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Preis-Verdächtig II

Liebe Leser,

vor ein paar Jahren las ich in einer überregionalen Zeitung, dass ein Lehrer an einer Schule unserer Region einen Lehrerpreis gewonnen hatte und war bass erstaunt, dass ich das auf diesem Wege erfuhr. Warum redete man an meiner Schule nicht darüber? So weit weg war das doch nicht? Daraufhin sprach ich einen Kollegen in meiner Schule an und erntete nur eine wegwerfende Handbewegung. Was soll das schon Tolles sein? Wieder wunderte ich mich. Kann man darauf nicht stolz sein? Sind die Kollegen nicht neugierig, was der andere Kollege gemacht hat, um eine solche Ehrung zu erhalten? Hmmmm…

Seit dem habe ich diverse Lehrerpreise aufmerksamer verfolgt und konnte einen Interviewpartner für meinen Blog gewinnen. Im Interview werdet ihr erfahren, warum er anonym bleiben will.

 

Frau Henner: Wie war das, als du von deinem Lehrerpreis erfahren hast?

Preisträger: Es war am Nachmittag und ich war allein im Lehrerzimmer, als der Anruf kam. Ich konnte das erst gar nicht glauben und habe zweimal nachgefragt. Es musste sich um einen Irrtum handeln. Dann sickerte die Erkenntnis langsam durch und ich fing an, tatsächlich ein paar Zentimeter zu schweben. Ein sagenhaftes Gefühl, dass ich am liebsten gleich mit der ganzen Welt geteilt hätte. Aber man sagte mir, dass ich das bis auf der Schulleitung niemandem sagen dürfe. Dann bin ich gleich zur Schulleitung. Der Direktor hat mir natürlich erfreut gratuliert und ich schwebte den ganzen Nachmittag durch die Flure, ich glaube, ich habe ununterbrochen gegrinst.

Frau Henner: Das klingt wunderbar. Wie ging es dann weiter?

Preisträger: Das Kollegium wurde kurz vor der Preisverleihung informiert, weil klar war, dass nun etwas Medienrummel auf uns zukommen würde. Und das war dann sehr seltsam. Mir haben fünf Kollegen nach der Verkündung während einer Konferenz spontan gratuliert und drei weitere im Laufe der nächsten Woche. Wir sind aber eine große Schule und die Mehrheit des Kollegiums hat das einfach ignoriert. Da kam ich mir vor wie ein Hochstapler.

Frau Henner: Wie meinst du das?

Preisträger: Einige Kollegen tuschelten hinter meinem Rücken. Es ging darum, dass ich mich ja wohl wichtig machen wolle. Der Buschfunk trug das natürlich zu mir, wahrscheinlich auch beabsichtigt. Es gab Kollegen, die sich in meinem Beisein beschwerten, dass man heutzutage lauter Scheiß machen müsse und dass das Kerngeschäft Unterrichten gar nicht mehr Anerkennung brächte. Das hat mich schon verletzt, denn gerade fürs Unterrichten habe ich ja den Preis bekommen. Als dann tatsächlich ein Fernsehteam da war, haben sie sich lustig gemacht. Eigentlich war das nur eine kleine Gruppe, aber die hat es mir vermiest. Und natürlich das Schweigen der Menge. Das ging dann soweit, dass ich über die eigentliche Preisverleihung kaum etwas an meiner Schule erzählt habe und sogar den Direktor gebeten habe, das nicht noch einmal in der Abschlusskonferenz zu erwähnen, weil ich die Missgunst der Kollegen nicht länger ertragen wollte.

Frau Henner: Dann war der Preis für dich also eher eine negative Sache?

Preisträger: Nein, ganz und gar nicht! Die Preisverleihung war einmalig und ich habe in dieser Zeit damals unglaublich viel Motivation bekommen, trotzdem weiterzumachen. Aber ich rede nicht darüber. Durch den Preis habe ich interessante Menschen kennengelernt und meinen Horizont wieder ein Stück erweitern können. Ich möchte ihn nicht missen. Manchmal, wenn ich im Schulalltag mit mir hadere, dann denke ich an den Moment, als mich die Sekretärin ans Telefon rief und eine Stimme sagte: „Ich gratuliere Ihnen, denn Sie haben unseren Lehrerpreis gewonnen!“

Frau Henner: Der Lehrerpreis war für dich also eher eine private Angelegenheit?

Preisträger: Ganz genau.

Frau Henner: Vielen Dank, dass du mir das so offen erzählt hast.

Preisträger (lacht): Vielen Dank, dass du mir zugehört hast, das ist nicht selbstverständlich.

 

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

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Wandel

Liebe Leser,

die letzten beiden Wochen schlauchen mich körperlich und mental. Wenn ich nicht unterrichte, sitze ich in einer Notenkonferenz, erste Eltern sind wegen der Halbjahresinformation beunruhigt, weniger wegen der Lernfortschritte, sondern allein der Noten wegen, aber nun ja, das ist unser Schicksal, und diese Eltern müssen verständig aufgeklärt werden, über die Leistung des Kindes, die Balance zwischen Leben und Schule und über Anforderungen und auch pädagogische Grundsätze. Die Ponyschule ist vorbei, ab jetzt wird tatsächlich ins Freie geritten. Da gibt es zwangsweise ein Murren und Knurren, und doch auf der anderen Seite auch verstohlene Sympathiebezeugungen von anderen Schülern, hier mal ein Lächeln im Flur, da die Anfrage, ob ich nicht nächstes Jahr die Klasse übernehmen könne, nein?, dann bitte wenigstens ein AG!, heute sogar ein spontaner, kleiner Applaus am Ende der Schulstunde, einfach, weil es so nett und interessant war, bis nächste Woche dann, euch eine gute Zeit. Das soll, wird, muss über die anderen Erlebnisse helfen, in denen Schüler in Opposition gehen, weil man in diesem Nebenfach ja noch nie schlechter als Drei gewesen ist, weil es überhaupt ein Nebenfach ist, weil sogar die Eltern sagen, dass man das eh nicht braucht. Selbst wenn die Schüler zugeben, dass sie in den letzten Jahren nichts gelernt haben und nun auch nicht bereit sind, daran etwas zu ändern, so erwarten sie mindestens eine Zwei. Und wenn ich nicht liefere, maulen die einen und andere plauzen mich an. Kaugummi im Mund und das Handy unterm Tisch, aber ohne jedes Unrechtsbewusstsein. Es ist die Gespaltenheit dieser neuen Schulwelt hier, die mich täglich irritiert und der ich mich nicht immer gewachsen fühle.

Ich muss zugeben, dass es mir nicht gelingt, alle Kinder mitzunehmen. Es ist mir wenig Trost, dass Felix überall schlechte Noten hat und dass Helena zuhause niemanden hat, der ihr ein neues Heft kaufen kann, dass Reginald unter einer psychischen Krankheit leidet, die es im unmöglich macht, meinem Unterricht konzentriert zu folgen, er aber laut Elternaussage intelligent genug fürs Gymnasium ist. Diese Kinder gehen unter.

Felix hat sowieso zu nichts Bock, er fängt eine Aufgabe gar nicht erst an, eine Gruppenarbeit lässt er prinzipiell die anderen erledigen und selbst heute, da die Kinder zum Halbjahr aus Pappteilen Burgen und Schlösser zusammenstecken durften und fast alle voll dabei waren, schaut Felix nur einmal in die Baubox und sagt: „Zu kompliziert“, den Rest der Stunde wird er die anderen von ihren Konstruktionen ablenken.

Helenas Mutter ist an Krebs gestorben und der Papa arbeitet bis spät in die Nacht, klar interessiert ihn das popelige Heft nicht, aber Helena braucht nunmal ein Heft zum Schreiben. Tintenpatronen bekommt sie von Klassenkameraden, einen Umschlag werde ich ihr jetzt besorgen. Und es tut mir wirklich leid, dass ich letzte Woche zu ihr gesagt habe: „Na Helena, bald ist Halbjahr und du hast immer noch keinen Heftumschlag, langsam wirds peinlich.“ Da wusste ich noch nichts von ihrer Situation. Natürlich hätte ich anderes reagieren müssen. Wie soll man pädagogisch angemessen handeln, wenn man viele Schüler nur schlaglichtartig einmal die Woche sieht und im Grunde nichts weiß? Es gibt noch mehr Schüler ohne Heft, ohne Hausaufgaben, ohne Unterstützung. Die Gründe sind vielschichtig, aber allen Kindern ist gemein, dass sie Schwierigkeiten bekommen in unserem Schulsystem.

Und dann heute Reginald. Er hat Asperger und ist im Grunde immer in seiner Welt. Ohne Schulbegleiter kann das nichts werden, aber die wird es nur für die Hauptfächer geben, wenn überhaupt. Denn erst einmal müssten die Eltern zugeben, dass mit Reginald nicht alles so ist, wie es sein könnte. Aber was erwartet man von Eltern, die ihr Kind mit starkem Asperger-Syndrom auf ein Gymnasium geben, ohne der Schule Bescheid zu geben, was da auf sie zukommen könnte… Wie soll ich mich verhalten? Von der Schule gibt es die klare Anweisung, Reginald alle Nebenbeschäftigungen, in die er sich versteigt, zu versagen. Also nehme ich Reginald sein Malbuch weg, was er während der Stunde ausmalt. „Reginald komm, schau mal hier, wir gucken uns doch gerade die Ritterwappen an. Dein Malbuch ist schön, aber etwas für die Pause, jetzt sind wir bei den echten Wappen.“ Reginald findet das aber gar nicht gut. Wütend entreißt er mir sein Malbuch und schmeißt es auf den Boden. Sein Kopf ist hochrot, erste Tränen rollen. Seine Klassenkameraden schauen kaum auf, sie sind das gewöhnt. Das allein könnte einen schon traurig machen. Mich macht traurig, was ich auf Reginalds Blatt sehe. Es ist nur Krikelkrakel. Wie soll ich das denn bewerten? Was tue ich dem Kind an? Was tun die Eltern uns Lehrern an? Es gibt hier kein Basis-Niveau, auf dem ich Reginald anders als den Rest bewerten könnte. Reginald wird die ganze Stunde, immer wenn ich mich um andere Kinder kümmere, irgend etwas aus seiner Tasche zaubern, was nichts mit dem Unterrichtsthema zu tun hat. Und es gibt neunundzwanzig andere Kinder, die Hilfe, Lob, Ermahnungen und ein Lächeln brauchen.

Am Ende dieses Schultages wird meine Energie verbraucht sein und ich habe mich viel zu wenig um die Mehrheit der Kinder gekümmert.

In der Mittagspause ein schneller Happen und dann ab in die nächste Konferenz.

Es wird um Felix und Helena und Reginald gehen, aber auch um Saskia und Marco. Bis auf Marco tragen alle einen deutschen Familiennamen, Marcos klingt verdächtig italienisch und seine Deutschnote legt nahe, dass zuhause eher italienisch gesprochen wird. Saskias Deutschnote klärt sich auf, nachdem ihr deutsch klingender Familienname sich doch russischen Ursprungs erweist. Auch hier sprechen die Eltern nur gebrochen. Ich fange an, hinter den Familiennamen der Eltern mit fremden Wurzeln ein Pünktchen zu setzen, und muss am Ende der Konferenz feststellen, dass wir inzwischen fast in der Patt-Situation sind. Da muss ich unweigerlich an die Reportage denken, in der neulich ein muslimischer Jugendlicher sagte: „Das Problem mit den Deutschen, das löst sich von ganz allein. Weißt du, eine deutsche Frau kriegt ein, zwei Kinder und eine islamische sieben bis acht. Wir müssen also nur ein bisschen warten.“

Saskia und Marco sind weder muslimisch noch haben sie sechs Geschwister, aber sie haben mit Felix, Helena und Reginald gemein, dass sie Schulprobleme haben. Bei allen fällt uns nichts anderes ein, als in der Halbjahresinformation zu vermerken, dass wir ein Elterngespräch wünschen. Mehr haben wir nicht. Wir sprechen mit den Eltern, aber es ändert sich in der Regel dadurch kaum etwas. Felix‘ Eltern haben ihren Sohn bewusst aufs Gymnasium gegeben, auch wenn er den Anforderungen kaum gewachsen ist, Helenas Mama ist unersetzlich, Reginald wird eine Odysee durchlaufen, bis ein richtiger Platz für ihn gefunden ist, Saskia wird vielleicht sitzen bleiben und bekommt dann zuhause Schläge und Marco wird sich irgendwie bis zur Oberstufe durchlavieren, Charme hat er ja. Wenn er nicht vorher von der Schule fliegt, er steht kurz davor.

Wenn das alles mal wieder so geballt kommt, wie es momentan der Fall ist, dann macht mir Unterrichten keinen Spaß mehr. Die Bedingungen stimmen einfach nicht. Wir üben lernen, bieten Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe von älteren Schülern an, wir haben Klassenlehrerstunden und Aktionstage, und doch ist das alles zuwenig. Die Gedanken, was mit Deutschland in zwanzig Jahren ist, wenn ich mir diese Generation anschaue, nehmen zu und hinterlassen ein riesiges Fragezeichen.

Wir sollten eben nicht nur ein bisschen warten!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

 

Weihnachtsferien 2: Nächtlicher Mediengau

Liebe Leser,

hier folgen keine besinnlichen Jahresrückblicksgedanken, sondern ein Beispiel von fehlender Medienkompetenz bei Jugendlichen und gestörtem Nachtfrieden der Eltern – verbunden mit der Bitte um HILFE!

23.30 Uhr, es war ein schöner Abend, tagsüber Freunde besucht, abends ein guter Film ganz ohne Horror und Blut zu dritt auf dem Sofa. Herr Henner liegt schon im Bett, ich wähne Lucy ebenda und trödele noch ein bisschen im Bad herum. Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Eine Sirene, auf und abschwellend. Sehr irritierend. Also schmeiße ich mir überhastete noch Creme ins Gesicht und geh dann mal gucken. Herr Henner liegt wie vermutet im Bett und murmelt etwas von „deine Tochter“ und „musst du dich kümmern“. Dann dreht er sich demonstrativ in seinem Kissenberg um.

Jetzt höre ich es besser. Die Sirene kommt aus Lucys Zimmer. Weint sie? Eben war sie doch noch gut drauf… dann gehe ich halt da mal gucken, ist wahrscheinlich auch besser, wenn Fräulein Tochter so verzweifelt schluchzt, dass da die Mama gucken geht.

Lucy hat sich in Embryonalstellung zusammengekauert und rollt sich so auf dem eigenen Bett hin und her. Das Gesicht verheult, schluchzend, das Teenagerdrama schlechthin. Neben ihr liegt ihr Tablet. Was um Himmels willen macht sie kurz vor Mitternacht mit ihrem Tablet, was sie so zur Verzweiflung bringt? Gemobbt werden kann sie nicht. Lucy ist beliebt, selbstbewusst und in keinerlei Community. Außerdem ist das W-Lan sowieso aus, also kann sie keine bösen Nachrichten empfangen haben, verstörende Filme gesehen… oder?

Aus Lucy ist nur bruckstückhaft etwas herauszubekommen. Über „Ich bin so DOOF!“ und „Das ist alles meine Schuld!“ kommen wir in den ersten fünf Minuten nicht hinaus. Danach erschließt sich mir – inzwischen auf dem Bett sitzend – der Mediengau.

Lucy wollte, warum auch immer, gegen Mitternacht ihr Tablet sichern und hat sich in den Sicherheitseinstellungen eine ZugangsPIN angelegt, bestätigt und war happy. Als sie nun zwei Minuten später ihr Tablet wieder aktivieren wollte, verlangte das Gerät nun natürlich eine PIN. Und Lucy war sich doch so sicher!

Inzwischen hat sie an die 40mal eine PIN versucht und ist jedesmal gescheitert, krampfartig schlägt das Geheule durch die Wände. Aber wie soll ich meinem Kind helfen? Lucy hat die PIN nicht notiert. Es ist auch keine Ziffernkombination mit einer Bedeutung. „Ich nehm‘ immer diese Zahl!“ Hmmm… im Medienunterricht haben sie längst über Passwörter gesprochen, theoretisch weiß Lucy alles. Aber sie war sich doch so sicher, dass sie das hinbekommt! Und jetzt hat sie keinen Zugang mehr zum eigenen Tablet – für Teenager ist das der Supergau.

Ich kann das Problem definitiv nicht lösen, rate aber Lucy einfach mal drüber zu schlafen, dann würde ihr die PIN schon wieder einfallen. Als ich ins Schlafzimmer komme, ist Herr Henner schon im Lalaland. Ich schlafe schlecht.

Heute Morgen mag Lucy gar nicht recht frühstücken. Sie hatte die Nacht einen Alptraum. „Bist wohl von einer PIN gefressen worden?“, versuche ich die Situation aufzuheitern. Erfolglos. Ihr ist leider nichts Brauchbares eingefallen. Nun ist sie sich nicht mal mehr mit den Ziffern sicher. Und wieviel Stellen ihr Passwort hatte? „Zwischen fünf und acht…“ Na super. Ohne PIN kann ich an dem Samsung Galaxy nichts machen, außer an- und ausschalten. Aber auch dann will es immer wieder diese blöde PIN. Fünf Versuche hat man, dann muss man 30 Sekunden warten. Lucy will mal ausrechnen, wieviel Möglichkeiten es bei zehn Ziffern gibt… na viel Spaß!

Habt ihr einen professionelleren Ansatz als wir zwei Damen? Dann gerne an mich, denn eigentlich wollte ich die letzten Ferientage noch genießen. Dann ist vielleicht auch Platz für philosophischere Gedanken.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW1: Die selbsterfüllende Prophezeiung

Liebe Leser,

während manch Lehrer in Deutschland schon langsam wieder zu den Herbstferien schielt, ist in Baden-Württemberg gerade einmal die erste Schulwoche herum, aber Hauptsache wir zentralisieren das Abitur… nun ja, da war die Aufregung bei den Deutschlehrern groß, als ihnen diese Woche bewusst wurde, was das terminlich bedeutet. Dazu vielleicht ein andermal, heute geht es nicht um das Deutschabitur, sondern nur um mein Erleben dieser ersten Schulwoche, SW1.

Doch erst noch ein Schritt zurück.

Im Studium mussten wir ein sogenanntes Pädagogisches Praktikum absolvieren, das heißt, es ging nicht um die Fächer, sondern die Studenten sollten vermehrt auf pädagogische Belange achten. So kam es, dass ich in diesem Praktikum in zwei achten Klassen mitlief, egal welches Fach sie gerade hatten. Das Thema meiner dazugehörigen pädagogischen Arbeit war schnell gefunden: die self-fulfilling prophecy, die selbsterfüllende Prophezeiung.

Eine achte Klasse galt als nett, lieb und leistungstechnisch ganz okay, die andere, nun ja, die andere war das schwarze Schaf. „Das sind solche Rabauken“ wurde im Lehrerzimmer schnell verknüpft mit „Die können nichts“. Und nun ging es mir darum, ob dem tatsächlich so ist, und, wenn ja, ob das Urteil der Lehrer sich auf die Atmosphäre in der Klasse und dann auch auf die Leistungen ausgewirkt hat oder umgekehrt.

Ich weiß nicht mehr exakt, zu welchem Schluss ich kam, aber ich war zumindest für dieses Thema sensibilisiert. Mir ist klar, dass die selbsterfüllende Prophezeiung tatsächlich ein Problem ist. Natürlich höre ich Urteile, natürlich werde ich beeinflusst, aber ich bemühe mich, mir diesen Prozess bewusst zu machen und mich selbst immer wieder zu ermahnen, dass ich wachsam bleibe, selbst urteile und jeder eine neue Chance verdient hat. Damit meine Meinung nicht am Ende dazu führt, dass Schüler dann unbewusst dieser Meinung entsprechen.

Also gehe ich am Montag ganz locker fröhlich in meine Klasse. Den schwarzen Spätsommerhund habe ich längst verscheucht.

Es funktioniert nicht. Einzelne Kinder enttäuschen mich mit ihrem kaum versteckten Egoismus so, dass meine Stimmung merklich abkühlt. Ich merke das, hoffentlich die Kinder nicht! Als ich dann enthusiastisch unser diesjähriges Klassenprojekt vorstelle (Lucy ist schon ganz neidisch auf meine Klasse, weil sie so was Cooles machen darf…), kommt kein Jubel, kein Glanz in den Augen, dafür ganz offen die Frage, was man denn davon habe… „Kann man da auch was gewinnen?“

Und da platzt mir innerlich der Kragen, aber mir wird auch schlagartig klar, welches Problem viele Kinder haben. Sie arbeiten, machen meist, was man ihnen sagt, aber es fehlt die Begeisterung, weil sie keine intrinsische Motivation haben. In der Grundschule haben sie für die nette Lehrerin und die Eltern geschafft, für die sehr gute Note und die Belohnung, die viele sicher erhalten haben. Das sind normale Prozesse, aber wenn man es übertreibt, zum Beispiel nur die Note gelobt wird und nicht ein wirkliches Interesse am Können des Kindes gezeigt wird, an den Themen, mit denen es sich beschäftigt, kann das leider dazu führen, dass gar keine innere Motivation mehr aufgebaut wird. Dann geht es nur noch um die Note oder das Geschenk.

Und nun? Was biete ich? Frau Henner hat keine kleinen Belohnungsgeschenke, die erwartet echt, dass man einfach nur Freude an der Sache haben könnte. „Wir machen das gemeinsam! Ein tolles Projekt, kein normaler Unterricht, wir können uns das alles selbst ausdenken und dann vor einer richtigen Jury präsentieren…“, Frau Henner zieht schelmisch die Augenbrauen hoch, sie würde am liebsten sofort loslegen – so ein tolles Projekt! Und was springt für uns dabei heraus?

Und so erlebe ich diese Woche als eine Achterbahn der Gefühle. Wenn ich in meiner Klasse bin, mache ich halt meinen Unterricht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn ich in der Oberstufe bin oder wieder in meiner „alten“ Klasse in der Mittelstufe, dann freue ich mich, werde auch freudig begrüßt, wir grinsen und lachen und lernen wie nebenbei auch noch Neues. So geht es täglich auf und ab.

Aber ich gebe nicht auf – ich möchte die Kinder mitreißen, das Projekt ist viel zu cool, als dass sie sich nicht dafür erwärmen können. Das geht gar nicht. Und immerhin bin ich von der Sache begeistert und nach und nach werde ich sie schon noch auf meine Seite bringen, denn es kann doch so viel Spaß machen, etwas gemeinsam zu machen – einfach nur, damit man etwas gemeinsam macht!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Seitenhiebe – ein Nachtrag

Liebe Leser,

es stört mich doch. Es ist nur ein Satz und auf der anderen Seite der Waagschale unzählige nette, liebe, lobende Sätze in der Abizeitung, die es seit letzter Woche gibt und inzwischen von wirklich jedem an der Schule gelesen wurde. Aber dieser eine Satz ist eben unter aller Sau und ich merke nach einer Weile, dass er mich trifft.

Frau Weinstett steht in der Pause da und raunt mir zu: „Du, ich versteh das überhaupt nicht. Wie meinen die denn das? – Damit kannst doch gar nicht du gemeint sein…“

Frau Sonnenschein sagt erstaunt: „Aber Sie machen doch guten Unterricht und sind immer gut gelaunt!“

Vor der Tür steht eine Gruppe vom Neigungskurs, um sich noch mal für die zwei Jahre zu bedanken. Sie haben mir ein Geschenk selbstgemacht. Jeder hat einen kleinen Teil an einer Geschichte der Frau Henner geschrieben. Eigentlich superrührend.

Hilft trotzdem nichts, das Geschenk nehme ich dankend entgegen und wünsche allen noch einmal viel Erfolg im Leben und stecke das Geschenk im Lehrerzimmer schnell weg. Dieser eine Satz wurmt sich durch mich hindurch. Und da ist es bei mir nur dieser eine Satz. Herr Schrat hat heute Saulaune. Könnte an seinem Abitext liegen. Hat aber sicher auch noch andere Ursachen. Und wenn ich erst an Frau Christmann denke…

ja, wo ist denn Frau Christmann?

Die ist heute gleich gar nicht da.

Fällt aber gar nicht auf, weil Frau von Ostrach an unserem Tisch jedem, aber auch jedem ihr Abigeschenk unter die Nase hält: „Och ist das nicht toll, was mir die Schüler geschenkt haben! Sag mal!“ Ich verlasse das Lehrerzimmer.

In der Mensa beugt sich eine Gruppe Mittelstufenschüler über die Zeitung und hat Gaudi daran, die schlechten Bewertungen einzelner Kollegen mit großem Hallo und Beifall zu bejubeln. Es geht hier gar nicht um mich, meine Noten sind voll okay. Einser, Zweier und auch Zweibisdrei in einer Kategorie, die misst, wie cool man ist. Und cool, das war Frau Henner in diesem Jahrgang definitiv nicht. Das kann ich nur dann sein, wenn die Schüler selbst cool sind. Ich bin nicht von mir aus cool, sondern nur in Reaktion auf coole Situationen. Da fühle ich mich also völlig richtig bewertet. Trotzdem stört mich diese Szene. Und diesmal liegt es nicht an diesem einen Satz.

Man darf Schülern Kritik nicht verwehren. Wir sollen sie zu kritischen Menschen erziehen. Und natürlich vergeben wir Noten in vorher transparent gemachten Kategorien. Ich will hier nicht die Schülermeinung einfach weichgespült haben. Wer will schon noch eine Abizeitung, wenn nur noch seichte Texte darin stehen. Gähn!

Aber wir hängen die Noten der Schüler nicht am SMV-Brett aus, damit sie von allen anderen Schülern begafft werden können. Im Regelfall suchen wir das Gespräch mit einem Schüler, wenn wir ein Problem mit ihm haben. Ein Schüler soll die Chance haben, seine Sicht darzulegen. Zumindest die guten Lehrer machen das so.

Meinen einen Satz, den schlucke ich herunter und lese mir die vielen schönen Sätze durch. Aber die Sache mit den Noten in der Abizeitung, also da muss ich wohl mal mit der Schulleitung reden. Freundlich und sachlich, wie die Frau Henner halt ist.

In unserem Lehrerzimmer wird sowieso schon genug Gift versprüht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Seitenhiebe

Liebe Leser,

Lehrer sind auch nur Menschen und das heißt: selten perfekt. Selbst wenn sie sich bemühen, wie ich das durchaus von mir behaupte, machen sie Fehler, vernachlässigen mal eine Klasse, weil sie sich so mit den anderen herumschlagen, treffen nicht immer den richtigen Ton und Nerv der jungen Menschen. Die Schüler, die abgehen, haben das Recht – zum Glück! – in der Abizeitung ihren Lehrern mal so richtig die Meinung zu sagen. Wir wissen alle, dass sich genügend Frust angestaut hat und mancher eben mal raus muss. Klar, schreiben nicht immer die richtigen Personen die Artikel und es kommt auch hier wieder zu Ungerechtigkeiten und Verletzungen. Das ist die unschöne Seite einer Abizeitung. Im Grunde kann ein Lehrer zufrieden sein, wenn er halbwegs gut wegkommt. Recht machen kann man es eh nie jedem – das liegt im Wesen der Sache.

Natürlich weiß ich, dass Kollegin Christmann keinen guten Unterricht macht, dass aber sie allein so abgestraft wird, ist dann doch unfair, weil sie damit nicht die einzige ist, es aber jetzt so aussieht – für alle Welt in unserer kleinen Stadt schwarz auf weiß lesbar, ohne Möglichkeit eines Gegen-Statements. Ich bin mir sicher, dass Kollegin Christmann dieses Wochenende kein Auge zugemacht hat. Das nimmt keiner cool und gelassen. Besonders frappierend ist das Ganze, weil die anderen Lehrer fast alle über den grünen Klee gelobt wurden. Mann, hat unsere Schule viele tolle Lehrer! Alle so schlagfertig und fetziger Unterricht oder die Abiturvorbereitung war voll gut – beides zusammen gibt es eher selten. Die Schüler honorieren auf alle Fälle, wenn du als Lehrer Sprüche klopfen kannst. Am besten leicht unter der Gürtellinie und Harald-Schmidt-reif. Machst du dann noch passablen Unterricht, ist alles in Butter. Aus Schülersicht.

Keine Angst, Frau Henner spricht gerade nicht von sich selbst. Frau Henner kann Kollegin Christmann nicht mal besonders leiden, trotzdem empfinde ich… Mitleid? Schade auch, dass die größten Meckersäcke der Schule, die die Stimmung im Kollegium ganz bewusst vergiften, von den Schülern als total coole Lehrer so gelobt werden. In meinem Empfinden tut sich da eine Schere auf. Wenn die Schüler wüssten, wie die Lehrer so über sie herziehen, wäre es dann aus mit lustig? Warum verhalten sich eigentlich so gute Lehrer, die sie ja tatsächlich sind!, ihren Kollegen gegenüber so arschig? Was frustriert sie denn so, wenn sie doch guten Unterricht machen UND auch noch bombe bei den Schülern ankommen?

Ich fühle mich immer unwohler. Im Lehrerzimmer wird Gift versprüht und nach außen sind immer die anderen schuld. Jammern, Beschwerden, Intrigen und offene Hetze sind zum normalen Alltagselement geworden. Fällt denn niemandem auf, dass das so nicht weitergehen kann! Hier vermischen sich zwei Dinge, die ich eigentlich trennen sollte, es aber einfach nicht kann.

Frau Henner ist zufrieden mit ihrem Abizeitungsbericht – naja, der Artikel könnte etwas spritziger sein, aber wenn das das ist, was bei den Schülern hängen geblieben ist, auch in Ordnung. Nicht jeder ist zum Schriftsteller geboren. Ich ja auch nicht. (Neulich las ich den amüsanten Satz: „Blogs sind für Leute, die gerne schreiben, denen das aber keiner abkaufen will.“ Und da ist was dran.) Also mal wieder kein nobelpreisverdächtiger Text, aber inhaltlich alles in Butter und das, obwohl Frau Henner in diesem Jahrgang kein einziges Mal verbal zu Hochtouren auflaufen konnte, nicht einmal schlagfertig sein musste und konnte. Mein Neigungskurs war brav und bemüht. Geistreich wird es aber erst dann, wenn ein Kurs auch einmal anders denkt, frech fragt und nicht immer nur Ja und Amen sagt. Geistreich war dieser Kurs aber kein einziges Mal. Dafür nett und fleißig.

Jeder Jahrgang ist anders, jeder Kurs. Die Schüler vor zwei Jahren waren große Klasse, letztes Jahr gruselig lahm, dieses Jahr nett und langweilig, mal sehen, was nächstes Jahr kommt, bis jetzt sind sie nett und sehr still.

Aber es wird auch Zeit für Selbstkritik. Man kann schließlich nicht alles auf die Schüler schieben. Ich bin so mit den Neigungskursen beschäftigt, den hypochondrischen Fünftklässlern und deren Helikoptereltern, dass ich die Grundkurse in der Oberstufe nur so nebenbei laufen lasse. Wer da drin sitzt, muss in der Regel dieses Fach belegen, das Interesse hält sich jedoch meist in Grenzen. Es gibt Kurse, da kommt trotzdem eine gute Stimmung auf. In diesem Jahrgang hat das aber gar nicht geklappt. Da gab es die Wandreihe mit Mädels, die alle dabei waren, und die Fensterreihe mit den coolen Jungs, die einfach keinen Bock auf Arbeit hatten. Ihr Pech, dass ich sie trotzdem hab‘ arbeiten lassen. Mein Pech, dass sie mir das in der Abizeitung heimzahlen.

Alles halb so wild, ich verstehe den Seitenhieb ja, aber Frau Henner, wäre nicht Frau Henner, wenn sie sich nicht Gedanken über das Grundproblem machen würde: Wie schaffe ich es, dass Schüler im Grundkurs mit Null-Bock-Laune am Ende wenigstens nicht das Gefühl haben, völlig umsonst dagewesen zu sein? Kann ich das überhaupt schaffen? Oder muss ich dieses partielle Scheitern aushalten lernen? Was kann ich an meinem Unterricht ändern?

Schülernähe? Weggang von den Pflichtthemen? Mehr Filme zeigen? Mich mehr mit den coolen Schülern verbünden und öfter über Fußball, Autos und Sex reden?

Nee, lieber authentisch bleiben. Aber ich will natürlich trotzdem besser werden. Mich soll nicht jeder lieben – das wäre fatal – aber ich will auch den Grundkurs-Großmäulern das Gefühl geben, dass sie Unterricht mitgestalten können. Sie sollen spüren, dass es auch an ihnen liegt, ob Unterricht gelingt oder nicht.

Also macht Frau Henner eine Umfrage. Natürlich nicht mehr bei den Abiturienten, die sind jetzt endgültig weg. Die Organisation ihres Abgangs war eher mittelprächtig, aber es passte zum Jahrgang. Deshalb gab es auch im Blog weder über den Abiball noch über den Abigag etwas zu berichten. Aber die nächsten Abiturienten rücken ja bereits nach. Nach dem Abi ist vor dem Abi. Ich starte meine Umfrage einfach in der Jahrgangsstufe I. Dort herrscht eine ganz andere Atmosphäre in den Grundkursen – da sitzen auch viele, die keinen Bock haben – zwangsläufig – aber die Großmäuler regieren nicht. Es sind nette Kurse, wenn auch wenig geistreich… hier werde ich den Versuchsballon „Was soll Frau Henner am Unterricht verändern, damit er dem Schüler etwas bringt“ durchziehen. Ich bin sehr gespannt. Und netten Kursen kommt man doch auch gleich viel lieber entgegen, da habe ich auch Lust, etwas zu verändern, wenn mir die Veränderung sinnvoll erscheint.

Am liebsten würde ich gleich morgen früh alle Schüler zusammentrommeln… wie war das: Lieber auf neuen Wegen stolpern, aber als alten auf der Stelle treten?

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Was Lucy nicht kann…

Liebe Leser,

Kinder wachsen. Kinder brauchen neue Kleidung. Jugendliche haben sehr genaue Vorstellungen, was man anziehen kann und was nicht. Also ist Frau Henner mit der Tochter unterwegs, dem Frühling klamottentechnisch entgegenzukommen. Wir stehen also in einem Bekleidungsgeschäft.

Die Übergangsjacke (Was für ein Wort!) ist schnell gefunden. Da gleicht sich der Geschmack – gutes Kind! Auch bei den Schuhen waren wir erfolgreich. Passt, sieht gut aus, musst du aber selbst sauber halten! Kind nickt brav. Klar! Gutes Kind!

Dann stehen wir bei den T-Shirts. Nur mal gucken. Ich weiß, dass gerade diese Fotoprints angesagt sind, und möchte meinem Kind auch diese Freude machen, nachdem das versprochene Shirt im Internet bereits ausverkauft war. Aber so toll sind die Prints in diesem Laden nicht. Da fällt mir ein Schild ins Auge.

Ja ja, ich weiß, dass Ferien sind. Aber das Shirt kostet 19,95 Euro und auf dem Schild prangt in Gelb: 30% billiger!!!!!!! Welche Mutter würde da ihr Kind nicht fragen: „Wieviel kostet das Shirt denn jetzt noch?“

Lucy schaut mich entsetzt an. „MAMA!“, kreischt ihr Blick. Verstohlen blickt sie sich um. Ich bin oberpeinlich. Die Leute um uns herum interessiert dieser Fakt jedoch reichlich wenig. Außer den Verkäuferinnen ist nur eine weitere Mutter mit Tochter anwesend – viel zu weit weg, außer Hörweite – und eine Familie mit vielen, ungepflegt wirkenden Mädchen, die sich in Sommerkleidchen drehen. Ein Mädchen singt: „Hach, wie schön ist dieses Kleid, ich sehe so schön darin aus!“ Sie singt wirklich im Laden und wirbelt die roten Rosen umher. Leider sind weder Kleid noch Kind schön, was die ganze Szene bizarr macht. Aber die Verkäuferinnen haben immerhin genug mit dieser Familie zu tun. Niemand hört uns zu. Also bleibe ich hart.

„Komm schon Lucy, das ist mal sinnvolle Mathematik. Du musst doch wissen, wieviel etwas kostet. Du kannst ja auch aufrunden. Nehmen wir mal an, das T-Shirt kostet 20 Euro. Wieviel sind denn 10% von den 20 Euro?“ Ich frage das weder vorwurfsvoll noch drängend. Ich will es mit Lucy zusammen rauskriegen.

Lucy starrt mich an.

„10% von 20 Euro?“, frage ich noch einmal. Möglicherweise nicht mehr ganz so mild.

„50 Prozent?“, antwortet Lucy fragend.

Mir fällt mal wieder die Kinnlade herunter. Seit einem Jahr rechnen die Kinder in Mathematik Prozente, Brüche, Dezimalzahlen und Winkelgrade wild durcheinander – und Lucy scheitert an 10% von 20 Euro. Fragend nähern wir uns dem richtigen Ergebnis, aber es geht nur über fünfundzwanzig Umwege. Lucy und ich haben dann beide keine Lust mehr auf die T-Shirts.

Im Auto erkläre ich noch einmal im Schnelldurchlauf das Prinzip der Prozente und lasse Lucy fiktive T-Shirt-Rabatte ausrechnen. 40% von 25 Euro, 20% von 10 Euro, 15% von 30 Euro. Als wir zuhause sind, klappt es ganz gut.

Das ist aber kein langanhaltender Erfolg, fürchte ich. Wieder wird mir bewusst, was Lucy nicht kann, weil sie nicht versteht, was sie da tut.

Unglücklicherweise kommt Herr Henner heute auf eine ganz ähnliche Idee. Es geht gerade um den Wert von Büchern.

„Nimm mal an, du hast 4000 Bücher und im Schnitt kostet ein Buch 20 Euro. Wieviel sind denn dann allein deine Bücher wert?“, fragt er Lucy beim Essen.

Lucys Gesicht schläft ein.

„4000 Bücher je 20 Euro?“, hakt Herr Henner nach.

„8000 Euro!“, rechnet das Kind aus.

„Wieviel kostet denn ein Buch, wenn du 4000 Bücher hast und dafür 8000 Euro bekommst?“

„40 Euro?“

Herr Henner verlässt wortlos den Tisch, er ist verzweifelt, gekränkt, würde sonst etwas Blödes sagen.

Ich gehe mit Lucy die Rechnung noch einmal durch, bis zu dem Punkt, wo ihr entfährt: „Ups, da hab ich wohl eine Null vergessen!“

Danach rechnet Lucy halb freiwillig eine ganze Seite Matheübungsaufgaben im Lambacher Schweizer. Muliplizieren und Dividieren von positiven und negativen Brüchen. Auch ein paar T-Shirt-Rabatte jubele ich ihr unter. Sie macht keinen einzigen Fehler. Seitdem wir regelmäßig über den Mathestoff hinaus rechnen üben, klappt zumindest das besser. Aber es ändert nichts daran, dass man Mathematik verstehen muss, um sie anwenden zu können.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner