Frau Henner

 

Weihnachtsferien 2: Nächtlicher Mediengau

Liebe Leser,

hier folgen keine besinnlichen Jahresrückblicksgedanken, sondern ein Beispiel von fehlender Medienkompetenz bei Jugendlichen und gestörtem Nachtfrieden der Eltern – verbunden mit der Bitte um HILFE!

23.30 Uhr, es war ein schöner Abend, tagsüber Freunde besucht, abends ein guter Film ganz ohne Horror und Blut zu dritt auf dem Sofa. Herr Henner liegt schon im Bett, ich wähne Lucy ebenda und trödele noch ein bisschen im Bad herum. Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Eine Sirene, auf und abschwellend. Sehr irritierend. Also schmeiße ich mir überhastete noch Creme ins Gesicht und geh dann mal gucken. Herr Henner liegt wie vermutet im Bett und murmelt etwas von „deine Tochter“ und „musst du dich kümmern“. Dann dreht er sich demonstrativ in seinem Kissenberg um.

Jetzt höre ich es besser. Die Sirene kommt aus Lucys Zimmer. Weint sie? Eben war sie doch noch gut drauf… dann gehe ich halt da mal gucken, ist wahrscheinlich auch besser, wenn Fräulein Tochter so verzweifelt schluchzt, dass da die Mama gucken geht.

Lucy hat sich in Embryonalstellung zusammengekauert und rollt sich so auf dem eigenen Bett hin und her. Das Gesicht verheult, schluchzend, das Teenagerdrama schlechthin. Neben ihr liegt ihr Tablet. Was um Himmels willen macht sie kurz vor Mitternacht mit ihrem Tablet, was sie so zur Verzweiflung bringt? Gemobbt werden kann sie nicht. Lucy ist beliebt, selbstbewusst und in keinerlei Community. Außerdem ist das W-Lan sowieso aus, also kann sie keine bösen Nachrichten empfangen haben, verstörende Filme gesehen… oder?

Aus Lucy ist nur bruckstückhaft etwas herauszubekommen. Über „Ich bin so DOOF!“ und „Das ist alles meine Schuld!“ kommen wir in den ersten fünf Minuten nicht hinaus. Danach erschließt sich mir – inzwischen auf dem Bett sitzend – der Mediengau.

Lucy wollte, warum auch immer, gegen Mitternacht ihr Tablet sichern und hat sich in den Sicherheitseinstellungen eine ZugangsPIN angelegt, bestätigt und war happy. Als sie nun zwei Minuten später ihr Tablet wieder aktivieren wollte, verlangte das Gerät nun natürlich eine PIN. Und Lucy war sich doch so sicher!

Inzwischen hat sie an die 40mal eine PIN versucht und ist jedesmal gescheitert, krampfartig schlägt das Geheule durch die Wände. Aber wie soll ich meinem Kind helfen? Lucy hat die PIN nicht notiert. Es ist auch keine Ziffernkombination mit einer Bedeutung. „Ich nehm‘ immer diese Zahl!“ Hmmm… im Medienunterricht haben sie längst über Passwörter gesprochen, theoretisch weiß Lucy alles. Aber sie war sich doch so sicher, dass sie das hinbekommt! Und jetzt hat sie keinen Zugang mehr zum eigenen Tablet – für Teenager ist das der Supergau.

Ich kann das Problem definitiv nicht lösen, rate aber Lucy einfach mal drüber zu schlafen, dann würde ihr die PIN schon wieder einfallen. Als ich ins Schlafzimmer komme, ist Herr Henner schon im Lalaland. Ich schlafe schlecht.

Heute Morgen mag Lucy gar nicht recht frühstücken. Sie hatte die Nacht einen Alptraum. „Bist wohl von einer PIN gefressen worden?“, versuche ich die Situation aufzuheitern. Erfolglos. Ihr ist leider nichts Brauchbares eingefallen. Nun ist sie sich nicht mal mehr mit den Ziffern sicher. Und wieviel Stellen ihr Passwort hatte? „Zwischen fünf und acht…“ Na super. Ohne PIN kann ich an dem Samsung Galaxy nichts machen, außer an- und ausschalten. Aber auch dann will es immer wieder diese blöde PIN. Fünf Versuche hat man, dann muss man 30 Sekunden warten. Lucy will mal ausrechnen, wieviel Möglichkeiten es bei zehn Ziffern gibt… na viel Spaß!

Habt ihr einen professionelleren Ansatz als wir zwei Damen? Dann gerne an mich, denn eigentlich wollte ich die letzten Ferientage noch genießen. Dann ist vielleicht auch Platz für philosophischere Gedanken.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 14: Lasst uns froh und munter sein…

Liebe Leser,

am letzten Tag vor den Weihnachtsferien ist alles anders. So froh und gelassen erlebe ich die Schüler selten, freundlich rufen sie sich Nettigkeiten zu, bedanken sich höflich für Selbstverständlichkeiten, kleine Wichtelgeschenke werden heimlich in Jackentaschen gesteckt, Briefchen mit süßen Worten. Und das alles kommt tatsächlich von Herzen, das Bedürfnis nach friedlichem Miteinander ist riesig.

Also singen wir lauthals und schief, aber gemeinsam unsere Weihnachtslieder. Ich kenne die religiösen Bekenntnisse meiner Schüler nicht genau, weiß nur, wer in den evangelischen und wer in den katholischen Reliunterricht geht, ich nehme stark an, dass Keran Moslem ist, aber vielleicht irre ich mich. Und Adam? Ist ja auch egal. alle intonieren gerade „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“. Scheint Keran genauso gut zu gefallen wie Jan, der völlig falsch, aber mit Inbrunst singt. Und bei „Freue dich, Christkind kommt bald“ in einem anderen Lied, leuchten die Kinderaugen – alle.

Ja, Frau Henner singt Weihnachtslieder. In der Eingangshalle strahlt der buntgeschmückte Weihnachtsbaum und Lucy rennt heute als Weihnachtswichtel durch die Schule. Für die meisten Kinder hat das Fest zwar einen religiösen Hintergrund, aber der ist marginalisiert. Weihnachten ist vor allem ein Kulturgut und auch Brauchtum: rituelle Handlungen, Essen und Gesang. Und natürlich Geschenke! Sie kommen aber von Herzen, hier in unserer abgeschiedenen Provinz hat man kaum eine Ahnung von Weihnachtskonsumterror.

Der wirkliche Terror, der ist allerdings schon bis zu uns gedrungen. Wir Hinterwäldler hören auch Radio und gucken Nachrichten. Auf der Fahrt nach Hause frage ich Lucy, ab sie eigentlich über den Berliner Anschlag reden möchte. Lucy ist bass erstaunt.

„An den habe ich gar nicht gedacht, Mama, ich hab an so viele andere Sachen  gedacht…“, sagt sie, „…und sterben kann man überall.“

Wir reden eine Weile über die Dimensionen von Angst, aber der Berliner Anschlag auf den Weihnachtsmarkt wird dabei merkwürdig klein, obwohl uns bewusst ist, dass damit eine neue Marke im Terror in Deutschland gesetzt ist. Mir selbst geht es auch so. Bei allem Respekt gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen und der Abscheu gegenüber solchen Taten, hat mich der Anschlag in Nizza mehr geschockt. Vielleicht weil er der erste dieser Dimension war, vielleicht weil ich schnell dazu Bilder hatte, vielleicht weil niemand damit gerechnet hat. Und nun? Ist das jetzt gut oder zeugt das schon von emotionalem Abstumpfen? Ich kann diese Frage nicht beantworten.

Lucy und ich werden morgen auf einen Weihnachtsmarkt gehen, irgendwo in Deutschland. Wir werden Weihnachtslieder singen und Punsch trinken und am Heiligen Abend werden wir in die Kirche gehen. Aber ich fürchte, beim letzten Lied – traditionell „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“ – werde ich Tränen in den Augen bekommen. Denn ganz so einfach ist es nicht mit diesem Wir-lassen-uns-unsere Weihnacht-nicht-nehmen.

Ich wünsche euch allen eine friedvolle Weihnachtszeit!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner