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SW 31: Von roten Riesen und weißen Zwergen und vom Sterben des Lichts

Liebe Leser,

der kleine Leo ist ein pfiffiges Kind, es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Und ganz, ganz langsam beginnt er sich auch darauf zu freuen. Weil dann nicht nur die große Lucy wichtig ist, wenn sie sagt: „Also, ich mach dann mal Schularbeiten!“

Heute ist Lucy im Freibad. Herr Henner muss arbeiten. Leo und ich sitzen allein am Mittagstisch. Zuerst erzählt er von Cäsar und erklärt mir, dass der alleine regieren wollte. Und ja, das hat den anderen Senatoren im alten Rom nicht gefallen und da haben sie ihm die Toga weggerissen und ihn… na du weißt schon… Der kleine Leo redet nicht gerne über den Tod. Und so kommen wir von ganz realen Tod eines mächtigen Mannes zum Tod der roten Riesen. Ob ich wüsste, wie die sterben? Weiß ich nicht. Macht nichts. Das erklärt mir der kleine Leo. Vieles kann er auf meine Nachfrage mit eigenen Worten erklären und nicht nur Theo, Tess und Quentin – das sind die drei Figuren aus „Was ist was?“ – abspulen. Aber als er mir erklären will, wie der Anfang der Welt geht, stolpern wir  beide über das Wort Universum.

„Du sagst also, unser ganzes Universum war in einem Lichtpunkt, was ist denn ein Universum?“, frage ich den kleinen Leo.

Lehrereltern sind gemein, ich weiß. Anstatt sich über ihr wissbegieriges Kind zu freuen, führen sie es zielsicher an seine Grenzen und zeigen ihm, dass es eigentlich nicht viel weiß. Aber ich höre in meinem Hinterkopf unsere Naturwissenschaftler, die sich ständig beschweren, dass die Kinder alles Mögliche aus der Grundschule oder von zuhause mitbrächten, aber keine Ahnung hätten, was sie da eigentlich erzählen.

„Moleküle, ständig reden die von Molekülen  und haben keine Ahnung, was das ist. Und wenn du dann fragst, was denn ein Molekül ist, dann herrscht Schweigen – die sind doch nur vollgestopft mit Pseudowissen…“, regt sich die Biolehrerin auf.

Das Universum also.

Leo überlegt. „Also das weiß ich jetzt nicht.“

„Dann lass uns mal nachgucken“, schlage ich vor und stelle mich auch mal dumm.

Neben unserem Esstisch stehen in Reichweite ein Duden, ein Atlas, Unser tägliches Latein, Unser tägliches Griechisch, ein Pflanzen- und Tierführer, ein Herkunftswörterbuch und allerhand anderer nützlicher Kram. Schnell ist das Wort Universum nachgeschlagen und der kleine Leo staunt, was in diesem Buch alles drin steht. „Ach das kommt aus dem Latein, das hat auch der Cäsar gesprochen… Aber klar, du hast Recht, als die tiefe Nacht war, da gab es ja noch keine Sterne, die waren da alle mit drin in diesem hellen Licht. Deshalb heißt das „Das Gesamte“. Und dann gab es den großen…“ Jetzt schaut mich Leo herausfordernd an und klatscht in seine kleinen Hände.

„Urknall?“

Jetzt lächelt er verschmitzt und sagt mit erhobenem Zeigefinger: „Aber das ist nur eine Vermutung von den Wissenschaftlern.“

Bis der überbackene Toast gegessen ist, werden wir uns noch über den Islam unterhalten haben, den Koran – nur in Ansätzen, ich habe da nicht so viel Ahnung, muss ich gestehen – und über Papyrus.

Nein, der kleine Leo ist nicht hochbegabt. Er ist einfach nur schulreif.

Voll Neugier freue ich mich mit ihm auf die Schule. Dieser kleine Kerl ist so neugierig auf die Welt, geduldig und auch genau, eigentlich kann das doch nur gutgehen mit ihm. Ich verdränge ganz bewusst alles, was ich mit Lucy an Negativem in der Grundschule erlebt habe, und freue mich auf all das Schöne, was uns auch erwarten wird.

Während ich an den Computer gehe, um zu bloggen, schnappt er sich ein weißes Blatt und zeichnet. Die roten Riesen und die weißen Zwerge und das ganz Universum mit dazu. Sein Universum. Da ist noch nicht alles richtig, aber da ist richtig viel Platz. Da stimmen noch nicht alle Zusammenhänge, aber täglich entstehen neue Bahnen. Da hat jemand ein Licht in sich und nun liegt es an uns, dass es leuchtet.

Manchmal frage ich mich, ob nicht doch wir Lehrer Schuld tragen, wenn solche Lichter mit der Zeit verlöschen… Muss ich denn ein Kind mit genervtem Unterton angehen, wenn es das Wort Molekül sinnentleert gelernt hat? Was kann es denn dafür? Seht es doch mal von der anderen Seite. „Aha, du sagst also Molekül und weißt gar nicht, was das genau ist… toll… das ist doch jetzt spannend. Genau das schauen wir uns jetzt gemeinsam an!“

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 16: Krampf lass nach!

Liebe Leser,

vielen Dank für die vielen Reaktionen auf den letzten Post, gerne klaue ich mir einige Anregungen.

Mit wachen Augen sitze ich gestern mal wieder in einer Grundschule und hospitiere den Deutschunterricht. Mein Augenmerk richtet sich genau auf die angesprochenen Probleme: Schriftbild, Rechtschreibung, Ausdruck. Den Unterricht der Lehrerin lasse ich wohlig an mir vorüberfließen, die Stunde ist mit sehr viel Spielereien vorbereitet: vorbereitete Zettel in weiß hier, vorbereitete Zettel in bunt da, laminierte Merkpunkte für die Tafel, futuristisch klingende Arbeitsformen, alles sehr durchdacht – kann ich nicht meckern, will ich auch gar nicht. Ich denke, an unseren Grundschulen arbeiten in der Regel viele fähige Lehrerinnen. Ausnahmen kenne ich auch, die habe ich hier schon thematisiert, aber mir ist grade so ganz und gar nicht nach Konfrontation. DAS NÜTZT NÄMLICH NIEMANDEN WAS – den Kindern schon gar nicht. Klar könnte ich hinterher mit jovialem Lächeln fragen: „Und wann schreiben die Kinder nun endlich das, was sie da gerade gelernt haben?“ Aber ich habe nur einen Ausschnitt gesehen und die Lehrerin wollte sicher zeigen, was sie alles drauf hat und nicht die Kinderleins nur schreiben lassen. Einen Stift in der Hand hatten sie in dieser Rechtschreibestunde nur ganze fünf Minuten.

Und genau da gucke ich hin. Mich interessiert, wie die Hefte aussehen, wie die Schrift zu lesen ist, wie sie Sätze formulieren und natürlich wie sie rechtschreiben. Zur Erinnerung: Das sind bei uns die katastrophalen Aspekte in der Unterstufe. Und was erlebe ich hier? Sauber und ordentlich geführte Hefte – kein Kind schreibt schräg oder über den Rand. Eine feine Schreibschrift zieht sich durch das Heft. Das andere kann ich nicht einschätzen, da ich kaum selbstformulierte Sätze finde. Die Rechtschreibung ist nicht korrekt, aber doch passabler als anzunehmen, wenn man an die Hefte in unserem Gymnasium denkt. Das lässt nur einen Schluss zu: die Kinder verlernen bei uns grundlegende Fähigkeiten und wir sind daran nicht unschuldig.

WAS PASSIERT DA?

Ein Punkt ist sicher, dass die Schüler bei uns VIEL schneller schreiben müssen und VIEL mehr. Die Zeit reicht einfach nicht zum Buchstabenmalen. Zudem sollen sie bei uns schreiben und denken gleichzeitig, das ist eine Herausforderung.

Ein weiterer Punkt könnte sein, dass wir das Erlernte nicht beibehalten und festigen, weil wir davon ausgehen, dass die Kinder es von allein bringen müssten. Nein, sie können es nicht. WIR müssen weiter üben, üben und einfordern. ALLE Lehrer im Kollegium – und da höre ich schon Frau von Ostrach rufen: „Was sollen wir denn noch machen!“

Wir müssen wieder zurück zum Hefteeinsammeln und Durchgucken, wir brauchen mehr Absprachen und Unterstufenkonferenzen. Wir müssten alle das Methodencurriculum um Basales erweitern und ernst nehmen. Unterstufenschüler schreiben Schreibschrift, ins Heft, Abschreibeübungen, Diktate, Fehler werden nicht nur in Deutsch angestrichen und eine Korrektur wird eingefordert und immer wieder kontrolliert… Ich sehe das alles deutlich und weiß doch, dass das so mit unserem Kollegium nicht machbar ist.

Also mache ich eine ganz persönliche Frau-Henner-Studie. Die Grundschullehrerin hatte mir berichtet, wie viel Mühe das Beibringen und Einfordern der richtigen Stifthaltung sei. Was früher als ein Merkmal der Schulreife galt, ist heute Sache der Grundschule, weil die Kinder aus dem Kindergarten ohne korrekte Stifthaltung kämen. Aber wir kennen das alle: was sich einmal falsch eingeschliffen hat, ist einfach nicht mehr wegzubringen. Auch der kleine Leo hält den Stift falsch. Ich habe sogar schon solche Gummiteile gekauft, die man über die Buntstifte drüberstülpt, damit er keine Wahl hat, aber Leo bekommt es trotzdem hin, auf die Oberseite zwei Finger abzulegen. Immer wieder rutsch der Mittelfinger an die falsche Stelle. Das ist wirklich mühsam – ich habe die Ermahnungen inzwischen sein gelassen, Leo zeichnet schöne Bilder, worum sollte ich mir Sorgen machen? So geht es sicher vielen Erwachsenen. Wir scheuen die Mühe, soll das mal der Lehrer erledigen.

Hält man den Stift falsch, ist die Gefahr von Verkrampfungen höher, die Schrift kann sich unter Umständen nicht so leicht entwickeln. Ehe ihr mir jetzt gleich von eurer Ausnahme berichtet: ja, es gibt Kinder, die die Stifte unmöglich halten und trotzdem schnell und sauber schreiben. Das sind wie gesagt die AUSNAHMEN. Noch immer hoffe ich, dass der kleine Leo auch dazu gehören wird – zu den Ausnahmen. In der Regel ist der Zusammenhang aber anders: falsche Stifthaltung = langsames Schreiben = Mühe beim Schreiben = Krampfung = Gekrakel = Abwehrhaltung. Grob gesagt.

Heute nun gucke ich genau hin. Meine Sechser schreiben. Oh Schreck! Das ist mir so noch nie aufgefallen: von fünfundzwanzig Kindern schreiben ungefähr fünf mit korrekter Stifthaltung. Die anderen verbiegen die Finger auf recht abenteuerliche Weise. Mir tut schon vom Hinschauen die Hand weh – Krampf lass nach! Morgen werde ich das Ganze noch verifizieren, denn ich habe beobachtet, dass es Kinder gibt, die sogar die Stifthaltung beim Schreiben ändern. Dann haben sie zum Beschreiben einen kleinen Gegenstand ins Heft zeichnen müssen. Ich wollte sehen, wer eigentlich eine gerade Linie freihand zeichnen kann und wer einen Kreis, der rund ist und sich von allein schließt…

Mit schlechtem Gewissen komme ich nach Hause. Heute übe ich mit dem kleinen Leo, wie man einen Stift richtig hält. Ab heute achte ich da mehr drauf. Ich kann nicht alles der armen Grundschullehrerin überlassen. Das ist doch mal ein Neujahrsvorhaben!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Wer hat die beste Klasse?

Liebe Leser,

Halbjahr. Halbjahresinformationen. Notenkonferenzen.

Meine Fünfer sind ja leistungstechnisch nicht so der Knaller, aber wenn ich die Liste mit Frau Weinstetts Schäfchen vergleiche, dann ist alles normal. Ihre sind besser, aber nicht viel, und irgendeiner muss ja schließlich das Schlusslicht sein. Wären Elif und Adam nicht in meiner Klasse, sehe alles auch anders aus. Aber jede Klasse hat ihre Elifs und Adams und wir kämpfen gemeinsam weiter. Frau Weinstett und ich, wir tauschen uns oft aus, sprechen unsere Maßstäbe ab, so ein bisschen innere Transparenz muss schon sein. Das gibt uns bei der veränderten Schülerschaft auch ein bisschen Sicherheit.

Dann komme ich an der offen einzusehenden Notenliste der dritten Fünferklasse vorbei und ich muss einfach kurz draufschauen – ich kann nicht anders. Mir stockt der Atem.

Wow, sind das gute Noten in Deutsch! Wie macht der das nur? Ganz im Ernst, ich fange an zu überlegen, wie man bei einem Diktat als Klassenarbeit überhaupt auf solche Noten kommen kann. ALLE Noten in Deutsch sind überdurchschnittlich, da gibt es keine Ausreißer nach unten – KEINE. Wie macht der Kollege das mit seiner Elif und seinem Adam?

Dann erinnere ich mich. Eine Preisverleihung, der Kollege steht vor mir. Seine Klasse sahnt voll ab. So viele Preise und Belobigungen hat keine andere Klasse.

„Wow!“, sage ich.

„Ja, wow“, strahlt der Kollege, „meine Klasse ist echt gut!“

Ich würde den Kollegen ja fragen, wie er zu solchen Leistungen kommt, aber er arbeitet nicht gerne mit anderen zusammen, das habe ich inzwischen erkannt. Er wiegelt immer ab. Dann soll er den Wanderpokal für die beste Klasse am besten gleich behalten. Ich gehe lieber zu Frau Weinstett, die teilt mein Schicksal. Wir überlegen gemeinsam, wie wir unseren Elifs und Adams deutsche Rechtschreibung beibringen könnten, welches Arbeitsheft für Kinder mit Migrationshintergrund vielleicht gewinnbringender wäre als unser übliches, was wir den Eltern nach der Halbjahresinformation raten. Das alles hat der dritte Kollege im Bunde ja gar nicht nötig. Dort ist alles in Butter.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Meckersäcke

Liebe Leser,

kurz vor den Herbstferien wird es wieder akut. Die Meckersäcke treiben ihr Unwesen. Baumann, Albert, von Ostrach und wie sie sonst noch heißen regen sich über jedes Fitzelchen auf. Macht die Schulleitung etwas, wird darüber gemeckert, weil doch früher alles besser war. Macht die Schulleitung etwas nicht, wird lautstark debattiert, weil man doch endlich mal etwas ändern müsste.

Seit einiger Zeit dürfen wir als Kollegium unsere Wünsche verschiedene Themen betreffend auf Formularen formulieren. Auch wieder falsch. „Na, wenn die Schulleitung keine anderen Probleme hat!“ Dabei handelt es sich gerade um eine Umfrage zur Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen an unserer Schule. Das wäre die Gelegenheit, nicht nur sein Maul weit aufzureißen, sondern einmal tatsächlich seine Wünsche, Anregungen, Bedenken zu formulieren.

Aber das will man ja gar nicht. Manche finden Lebensfreude schon in der Opposition. Aus Prinzip!

Nervig, ich würde Schule lieber gestalten, das heißt analysieren, kritisieren und dann Vorschläge machen. Selbst den Hintern hochkriegen. Das ist allemal besser, als sich in der Mensa hinter Kaffeebechern zu verschanzen und immer wieder den gleichen Jammergesang anzustimmen.

Das musste mal gesagt werden!

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Wenn Frau von Ostrach etwas sagt, schweigen die Krümel

Liebe Leser,

Tischgesellschaften im Lehrerzimmer sind organisch gewachsen. Wenn ein Kollege geht, dann kann sich ein neuer dahin setzen. Besonders beliebt für Veränderungswillige sind Elternzeiten, weil man dann mitten im Jahr seinen Platz wechseln kann, wenn man an seinem Tisch nicht glücklich wird. Aber nur ganz selten setzen sich Kollegen demonstrativ fort oder veranstalten sogar einen Ringtausch mit einem ebenso unzufriedenen Kollegen. Ich habe immer noch die gleiche Perspektive auf die Kollegen, aber unser Tisch hat sich im Laufe der Jahre verändert. Und ich bleibe hier sitzen, auch wenn Frau von Ostrach manchmal sehr anstrengend ist.

Sie kann charmant sein, mütterlich und herzlich. Und mit ebensolcher Emphase klagt sie über alle, die es nicht so gut wissen wie sie selbst – also den Rest. Frau von Ostrach ist der Kuchen und wir sind die Krümel. Wenn man ihr allerdings das Gefühl gibt, das zu akzeptieren, kann man an einem Tisch mit ihr sitzen. Dann tut sie sogar so, als setze sie sich mit uns auf eine Augenhöhe. Die Schule – das reinste Theater.

Nun hat Frau von Ostrach meine Klasse in Deutsch übernommen. Diese netten, aber übersensiblen, chaotischen, kreativen Sechser vom letzten Jahr, die mir immer noch im Schulhaus entgegenwinken, als wären sie die neuen Fünfer. Fachlich lasse ich auf Frau von Ostrach nicht viel kommen, der Übergang von meinen Anforderungen zu ihren kann sozusagen nahtlos vonstatten gehen. Vermute ich.

Heute sitzt Frau von Ostrach am Tisch und schwärmt von dieser Klasse: „Was die schon alles können, wie die erzählen können, also da sind schon ein paar kluge Köpfe dabei…“

Ich lächelte, ja, ich kann sofort ein paar Namen aufzählen, aber das wird Frau von Ostrach gleich für mich machen.

„… Also zum Beispiel der Bernhard und der Justus, wie die beiden heute über ihre Lieblingsbücher gesprochen haben!“

Moment: Bernhard und Justus – beide mit einem gerade noch so Befriedigend?

Auch der Mathelehrer am Tisch blickt irritiert auf. Er ist neu hier in der Lehrerzimmerecke und wagt es, Frau von Ostrach zu widersprechen: „Hab ich die Namen jetzt richtig verstanden, also das wundert mich…“

Ich falle dem Mathelehrer schnell ins Wort: „Naja, die Erfahrung kann Frau von Ostrach ja selbst machen und überhaupt, vielleicht haben sich die Jungs über die Ferien auch wahnsinnig entwickelt. Zuzutrauen wäre es ihnen.“

Der Mathelehrer lächelt zurück und nickt. Er hat verstanden. Beide Jungs sind sehr extrovertiert und big charming. Nach dem ersten Aufsatz werden wir schon erfahren, ob sie sich auch im Schriftlichen endlich auf gymnasialem Niveau befinden. Frau von Ostrach wird uns sicher stolz oder entsetzt, aber auf alle Fälle mit viel nach außen getragenem Gefühl davon berichten.

Ich wünsche ihnen einen großen Sprung. Wie gesagt, es sind beides sehr liebenswerte Jungs. Schade nur, dass Frau von Ostrach Maximilian, Hannah und Lea nicht erwähnt, meine Lichtblicke, wenn es wirklich kompliziert wurde. So unterschiedlich ist es im Leben. Alles bleibt im Fluss.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Schöne neue Medienwelt

Liebe Leser,

grob gesagt lassen sich die Kollegen in drei Kategorien teilen:

Typ 1 hat ein großes gelbes Notenbuch oder ein kleines rotes Notenbüchlein, in die er akkurat alle Noten einschreibt und mit dem er dann per Hand zum Halbjahr und Jahresende mit dem Taschenrechner den Notenschnitt ausrechnet. Nennen wir diesen Typ den Steinzeitlehrer (dieser Begriff stammt nicht von mir, sondern von einem Smartlehrer!)

Typ 2 hat ein Notenbüchlein und zuhause überträgt er alle verteilten Noten zusätzlich entweder in ein Notenprogramm oder meist in eine einfache Exeltabelle auf seinem Homerechner. Nennen wir diesen Typ den Exellehrer.

Typ 3 macht seine Unterrichtsrecherche im Lehrerzimmer am liebsten über das eigene Smartphone und bestreitet den Unterricht auch gerne mit dem Tablet, in das sogleich alle Noten eingetragen werden, die entweder in drei Backups in verschiedenen Clouds gespeichert werden oder zuhause mit dem häuslichen Rechner synchronisiert und sogar verschlüsselt werden. Nennen wir diesen Typ den Smartlehrer.

Natürlich gibt es noch Ausnahmen und Ausreißer und auch eine Menge Zwischenwesen, aber im Wesentlichen kann man unser Kollegium und sicher auch viele andere so einteilen.

Bis heute waren alle drei Typen glücklich mit dieser Art der Notenspeicherung – bis wir heute ein Anschreiben in unseren Fächern gefunden haben, dass uns darauf aufmerksam macht, dass das alles nicht sicher ist. Und nun sind wir die Bösen. Hacker könnten unsere Rechner angreifen, Schüler könnten unsere Notenbücher stehlen, ganz schlaue Informatiker könnten sogar die verschlüsselten Daten abgreifen. Dann wüsste jeder, dass Klein-Max auf dem Zeugnis eine Vier in Biologie hatte und Klein-Lise im Diktat eine Fünf. In einer modernen Gesellschaft darf so etwas nicht geschehen! Und nicht der Hacker, der Schüler oder der schlaue Informatiker wären schuld, sondern allein wir Lehrer, die die sensiblen Schülerdaten nicht sorgfältig genug aufbewahrt haben.

Eltern könnten klagen.

Schüler könnten klagen.

Die Konsequenz? Das weiß keiner. Die Steinzeitlehrer haben Angst, dass man sie zu einer digitalen Notenabgabe zwingt. Die Exellehrer regen sich auf, weil sie Exel höchstwahrscheinlich nicht mehr verwenden dürfen und die Smartlehrer recherchieren gleich im Netz nach Gesetzen, Möglichkeiten und Präzedenzfällen, die zeigen, dass ihr Tablet und ihre Notenapp als sicher einzustufen ist.

Und ich? Ich setzte mich an den Heimrechner und schreibe meinen Blog und frage euch, welche Diskussion führt ihr im Kollegium, was ist euch erlaubt, was wird euch verboten, welche Lösungen habt ihr gefunden oder macht ihr etwa gar nichts?

Viele neugierige Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

P.S. In diesem Schuljahr fällt mir wieder einmal auf, dass wir Lehrer sehr viel unserer Zeit aufwenden, um so einen Scheiß bürokratische Vorgaben umzusetzen, anstatt uns um den Unterricht zu kümmern und die Schüler… aber das nur so am Rande.

Schlechte Schwingungen

Liebe Leser,

meine Noten sind gemacht, die Sechser sowieso im Schullandheimfieber (noch anderthalb Wochen!) und ich verbringe meine Hohlstunden mit Vorbereitungen für das neue Schuljahr (ich bin hochmotiviert – echt!) und vor allem damit, meine Kollegen zu beobachten. Was mir auffällt: die Stimmung kippt gerade. Mag sein, dass es der Schuljahresendstress ist. Nicht jeder hat seine Noten schon fertig. Aber einigen von denen, die sie fertig haben, zeigen sich die Notenlisten gegenseitig, um über die Schüler herzufallen.

Da gibt es Klassen, in denen die Hälfte einen Vierer und schlechter kassiert. Zum Teil liegt das an der Pubertät, zum Teil an einfacher Faulheit. Aber es gibt auch Lehrer, die wollen die Schüler jetzt endlich weghaben.

„Da müssen wir jetzt mal zusammenhalten!“

„Knick jetzt ja nicht ein!“

„Dieses Schuljahr hat er endlich vier Fünfer!“

„Dem müssen wir es jetzt endlich mal zeigen!“

„Der hätte viel früher weggemusst!“

Sicher, es gibt Schüler, die mit unserem Tempo und den Anforderungen nicht zurechtkommen. Dann ist es für alle besser, wenn sie auf die Realschule gehen. Wolf und ich sind froh, dass Fabrice und Ronja abgehen, dabei hätten wir nächstes Jahr sowieso nichts mit ihnen zu tun. Aber es geht ja um das Kindswohl. Und so sind bei den Schülern, über die momentan im Lehrerzimmer hergezogen wird, auch welche dabei, die überfordert sind. Diese Situation durch eine Änderung der Schullaufbahn zu beheben, halte ich für sinnvoll.

Was mich dann stört?

Es ist der Ton. Er ist aggressiv und fast schon gehässig. Und damit verschieben sich die Ebenen. Es geht nicht mehr nur um die Leistung, es wird persönlich. Man will diese Schüler einfach weghaben.

Ich veruteile die Kollegen nicht, die im Notenstress den falschen Ton treffen. Einige haben eine wahre Eltern-Odysee hinter sich: Gespräch um Gespräch, teils vorwurfsbelastet, teils genauso aggressiv. Für einige Kollegen ist das jetzt nur die Retourkutsche, der Befreiungsschlag.

Aber trotzdem bleiben schlechte Schwingungen im Lehrerzimmer zurück. Es ist traurig zu beobachten, wie wir Lehrer manchmal die Kinder nicht mehr als Menschen wahrnehmen, sondern sie nur nach ihrer Notenliste beurteilen.

Auf der anderen Seite gibt es eben auch die Flegelschüler, die selbst alles dafür tun, dass man Schwierigkeiten hat, sie zu mögen. Und für uns Lehrer gibt es kaum Gelegenheiten, uns mit diesen Persönlichkeiten kontrovers und konstruktiv auseinander zu setzen. Viele von denen unterrichten wir nur einmal die Woche. Wie soll man da eine Beziehung aufbauen, die über die pubertären Untiefen hinwegträgt?

Missversteht mich nicht. Eine Fünf kann gerechtfertigt sein. Es geht gar nicht um die Note. Es geht darum, was die Vergabe von Noten mit einigen Menschen macht. Ich bedauere die Kollegen, die sich jetzt so fertig machen, wenn sie zusammen im Lehrerzimmer stehen und mit Fünfern hausieren. Das kann nicht gut für die Seele sein. Das verhärtet.

Weil ich das sehe, nehme ich mir vor, Fabrice und Ronja eine kleine Freude zu machen, wenn sie gehen. Zwar weiß ich noch nicht wie, aber es sind ja noch ein paar Wochen bis dahin. Beide sind hier heillos überfordert, aber was können die Kinder dafür? Welchem Kind kann ich denn vorwerfen, dass es gern aufs Gymnasium wollte? Und von welchem Zehnjährigen erwarte ich, dass er zuhause mit seinen Eltern über seine Überforderung spricht? Und so wie das System ist, ist es doch natürlich, dass die Eltern erst einmal abwarten, ob der Knoten vielleicht doch noch platzt. Für uns Lehrer sind das alltägliche Vorgänge, für Eltern brechen Welten zusammen. Das sollten wir uns bewusst machen.

Ich muss mich aber auch an die eigene Nase fassen. Johannes aus der Sechsten bleibt, obwohl wir der Mutter geraten haben, ihn vom Gymnasium zu nehmen. Johannes lernt jeden Tag und ist doch nur sehr mäßig, aber die Mutter überhöht ihren Prinzen und der Prinz verliert durch den Druck zuhause ein gutes Stück seiner Kindheit. Er kann im Grunde nichts dafür. Aber mein Ärger über die Ignoranz der Mutter ist trotzdem gerade dabei zu kippen. Fast wünsche ich mir, dass Johannes nächstes Schuljahr grandios scheitert, nur um mit meinen Ratschlägen Recht zu behalten. Und das ist falsch. Ich sollte ihm alles Gute wünschen, dass der berühmte Knoten platzt und dass er sich von seiner Mutter emanzipieren kann. Ich sollte ihm wünschen, dass wir Lehrer Unrecht hatten. Ich muss aufpassen, dass sich die Leistungseinschätzung nicht über das Verhältnis zu dem Jungen legt. Und jetzt, da ich das hier im Blog aufschreibe, bin ich mir plötzlich sicher, dass ich das kann.

So wie ich Fabrice und Ronja alles Gute an der neuen Schule wünsche, drücke ich Johannes die Daumen für das nächste Schuljahr. Neues Jahr, neue Lehrer, neue Chance.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner