Schlagwort-Archive: Kollegen

Emils Flasche

Liebe Leser,

wir sitzen alle lässig auf dem Boden rum, weil es keine anderen Sitzgelegenheiten gibt, wir bei unserem Projekt aber wirklich mal eine Pause brauchen. Wir, das sind Schüler und Lehrer, eigentlich ganz nett. Sollte man öfter machen. Da fällt Emil seine Flasche herunter. Die ist aus Glas und zerbricht in ein paar wenige Teile, der Apfelsaft läuft aufs Linoleum. Blöd, aber keine Katastrophe. Passiert sicher hundertmal täglich an deutschen Schulen. Trotzdem bietet diese kleine Szene einen Anlass, um über eine sich wandelnde Gesellschaft zu schreiben. Denn was geschieht nun?

Emil blickt erst verdutzt auf die Flasche und die Apfelsaftlache, dann grinst er entschuldigend. Kollegin 1 springt auf, um die Glasscherben einzusammeln. Das kann ich ja noch verstehen – Verletzungsgefahr. Auch wenn es nur wenige große Scherben sind und Emil längst kein Grundschulkind mehr ist. Kollege 2 springt auf, um aus dem Jungsklo Papiertücher zu holen. Kollegin 3 springt auf, um aus ihrer Tasche ein Päckchen Papiertaschentücher zu holen. Ich bleibe sitzen und beobachte fasziniert ihren Hintern, der nun, da sie auf den Knien im Schulflur kniet und wischt und wischt und wischt, nach oben gestreckt hin und her wackelt. Mittlerweile sind 1 und 2 mit weiteren Papiertüchern eingetroffen und putzen ebenfalls. Einen kurzen Augenblick bekommen ich einen Helferimpuls. Sollte ich da mitmachen?

Aber dann fällt mein Blick auf Emil. Der beobachtet die Lehrer genau wie ich und macht keinen Finger krumm. Emil trifft keine Schuld, man muss ihn nicht schimpfen, dumm gelaufen mit der Glasflasche, doch Emil ist Verursacher und kann in der Schule ruhig lernen, dass man seinen Dreck auch wieder wegräumt. Hilfestellung meinetwegen. Hinweise nach dem Motto: „Papiertücher sind im Jungsklo, aber lauf doch schnell ins Sekretariat, dort haben sie immer einen Eimer und Lappen…“, und, „ich pass inzwischen auf, dass keiner reintritt und alles breitläuft.“ Das wäre mein Part dabei. Und dann würde ich Emil den Apfelsaft selbst wegwischen lassen. Ein Mensch übernimmt Verantwortung für sein Handeln, ob Absicht, Schuld oder Was-auch-immer, das spielt keine Rolle.

Nun sitze ich stumm im Flur, um mich herum putzen drei Lehrer und die Schüler gucken ihnen dabei zu. Eine absolute Lappalie, aber gerade an so kleinen Momenten kann ein junger Mensch etwas lernen. Wie Gemeinschaft funktioniert zum Beispiel. Was lernt im Gegensatz dazu heute Emil?

Warum soll ich mich anstrengen? Es gibt andere, die die Drecksarbeit machen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Preis-Verdächtig II

Liebe Leser,

vor ein paar Jahren las ich in einer überregionalen Zeitung, dass ein Lehrer an einer Schule unserer Region einen Lehrerpreis gewonnen hatte und war bass erstaunt, dass ich das auf diesem Wege erfuhr. Warum redete man an meiner Schule nicht darüber? So weit weg war das doch nicht? Daraufhin sprach ich einen Kollegen in meiner Schule an und erntete nur eine wegwerfende Handbewegung. Was soll das schon Tolles sein? Wieder wunderte ich mich. Kann man darauf nicht stolz sein? Sind die Kollegen nicht neugierig, was der andere Kollege gemacht hat, um eine solche Ehrung zu erhalten? Hmmmm…

Seit dem habe ich diverse Lehrerpreise aufmerksamer verfolgt und konnte einen Interviewpartner für meinen Blog gewinnen. Im Interview werdet ihr erfahren, warum er anonym bleiben will.

 

Frau Henner: Wie war das, als du von deinem Lehrerpreis erfahren hast?

Preisträger: Es war am Nachmittag und ich war allein im Lehrerzimmer, als der Anruf kam. Ich konnte das erst gar nicht glauben und habe zweimal nachgefragt. Es musste sich um einen Irrtum handeln. Dann sickerte die Erkenntnis langsam durch und ich fing an, tatsächlich ein paar Zentimeter zu schweben. Ein sagenhaftes Gefühl, dass ich am liebsten gleich mit der ganzen Welt geteilt hätte. Aber man sagte mir, dass ich das bis auf der Schulleitung niemandem sagen dürfe. Dann bin ich gleich zur Schulleitung. Der Direktor hat mir natürlich erfreut gratuliert und ich schwebte den ganzen Nachmittag durch die Flure, ich glaube, ich habe ununterbrochen gegrinst.

Frau Henner: Das klingt wunderbar. Wie ging es dann weiter?

Preisträger: Das Kollegium wurde kurz vor der Preisverleihung informiert, weil klar war, dass nun etwas Medienrummel auf uns zukommen würde. Und das war dann sehr seltsam. Mir haben fünf Kollegen nach der Verkündung während einer Konferenz spontan gratuliert und drei weitere im Laufe der nächsten Woche. Wir sind aber eine große Schule und die Mehrheit des Kollegiums hat das einfach ignoriert. Da kam ich mir vor wie ein Hochstapler.

Frau Henner: Wie meinst du das?

Preisträger: Einige Kollegen tuschelten hinter meinem Rücken. Es ging darum, dass ich mich ja wohl wichtig machen wolle. Der Buschfunk trug das natürlich zu mir, wahrscheinlich auch beabsichtigt. Es gab Kollegen, die sich in meinem Beisein beschwerten, dass man heutzutage lauter Scheiß machen müsse und dass das Kerngeschäft Unterrichten gar nicht mehr Anerkennung brächte. Das hat mich schon verletzt, denn gerade fürs Unterrichten habe ich ja den Preis bekommen. Als dann tatsächlich ein Fernsehteam da war, haben sie sich lustig gemacht. Eigentlich war das nur eine kleine Gruppe, aber die hat es mir vermiest. Und natürlich das Schweigen der Menge. Das ging dann soweit, dass ich über die eigentliche Preisverleihung kaum etwas an meiner Schule erzählt habe und sogar den Direktor gebeten habe, das nicht noch einmal in der Abschlusskonferenz zu erwähnen, weil ich die Missgunst der Kollegen nicht länger ertragen wollte.

Frau Henner: Dann war der Preis für dich also eher eine negative Sache?

Preisträger: Nein, ganz und gar nicht! Die Preisverleihung war einmalig und ich habe in dieser Zeit damals unglaublich viel Motivation bekommen, trotzdem weiterzumachen. Aber ich rede nicht darüber. Durch den Preis habe ich interessante Menschen kennengelernt und meinen Horizont wieder ein Stück erweitern können. Ich möchte ihn nicht missen. Manchmal, wenn ich im Schulalltag mit mir hadere, dann denke ich an den Moment, als mich die Sekretärin ans Telefon rief und eine Stimme sagte: „Ich gratuliere Ihnen, denn Sie haben unseren Lehrerpreis gewonnen!“

Frau Henner: Der Lehrerpreis war für dich also eher eine private Angelegenheit?

Preisträger: Ganz genau.

Frau Henner: Vielen Dank, dass du mir das so offen erzählt hast.

Preisträger (lacht): Vielen Dank, dass du mir zugehört hast, das ist nicht selbstverständlich.

 

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Ab an die Grundschule!

Liebe Leser,

heute Morgen höre ich im Radio, dass wegen des großen Grundschullehrermangels zukünftig Gymnasiallehrer, die keine Anstellung bekommen, kurzerhand an die Grundschulen gehen dürfen – mit ihrem Gymnasialgehalt. Auf der Internet-Seite von „Kultus und Unterricht“ lese ich zudem, dass damit das Versprechen verbunden ist, nach drei Jahren auf Wunsch doch ans Gymnasium zurückkehren zu können. Man müsse nur ein in der Grundschule unterrichtetes Fach aufweisen können und nebenbei eine einjährige Zusatzqualifikation ableisten. Schon sei man Grundschullehrer…

Welches Signal wird hier gesetzt?

Ihr Grundschullehrer seid ja ganz schön dumm, euren Job können auch die Gymnasiallehrer machen – vor allem die, die sonst nichts kriegen – und die werden dann auch noch besser bezahlt als ihr, die ihr die eigentliche Qualifikation für das Unterrichten von Kindern mit verschiedensten Voraussetzungen über Jahre erworben habt.

Gerade sind die Ergebnisse der letzten Grundschulstudie für Baden-Württemberg weniger erfreulich ausgegangen, da schießt das Kultus-Ministerium diesen Bock ab. Wie soll sich die Qualität erhöhen, wenn wir praktisch Quereinsteiger in die Grundschulen holen und diese dann besser bezahlen als das Stammpersonal? Wie soll innerhalb von Grundschulen da ein kollegialer Friede gewahrt werden? Wie sollen unsere Kinder angemessen unterrichtet werden, wenn die Qualifikation nebenbei erfolgen soll? Wie werden angehende Lehrer da verheizt, denn der Grundschulschock wird vielerorts nicht ausbleiben? Wann werden die Grundschullehrer mit ihrer sich stark wandelnden Arbeit wieder mehr geschätzt? Mit einem großen Fragezeichen gehe ich in die närrische Zeit.

Wie gerne würde ich glauben, es handele sich hierbei um einen Fasnachtsscherz.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Von der Wirksamkeit

Liebe Leser,

diese Herbstferien nutze ich nur für mich, dabei war ich gar nicht fertig und ferienreif, wie es manchmal der Fall ist – es sind ja auch die ersten Ferien dieses Jahres und da sollte man doch noch voller Energie stecken, oder? Dann lese ich den Beitrag von Herrn Mess vom Brennen beziehungsweise über das Verbrennen und ich finde mich wieder, obwohl ich mich in einer definitiv anderen Lage befinde. Natürlich habe ich längst bemerkt, dass Herr Mess nicht mehr so häufig bloggt, und es schade gefunden, aber mir gedacht: „Wird er wohl viel um die Ohren haben…“ Und genau das scheint der Fall zu sein. Da ist ein engagierter Lehrer, der sich mit so vielen Dingen beschäftigt und damit momentan auch nicht glücklich wird. Vielen Dank, Herr Mess, dass du so ehrlich darüber schreibst.

Meine Ausgangssituation ist eine völlig andere, weil ich die Schule gewechselt und dabei keine Funktionsstelle übernommen habe. Ich bin jetzt nur noch Lehrer. Ha, was für ein Satz! Was bin ich denn sonst?

Jeder, der an einer Schule unterrichtet, weiß, dass nicht nur der Unterricht zu den Aufgaben gehört. Gut, Klassenlehrer bin ich und da ist einiges zu tun, davon aber ein anderes Mal. Durch meinen Wechsel bin ich aber aller meiner Funktiönchen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, enthoben worden. Keine Mitarbeit im Schulentwicklungsteam mehr, keine Grundschulkooperation, kein Krisenteam usw. Also sollte es mir doch gut gehen. Ich bekomme mein Gehalt und muss viel weniger dafür tun, ist das nicht ein Traumzustand?

Ist es nicht.

Der Stillstand um mich herum lähmt mich selbst. Ich verbrenne nicht, um im Bild von Herrn Mess zu bleiben, ich erkalte eher. Gibt es hier überhaupt ein Schulentwicklungsteam? Ist mir bis jetzt nicht untergekommen, woran sollten die denn arbeiten, ist doch alles so toll hier? Die Grundschulkooperation ist nicht wirklich eine Kooperation, aber der Abteilungsleiter, der sich darum kümmert, fand neulich auch, dass hier doch alles ziemlich gut laufe. nicht wahr?, wie soll man sich da als Neuling einbringen?

In meinem Elternhaus habe ich gelernt, dass man sich erst einmal zurückhält und beobachtet, wenn man irgendwo neu ist. Man schreit nicht gleich: Ich, ich, ich weiß, wie es besser geht! Schließlich hat das Bestehende auch seine innere Logik und die will erst einmal erkundet sein. Also halte ich mich zurück und strecke zaghaft meine Fühler aus. Dabei beobachte ich eine Kollegin, die ganz ähnliche Ziele verfolgt wie ich. Sie ist mir gleich sympathisch, leider haben wir so gut wie nie Zeit uns zu unterhalten, da sie einen gegenläufigen Stundenplan zu meinem hat. Nennen wir sie Frau Schwätzinger, Heidrun, denn sie hat mir schon das Du angeboten. Heidrun versucht also in den fünf Minuten, die wir uns am Kopierer treffen, mich davon zu überzeugen, mich hier und da einzubringen, weil endlich mal jemand gekommen sei, der auch Interesse an Veränderungen habe. Heidrun freut sich. Heidrun versucht nämlich seit fünf Jahren, die sie schon an der Schule ist, etwas zu bewirken. Leider erfolglos. Genau deshalb freue ich mich nicht. Seit fünf Jahren versucht diese Frau mit Engagement schon kleine Veränderungen zu bewirken, aber alles bleibt, wie es ist. Da soll ich motiviert werden? Es versetzt mir regelrecht einen Stich, wenn ich höre, wie Frau Schwätzinger in der Fachkonferenz über den Mund gefahren wird, als sie ein heikles Thema anspricht. Ja, man wisse, dass Sie das wichtig finde, aber das hätte jetzt keinen Platz in der Tagesordnung, ein anderes Mal. Fünf Jahre ein anderes Mal?

Und das ist der Grund für mein Erkalten. Diese Schule gibt mir nicht das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Lehrer ja, damit der Schulbetrieb funktioniert. Gut, das ist ein wichtiger Teil meines Berufs. Aber das ist nicht alles. Ich will nicht wie Frau Schwätzinger werden, die voller Ideen ist und doch ständig gegen Mauern rennt. Also beginne ich, mich von meinem eigenen Tun zu distanzieren. Das ist das Gegenteil von Brennen, aber es hat die gleiche Ursache. Ich spüre die Wirksamkeit in meinem Tun nicht. Es geht gar nicht darum, wieviel man tut. Belastung kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Es geht darum, ob das, was man tut, eine Wirksamkeit erzielt.

Nun können manche auflachen und sagen: Was hat Frau Henner da für Luxusprobleme, frag doch mal den Fließbandarbeiter, ob er seine Arbeit als wirksam empfindet. Und da widerspreche ich. Das ist kein Luxusproblem und es geht nicht um die gesellschaftliche Anerkennung, die eine Tätigkeit erfährt, es geht um das subjektive Empfinden und das ist kein Luxus, sondern essentiell. Ein Fließbandarbeiter kann zufrieden nach seinem Tagwerk nach Hause gehen, wenn er sich in dem Unternehmen wohlfühlt, oder er kann geschafft nach Hause kommen und krank werden, wenn er seine Arbeit als stupide und sinnentleert wahrnimmt. Und so kann es auch einem Akademiker gehen. Und das wird am Ende zu einem gesellschaftlichen Problem, denn Unzufriedenheit macht auf die Dauer nicht nur die Seele krank.

Nun ist Frau Henner, ihr solltet sie ja nun schon kennengelernt haben, niemand, der sich seinem Schicksal ergibt. Frau Henner schmiedet Pläne. Und seit sie das tut, geht es ihr besser. Frau Henner hat wieder ein klares Ziel vor Augen. Sie strebt einfach nach mehr Wirksamkeit und hat kühl kalkulierend mehrere Optionen aufgestellt, was das in ihrem konkreten Fall bedeuten kann. Alles ist auf den Tisch gekommen. Und dann hat Frau Henner ausgesiebt. Dazu hat sie sich sogar Hilfe geholt. Wem kann man vertrauen, wer kennt sich aus in diesem Schulwirrwarr, wer kann Auskünfte geben über die Gepflogenheiten eines Regierungspräsidiums, wer hat genügend Erfahrung? Und dieser Jemand zeichnet mir kein gutes Bild von meinen Möglichkeiten, aber macht mir dennoch Mut, ich bin ein Sklave meines Regierungspräsidiums, eine bloße Nummer, die eine Planstelle besetzt. Aber da genau sehe ich eine Chance. Seit ich diese Chance sehe, geht es mir besser. Weniger Kopfschmerzen, weniger Erschöpfung, wieder mehr Energie. Ein kleines Leuchten kommt zurück.

Mir ist klar geworden, dass ich nicht den einen Plan B brauche, sondern mindestens drei, ich habe vier Pläne, nach dem Motto: Wenn der erste nicht klappt, versuche ich den zweiten, dann den dritten… denn mir ist ebenso bewusst geworden in den letzten Wochen, dass ich Ziele brauche. Ich werde nicht verbrennen, aber auch nicht erkalten. Dazu muss ich selbst etwas tun, denn niemand wird auf mich zukommen. Aber man kann erst dann etwas tun, wenn man sein Problem klar erkannt hat.

Frau Schwätzinger hat mir dabei geholfen, indem sie mir, ohne es zu wollen, einen Spiegel vorgehalten hat, der einen Prozess beschleunigt. Ich werde weiterhin zuhören und beobachten und gleichzeitig meine Pläne weitertreiben, ohne dies nach außen zu tragen, denn das Problem ist meines, nicht das der anderen, sie fühlen sich wohl. Wer bin ich denn, dass ich mich da einmische?

Und dann denke ich an die Schüler. Da gibt es eine Klasse, die ich sehr ins Herz geschlossen habe – und sie mich, das ist ja häufig ein wechselseitiger Prozess. Sie haben mir schon erzählt, was sie alles sch*e an der Schule finden, Jugendliche drücken sich eben einfach direkter aus. Und gleichzeitig haben sie mich regelrecht gebettelt, doch nicht wieder von der Schule zu gehen. Als ob man das einfach so könnte…

Es gibt also auch Gründe, hier weiterzukämpfen. Aber das geht nur, wenn Frau Henner wieder leuchtet, erkaltet geht da gar nix. Dann macht sie nur Dienst nach Vorschrift. Und damit kommt unserer Gesellschaft über kurz oder lang nicht weiter. Und das ist kein marginales Problem von Frau Henner. Dieses Problem haben viele Menschen. Auch die Fließbandarbeiterin, der Verkäufer und sogar der Mitarbeiter im Regierungspräsidium.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

 

SW 36: Frau Henner besucht die neue Schule

Liebe Leser,

nun war ich am Donnerstag schon mal auf Besuch in meiner neuen Schule. Nun also doch ein städtisches Milieu, aber immerhin noch keine Großstadt. Ein bisschen Aufregung machte sich in der Magengegend breit, als ich den altehrwürdigen Bau – der schon deutlich bessere Tage gesehen hat – betrete. Aha, das ist also mein neues Zuhause! Die unglaublich nette Sekretärin bietet mir gleich einen Kaffee an. Unsere Sekretärin ist auch so nett, wahrscheinlich muss man vorher einen Einstellungstest machen, wenn man Schulsekretärin werden will… warum gibt es den eigentlich nicht für Lehrer?

Ich betrete die heiligen Hallen des neuen Lehrerzimmers. Genauso bunt und chaotisch wie bei uns, denke ich noch… ab dem Moment habe ich keine Zeit mehr, an mein Bauchgrummeln zu denken, denn eine neue Kollegin führt mich gleich mal durch das Schulhaus. Sie plappert die ganze Zeit und strahlt mich dabei ebenso freundlich an wie vorhin die Sekretärin. Hier sind die Fachschränke und wenn ich da ein anderes System möchte – gerne! Ob ich die Fachzeitschrift abonnieren möchte? Dann solle ich das gerne tun! Und der Computerraum liegt gleich nebenan – ganz praktisch. Und hier sind die ganzen Schlüssel, braucht man ja schließlich. Ob ich noch etwas sehen möchte? Ich dürfe das ganz nach meiner Ordnung einrichten. Der Beamer ist nicht mehr der neuste, dafür verfügt der Fachraum über eigene Computerplätze natürlich mit Internetanschluss. Aber da sei ja noch Geld da, wenn ich etwas Neues anschaffen möchte, also sie würde voll hinter mir stehen.

Nach anderthalb Stunden strahlt die junge Frau noch immer. Ich habe einen ersten Überblick und bin wirklich eindrucksgesättigt. Noch mal zurück zum Lehrerzimmer. Ein neuer Kollege macht mir gleich noch ein Charmekompliment. Zu offensichtlich und doch einfach nett. Frau Henner lacht. Fühlt sich so an, als könne man sich hier einleben.

Am Freitag in der Schule fragen mich verstohlen ein paar Kollegen, wie es denn so war. Tja, sagen kann man da noch nicht viel. War ja nur ein erster Eindruck. Aber nett war es da auf alle Fälle. Nett ist das richtige Wort. Also schon ein bisschen anders als bei uns. Aber das sagt man ja nun auch wieder nicht. Sonst klingt das so hart… bei denen ist es nett, nicht so hintenrum wie hier. Kann man so nicht sagen. Es gab ja auch wirklich nette Kollegen hier. Eine Handvoll werde ich sicher vermissen. Eine Handvoll… ist das nicht eine kleine Ausbeute?

Egal, da sind die vielen Eltern und die vielen Schüler, die mir in den letzten Wochen gezeigt haben, wie sehr sie meinen Weggang bedauern – und da ist die Handvoll Kollegen, die ich schätze, die sehr guten Unterricht machen, die engagiert sind und einfach so nette Personen und die Schulleitung, die mich in den letzten Monaten so sehr unterstützt hat, sonst hätte ich vieles nicht geschafft. Das war es auf alle Fälle wert – eine gute Zeit geht zu Ende.

Nett war’s auch – mit den Schülern meist, mit den Kollegen manchmal.

Zeit, sich auf Neues zu freuen.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

SW 33: Moderner Physikunterricht?

Liebe Leser,

die letzten Arbeiten werden geschrieben, unsere Schulgebäude heizen sich über dem ungewöhnlichen Junihoch dermaßen auf, dass man tatsächlich ohne Übertreibung von Sauna sprechen kann, die Kollegen sind wiedermal reizbar – kurz: die Luft ist raus, aber es sind noch einige Wochen bis zum Schuljahresende. Und ich beschäftige mich mal wieder mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht. Ausgelöst durch – haltet euch fest – einen Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 2011, der mir zufällig in die Hände fällt. Zusammengefasst: in diesem Artikel wird ziemlich eindrücklich dargelegt, wie wichtig für gute Unterrichtsqualität ein guter Lehrer ist – nicht die Schulform, nicht das Budget, noch nicht einmal die Methode.

Ausgehend von einem schwedischen Experiment, bei dem man eine der schlechtesten Klasse des Landes für ein halbes Jahr mit den besten Lehrern des Landes ausstattete und dem Ziel, die Klasse an die Spitze der landesweiten Test zu katapultieren, was von einem Fernsehteam begleitet und landesweit ausgestrahlt wurde UND die Bildungsdebatte natürlich angeheizt hatte – weil das Experiment gelang – davon ausgehend wird auch das deutsche Schulsystem nach der Lehrerpersönlichkeit hinterfragt.

Einen Ausschnitt möchte ich zitieren, der die Resultate zusammenfasst: „Wenn es überhaupt ein Rezept gibt, dann dieses: Die Kunst der guten Lehrer besteht im großen UND. Sie haben besonders hohe Ansprüche UND besonders viel Verständnis, sie sind äußerst fachorientiert UND persönlich zugewandt, überaus konsequent UND unterstützend.“ (Christoph Kucklick, Die guten Lehrer, Es gibt sie doch!, GEO Februar 2011, S. 38.)

Das ist alles noch sehr vage, selbst wenn mir klar ist, wie es gemeint ist. Der Artikel führt auch einige Forschungen an. Unter anderen zum deutschen Physikunterricht. Da Lucy ab nächstem Jahr ebenfalls in den Genuss dieses bei uns verhassten Faches kommen wird und ich  – je nach Lehrer – große Debatten am Esstisch auf unsere Familie zukommen sehe, interessiert mich dieser Abschnitt besonders. Ich selbst war gut in Physik, fand das Fach aber zum Gähnen langweilig. Unseren Schülern geht das mehrere Jahrzehnte später noch genauso. Zumindest den zweiten Teil würden viele sofort unterschreiben. Nun lese ich von einer Analyse des Physikunterrichts an 70 Schulen von Tina Seidel und Manfred Prenzel. „Der Lehrer spricht bis zu 70 Prozent der Zeit, die Schüler liefern Stichworte, spulen vorgefertigte Antworten ab. Experimente? Gibt es, aber selten werden sie so gestaltet, dass Schüler eigenständig forschen; meist werden die einzelnen Schritte vorgegeben.“ Ja, so ungefähr war das auch bei mir. So läuft das auch noch heute – besonders in der Mittelstufe, wenn noch alle drin sitzen, da man erst in der Oberstufe das Fach abwählen darf. Lucy wird sich also wahrscheinlich langweilen und nichts verstehen, weil andere die Antworten schneller geben, und sie einfach abschalten wird, denn sie wird zu solchem Physikunterricht keinen Zugang finden. Was interessiert sie Masse, Druck und freier Fall?

Nun soll es hier nicht um Physikbashing gehen. Möglicherweise wären die Forscher zu solchen Ergebnissen auch gekommen, hätten sie ein anderes Unterrichtsfach mit der Hilfe von Videos analysiert. Sicher kann man das niederschmetternde Fazit auch auf andere Fächer übertragen: „Jede Stunde ein Abziehbild der vorherigen. Das Klischee von Lehrer, der ein Berufsleben mit einer einzigen geistigen Folie absolviert, ist viel zutreffender, als man zu fürchten gewillt war.“ Doch in Physik  – und auch in Chemie – ist in unserer Schule aus Schülersicht die Not am größten. Hoffentlich bekommt Lucy nächstes Jahr den Lehrer, der wenigstens noch Humor besitzt! Vielleicht wäre das für sie ein Zugang…

Dann denke ich an Jan-Martin Klinges Physikunterricht , den ich nur über seinen Blog verfolge, aber doch Lust auf Physik bekommen, selbst wenn ich nicht weiß, ob ich so der Lernthekentyp wäre. Aber sein Ansatz, über Filme, Experimente und Alltagsphänomene Physik erfahrbar und damit verständlich zu machen, gefällt mir ausnehmend gut. In einem Beispiel beschreibt er, wie aufwendig ein Schülerexperiment ist. Die Schüler brauchen für eine Erkenntnis eine ganze Doppelstunde, die man im Lehrerexperiment in zehn Minuten dargestellt hätte. Das Entscheidende ist aber, dass die Schüler bei Herrn Klinge alles selbst erdacht haben und nach dieser Doppelstunde tatsächlich mit einer Erkenntnis die Schule verlassen, während sie bei manch anderem Lehrer eine Erkenntnis vorgesetzt bekommen haben, die sie nicht verstehen, weil sie sie sich nicht zu eigen gemacht haben.

Lucy und auch ich fürchten sich schon jetzt vor dem Physikunterricht im nächsten Schuljahr. Da ich das weiß, könnte ich rechtzeitig vorbeugen, sicher gibt es interessant gemachte Bücher, Videos und vieles mehr – auch im Netz – aber hey, ich bin doch in dem Falle kein Lehrer, oder?!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 26: Sie will doch nur unterrichten!

Liebe Leser,

mein liebes Kollegium veranlasst mich zu diesem Beitrag. Momentan verhält sich dieses recht ruhig. Das große Gejammere ist zwar nicht leiser geworden, aber es hat sich zum Glück in unsere Mensa verlagert und in die Fachkabinette. Sicher, das ist keine gute Entwicklung: da hocken dann ein paar Lehrer zusammen und wehklagen und verfluchen den Chef oder Frau Hanswurst oder gleich das System, die Eltern, die Gesellschaft. Am liebsten die ganze neue Zeit. Mit dem Absondern schaffen sich Probleme nicht ab und Weltbilder können im kollegialen Gespräch nicht gerade gerückt werden, aber wir anderen haben im Lehrerzimmer wenigstens endlich ein wenig Frieden.

Also regt es mich nicht auf, wenn Frau Schulte morgens das Lehrerzimmer betritt, um ihr Postfach zu leeren, dann aber regelmäßig das Schimpfen anfängt, sich ihre Tasche schnappt und immer noch zeternd den Raum Richtung Oberstufengebäude verlässt. In der Regel bleibt sie dort, bis sie am Mittag wieder das Schulgelände verlässt. Traurig ist es trotzdem. Sie war mal richtig nett.

Was ist passiert?

Das Leben ist passiert. Anders kann ich es nicht sagen. Frau Schulte kommt mit der neuen Zeit nicht mehr mit. Alles nimmt sie persönlich: Die Schüler sind nicht mehr anstrengungsbereit, werden schlechter, die Eltern haben viel zu viele Ansprüche und überhaupt die Erwartungen, die an Schule gestellt werden, immer sollen wir die Welt retten und dabei wollen wir doch einfach nur Unterricht machen…

Wo ist da eigentlich der Gegensatz? Natürlich will ich die Welt retten, sonst hätte ich Jura studiert. Am liebsten zusammen mit meinen Schülern, denn sie sind nun mal die Zukunft – nicht wir. Die Kinder sind die Erwachsenen von morgen und ich habe großes Interesse daran, ihnen meinen Stempel aufzudrücken, damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können in den gesunden Apfel von heimischen Streuobstwiesen. Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man so vielen jungen Menschen die Welt erklären, sie zum Nachdenken anregen kann, ihnen Lebensfreude und -sinn vermitteln UND das vor allem im Unterricht.

Mich stört die Trennung in den Köpfen. Da ist auf der einen Seite der Fachunterricht, Mathe, Deutsch, Bio. Und auf der anderen Seite sind die Menschenbildung, die Schule als Lebensraum, das soziale Gefüge der Gemeinschaft. Während ich älter werde, begreife ich das immer mehr als untrennbares Gefüge. Ich unterrichte Grammatik und gleichzeitig erziehe ich Kinder und bereite sie auf eine Welt von morgen vor, indem ich ständig hinterfrage, was ich tue, was die Kinder tun, mit welcher Bereitschaft sie an welche Themen gehen. Ich kann Rechtschreibung nicht von Lebensfreude trennen und Literatur nicht von Gewissensbildung. Und ich denke, dass das nicht nur in Deutsch oder Geschichte geht. Jedes Fach bildet im humanistischen Sinne und der Lehrer als Person, der mit den jungen Menschen fiebert, leidet und lacht – der ist der größte Bildner dabei.

Frau Schulte will doch nur unterrichten. Seltsam – genau das will ich auch. Und trotzdem trennen uns Welten. Frau Schulte schüttelt den Kopf. „Wart mal ab, da kommst du auch noch hin“, soll das wahrscheinlich heißen.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner