Schlagwort-Archive: Gott und die Welt

SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Osterferien 3: Stadtgeflüster

Liebe Leser,

Herr und Frau Henner unternehmen eine kurze Reise in eine deutsche Großstadt. Es sind nur ein paar Stunden mit dem Zug, aber doch ist es eine unendliche Reise in eine völlig andere Welt. Und genau aus ebendiesem Grund muss ich hier davon berichten. Wir sehen doch jeder nur einen so kleinen Ausschnitt von der Welt und gehen oft irre in dem Glauben, das wäre sie – die Welt. Nein, sie ist es nicht. Es gibt tausende Welten und die fangen schon hinter unserer Haustür an.

Oder eben beim Aussteigen aus einem ICE. Wir kommen abends an, es ist bereits dunkel. Als wir die Bahnhofshalle verlassen, hören wir um uns herum die laute Stadt, aber kein einziges deutsches Wort mehr. Dafür empfängt uns ein Mensch mit so dunkler Hautfarbe, dass er mit der Nacht verschmilzt, mit den Worten: Welcome in the jungle! Immer wieder ruft er: Well-kamm in de dschung-gell! Seine weißen Zähne blitzen im Nichts wie die der Grinsekatze bei Lewis Carroll. Schon jetzt komme ich mir vor wie in einem Film.

Wir tauchen ein in das Menschenbad hinterm Bahnhof. Türkische Bars mit türkischen Männern davor. Gruppen afrikanischer Männer, Flüchtlinge aus Syrien – junge Männer in Gruppen. Es ist bunt, laut und so es fühlt sich fremd an. Ganz wertfrei. Einfach ungewohnt. Überall ist Gewusel, Musik, Gerede, Menschen drängen sich zusammen. Es ist trotz der vielen Lichter einer Stadt wirr und unübersichtlich. Als Frau wird mir dann doch mulmig. Das hat möglicherweise gar nicht mit der fremdländischen Herkunft der Herren zu tun, sondern vielmehr mit der Menge sich zusammenrottender Männer. Ich bin doch nur eine kleine, zaghafte Frau vom Lande! Und damit eine der überhaupt wenigen Frauen hier und eine der ganz wenigen ohne Kopftuch.

Ohjeh, was bin ich nur für ein Landei! Ich habe nicht geahnt, wie extrem sich das Stadtbild in manchen Großstädten in Deutschland in den letzten Monaten gewandelt hat. Als ich Studentin war und nach dem Studentenclub allein durch die große Stadt geradelt bin, hat man in Deutschland abends brav die Bürgersteige hochgeklappt und sich hinter Vorhängen beim Tatort verschanzt. Die Studenten hatten ihre Kneipen und die nächtliche Stadt gehörte den Katzen und eben spät heimradelnden Studenten. Nun gehört sie jungen Männern mit ausländischer Herkunft. Würde ich als Studentin noch sorglos mit meinem Rad allein hier langfahren? Nö, ganz sicher nicht. Langsam verstehe ich Frau K., die ihre Tochter nicht mehr abends allein zum Geigenunterricht gehen lässt. Die Welt verändert sich und mit ihr verändern sich auch unsere Handlungsweisen.

Ist es übertriebene Furcht? Ist es Separatismus? Ich fühle mich nicht so. Ich habe keine Angst. Ich bin hier in Deutschland, was soll mir schon passieren, denke ich und klammere mich doch ein wenig an meinen Herrn Henner. Aus dieser Position heraus kann ich das Treiben um mich herum sogar mit einer gewissen Faszination und Neugier betrachten. Zusammen mit meinem Mann. Allein würde ich hier nicht herkommen.

Erschöpft von der Reise fallen wir in unsere Hotelbetten. Nachts schlafen wir nicht besonders gut, was mit der ungewohnten Umgebung zusammenhängt. Wir mussten die Fenster und die Vorhänge schließen, um uns vor dem Lärm der Straße und den Lichtern des gegenüberliegenden Hochhauses zu schützen. Jetzt liegen wir in einem hermetisch abgeriegelten Raum und bekommen kaum Luft. Für Landmenschen ist das kein Zustand. Wenn ich in unserem Dorf ins Bett gehe, kann ich das Fenster auflassen, die einzigen Geräusche sind das Grillengezirpse am Abend und der Vogelgesang am Morgen. Vielleicht noch das Blätterrauschen vom Wind. Dazwischen ist unendliche Ruhe. Licht gibt es auch nicht, da ich in einer Gegend lebe, in der tatsächlich um Mitternacht die Straßenlaternen ausgeschaltet werden. Nachst sind wir einer der dunkelsten Flecken Deutschlands, dafür leuchten hier die Sterne besonders hell.

Dafür begegnet man tagsüber auch kaum einem Menschen. Das ist in so einer Großstadt natürlich ganz anders. Hier pulsiert das Leben. Menschen joggen, radeln, frühstücken im Gehen, hören Musik, smartphonen oder machen alles gleichzeitig und sehen dabei auch alle gut aus. Jeder weiß, dass er gesehen wird. Die Welt gehört ab Morgen wieder der etablierten Bevölkerung. Die Stadt zeigt sich offen und bunt und hell, auch wenn hier nicht jeder freundlich zum anderen ist. Der Mensch bleibt halt der Mensch. Wir erleben einen wunderschönen Tag und gehen zum Abschluss am Abend fein essen. Ganz in Ruhe.

Und hier der größte Kontrast. In diesem Restaurant ist alles bis ins kleinste Detail gestaltet, die Gäste sind distinguiert oder tun zumindest so. Der Ober ist zurückhaltend und ungeheuer aufmerksam zugleich. Die Kerzen lassen das gesamte Ambiente golden leuchten. Das ist wieder eine andere Seite Deutschlands. Dieser Abend hier hat nichts mit meinem bäuerlichen Sternenhimmel zu tun und erst recht nichts mit dem wenige Kilometer entfernten Bahnhofsviertel. Deutschland mit den vielen Gesichtern…

Wieder angekommen am Kleinstadtbahnhof – an dem niemand herumlungert, weil da einfach nichts ist zum Herumlungern – und durch die vertraute Natur fahrend, die so schön ist, dass es an ein Wunder grenzt, dass hier kaum einer leben will, freue ich mich, dass mir all die Annehmlichkeiten der Großstadt (Cafés, Kultur und fröhliches Menschentreiben) nicht so wichtig sind wie die Vorteile eines Landlebens (gute Luft, Ruhe und Gelassenheit). So ist es mir möglich, auch all die negativen Seiten eines Lebens weit ab vom Puls der Zeit zu ertragen. Ein kurzer Ausflug reicht mir völlig.

In den letzten Tagen habe ich viel über die Urbanisierung nachgedacht. Mir ist völlig klar, dass nicht alle Menschen freiwillig in die Städte ziehen. Natürlich ist das Landleben nicht nur Landlust. Wir sind hier nicht naiv! Aber es gibt auch noch die Menschen auf dem Lande. Und deren Lebensbedingungen sollten wir in unserer Gesellschaft nicht vernachlässigen, sonst gehen immer mehr junge Menschen in die Städte und dann wird es da verdammt eng für euch.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 25: Hurra, ich mag sie!

Liebe Leser,

der Endspurt vorm Abitur hat meine Nachmittage in Beschlag genommen. Da müssen in kurzer Zeit noch überall Klausuren korrigiert werden, damit die Abiturienten vor den Osterferien mit einer letzten Rückmeldung und viel toi toi toi auf die Zielgerade geschickt werden können. Ich sehe, wie sich die Neigungskursschüler bewähren und gehe guter Dinge aus dieser intensiven Phase heraus. Selbst im Grundkurs kann ich ablesen, dass sich die Mühe der letzten Jahre auszahlt. Einfach schön!

Aber auch eine andere Entwicklung zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht. Während die Sechser im Allgemeinen anfangen in die Vorpubertät abzurutschen und zickige Mädchen und obercoole Jungs nicht immer angenehm sind, hat sich meine eigene Klasse Schritt für Schritt in einen liebenswerten Haufen verwandelt. Endlich, nach mühevollen Monaten, in denen ich häufig an mir gezweifelt habe und auch manch gesellschaftliche Entwicklung sehr kritisch betrachtet habe, endlich kann ich sagen: Ich mag sie!

Wir sind zusammengewachsen – sie sind zusammengewachsen. Natürlich gibt es mal Streit mit Jan und Franca kämpft noch immer um jede Note und diesen Druck gibt sie noch immer körperlich statt verbal weiter. Aber wenn mir eines in der pädagogischen Arbeit mit meiner Klasse gelungen ist, dann das Stärken eines Gemeinschaftsempfindens, das Zurückstecken der eigenen Interessen zugunsten eines Wirs.

In den letzten Wochen ist mir bewusst geworden, welche gesellschaftliche Mammutaufgabe gerade das ist. Wenn wir als Eltern die Kinder weiterhin zu kleinen Egoisten erziehen, alles aus Liebe und biologisch und psychologisch sicher gut begründbar über den Wunsch des Fortkommens der eigenen Familie, wird unsere Welt nicht bestehen können. Die Probleme, die sich unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten und sicher auch Jahrhunderten stellen werden, lassen sich – meines Erachtens – nur über gemeinsame Anstrengungen bewältigen. Natürlich muss sich ein Individuum als solches wertgeschätzt fühlen, aber es muss sich ebenso in der Verantwortung für eine Gemeinschaft empfinden, um friedvoll und nachhaltig mit der Welt umzugehen. Das alles klingt sehr abstrakt, aber wenn selbst meine 6er das verstehen, sollten es auch die Erwachsenen endlich kapieren. Wenn wir unsere Welt aufrecht erhalten wollen, dann geht das nur gemeinsam. Das bloße Überleben geht auch im Einzelkampf – aber das ist nicht meine Vorstellung von Zukunft!

Wenn ich jetzt in den Unterricht gehe, freue ich mich auf die Kinder. Sie strahlen aus sich heraus. Sie sind angekommen in der Welt des Gymnasiums, in ihrer kleinen Welt der Klasse 6, ihr Blick hat sich über das eigene Ich geöffnet. Die Referendarin ist begeistert von der Klasse. Und dieses Lob „So eine tolle Klasse!“ tut mir gut. Es ist die Anerkennung für die vielen Mühen, die man als Außenstehender bei Lehrern häufig gar nicht wahrnimmt.

Und ich freue mich, hier in dienen Blog auch mal einen rundheraus positiv gestimmten Beitrag einstellen zu können, der Mut machen soll, dass sich pädagogische Arbeit lohnt. Gleichzeitig lese ich immer wieder Artikel, in denen es darum geht, dass ein Lehrer auch gut von einem Computer ersetzt werden kann, weil der Computer den individuellen Lernfortschritt des Lernenden viel effektiver auswerten und begleiten kann.  Der Lehrer habe ausgedient. Man brauche nur noch den Lernbegleiter, der das Lernen – so es denn überhaupt noch an gemeinsamen Orten stattfindet – koordiniert, eventuell zum Lernen motiviert und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Soziales im Blick hat. Der müsste ja dann noch nicht einmal ein Fach studiert haben…

Unterschätzt das mal nicht! So ganz nebenbei macht sich Soziales nicht, selbst wenn es in der Performance dann tatsächlich wie eine Nebensache erscheint. Und unterschätzt bitte nicht, wie wertvoll ein Gemeinwesen in der Zukunft sein wird, Menschen, die nicht nur sich sehen, weil sie aufwachsen mit unterschiedlichen Perspektiven und diese tatsächlich erleben. Meine 6er freuen sich morgens in der Regel auf die Schule – weil es ein lebenswerter Ort geworden ist – voll kleiner Bürger. Davon mag man nicht jeden, aber sie haben gelernt, miteinander zu leben. Und es ist allemal besser als ihre Kindheit hinterm Gartenzaun, die sie am Nachmittag in Einsamkeit erleben.

Viele liebe Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Weihnachtsferien 1: Alles im kleinen Rahmen

Liebe Leser,

wir haben „O du fröhliche“ gesungen, aber doch ist alles ganz anders gewesen. Normalerweise muss man in unserer Kirche mindestens eine halbe Stunde eher erscheinen, will man zur Christmette noch einen Platz mit Sicht, am besten eine Dreiviertelstunde, vor allem, wenn man noch für ein paar weitere Familienmitglieder reservieren soll, was ich ungern tue, das hat so etwas von Badehandtüchern auf Strandliegen. Aber die Mutter und der Bruder haben mich darum gebeten, sie werden auch pünktlich sein. Lucy und Papa Henner bleiben zuhause, dafür ist der kleine Leo das erste Mal mit in der Kirche. Ich habe ihm schon vom Posaunenchor erzählt, aber diesmal sind wir wohl zu früh dran. Noch kein Posaunenchor.

Und die Kirche ist noch fast leer. Habe ich mich in der Zeit geirrt? Aber die Christmette fängt doch immer um fünf an… Nagut, dann haben wir einen Platz in der zweiten Reihe, gleich hinter den Mitgliedern der jungen Gemeinde, die uns das Verkündigungsspiel präsentieren werden. Auch als die Mutter und der Bruder eintrudeln, sind die Bänke nur spärlich besetzt.

Man unterhält sich. Der kleine Leo schaut sich gespannt um. Immer noch kein Posaunenchor. Auch ich gucke, ob ich – wie sonst immer an Weihnachten – ein paar Klassenkameraden erkenne. Aber da ist niemand. Wirklich niemand, den ich noch von früher kenne. Keine Klassenkameraden, keine Eltern von Klassenkameraden, keine ehemaligen Mitglieder meiner jungen Gemeinde.

Und dann hebt die Orgel an und wir fangen an zu singen in einer halb leeren Kirche – am Weihnachtsabend. Als wir uns beim letzten Lied, dem „O du fröhliche“, die Hände reichen sollen, müssen wir in unserer Bankreihe ein Stück auseinanderrücken, damit wir uns auch an den Händen halten können.

Merkwürdig, das habe ich noch nie erlebt. Kein Posaunenchor, kein Kirchenchor, kein Gedränge um ein bisschen Weihnachsheil und -segen. Es fehlte dadurch die festliche Aufgeregtheit, die freudige Anspannung, die so viele Menschen einfach mit sich bringen. Für den kleinen Leo, der das erste Mal so einen Gottesdienst erlebt, spielt das keine Rolle. Ihm hat es gefallen. Singend hüpft er die dunkle Straße nach Hause, kommt ins Rennen, hält gar nicht wieder an, bis wir da sind. Endlich ist Bescherung!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 14: Lasst uns froh und munter sein…

Liebe Leser,

am letzten Tag vor den Weihnachtsferien ist alles anders. So froh und gelassen erlebe ich die Schüler selten, freundlich rufen sie sich Nettigkeiten zu, bedanken sich höflich für Selbstverständlichkeiten, kleine Wichtelgeschenke werden heimlich in Jackentaschen gesteckt, Briefchen mit süßen Worten. Und das alles kommt tatsächlich von Herzen, das Bedürfnis nach friedlichem Miteinander ist riesig.

Also singen wir lauthals und schief, aber gemeinsam unsere Weihnachtslieder. Ich kenne die religiösen Bekenntnisse meiner Schüler nicht genau, weiß nur, wer in den evangelischen und wer in den katholischen Reliunterricht geht, ich nehme stark an, dass Keran Moslem ist, aber vielleicht irre ich mich. Und Adam? Ist ja auch egal. alle intonieren gerade „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“. Scheint Keran genauso gut zu gefallen wie Jan, der völlig falsch, aber mit Inbrunst singt. Und bei „Freue dich, Christkind kommt bald“ in einem anderen Lied, leuchten die Kinderaugen – alle.

Ja, Frau Henner singt Weihnachtslieder. In der Eingangshalle strahlt der buntgeschmückte Weihnachtsbaum und Lucy rennt heute als Weihnachtswichtel durch die Schule. Für die meisten Kinder hat das Fest zwar einen religiösen Hintergrund, aber der ist marginalisiert. Weihnachten ist vor allem ein Kulturgut und auch Brauchtum: rituelle Handlungen, Essen und Gesang. Und natürlich Geschenke! Sie kommen aber von Herzen, hier in unserer abgeschiedenen Provinz hat man kaum eine Ahnung von Weihnachtskonsumterror.

Der wirkliche Terror, der ist allerdings schon bis zu uns gedrungen. Wir Hinterwäldler hören auch Radio und gucken Nachrichten. Auf der Fahrt nach Hause frage ich Lucy, ab sie eigentlich über den Berliner Anschlag reden möchte. Lucy ist bass erstaunt.

„An den habe ich gar nicht gedacht, Mama, ich hab an so viele andere Sachen  gedacht…“, sagt sie, „…und sterben kann man überall.“

Wir reden eine Weile über die Dimensionen von Angst, aber der Berliner Anschlag auf den Weihnachtsmarkt wird dabei merkwürdig klein, obwohl uns bewusst ist, dass damit eine neue Marke im Terror in Deutschland gesetzt ist. Mir selbst geht es auch so. Bei allem Respekt gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen und der Abscheu gegenüber solchen Taten, hat mich der Anschlag in Nizza mehr geschockt. Vielleicht weil er der erste dieser Dimension war, vielleicht weil ich schnell dazu Bilder hatte, vielleicht weil niemand damit gerechnet hat. Und nun? Ist das jetzt gut oder zeugt das schon von emotionalem Abstumpfen? Ich kann diese Frage nicht beantworten.

Lucy und ich werden morgen auf einen Weihnachtsmarkt gehen, irgendwo in Deutschland. Wir werden Weihnachtslieder singen und Punsch trinken und am Heiligen Abend werden wir in die Kirche gehen. Aber ich fürchte, beim letzten Lied – traditionell „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“ – werde ich Tränen in den Augen bekommen. Denn ganz so einfach ist es nicht mit diesem Wir-lassen-uns-unsere Weihnacht-nicht-nehmen.

Ich wünsche euch allen eine friedvolle Weihnachtszeit!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 8: Trump und andere Absurditäten

Liebe Leser,

nein, ich werde jetzt nicht auch noch diese Wahl in den USA kommentieren, das machen schon so viele Menschen. Jeder hat etwas Schlaues zu sagen oder stellt zumindest fest, dass er die Amerikaner nicht mehr versteht. Als ob wir sie vor Donald Trump verstanden hätten…

So westlich Amerika von uns aus gesehen liegt, so wenig Ahnung haben wir doch von diesem großen Land. Als ich ein Teenager war, waren die USA das Traumziel und Beverly Hills die Serie, die man gesehen habe musste, wollte man auf dem Schulhof nur ein wenig mitreden. Das andere Amerika, das schmutzige, das arme, das verzweifelte, ist seit dem viel mehr in den Fokus gerückt und wir haben unsere Ressentiments genährt. Damit haben wir uns auch moralisch aufgewertet gegenüber diesem übermächtigen Land.

Und jetzt stehen wir fassungslos da und verstehen nichts.

Aber wir reden darüber. Das ist einer der positiven Aspekte dieser Wahl. Heute Morgen hat JEDER in meinem Umfeld, der über zehn Jahre alt ist, von dieser Präsidentschaftswahl gesprochen. Die Siebener machen sich in der Umkleidekabine zu Sport heiß, dass nun der dritte Weltkrieg ausbricht. Eine Zehnerin bricht gespielt im Flur zusammen, als sie von den fortgeschrittenen Wahlergebnissen erfährt. Und im Lehrerzimmer ist man sich im Entsetzen einig – heute sind wir uns alle einig. Ist das nicht schön!

Aber wir wollen mal keine Panik machen. „So schnell geht das nun nicht mehr dem dritten Weltkrieg“, sage ich zu Lucy und rücke auch den Mauerbau in ein realpolitisches Licht. Immerhin wissen die Kinder, welche Ziele Trump in seiner Wahl propagiert hat. Lucy sowieso, sie verfolgt seit Wochen den amerikanischen Wahlkampf. Sie hat sogar einen Song für Hillary geschrieben. Gebracht hat er leider nichts.

Nebenbei muss ich aber ganz realschulisch meinen Unterricht machen und scheitere an weiteren Absurditäten. Mit dem neuen Bildungsplan muss ich nun auch Medienbildung unterrichten und finde das nicht so lästig wie manch anderer Kollege, aber ich gehöre auch zu denen, die da Ideen haben und sich nicht ganz vergraben. Der Bildungsplan lässt uns dahingehend einen großen Spielraum und ich suche mir die Bereiche, die ich für wirklich sinnvoll halte. Nun möchte ich ein Medienprodukt herstellen und auf unserer Schulwebsite präsentieren. Die Schüler lernen dabei garantiert etwas und sind motiviert und am Ende sicher stolz auf das Produkt.

Genau da beißt sich aber der Hund in den Schwanz. Da es zeitgleich auch neue Datenschutzbestimmungen gibt, darf ich mit vielen Kindern zwar ein Medienprodukt erarbeiten, es aber nicht auf unserer Homepage veröffentlichen, denn viele Eltern haben dies untersagt. Das dürfen sie, das ist ihr gutes Recht. Erschwert mir jedoch den Arbeitsalltag. Absurd wird es dann, wenn ich zwar kein Foto des Kindes während einer Schulaktion auf die Schulhomepage stellen darf, aber die Eltern sich in ihrer ehrenwerten Whatsappgruppe ständig Fotos der Kinder hin- und herschicken.

Sich dann aber über die Donald-Trump-Wähler aufregen, dass die nicht nachdenken würden.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Herbstferien II: Grenzenlose Gesellschaft?

Liebe Leser,

trotz Gartenarbeit, Ausstellungsbesuch und Aufsatzkorrekturen bleibt Zeit zum Nachdenken. Das ist erholsam, selbst wenn es nicht immer leicht verdaulich ist. Ausgehend von Forderungen, die an uns Lehrer gestellt werden, denke ich über unsere Gesellschaft nach. Diesmal soll es um den Pluralismus gehen.

Ja, er ist eine Grundkonstante einer modernen Gesellschaft. Zum Glück gibt es nicht mehr nur den einen Weg, auf dem man sein Leben bestreiten kann. Unsere Gesellschaft ist offen geworden. Das mündet sogar in dem Begriff „offene Gesellschaft“.

Nun führt diese angenommene offene Gesellschaft zu der Forderung, man müsse alles Fremde anerkennen. Das Fremde soll in dieser Betrachtung tatsächlich als allgemeiner Begriff verstanden werden und nicht auf räumliche Fremde verengt werden. Diese Einstellung gipfelt in der Aussage, in einer offenen Gesellschaft dürfe es keine gesellschaftlichen Grenzen mehr geben.

Das ist absurd.

Eine Gesellschaft ohne Grenzen ist keine Gesellschaft mehr. Aber lasst mich das genauer erklären. Eine Gesellschaft ist eine Gemeinschaft, die durchaus Menschen verschiedener Einstellungen beherbergen kann. In engen Gesellschaften ist die Varianz dieser Einstellungen kleiner, in offenen Gesellschaften größer. Als meine Großeltern jung waren, war eine Schwangerschaft ein unbedingter Heiratsgrund, das Ausbleiben der Vermählung ein Makel. Das empfanden weite Teile der Gesellschaft so. Über die Frauen, die sich darüber hinwegsetzten, zerriss man sich die Mäuler. Auch heute gibt es noch Menschen, die nicht verstehen können, wie junge Frauen alleine ihre Kinder großziehen, aber zum Stadtgespräch wird man deswegen schon lange nicht mehr. Wo früher sich die Mehrheit der Gesellschaft einig war, gibt es heute verschiedene Ansichten, die nebeneinander bestehen können. Für den Einzelfall mag es immer noch nicht einfach sein, aber wir treffen immer wieder auf Menschen, die uns in unserer Meinung bekräftigen. Was man im Kleinen an diesem Beispiel sehen kann, nennt man im Großen bekanntlich Pluralismus.

Dieses Wort muss für so vieles herhalten, dass wir fast der Illusion erliegen könnten, die Welt sei tatsächlich pluralistisch. Im Wörterbuch findet sich unter Pluralismus die Angabe: Pluralismus, die Koexistenz von verschiedenen Interessen und Lebensstilen in einer Gesellschaft. Koexistenz klingt gut. Nebeneinander existieren verschiedene Ansichten. Dahin wollen wir – auch ich. Ich habe ein Weltbild, du hast ein Weltbild, wir akzeptieren uns und… halt, da ist doch noch ein Haken.

Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn wir alle mal so einfach unsere Meinung haben könnten und trotzdem Friede auf der Welt herrschte. Klar ist, es gibt sich so stark widersprechende Lebensansichten, dass ein Zusammenleben nicht möglich ist. Um bei dem obigen Beispiel zu bleiben, gibt es Menschen, die eine Schwangerschaft vor der Ehe als Sünde betrachten und unter Strafe setzen wollen. Ihre Lebenseinstellung greift somit in die Lebensvorstellung von anderen Menschen ein. Offensichtlicher wird dieses Problem vielleicht bei anderen Themen wie beispielsweise dem aus diesem Konflikt möglicherweise folgenden Schwangerschaftsabbruch.

Eine offene Gesellschaft wird immer wieder vor Konflikte gestellt, die es innerhalb ihrer Mitglieder diskutieren muss. Und genau dabei stoßen Gemeinschaften an Grenzen. Auch eine offene Gesellschaft muss diese Grenzen definieren. Dieses Verhalten akzeptieren wir, dieses nicht. Denn nur über diese Grenzen definiert sich die Gesellschaft als Gemeinschaft und grenzt sich von anderen Gemeinschaften ab.

Die Frage, ob unserer Kinder nun eine Schreibschrift lernen oder nicht, wird unserer Gesellschaft nicht spalten, wir definieren uns nicht über die Frage „Schreibschrift oder nicht“. Aber es gibt andere Grundfeste, die wir von Mitgliedern unserer Gemeinschaft erwarten und viele davon sind in unserer Verfassung festgelegt, andere haben sich stillschweigend aus unserem Zusammenleben ergeben. Manche sind flexibel und verändern sich mit den Generationen, andere sind es nicht. Aber fest steht, auch unsere Gesellschaft hat Grenzen und das ist kein Manko, sondern das ist eine Grundbedingung von Gesellschaften.

Wenn man sich den Begriff „offene Gesellschaft“ genauer anschaut, wird dies schon aus der Wortbedeutung offensichtlich. Bei einem geschlossenen Raum ist die Türe zu. Öffne ich sie, öffne ich den Raum. Die Wände aber bleiben stehen, sonst ist der Raum kein Raum mehr. Ich kann die Wände zum Teil abtragen und neu bauen, aber Wände brauche ich, um den Raum als solchen zu definieren. Ein Raum ohne Wände ist kein offener Raum, sondern ein Ort in Auflösung. Denn Orte definieren sich durch Relation zu anderen Orten.

Es ist gewinnbringend, wenn wir immer wieder über unsere Grenzen diskutieren, das macht meiner Meinung nach eine offene Gesellschaft aus. Es ist auch hoffentlich völlig klar, dass sich unsere Gesellschaft verändern wird. Das Miteinanderringen um Positionen führt unweigerlich zu Neuem. Stagnation ist etwas, was geschlossene Gesellschaften auszeichnet. Nur sollten wir uns nicht selbst belügen und gesellschaftliche Grenzen negieren. Wenn wir uns als Gesellschaft verstehen wollen, müssen wir wissen, was uns als Gesellschaft wichtig ist. So wichtig, dass das die Wände unseres Raumes sind, dessen Türe wir dann weit aufmachen können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner