Schlagwort-Archive: Klassenlehrerdasein

SW 38: Ein bewegender Abschied

Liebe Leser,

die Emotionen sind in den letzten Tagen hochgekocht wie sonst nie. Ich habe mich geärgert, mich gefreut, vor Rührung geweint und mit mir vor allem die Kinder, deren Gefühle so unmittelbar und ehrlich sind, dass mir diese Tränen am meisten guttun, denn die Kinder haben geweint, weil ich gehe. Nach zwei Jahren auf und ab mit dieser Klasse ist sie am Ende doch zusammengewachsen. Nach einer äußerst berührenden Verabschiedung, die ich meinen Lebtag nicht vergessen werde, ist es zum großen Gruppenkuscheln gekommen, an dem sogar die Jungen teilgenommen haben. Da standen wir alle im Kreis und haben gelacht und geweint. Die Geschenke, die sie mir gemacht haben, waren so individuell und persönlich und seit Wochen in Arbeit, dass ich gleich noch einmal hätte weinen können. Ihr Abschiedslied, zusammen einstudiert und sogar instrumental begleitet, hat dann sein Übriges getan. Wo sind die Taschentücher? Aber die Mädchen haben die Packungen eh schon in der Hand. Und Vladimir fragt mich, ob das schlimm sei, wenn er als Junge jetzt auch mal weinen würde…

Auch von vielen Kollegen werde ich geknuddelt und ich weiß, dass es viele ernst meinen, andere halten sich bedeckt und das ist gut so. Auf Abschiedsfeiern und Beerdigungen wird bekanntlich viel gelogen. Frau von Ostrach schafft es nicht, herzlich zu sein, und das ist völlig in Ordnung. So muss ich mich nicht verstellen. Ein einfaches „Auf Wiedersehen“ tut es auch. Letzte Woche bei den Zeugniskonferenzen habe ich mich nämlich wieder geärgert. Fachnoten sind das eine, auch wenn man sich wirklich fragt, wie es sein kann, dass die Schüler bei dem einen Lehrer nur Einser, Zweier und Dreier erhalten, und bei einem anderen Lehrer im gleichen Fach ein Jahr später die Klasse um die Vier herumtingelt. Aber da kann ich mich nicht einmischen, das geht über meine Kenntnis und über meine Befugnis. Fachnoten sind Schicksal. Aber wenn wir dann wieder mal über die sogenannten Kopfnoten (Verhalten und Mitarbeit) diskutieren, und es kein einziger Schüler im Verhalten auf eine Eins schafft, dann bin ich schon irritiert. Der Maximilian soll die gleiche Verhaltensnote erhalten wie der Yannik, der ständig stört und bei Gruppenarbeiten prinzipiell die anderen arbeiten lässt? Das ist nicht fair.

Frau von Ostrach ereifert sich: „Also der Maximilian, Frau Henner, der ist doch nur so nett, damit der bessere Noten bekommt! Und überhaupt, der engagiert sich nur in der Schule, weil er an sein eigenes Fortkommen denkt!“ Punkt. Basta! Am Ende haben wieder mal alle eine Zwei bekommen. Und Fräulein Häuptchen bemerkt in harschem Tonfall: „Und dann möchte ich noch sagen, der Ton den der Maximilian an den Tag legt, wenn er Dinge in der Klasse organisiert, also der ist ja der eines Feldmarschalls. SO REDET MAN NICHT!“ Zum Abschluss bin ich also noch einmal in eine Comedyshow geraten. Ich sehe das schon als Sketch mit Anke Engelke vor mir.

Im Flur treffe ich an meinem letzten Tag dann auf besagten Maximilian. „Oh Frau Henner, gut, dass ich Sie treffe“, sagt er freundlich, „ich habe Sie schon überall gesucht. Hier habe ich noch ein Geschenk für Sie. Das ist eine CD mit allen Fotos drauf, die wir im Laufe der Jahre mit Ihnen gemacht haben, damit Sie uns nicht vergessen!“ Das ist aber nett. Wir verabreden uns gleich einmal zum Abitur. Spätestens dann sehen wir uns wieder, dann stehst du da oben auf unserer Bühne mit all den anderen aus deiner Klasse, abgemacht? Maximilian nickt: „Hoffentlich.“ „Was heißt hier hoffentlich, na klar, ich trau das euch allen zu!“ Jetzt lächelt Maximilian. „Na, wenn Sie das sagen.“ Klar sage ich das, die wirklich überforderten Schüler habe diese Klasse längst verlassen müssen. Jeder, der jetzt noch dabei ist, kann sein Abitur schaffen – mit mehr oder weniger Aufwand. Bei Maximilian eindeutig mit weniger Aufwand. Und weil er trotzdem immer viel tut, wird es ein super Abitur werden. Ganz bestimmt. Egal welche Verhaltensnote dasteht.

Als nach der Zeunisausgabe die ganze Schulmeute endlich weg ist, sitzt Anita noch da. Der Papa hat vergessen sie abzuholen, gerade hat sie mit dem Handy zuhause angerufen. Ich finde das traurig. Vergessen zu werden, ist schlimm. Also setzte ich mich die zehn Minuten noch zu ihr, die der Papa brauchen wird, auch wenn Anita nicht zu meinen Lieblingsschülerinnen gehört hat. Im Unterricht war sie häufig bockig, suchte Fehler nie bei sich und hatte schnell schlechte Laune. Aber Kinder sind häufig Spiegelbilder der häuslichen Verhältnisse. Die Anita, die ein wenig traurig grade an der Bushaltestelle sitzt, ist eine ganz andere als die aus dem Unterricht. Ich frage nach den Sommerferien und sie erzählt von dem Haus in Rumänien, dass der Papa gerade gebaut hat und der fünfzehnstundenlangen Fahr dahin und von der großen Verwandtschaft dort und von der kleinen Schwester, auf die sie Rücksicht nehmen muss. Und ich erkenne ein zerrissenes Ich, einen Menschen, der in zwei Welten lebt, der auf der Suche nach Identität ist. Endlich verstehe ich Anita besser und freue mich sehr, dass sie mich warmherzig anlächelt, als der Papa vorfährt. Also auch mit Anita ausgesöhnt, selbst wenn nie etwas vorgefallen ist zwischen uns, so scheiden wir noch viel besser voneinander. Schade, dass wir nicht schon früher dieses Gespräch hatten.

Seltsam, aber die Abschiede von den Kindern, die berühren mich im Innersten, während es mir nicht schwerfiel, mich von den Erwachsenen zu verabschieden. Und da wird mir bewusst, dass ich tatsächlich mit Leib und Seele Lehrer geworden bin in den letzten Jahren.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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SW 3: Auf einmal ist alles anders

Liebe Leser,

hinter uns liegen herrliche Spätsommertage – anders kann man dieses Sonnenwetter einfach nicht bezeichnen, sogar die Referendare zieht es in ihren Pausen mit der obligatorischen Tasse Kaffee ins Freie, dorthin wo die Grillen zirpen, die Meisen zwitschern und man mittags denkt, man könne nie wieder in den schnöden Alltag zurückkehren.

Aber man muss sich aufraffen, um den Nachmittagsunterricht über sich und die jungen Menschen ergehen zu lassen. Und es ist erst Schulwoche 3 und schon spielt die Welt verrückt.

Die Kursstufe, die ich sonst in den höchsten Tönen lobe, kommt einfach nicht ins Schuljahr hinein: Sie sind müde und lahm und sie schreiben, als wären sie grade in die Mittelstufe gestolpert. Wenn Frau Henner ehrlich ihre enttäuschte Überraschung darüber zum Ausdruck bringt, guckt sie in verständnislose Gesichter. Erst nach ein, zwei Sekunden huscht ein Lächeln darüber – so lange haben sie gebraucht, um Frau Henner überhaupt zu verstehen. Zwischen meinem Mund und ihren Ohren liegt das weite Tal der Final-Lethargie. Der Ernst ist viel zu schnell da, eben waren doch noch Sommerferien. Das kann nicht sein!

Und die Sechser, dieser seltsame Haufen? Die überraschen mich genauso. Plötzlich ist alles anders. Als wären sie aufgewacht, fangen sie miteinander zu reden an, werden lauter und unruhiger. Und Frau Henner freut sich, denn sie reden MITEINANDER! Und ja, sie haben Ideen und sie wollen diese auch umsetzen. Sogar die Eltern melden sich: „Frau Henner, könnten wir nicht im Advent einen Verkauf organisieren?“ „Frau Henner, ich hätte da eine tolle Idee…“ „Also beim Kuchenbasar bin ich dabei!“ „Wir haben uns überlegt, man könnte im nächsten Jahr…“ Ich erkenne meine Eltern nicht mehr wieder. Die stilleren Eltern haben sich endlich durchgerungen, das Wort zu ergreifen, nachdem das Jahr vorher nichts ging. Zwar lässt Franziskas Mama im Hintergrund noch immer ihre Kommentare ab, aber ihr hört keiner zu. Auch Franziska hat sich verändert, das übereifrige, selbstsüchtige Kind hebt langsam den Blick über den Brillenrand und fast glaube ich, sie begreift, dass es hier nur miteinander geht. In dieser dritten Schulwoche bekomme ich leise das Gefühl, als könne das doch noch etwas werden mit den Sechsern und mir.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Liebe Leser,

während manch Lehrer in Deutschland schon langsam wieder zu den Herbstferien schielt, ist in Baden-Württemberg gerade einmal die erste Schulwoche herum, aber Hauptsache wir zentralisieren das Abitur… nun ja, da war die Aufregung bei den Deutschlehrern groß, als ihnen diese Woche bewusst wurde, was das terminlich bedeutet. Dazu vielleicht ein andermal, heute geht es nicht um das Deutschabitur, sondern nur um mein Erleben dieser ersten Schulwoche, SW1.

Doch erst noch ein Schritt zurück.

Im Studium mussten wir ein sogenanntes Pädagogisches Praktikum absolvieren, das heißt, es ging nicht um die Fächer, sondern die Studenten sollten vermehrt auf pädagogische Belange achten. So kam es, dass ich in diesem Praktikum in zwei achten Klassen mitlief, egal welches Fach sie gerade hatten. Das Thema meiner dazugehörigen pädagogischen Arbeit war schnell gefunden: die self-fulfilling prophecy, die selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine achte Klasse galt als nett, lieb und leistungstechnisch ganz okay, die andere, nun ja, die andere war das schwarze Schaf. „Das sind solche Rabauken“ wurde im Lehrerzimmer schnell verknüpft mit „Die können nichts“. Und nun ging es mir darum, ob dem tatsächlich so ist, und, wenn ja, ob das Urteil der Lehrer sich auf die Atmosphäre in der Klasse und dann auch auf die Leistungen ausgewirkt hat oder umgekehrt.

Ich weiß nicht mehr exakt, zu welchem Schluss ich kam, aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist klar, dass die selbsterfüllende Prophezeiung tatsächlich ein Problem ist. Natürlich höre ich Urteile, natürlich werde ich beeinflusst, aber ich bemühe mich, mir diesen Prozess bewusst zu machen und mich selbst immer wieder zu ermahnen, dass ich wachsam bleibe, selbst urteile und jeder eine neue Chance verdient hat. Damit meine Meinung nicht am Ende dazu führt, dass Schüler dann unbewusst dieser Meinung entsprechen.

Also gehe ich am Montag ganz locker fröhlich in meine Klasse. Den schwarzen Spätsommerhund habe ich längst verscheucht.

Es funktioniert nicht. Einzelne Kinder enttäuschen mich mit ihrem kaum versteckten Egoismus so, dass meine Stimmung merklich abkühlt. Ich merke das, hoffentlich die Kinder nicht! Als ich dann enthusiastisch unser diesjähriges Klassenprojekt vorstelle (Lucy ist schon ganz neidisch auf meine Klasse, weil sie so was Cooles machen darf…), kommt kein Jubel, kein Glanz in den Augen, dafür ganz offen die Frage, was man denn davon habe… „Kann man da auch was gewinnen?“

Und da platzt mir innerlich der Kragen, aber mir wird auch schlagartig klar, welches Problem viele Kinder haben. Sie arbeiten, machen meist, was man ihnen sagt, aber es fehlt die Begeisterung, weil sie keine intrinsische Motivation haben. In der Grundschule haben sie für die nette Lehrerin und die Eltern geschafft, für die sehr gute Note und die Belohnung, die viele sicher erhalten haben. Das sind normale Prozesse, aber wenn man es übertreibt, zum Beispiel nur die Note gelobt wird und nicht ein wirkliches Interesse am Können des Kindes gezeigt wird, an den Themen, mit denen es sich beschäftigt, kann das leider dazu führen, dass gar keine innere Motivation mehr aufgebaut wird. Dann geht es nur noch um die Note oder das Geschenk.

Und nun? Was biete ich? Frau Henner hat keine kleinen Belohnungsgeschenke, die erwartet echt, dass man einfach nur Freude an der Sache haben könnte. „Wir machen das gemeinsam! Ein tolles Projekt, kein normaler Unterricht, wir können uns das alles selbst ausdenken und dann vor einer richtigen Jury präsentieren…“, Frau Henner zieht schelmisch die Augenbrauen hoch, sie würde am liebsten sofort loslegen – so ein tolles Projekt! Und was springt für uns dabei heraus?

Und so erlebe ich diese Woche als eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich in meiner Klasse bin, mache ich halt meinen Unterricht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn ich in der Oberstufe bin oder wieder in meiner „alten“ Klasse in der Mittelstufe, dann freue ich mich, werde auch freudig begrüßt, wir grinsen und lachen und lernen wie nebenbei auch noch Neues. So geht es täglich auf und ab.

Aber ich gebe nicht auf – ich möchte die Kinder mitreißen, das Projekt ist viel zu cool, als dass sie sich nicht dafür erwärmen können. Das geht gar nicht. Und immerhin bin ich von der Sache begeistert und nach und nach werde ich sie schon noch auf meine Seite bringen, denn es kann doch so viel Spaß machen, etwas gemeinsam zu machen – einfach nur, damit man etwas gemeinsam macht!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Bei dir piept’s wohl!

Liebe Leser,

gerade erkläre ich eine ganz wichtige Sache, es ist mucksmäuschenstill, gleich kommt der Knackpunkt… da piept es und alle schauen sich suchend um. Die Spannung ist weg. Keran, die olle Petze, will gleich rausfinden, wessen Handy das war. Ich will aber lieber weiter den Genitiv in „wessen Handy“ bestimmen. Das Handy eines Kindes piept regelmäßig. So alle fünf bis zehn Minuten. Ganz, ganz leise.

Aber meine Fünfer haben noch richtig gute Ohren und warten schon drauf. Dann geht das elendige Beschuldigen los, dem immer ein „Meins war das nicht!“ vorangestellt wird. Wenn ich dann zu bedenken gebe, dass mir dieses leiseste Piepen schnurzegal ist, schauen mich die Kinder verständnislos an. „Aber Frau Henner, man darf doch nicht Handy!“

Heute lasse ich alle Handys rauslegen, weil mir nicht das Piepen, sondern das Nach-dem-Piephandy-Suchen auf den Keks geht. Vor mir liegen nun während der Stunde siebzehn superduper Smartphones und ein klitzekleines Aufklappdings. Eines piept, regelmäßig, aber alle bleiben dunkel. Ich kann nicht unterscheiden, welches Geräusche macht. Meine Ohren sind dafür eindeutig nicht sensibel genug. „Da schon wieder!“, kreischen die Kinder. „Muss ’n Samsung sein!“, behauptet Jan. Nerv! Wahrscheinlich piept so ein Ding, weil es mal wieder Saft braucht. Kümmert euch doch mal um eure Technik!

Ein ausgeschaltetes und um Hilfe piependes Handy schmeißt mir meine Unterrichtsstunde. Da, schon wieder! Es hat piep gemacht…

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Mal wieder Jan…

Liebe Leser,

so wie langsam der Frühling aufblüht, so geht es besser mit meinen Fünfern. Im Förderkurs ist es ruhig und konzentriert – ich kann die ersten Kinder entlassen, weil sie inzwischen eine ganz passable Rechtschreibung besitzen. Die Schüler melden mir zurück, dass sie sich endlich wohler in der Klasse fühlen, weil es in den Pausen nicht mehr so viel Streit gibt. Und von den Eltern habe ich lange nichts mehr gehört. So soll es sein!

Nur Jan tanzt noch aus der Reihe. Keiner will neben ihm sitzen. Jan lenke sie ab, beschweren sie sich. Da kann sogar etwas dran sein. Jan ist immer ratz-fatz mit seinen Aufgaben fertig, weil er alles hinsudelt. Dann will er unbedingt drankommen. Mit großen, ungelenken Gesten macht er auf sich aufmerksam.

Meist schicke ich ihm einen bösen Blick zu. Dann hört das Zappeln auf. Ich kann mir aber vorstellen, dass auch ein Minimalzappeln für Banknachbarn nervig sein kann. Vielleicht haben auch nicht alle Kollegen meinen bösen Blick drauf? In Deutsch ist Jan relativ unauffällig, aber weiß ich denn, wie es in anderen Fächern zugeht? Außer vom Sportlehrer bekomme ich im Grunde keine Rückmeldungen. In Sport tickt Jan regelmäßig aus. Wenn die anderen Kollegen nichts sagen, kann ich ja wohl davon ausgehen, dass  bei ihnen alles in Ordnung oder zumindest im Rahmen ist.

Trotzdem kommen immer wieder Jans Klassenkameraden zu mir, um sich über ihn zu beschweren, weil er sie beleidige. Wenn ich dann mit Jan allein rede, fährt er immer die gleiche Tour:

  • Ich habe mich nur gewehrt.
  • Die haben mich zuerst beleidigt.
  • Jetzt sag ich gar nichts mehr.
  • Weinen.

Hole ich dann ein zweites Kind hinzu, was den Vorfall miterlebt hat (Jan darf sich sogar die Person heraussuchen, zu der er am meisten Vertrauen hat), stellt sich alles wieder in einem anderen Licht dar. Er hat eindeutig die anderen zuerst beleidigt.

  • Ach so, ja, ich hab vorher die Laura ausgelacht, aber dann hat die Laura…
  • Ich hab doch nur „Oma“ zu Kim gesagt, wegen seiner Mütze…
  • Das war doch alles nur aus Versehen!

Jetzt drohe ich ihm bei einem weiteren Vorfall einen Eintrag an, ich weiß einfach nicht mehr weiter. Es sind hundert Kleinigkeiten, aber die Summe nervt einfach. Jan weint sofort los – wohlgemerkt er hat noch gar keinen Eintrag bekommen. Dann schluchzt er und meint:

„Dann wechsle ich lieber gleich die Klasse!“

Was soll ich da bloß tun?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Vertretung

Liebe Leser,

manchmal neigt man ja zu Kritik, da findet man jedes Fitzelchen. Ich habe das Gefühl, dass ich mit meinen Fünfern ein wenig milder umgehen sollte. Keine Angst, im Unterricht lache ich, bin meist nett, außer mir kommt einer blöd, dann bin ich’s nicht. Meist habe ich gute Laune und lobe auch kräftig. Aber innerlich denke ich doch immer wieder: Warum sind die so langsam? Wenn nur der Adam nicht in der Klasse wäre, dann wäre ich einen Schritt schneller! Warum ist die Franziska nur so unangenehm verbissen strebsam, die nehme ich jetzt nicht dran! Wenn nur der Jan endlich ein bisschen weniger nervig wäre! Na, Franca, mal wieder nichts kapiert? Wehe, der Keran verpetzt jetzt wieder jemanden!

Alles nicht nett, auch wenn es menschlich und mit Wahrheit versehen ist. Aber trotzdem will ich meine Fünfer mehr lieben.

Bei vielen Kindern ist mir das auch schon gelungen. Eigentlich nur bei den fünf Kinder, die ich oben erwähnt habe, da fehlt mir die Liebe – aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich habe nichts gegen sie, aber ich spüre auch keine Zuneigung.

Heute hatte ich eine kleine Kur. Durch das Abi geht wie jedes Jahr alles drunter und drüber, viele Kollegen haben Korrekturtage, aber die Schüler dürfen wegen des Lärms in den dadurch entstehenden Freistunden nicht einfach durchs Schulhaus laufen und müssen in den Klassenräumen beaufsichtigt werden.

Frau Henner landet in der Parallelklasse meiner Fünfer. Die kenne ich nur vom Flur. Während meine IMMER im Klassenraum auf mich warten, meist mit ausgepacktem Ranzen und mich anstrahlend, balgen sich die Jungs der Paraklasse gerne noch lautstark vor der Tür. Jetzt schauen sie mich verwundert an. Dann fallen Sie über mich her.

„Aber Sie sind nicht Frau Weinstett!“, „Was machen wir denn jetzt?“, „Dürfen wir Hausaufgaben machen!“, „Darf ich meine Mama anrufen?“, „Wieso haben Sie Bücher in der Hand?“, „Ist das jetzt auch wieder wegen dem Abi?“, „Haben Sie mal den Schlüssel?“, „Ich will aber meine Mama anrufen!“, „Sollen wir etwa was lesen?!“, „Ich geh zum Telefonieren auch auf den Hof.“, „Wieso haben Sie denn den Schlüssel nicht?“, „Ich kenne Sie, Sie sind Frau Henne!“, „Und ich dachte, wir machen was Schönes!“

Ich habe noch nicht einmal das Zimmer aufgeschlossen und verkündet, was wir heute Schönes in der Vertretungsstunde machen. Nach diesem Empfang denke ich jedoch sehnsuchtsvoll an meine Fünfer. In diesem Moment spüre ich sogar Zuneigung zu Jan und Franca, Keran und Adam. Die anderen Klassen, die sind immer blöder als die eigene.

Meine Klasse ist voll cool!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Mein rechter, rechter Platz ist leer

Liebe Leser,

wer hier regelmäßig liest, hat schon längst mitbekommen: Frau Henners Klasse ist nett, ehrgeizig und unsozial. Um letzteres zu mindern denkt sich Frau Henner immer wieder Neues aus. Ab und zu spielt Frau Henner auch soziale Spiele, wobei nicht die Spiele sozial sind, sondern eben diese Eigenschaft fördern sollen – manchmal haut das mit der neuen deutschen Sprache eben einfach nicht hin.

Soziale Spiele sollen den Teamgeist fördern, am besten man macht etwas, was nur durch die Gemeinschaft gelöst werden kann. Inzwischen habe ich einen ganzen Ordner voll solchem Kram. Manchmal denke ich, Schule heutzutage ist echt cool.  Aber meine Kinderlein, die schon in der Grundschule eifrig soziale Spiele gespielt haben, ahnen nicht von diesem Luxus. Ja, wisst ihr, es gibt Kinder, die dürfen nie in der Schule spielen…

Meine Fünfer tun so, als haben sie ein Anrecht darauf. Diese Haltung vermiest es mir ein bisschen. Aber dann freue ich mich doch, wenn sie während eines Spieles Zeit und Raum vergessen… besonders beliebt ist das Sofaspiel.

Alle Kinder sitzen im Kreis, ein Platz bleibt leer. Vier Kinder sitzen mit im Kreis, aber auf einer Schulbank. Als Vorbereitung hat man alle Namen auf Zettel geschrieben und die Kinder ziehen einen Namen, den sie verdeckt aufbewahren. Nun ist im Idealfall jeder jemand anders, aber niemand weiß, wer. Dann werden die Kinder in zwei Mannschaften geteilt. Ich lasse jeden Zweiten einen Ärmel hochkrempeln.

Jetzt kann es losgehen. Man spielt „Mein rechter, rechter Platz ist leer“. Ziel ist dabei, dass von einer Mannschaft alle vier Plätze auf der Bank besetzt werden.

Es gibt noch eine Variante für Schlaumeier: Da tauschen bei jedem Platzwechsel die beiden Agierenden die Namenszettel aus. Das ist dann aber echt hardcore.

Der Gedanke hinter diesem Spiel ist, neben Gedächtnistraining, dass man auch die Namen der Außenseiter aufrufen muss, alle werden gebraucht, um strategisch Stühle freizubekommen und Kinder der eigenen Mannschaft darauf zu platzieren. Die Mannschaften werden völlig frei gemischt und da jeder ein anderer ist, findet man erst Schritt für Schritt zueinander. So weit die Theorie.

Was meint ihr, was ich erlebe?

  1. Kinder, die wirklich Freude am Spiel haben.
  2. Kinder, die nur gewinnen wollen und andere Kinder angehen, wenn sie einen „falschen“ Namen nennen.
  3. Kinder, die hämisch lachen, wenn der Name eines Außenseiters genannt wird.
  4. Kinder, die affig tun, wenn sie den Namen eines Kindes erwischt haben, das ihnen missfällt.
  5. Kinder, die sich nicht an die Regeln halten (Keine Tipps geben!) und dann den Unmut der anderen Kinder auf sich ziehen.

 

Es ist ein langer Weg zum Erfolg… wir spielen weiter!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner