Schlagwort-Archive: Frühförderung im Kindergarten

SW 32: Natascha spricht deutsch

Liebe Leser,

Leo und ich sind auf dem Kindergartenfest. Zugegeben – ich hatte keine Lust und habe mich dann von seinem Hundeaugenblick breitschlagen lassen. Und wie es so kommt, dann ist es richtig schön geworden.

Die türkischen und syrischen Mamas sind nicht gekommen, dafür alle russischen. Verblüfft stelle ich fest, dass nur Jutta und ich die „Eingeborenen“ sind. Die anderen Mütter reden alle mit einem Akzent. Da sind Natascha und Svetlana, Tatyana und Olga und alle mit Familie. Eigentlich könnten sie auch russisch miteinander sprechen – das habe ich in Lucys Grundschule oft genug erlebt. Aber sie machen es nicht.

Vielleicht nehmen sie auf Jutta und mich Rücksicht, vielleicht wollen sie ihren Kindern ein Vorbild sein, vielleicht leben sie schon so lange hier, dass sich gar nicht mehr die Frage stellt, was man außer Haus spricht. Allein das rollende R und das lange I verrät die Herkunft noch in der Sprache. Vielleicht sprechen sie auch unterschiedliche russische Dialekte und das Deutsche ist die einfachste Verständigung – ich habe keine Ahnung.

Manchmal spricht Svetlana mit dem kleinen Alexander russisch, mit den anderen Frauen aber nie, Tatyana hat sogar deutsche Kosewörter für ihre Kinder parat, obwohl sie fast unter sich sind. Nur einmal flüstert sie ihrem Mann etwas Russisches zu. Das ist in Ordnung, das ist privat, das will ich sowieso nicht hören.

Ich finde das schön. Nicht, weil sie ihre Kultur verleugnen sollen – nein, sondern weil sie mich nicht ausschließen und das wie selbstverständlich. Also unterhalten wir uns über alles Mögliche, während die Kinder durch das frische Grün toben. Für sie spielen solche Unterschiede sowieso keine Rolle. Da zählt viel mehr, wer am schnellsten rennen kann, am höchsten klettern und wer das saftigste Grillwürstchen hat.

Ab dem nächsten Jahr werden unsere Kinder in verschiedene Grundschulen gehen und es werden sich verschiedene Lebenswege auftun. Dieser Nachmittag ist ein kleiner, feiner Moment, wo es nicht um Unterschiede geht – weil wir alle eine gemeinsame Basis haben. Svetlana wird nie meine Freundin werden, weil ich ihre Einstellung zu einigem nicht mag, aber das ist gerade völlig egal. Wir reden einfach miteinander. Tatyana finde ich sehr sympathisch. Wir reden miteinander. Und das ist des Pudels Kern.

Wir reden.

Und die Kinder spielen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 1: Üben Sie das!

Liebe Leser,

es fehlte nur noch, dass sie die Hände ringend gegen die Decke des Klassenraums streckte. Immer wieder wiederholte sie mantraartig diesen einen Satz: „Üben Sie das!“

Letzte Woche saß ich mal wieder auf viel zu kleinen Stühlen in einem Klassenzimmer einer Grundschule – Leos zukünftiger Grundschule – und hörte gebannt der Lehrerin zu. Was sie zu sagen hatte, war jetzt nicht ganz so spannend für mich. Schließlich bin ich durch Lucy schon grundschulerfahren und unterrichte selbst eine Unterstufe an einer weiterführenden Schule. Auch ich könnte manchmal diesen einen Satz rufen: „Üben Sie das!“

Was mich an diesem Abend fasziniert und tatsächlich bei der Stange hält, ist die Art und Weise, wie die Grundschullehrerin diesen Satz in den Raum stellt: Ihre Augen werden jedesmal besonders groß und sie scannen den Raum intensiv ab. Ihre Stimme ist dabei nicht weinerlich, aber doch fast flehend, laut und deutlich – hier soll es keine Missverständnisse geben. Jetzt ist Schluss mit lustig.

Es ist eine junge Lehrerin und mich wundert daher die Verzweiflung, die aus diesem Satz spricht. Was sollen wir Eltern denn mit unseren zukünftigen Schulanfängern üben?

Stift halten.

Schere halten.

Linien nachfahren.

Auf einer Linie schneiden.

Eine gerade Kanten falzen.

Einen Klebestift benutzen.

Ein Spiel verlieren zu können, ohne strampelnd auf dem Boden zu liegen.

Zuhören.

Eine Schleife binden.

Eine einfache Aufgabe zügig ausführen.

Sich zwei einfache Aufgaben merken und diese erledigen.

Eine Fläche ausmalen, ohne über den Rand zu schmadern.

Und so weiter.

Die Lehrerin weist noch auf eine Menge solcher basalen Fähigkeiten hin, sie hat sogar ein paar farbige Merkblätter für uns Eltern vorbereitet und gibt zu jedem noch ein paar Tipps, wie man genau diese Fähigkeit ganz spielerisch trainieren kann. Die Frau macht das definitiv nicht zum ersten Mal.

Aber ihr eindringlicher Ton verrät mir, dass sie schon zu oft gegen taube Ohren geredet hat. „Sie glauben nicht, wie schwer das manchen Kindern noch fällt. Damit tut sich Ihr Kind von Anfang an schwer und der Abstand wird immer größer. Jetzt ist noch Zeit, wichtige Dinge zu lernen! Sie glauben gar nicht, wie demotiviert sonst Ihr Kind ist. Es soll doch aber Freude an der Schule haben. Üben Sie das!“

Die Defizite mancher Kinder müssen enorm sein. Wohlgemerkt geht es hier gar nicht um Inklusionskinder. Und gerade deshalb hat die Lehrerin auch keine zusätzliche Kraft, die sich mit eben diesen Kindern beschäftigen könnte. „Also üben Sie das bitte JETZT!“

Schade, dass nicht einmal die Hälfte der Eltern zu diesem Elternabend gekommen ist.

 

 

Nun sind Osterferien und ich sitze mit dem kleinen Leo am Esstisch. Er macht ein paar dieser Aufgaben, die die Lehrerin uns mitgegeben hat. Bis heute hat Leo den Stift auch falsch gehalten, aber da er sauber zeichnet, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Nun ein letzter Versuch.

„Guck mal Leo, der Stift liegt locker auf dem Mittelfinger, so… schau mal, das bekommst du hin!“

Und wie durch ein Wunder, plötzlich nimmt Leo den Stift richtig in die Hand und fährt die gepunkteten Linien nach. Hundert Mal habe ich das versucht, immer bin ich auf Widerstand gestoßen, immer wieder ist der Mittelfinger auf den Stift gerutscht, hat sich durchgebogen, bis die Spitze blutleer wurde. Auf einmal geht es, ohne Gezeter, ohne Druck, aber mit großen Erfolg. Leo bearbeitet die ganze Seite, legt den Stift auch mal aus der Hand und nimmt ihn immer wieder richtig auf.

Jetzt heißt es wohl dranbleiben, jeden Tag eine kleine Aufgabe, dann sitzt die Stifthaltung nach den Osterferien.

Ich habe sogar Schuhe mit Schnürsenkeln gekauft, was gar nicht so einfach ist, denn Kinderschuhe haben in der Regel Klettverschlüsse. Die Schuhe habe ich aber nicht wegen der Lehrerin gekauft, sondern weil sie einfach schick waren. Leo kann Schleife binden, aber wenn er es nicht täglich übt, verlernt er das wieder. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Es ist Ostern, Zeit, Osterkarten zu basteln, Eier zu bemalen, im Garten erste Hüpfspiele zu machen. Heute Vormittag spiele ich mit Leo sein liebstes Piratenspiel. Leider gewinnt er durch unverschämtes Würfelglück. Aber ich lache und wälze mich nicht strampelnd auf dem Boden. Will ja ein Vorbild sein. Eigentlich ist es ganz einfach, was die Grundschullehrerin will.

Deshalb frage ich mich ernsthaft: Was läuft da in einigen Familien so grundlegend schief, dass ein Kind zur Einschulung noch nicht einmal eine Schere richtig bedienen kann?

Hier nehme ich ausdrücklich die Kindergärten in Schutz. In Leos Kindergarten wird im Vorschuljahr intensiv gesprochen, gesungen, gezeichnet, geschnitten, gewebt, gezählt und zugehört. Und natürlich gespielt. Aber auch das scheint diese Defizite nicht immer ausgleichen zu können.

Leo will noch immer nicht in die Schule gehen, weil er dann nicht mehr so viel Lego spielen kann, aber er hat so viel Freude an der Welt, rechnet kleine Alltagsdinge aus, fragt mich nach Buchstaben, ist stolz, wenn er irgendwo die Buchstaben seines Namens entdeckt, zeichnet Fantasiemaschinen mit allerlei Zahnrädern und Kurbeln, dass definitiv klar ist – dieses Kind ist schulreif.

Und uns macht es so viel Freude, dieses kleine Wesen bei diesem großen Schritt zu beobachten. Eigentlich schade, dass nicht alle Eltern das so erleben…

 

Viele Grüße aus der Provinz und euch allen ein paar frühlingshafte Ostertage von eurer Frau Henner

 

SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Dann spielt mal schön!

Liebe Leser,

es gibt da die Bekannte. Sie hat zwei kleine Kinder im Kindergartenalter und versucht gerade ihr Leben zwischen Kindern, Wäsche und einem anstrengenden Job zu jonglieren, was leider bedeutet, dass der Punkt Freundschaft keinen Platz mehr findet, also ist es eine lose Bekanntschaft geworden. Man telefoniert alle paar Monate und als erstes entschuldigt sie sich immer, dass sie so zu gar nichts komme. Sie sagt es nicht, aber sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie sich so selten Zeit für uns nimmt. Es ist das für unsere Zeit typische Dilemma einer Frau, die gleichzeitig die perfekte Mutter und Partnerin und dann noch im Job gut sein will. Das ist einfach anstrengend.

„Ich bin ziemlich fertig“, beginnt sie diesmal, „eh alles schon stressig und dann auch noch dieser Elternabend diese Woche! Du, ich saß von halb acht bis um elf auf diesen blöden, kleinen Kinderstühlchen in der Kita!“

„Um elf? Warum dauert der Elternabend im Kindergarten so lange?“, will ich wissen.

Dann skizziert sie den Abend nach. Begrüßung, Termine, Elternbeiratswahl – der übliche Kram halt. Dann aber gegen halb zehn meinten die Kindergärtnerinnen, ihnen wäre aufgefallen, dass die Eltern glauben, ihre Kinder würden nur spielen in der Kita. Viele Eltern würden ihre Kinder mit dem Satz „Dann spielt mal schön!“ verabschieden. Dabei lernten die Kinder doch so eine Menge! Und deshalb habe man sich etwas Besonderes ausgedacht. Die Eltern dürften jetzt einmal selbst den Alltag nachspielen, um zu merken, wie anspruchsvoll und lehrreich so ein Kita-Tag sei.

Sie wurden in Gruppen aufgeteilt und meine Freundin landete am Nähtisch, wo sie eine Stunde lang Nähkarten basteln durfte. Zwischen halb zehn und halb elf am Abend! Und dann wurden die Gruppen noch alle vorgestellt und jeder durfte sagen, was er gelernt habe.

Ganz ehrlich – ich wäre gegangen, nach Hause zu meinen Kindern. Aber die Eltern sind brav geblieben und haben genäht, Türme nach Vorlagen gebaut, Puzzles gelegt. Keiner hat sich getraut, dieser Scharade ein Ende zu bereiten. Dabei haben viele sich ihren Teil gedacht, da bin ich mir ganz sicher. Diese Seite will ich gar nicht in Frage stellen, vielleicht waren sie auch zu fertig, um zu rebellieren.

Ich frage mich aber, was die Kindergärtnerinnen mit dieser Aktion eigentlich wollten? Wieso soll man sich rechtfertigen, wenn Kinder spielen. Kinder lernen im Spiel, aber ich werde doch einer Vierjährigen nicht morgens zum Abschied zurufen: „Dann lern mal schön!“ Wo sind wir denn!

Wir sind in Deutschland im Jahre 2015, in einem Land, in dem es genügend Eltern gibt, die schon im Kindergartenalter ihrer Kinder glauben, es könnte abgehängt werden und es überfördern. Dieses Problem kennen wir schon. Aber wenn nun auch die Kindergärtnerinnen selbst diesen Humbug mitmachen, die, die Druck rausnehmen sollten, die, die mit Augenmaß und spielerisch die Kinder dort fördern sollen, wo es sinnvoll ist, die, die Ersatzliebe stellen müssten, weil viele Kinder mehr Zeit im Kindergarten als zuhause verbringen, die, die dem Förderungswahn mancher ambitionierter Eltern ein wenig Geschwindigkeit herausnehmen sollten… wenn diese Kindergärtnerinnen vorauseilenden Gehorsam abliefern, dann rufe ich den Kindern zu: „Dann spielt mal schön!“

Viele Grüße aus Absurdistan aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ambitionierter Schulangfang

Liebe Leser,

 

diesen Samstag war landauf, landab die Schuleinführung der Erstklässler in Baden-Württemberg. Und auch wir waren zu Gast bei Freunden, deren sechsjähriger Sohn Tim nun endlich auch in die geweihten Hallen der Bildung eintreten darf. Und so stehen wir zwischen den Verwandten, dem filmenden Papa und der mitfiebernden Mama, als Klein-Tim seine Schultüte und die vielen anderen Päckchen auspackt. So versüßt und bunt geschmückt muss es doch eigentlich Spaß machen.

Aber Tim soll, bevor er mit den neuen Spielsachen losspielen darf, erst noch aus einem Buch eine Kostprobe seiner Lesekunst geben. Genervt verdreht er die Augen, aber dann liest er doch, die erste Seite fast fehlerfrei herunter, die Mama hängt ihm an den Lippen und hilft, wenn es mit einer schwierigen Lautverbindung noch nicht ganz klappen will. Schließlich gibt es Applaus für den kleinen Leser.

„Toll, was du schon kannst, Tim!“, ruft die Oma ehrlich bewundernd.

Aber ein wenig frustriert sagt die Mama: „Naja, in der Klasse können schon einige lesen.“

 

Dazu fällt mir eine Szene aus Kirsten Boies kleinem, aber sehr netten Buch „Mittwochs darf ich spielen“ ein, das ich hier zitieren möchte. Das Grundschulkind Fabia erzählt:

„Mama hat mit mir Lesen geübt, seit ich fünf war, jeden Tag ein bisschen. „Nur nicht zu viel!“, hat Mama gesagt. „Es soll dir ja Freude machen!“ Und sie hat ein Poster in meinem Zimmer aufgehängt, da waren alle Buchstaben drauf und so Bilder dazu, beim E zum Beispiel ein Esel und ein Apfel beim A. Das haben wir dann gelernt. Und es hat mir Freude gemacht, weil ich nämlich alles wusste, und ich hab mir gedacht, wenn ich in die Schule komme, dann kann ich schon alles, und ich bin die Allerklügste. Dann sagt die Lehrerin zu mir, dass ich es den anderen mal erklären soll, weil sie es nicht wissen, und ich weiß es ja schon. Da hab ich mich ordentlich auf die Schule gefreut.

Mama hat auch immer gesagt, ich hab da bestimmt einen Vorsprung. Heutzutage muss man darauf achten, hat Mama gesagt, und sie hat mir jeden Monat „Bussi Bär“ gekauft, wo lustige Schreib- und Rechenübungen drin sind für Kinder ab drei, das hab ich dann immer gemacht.

Aber wie ich in die Schule gekommen bin, war es doch ganz anders. Weil die anderen Kinder nämlich auch alle „Bussi Bär“ hatten, und Lesen geübt hatten sie auch alle heimlich. Da hab ich dann eben keinen Vorsprung gehabt, aber jedenfalls war ich nicht dümmer als die anderen, und Mama hat gesagt, da kann man mal sehen, wie nötig es war, dass wir jeden Tag geübt haben, wie stünde ich denn sonst da, und wir müssten von nun an eben jeden Tag noch ein bisschen mehr tun.“

aus: Kirsten Boie. Mittwochs darf ich spielen. Fischer Schatzinsel. 2012. S.32-34.

 

Armer Tim, nun ist der Vorsprung doch nicht so groß, dann wirst du wohl täglich mit Mama üben müssen. Ein kleines bisschen, du sollst die Freude ja nicht verlieren, aber die anderen Kinder dürfen dich nun mal auf keinen Fall überholen auf dem Weg zu den besten Plätzen in der Gesellschaft. Da kann man nicht früh genug anfangen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henne

 

P.S. Tim war kein Kind, was im Kindergarten unterfordert war und von sich aus das Lesenlernen eingefordert hat. Es war allein die Angst der Mutter, die Sehnsucht nach Anerkennung, der Stolz auf das perfekte Kind.

Vielleicht ist auch deshalb Kirsten Boies Buch ein weniger bekanntes von ihr: es hält den ambitionierten Bildungsbürgern zu sehr den Spiegel vors Gesicht. Wer will das schon lesen?

Übertriebene Maßstäbe

Liebe Leser,

als Lucy in den Kindergarten ging, also vor gefühlt hundert fünf Jahren, und die Grundschulkooperationslehrerin zum Elternabend erschien, hieß es: ein Kind sollte Grundformen erkennen können (Viereck, Kreis, Dreieck), die Würfelpunkte unterscheiden können (also Mengen bis sechs überblicken) und einfache Reime bilden können, ach ja und natürlich einen Stift richtig halten können und eventuell eine Schere bedienen. Schön wäre es auch, wenn die Kinder eine Schleife binden könnten – wegen der Schuhe, also vielleicht auch selbständig anziehen wäre toll. Das galt als Voraussetzung, um eingeschult zu werden. Ich erinnere mich an diese Grundschullehrerin, ihr gutmütiges Altfrauengesicht und ihr aufmunterndes Nicken: „Mehr brauchen Sie wirklich nicht zu machen, wir kümmern uns schon. Es ist viel wichtiger, dass Ihr Kind Freude und Neugierde mitbringt. Um den Rest kümmern wir uns.“

Ach waren das noch Zeiten!

Nach diesem Elternabend bin ich nach Hause gegangen und dachte, Lucy kann das alles, wird schon in Ordnung gehen mit der Grundschule, prima. In der Vorschule, die Lucys Kindergarten sehr genau nahm, haben die Kinder dann trotzdem schon mal vorweg alle Buchstaben drangenommen, gereimt, Bücher gestaltet, Buchstaben getanzt (wirklich!), Webrahmen angefertigt, Origamis gefaltet und wasweißichnochalles. Und die Grundschullehrerin sagte noch einmal: „Es ist zwar schön, wenn Ihr Kind seinen Namen schreiben kann, und wenn die Buchstaben spiegelverkehrt sind, macht das gar nichts, das ist völlig normal – aber es ist keine Voraussetzung, um eingeschult zu werden: Schreiben lernen die Kinder bei uns. Üben Sie keinen Druck aus – malen Sie lieber mit Ihrem Kind, dann lernt es die richtige Stifthaltung, das ist viel wichtiger.“

Fünf Jahre später bin ich in diesen Weihnachtsferien bei einer Bekannten zu Gast, deren vierjähriger Sohn gerade sein jährliches Entwicklungsgespräch im Kindergarten hinter sich gebracht hat. In zwei Jahren wird der kleine Philipp eingeschult. In zwei Jahren! Warum ich das betone? Hört selbst, was die Bekannte berichtet: „Die Kindergärtnerin meinte, er würde sich noch gar nicht für Buchstaben interessieren und könne seinen Namen noch nicht schreiben. Das müsse man ändern, denn nächstes Jahr gehe es doch mit der Vorschule los, das sei schon wichtig.“ Auch wurden Buchstabenverdreher bemängelt, die dem Kleinen noch unterlaufen. Manchmal verwechselt er b und w. Manchmal.

Wieder sehe ich das gutmütige Gesicht der Grundschullehrerin und stelle mir vor, wie sie dem Kleinen auf die Schultern tätschelt und sagt: „Macht nichts, ich hab das schöne Bild gesehen, das du vorhin gemalt hast, du kannst da schon richtig gut – und in zwei Jahren, da kommst du zu uns in die Schule und dann lernst du alles…“

Aber ich fürchte, bis dahin haben schon ambitionierte Kindergärtnerinnen ihr Werk getan. Lucy hat sich übrigens im ersten Schuljahr in Deutsch ziemlich gelangweilt – das hatte sie doch schon im Kindergarten. Natürlich ist Sprachförderung wichtig – aber Sprachförderung ist ja nicht Buchstaben lernen und schreiben können. Viele Kinder können ihren Namen schon vor der Schule schreiben – weil es riesigen Spaß macht und das Ich stärkt. Aber bei VIERJÄHRIGEN die Eltern aufzuscheuchen, wenn das Kind noch nicht schreiben kann, halte ich für absolut übertrieben.

Philipps Mutter sieht das Ganze übrigens gelassen: „Ich hab Ihnen gesagt, dass Sie ihn einfach spielen lassen sollen, das kommt von allein. Er hat doch noch zwei Jahre Zeit.“

Bitte gebt Philipp und all den anderen Kindern diese zwei Jahre, die Schule beginnt hier in Süddeutschland schon früh genug!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner