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SW 33: Moderner Physikunterricht?

Liebe Leser,

die letzten Arbeiten werden geschrieben, unsere Schulgebäude heizen sich über dem ungewöhnlichen Junihoch dermaßen auf, dass man tatsächlich ohne Übertreibung von Sauna sprechen kann, die Kollegen sind wiedermal reizbar – kurz: die Luft ist raus, aber es sind noch einige Wochen bis zum Schuljahresende. Und ich beschäftige mich mal wieder mit der Frage, was guten Unterricht ausmacht. Ausgelöst durch – haltet euch fest – einen Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 2011, der mir zufällig in die Hände fällt. Zusammengefasst: in diesem Artikel wird ziemlich eindrücklich dargelegt, wie wichtig für gute Unterrichtsqualität ein guter Lehrer ist – nicht die Schulform, nicht das Budget, noch nicht einmal die Methode.

Ausgehend von einem schwedischen Experiment, bei dem man eine der schlechtesten Klasse des Landes für ein halbes Jahr mit den besten Lehrern des Landes ausstattete und dem Ziel, die Klasse an die Spitze der landesweiten Test zu katapultieren, was von einem Fernsehteam begleitet und landesweit ausgestrahlt wurde UND die Bildungsdebatte natürlich angeheizt hatte – weil das Experiment gelang – davon ausgehend wird auch das deutsche Schulsystem nach der Lehrerpersönlichkeit hinterfragt.

Einen Ausschnitt möchte ich zitieren, der die Resultate zusammenfasst: „Wenn es überhaupt ein Rezept gibt, dann dieses: Die Kunst der guten Lehrer besteht im großen UND. Sie haben besonders hohe Ansprüche UND besonders viel Verständnis, sie sind äußerst fachorientiert UND persönlich zugewandt, überaus konsequent UND unterstützend.“ (Christoph Kucklick, Die guten Lehrer, Es gibt sie doch!, GEO Februar 2011, S. 38.)

Das ist alles noch sehr vage, selbst wenn mir klar ist, wie es gemeint ist. Der Artikel führt auch einige Forschungen an. Unter anderen zum deutschen Physikunterricht. Da Lucy ab nächstem Jahr ebenfalls in den Genuss dieses bei uns verhassten Faches kommen wird und ich  – je nach Lehrer – große Debatten am Esstisch auf unsere Familie zukommen sehe, interessiert mich dieser Abschnitt besonders. Ich selbst war gut in Physik, fand das Fach aber zum Gähnen langweilig. Unseren Schülern geht das mehrere Jahrzehnte später noch genauso. Zumindest den zweiten Teil würden viele sofort unterschreiben. Nun lese ich von einer Analyse des Physikunterrichts an 70 Schulen von Tina Seidel und Manfred Prenzel. „Der Lehrer spricht bis zu 70 Prozent der Zeit, die Schüler liefern Stichworte, spulen vorgefertigte Antworten ab. Experimente? Gibt es, aber selten werden sie so gestaltet, dass Schüler eigenständig forschen; meist werden die einzelnen Schritte vorgegeben.“ Ja, so ungefähr war das auch bei mir. So läuft das auch noch heute – besonders in der Mittelstufe, wenn noch alle drin sitzen, da man erst in der Oberstufe das Fach abwählen darf. Lucy wird sich also wahrscheinlich langweilen und nichts verstehen, weil andere die Antworten schneller geben, und sie einfach abschalten wird, denn sie wird zu solchem Physikunterricht keinen Zugang finden. Was interessiert sie Masse, Druck und freier Fall?

Nun soll es hier nicht um Physikbashing gehen. Möglicherweise wären die Forscher zu solchen Ergebnissen auch gekommen, hätten sie ein anderes Unterrichtsfach mit der Hilfe von Videos analysiert. Sicher kann man das niederschmetternde Fazit auch auf andere Fächer übertragen: „Jede Stunde ein Abziehbild der vorherigen. Das Klischee von Lehrer, der ein Berufsleben mit einer einzigen geistigen Folie absolviert, ist viel zutreffender, als man zu fürchten gewillt war.“ Doch in Physik  – und auch in Chemie – ist in unserer Schule aus Schülersicht die Not am größten. Hoffentlich bekommt Lucy nächstes Jahr den Lehrer, der wenigstens noch Humor besitzt! Vielleicht wäre das für sie ein Zugang…

Dann denke ich an Jan-Martin Klinges Physikunterricht , den ich nur über seinen Blog verfolge, aber doch Lust auf Physik bekommen, selbst wenn ich nicht weiß, ob ich so der Lernthekentyp wäre. Aber sein Ansatz, über Filme, Experimente und Alltagsphänomene Physik erfahrbar und damit verständlich zu machen, gefällt mir ausnehmend gut. In einem Beispiel beschreibt er, wie aufwendig ein Schülerexperiment ist. Die Schüler brauchen für eine Erkenntnis eine ganze Doppelstunde, die man im Lehrerexperiment in zehn Minuten dargestellt hätte. Das Entscheidende ist aber, dass die Schüler bei Herrn Klinge alles selbst erdacht haben und nach dieser Doppelstunde tatsächlich mit einer Erkenntnis die Schule verlassen, während sie bei manch anderem Lehrer eine Erkenntnis vorgesetzt bekommen haben, die sie nicht verstehen, weil sie sie sich nicht zu eigen gemacht haben.

Lucy und auch ich fürchten sich schon jetzt vor dem Physikunterricht im nächsten Schuljahr. Da ich das weiß, könnte ich rechtzeitig vorbeugen, sicher gibt es interessant gemachte Bücher, Videos und vieles mehr – auch im Netz – aber hey, ich bin doch in dem Falle kein Lehrer, oder?!

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Pfingsten 2: Vier Frauen – ein Problem

Liebe Leser,

Ferienzeit ist Freundezeit. Also sitzen mal wieder drei Damen im Restaurant – diesmal ist es eine Pizzeria, die wir mangels echter Alternativen aufsuchen – Großstäde sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren – zumindest nicht jede! Wir reden, was Frauen halt so machen. Und es geht kaum um unsere Kinder, Frauen können auch anders.

Diesmal ist das Hauptthema des Abends die Arbeit. Zwei Tage später werde ich noch eine Freundin besuchen, die mit den beiden anderen nicht so viel zu tun hat, deshalb die getrennten Gespräche. Aber schnell stellt sich heraus, dass auch hier die Arbeit ein wichtiger Aspekt geworden ist und vor allem dass der Schuh drückt. Um nicht hin und her zu springen fasse ich beide Treffen in eines zusammen, wir haben sowieso so viel gemeinsam: wir sind gleich alt, wir haben zusammen die Schulbank gedrückt, wir sorgen jeweils für zwei Kinder – wahlweise kommt noch ein Mann dazu. Nach sehr guten und guten Abschlüssen haben wir unterschiedliche Ausbildungswege eingeschlagen: zwei haben eine Ausbildung absolviert, zwei studiert. Eine hat schon mehrfach die Arbeitsstelle gewechselt, wir anderen sind mehr oder weniger direkt von Schule und Uni zu unserer Arbeitsstelle gekommen. Und alle sind wir unzufrieden – aber jede aus einem anderen Grund.

Ist das schon symptomatisch?

Meine Probleme ziehen sich schon länger durch diesen Blog. Da will man so gerne und möchte etwas tun und fühlt sich häufig durch Kollegen ausgebremst, die hübsch ihre Ruhe haben wollen und auch wollen, dass alle anderen Ruhe geben, denn sonst müssten sie ja auch etwas tun. Das ist keine Arbeitsatmosphäre für motivierte Mitarbeiter.

Und genau das gleiche Problem haben auch die anderen Frauen. Die eine wird ausgebremst, weil es die hierarchische Struktur ihrer Arbeitsstelle nicht zulässt, dass sich eine Untergebene engagiert. Sie können da nicht so eigenmächtig handeln, da muss man immer erst den unfähigen allwissenden Chef fragen, der dann die Probleme auf die lange Bank schiebt und Neuerungen aussitzt sorgfältig alle Optionen abwägt. Die andere wird ausgebremst, weil da Männer unter sich ausmachen, wer weiterkommt, und das sind Männer, nicht Frauen. Die sollen sich erst einmal vorrangig um ihre Kinder kümmern. Später ist ja auch noch Zeit für Karriere – und überhaupt, wozu braucht denn eine alleinerziehende Mutter so ein Gehalt, das kann man doch kürzen, damit der andere Mitarbeiter einen schicken Firmenwagen fahren kann. Und die letzte wird von der überforderten Chefin zur Schnecke gemacht, obwohl sie ihre Arbeit erledigt, aber Menschen eignen sich doch so gut als seelische Fußabtreter…

Das ist keine Arbeitsatmosphäre.

Nun wechsle ich die Dienststelle, dabei bin ich eindeutig am besten dran, weil es bei mir nicht um die Existenz geht. Das können die drei anderen Frauen nicht so verhältnismäßig einfach. Die eine ist froh überhaupt eine Stelle in ihrer Branche gefunden zu haben und das bei dem noch akzeptablen Fahrtweg, die andere ist familiär auch gebunden und Stellen in dieser Brache… ha! Und auch die dritte sagt: „Der Arbeitsweg, den ich jetzt gerade habe, der ist einmalig, das bekomme ich sonst nicht mehr und solange die Kinder…“ Und dann hält sie kurz inne und ergänzt: „Aber wenn meine Chefin mich wieder anbrüllt, dass ich zu dumm sei, dann überlege ich mir das vielleicht. Das muss ich mir einfach nicht bieten lassen.“

Vier Frauen, alle wollen gerne arbeiten. Alle kümmern sich trotzdem um ihre Familie. Keine macht hier groß eine „Karriere“. Es geht nur um eine rechtschaffene Arbeit für ein angemessenes Entgelt und vor allem geht es um die Anerkennung der Leistung, die diese Frauen gewollt sind zu erbringen.

Ich wundere mich, dass es sich unserer Gesellschaft leisten kann, dieses Potential nicht voll auszuschöpfen. Vielleicht werden wir uns da in Zukunft noch mehr wundern. Neulich hat Jan-Martin ein ähnliches Problem zum Thema Gleichberechtigung angeschnitten. Wir haben in Deutschland noch immer viel zu tun in dieser Hinsicht.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Weihnachtsferien 2: Nächtlicher Mediengau

Liebe Leser,

hier folgen keine besinnlichen Jahresrückblicksgedanken, sondern ein Beispiel von fehlender Medienkompetenz bei Jugendlichen und gestörtem Nachtfrieden der Eltern – verbunden mit der Bitte um HILFE!

23.30 Uhr, es war ein schöner Abend, tagsüber Freunde besucht, abends ein guter Film ganz ohne Horror und Blut zu dritt auf dem Sofa. Herr Henner liegt schon im Bett, ich wähne Lucy ebenda und trödele noch ein bisschen im Bad herum. Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Eine Sirene, auf und abschwellend. Sehr irritierend. Also schmeiße ich mir überhastete noch Creme ins Gesicht und geh dann mal gucken. Herr Henner liegt wie vermutet im Bett und murmelt etwas von „deine Tochter“ und „musst du dich kümmern“. Dann dreht er sich demonstrativ in seinem Kissenberg um.

Jetzt höre ich es besser. Die Sirene kommt aus Lucys Zimmer. Weint sie? Eben war sie doch noch gut drauf… dann gehe ich halt da mal gucken, ist wahrscheinlich auch besser, wenn Fräulein Tochter so verzweifelt schluchzt, dass da die Mama gucken geht.

Lucy hat sich in Embryonalstellung zusammengekauert und rollt sich so auf dem eigenen Bett hin und her. Das Gesicht verheult, schluchzend, das Teenagerdrama schlechthin. Neben ihr liegt ihr Tablet. Was um Himmels willen macht sie kurz vor Mitternacht mit ihrem Tablet, was sie so zur Verzweiflung bringt? Gemobbt werden kann sie nicht. Lucy ist beliebt, selbstbewusst und in keinerlei Community. Außerdem ist das W-Lan sowieso aus, also kann sie keine bösen Nachrichten empfangen haben, verstörende Filme gesehen… oder?

Aus Lucy ist nur bruckstückhaft etwas herauszubekommen. Über „Ich bin so DOOF!“ und „Das ist alles meine Schuld!“ kommen wir in den ersten fünf Minuten nicht hinaus. Danach erschließt sich mir – inzwischen auf dem Bett sitzend – der Mediengau.

Lucy wollte, warum auch immer, gegen Mitternacht ihr Tablet sichern und hat sich in den Sicherheitseinstellungen eine ZugangsPIN angelegt, bestätigt und war happy. Als sie nun zwei Minuten später ihr Tablet wieder aktivieren wollte, verlangte das Gerät nun natürlich eine PIN. Und Lucy war sich doch so sicher!

Inzwischen hat sie an die 40mal eine PIN versucht und ist jedesmal gescheitert, krampfartig schlägt das Geheule durch die Wände. Aber wie soll ich meinem Kind helfen? Lucy hat die PIN nicht notiert. Es ist auch keine Ziffernkombination mit einer Bedeutung. „Ich nehm‘ immer diese Zahl!“ Hmmm… im Medienunterricht haben sie längst über Passwörter gesprochen, theoretisch weiß Lucy alles. Aber sie war sich doch so sicher, dass sie das hinbekommt! Und jetzt hat sie keinen Zugang mehr zum eigenen Tablet – für Teenager ist das der Supergau.

Ich kann das Problem definitiv nicht lösen, rate aber Lucy einfach mal drüber zu schlafen, dann würde ihr die PIN schon wieder einfallen. Als ich ins Schlafzimmer komme, ist Herr Henner schon im Lalaland. Ich schlafe schlecht.

Heute Morgen mag Lucy gar nicht recht frühstücken. Sie hatte die Nacht einen Alptraum. „Bist wohl von einer PIN gefressen worden?“, versuche ich die Situation aufzuheitern. Erfolglos. Ihr ist leider nichts Brauchbares eingefallen. Nun ist sie sich nicht mal mehr mit den Ziffern sicher. Und wieviel Stellen ihr Passwort hatte? „Zwischen fünf und acht…“ Na super. Ohne PIN kann ich an dem Samsung Galaxy nichts machen, außer an- und ausschalten. Aber auch dann will es immer wieder diese blöde PIN. Fünf Versuche hat man, dann muss man 30 Sekunden warten. Lucy will mal ausrechnen, wieviel Möglichkeiten es bei zehn Ziffern gibt… na viel Spaß!

Habt ihr einen professionelleren Ansatz als wir zwei Damen? Dann gerne an mich, denn eigentlich wollte ich die letzten Ferientage noch genießen. Dann ist vielleicht auch Platz für philosophischere Gedanken.

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

SW 6: Frau Henner geht baden

Liebe Leser,

die Krise hat sich ganz fies von hinten angeschlichen, Frau Henner hat nichts geahnt und plötzlich steht sie da und es geht ans Eingemachte. Die Glaubenskriege haben wieder angefangen. Aber ganz anders, als Frau Henner dachte.

Wir glauben, in einer freien, demokratischen Welt zu leben – zumindest was unseren Staat anbelangt – und dann merken wir, dass Ideologien zum großen, völlig unterschätzten Gegner geworden sind. Frau Henner sieht sich mit einem Mal einer solchen Ideologie gegenüber und das Schlimmste daran ist, diese Ideologie ist Mainstream geworden, so scheint es, will man all den wundervollen Presseberichten glauben. Schon wieder GLAUBEN! Frau Henner will nichts mehr glauben, Frau Henner will wissen. Ich will nicht geblendet werden, ich will selbst erfahren.

Oh je – bin ich kryptisch, ich weiß. Aber ich kann nicht schreiben, was gerade hier in meiner kleinen Provinz passiert, weil es zu eindeutig ist. Und da stößt der Blog mal wieder an seine Grenzen. Wie gerne würde ich ihn als Plattform gebrauchen, Denkschriften hineinsetzen, kämpfen für etwas, an das ich tatsächlich glaube. Gerne zu Diskussionen aufrufen, mein Weltbild gerade rücken oder gerade rücken lassen, aber ich kann nicht. Und überhaupt, mit meinem Blog verändere ich mich, ja, aber nicht die Welt um mich herum. Die Wirksamkeit eines popeligen Lehrerblogs kann nicht gering genug eingeschätzt werden. Welt verändern? Pah!

Das geht nicht im Netz und anonym schon gar nicht. Also muss Frau Henner in die Politik gehen. Du Schreck, ich bin ja noch nicht einmal im Elternbeirat!

Frau Henner meint das ganz ernst. Da steht sie nun vor einer existenziellen Krise, die keine persönliche ist, sondern eine gesellschaftliche, und fragt sich, was kann ich tun? Kann ich mit dem Direktor diskutieren? Kann ich das Schulamt um Hilfe bitten? Soll ich einen Brief an den Ministerpräsidenten schreiben? Was zum Kuckuck kann ich tun, wenn ich weiß, dass der Direktor vom Schulamt hofiert wird und genau das macht, was der Ministerpräsident mit seiner Partei will?

Frau Henner mag nicht meckern, das ist kontraproduktiv.

Frau Henner mag nicht jammern, das schädigt nur das Selbst.

Frau Henner will aber diesmal nicht tatenlos zusehen und sich zurückziehen und das kleine, private Glück suchen, diesmal ist die Grenze übertreten.

Manchmal kommen der Frau Henner aber auch Zweifel, weil die Presseberichte alle so schön sind, so Hochglanz, so perfekt. Ab jetzt wird alles gut, warum erkennt das die sture, konservative Frau Henner nicht? Frau Henner gehört abgewrackt, eindeutig. Ab zum alten Eisen! Mit solchen wie Frau Henner macht man kein neues Deutschland mehr. Frau Henner ist so eine ganz Schlimme, die macht tatsächlich manchmal noch Frontalunterricht, die erdreistet sich, den Kindern etwas zu erklären, was sie besser weiß, was für eine arrogante Haltung! Stellt die sich einfach über die Kinder und nennt sich auch noch Lehrer, wo jedes Kind doch weiß, dass es nur noch einen Lernbegleiter braucht. Frau Henner setzt Kindern Grenzen, gibt Strukturen vor, mein Gott, hat die denn immer noch nicht kapiert, dass Kinder sich selbst Grenzen setzen und ihre eigenen Strukturen erfinden müssen? Sonst werden das doch gar keine Individuen. Jedem Prinzen seine eigene Individualität, so will es doch auch die Gesellschaft. Mach einen Schritt nach vorne, bleib nicht stehen, spring über deinen Schatten und komm mit in unsere schöne, neue Welt, in der alles besser ist als früher. Du hast es nur noch nicht erkannt.

Frau Henner erkennt die schöne, neue Welt nicht. Sie war schon immer skeptisch gegenüber Heilsversprechen. Schon als Kind übrigens. Frau Henner wird mulmig, wenn alle Schafe blökend in eine Richtung laufen. Dann bleibt sie erst einmal stehen und beobachte die Situation. Sollen die nur alle glauben, das Gras sei auf der anderen Seite des Zauns saftiger, dann zertrampeln sie dort drüben alles, bleibt auf meiner Seite mehr. Wenn es nur Gras wäre! Es geht um mehr, es geht für mich um fast alles, wofür ich stehe. Und da geht es nicht um meins und deins. Es geht uns alle an.

Frau Henner beschließt,  in den Untergrund zu gehen. Das Internet ermöglicht Spionage, konspirative Treffen tarnen wir als Walkinggruppe. Fehlt nur noch, dass wir uns Codenamen geben. Denn ganz allein ist Frau Henner nicht. Zum Glück.

Ich lache, ich bin so unbedeutend, ich brauche mir nichts einzubilden. Ich sollte mir noch eine Nische suchen und einen Plan B bereithalten. Und weil mich die Welt gerade mal kann, gehe ich jetzt baden!

 

Gute Nacht und viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner

 

Der Stinker

Liebe Leser,

lange habe ich das ertragen, heute muss es raus, der Stinker ist kaum auszuhalten!

Jedes Kollegium kennt ihn, jeder hat als Schüler wohl mindestens einmal unter ihm gelitten. Ich selbst hatte in der Mittelstufe einen Klassenlehrer, der penetrant nach Zigarettenqualm stank. Schlimmer war jedoch die Mathelehrerin in der Oberstufe, die entweder mit dem Waschen oder dem Deodorieren auf Kriegsfuß stand – oder ein gesundheitliches Problem hatte. Denn es ist nun mal nicht völlig normal, sosehr nach Schweiß zu riechen, dass die Umwelt einen Bogen um einen macht. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass wir in der Oberstufe selten die Lehrerin zum Erklären an den Platz gebeten haben, es war einfach unerträglich. Wenn sie vorne an der Tafel vorrechnete, war das in Ordnung, denn meine Freundinnen und ich, wir saßen letzte Reihe.

Im Lehrerzimmer kann ich dem Stinker leider nicht so gut aus dem Weg gehen. Wieder ist es ein Mathelehrer. Schlüsse ziehe ich nicht daraus. Er ist nett und etwas überkorrekt, deshalb möchte er keine Fehler machen. Gerne fragt er dann bei Frau Henner nach, wie man dieses oder jenes Formular auszufüllen hat, ob man dieses oder jenes beantragen muss, wer für dieses oder jenes zuständig ist. Dann kommt der Stinker gerne an Frau Henners Platz. Manchmal setzt er sich auch einfach hin und will nur quatschen.

Momentan ist es besonders schlimm, obwohl wir wegen des schönen Wetters alle Fenster im Lehrerzimmer aufreißen. Keiner traut sich, mit dem Stinker über sein Problem zu reden. Die Schüler überlegen, ob sie ihm als Wink mit dem Zaunspfahl ein Deo zum Schuljahresende schenken sollen – den gleichen Gedanken hatten wir in der Oberstufe auch. Wir hätten es als respektlos angesehen, unsere Mathelehrerin auf unser Leiden anzusprechen. Wir, dachten, dass muss sie doch selbst merken! Das denken wir im Kollegium auch. Das muss der Stinker doch merken! Aber er tut nichts dergleichen.

„Schau mal Lilo, ich bin mir nicht ganz sicher, aber dieser Schüler hier ist doch versetzungsgefährdet, oder?“

Ein kurzer Blick auf die Noten. „Der hat leider keine Chance“, sage ich.

Der Stinker geht. Sein Gestank bleibt.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner

Immer wieder Nizza

Liebe Leser,

Donnerstagnachmittag: Herr Henner bucht ein Ferienhaus in der Nähe von Nizza. Für einen Baden-Württemberger liegt Frankreich so nahe. Es ist exotisch genug, um ein Urlaubsgefühl zu vermitteln, und nicht fremd genug, um sich nicht mehr wohlzufühlen. Diesmal wollten wir endlich mal wieder ganz in den Süden, vielleicht sogar ans Meer. Wir bestaunen die hübschen Poolfotos und träumen von mittelalterlichen Städtchen im Hinterland, kleinen Märkten mit eierförmigen Tomaten, frischem Baguette und Klosterkäse.

Donnerstagabend: Hollande verkündet, dass der Ausnahmezustand, in dem sich das Land seit den Attentaten in Paris befunden hatte, nun mit dem Nationalfeiertag beendet ist. Frau Henner bekommt ein flaues Gefühl. Hoffentlich macht nicht irgendein Idiot jetzt etwas Dummes, um das ganze am Köcheln zu halten.

Freitagmorgen: Frau und Herr Henner, die immer mit den Nachrichten geweckt werden, können es nicht fassen. Über 80 Tote bei einem Terroranschlag in Nizza. Dieser Gedanke lässt mich den ganzen Vormittag nicht los. Frankreich, ein gebeuteltes Land. „Idiot“ und „etwas Dummes“ ist viel zu verharmlosend, für das, was noch an dem selben Abend geschehen ist, nachdem der Ausnahmezustand aufgehoben wurde. Die Terrorakte in den letzten Jahren haben mich schockiert, aber diesmal empfinde ich noch mehr. Mitgefühl für ein Land.

Auch ich habe schon in Paris das Feuerwerk zum Nationalfeiertag angeschaut, zwischen tausenden von Menschen, zusammen mit Oberstufenschülern während einer Klassenfahrt. Wir verließen das Marsfeld noch vor dem Ende des Spektakels und bummelten freudig erschöpft bis zu der nächsten geöffneten U-Bahn. Unsere einzige Sorge galt damals dem Fahrplan, dass wir es auch rechtzeitig zum Youth Hostel schaffen. Wir machten uns lustig über die französische Lust an Militärparaden und die Handyfilmwut der Asiaten. Und wir genossen das Leben in einer pulsierenden Metropole. Wir Lehrer mussten uns keine Sorgen machen, dass alle wieder heil nach Hause kamen. Schließlich waren wir in Paris und nicht in Teheran.

Immer wieder muss ich an die Menschen denken, die sich in Nizza einfach nur das Feuerwerk zum Nationalfeiertag anschauen wollten. Wir haben Bekannte, die von dort kommen. Franzi, Lucys Freundin, fährt jeden Sommer dorthin, weil ihre Familie von dort stammt. Der Terror wird persönlicher. Die Betroffenheit nimmt zu. Der Terror zerstört mir mein Paradies.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner, die gerne tröstliche Worte schriebe, aber weiß, dass es sie nicht geben kann

Begüms Entschuldigung

Liebe Leser,

Begüm  ist ein Mädchen, ein türkisches, eines mit Kopftuch. Warum ich das letztere erwähne, hat einen Grund. Begüms Eltern sind sicher stark im Kontext ihrer Religion und ihrer kulturellen Herkunft verwurzelt. Das Mädchen selbst hat diese Normen und Werte verinnerlicht, sie trägt das Kopftuch mit stolz und schaut auf die anderen muslimischen Mädchen der Klasse herab. Vielleicht ergibt sich diese Erhabenheit aber auch aus dem Mangel an Intelligenz. Vorsicht, ich will hier nicht Religion mit Vorurteilen vermischen. Es gibt keinen ursächlichen Zusammenhang, zwischen dem Kopftuch und dass Begüm mit einer Hauptschulempfehlung an unser Gymnasium kam.

Aber möglicherweise gibt es einen kulturellen Zusammenhang zwischen den katastrophalen Noten und der Reaktion der Eltern darauf? Zwei Jahre lang wurde den Eltern versucht zu vermitteln, dass Begüm durch ihre großen Rückstände kaum etwas Neues lernen kann, dass Begüm es momentan nicht schaffen wird, dass zumindest der Besuch der Realschule eine Option wäre, dem Mädchen Bildungschancen zukommen zu lassen. Aber die Eltern haben das nicht eingesehen. Begüm lerne zu wenig, sie müsse sich mehr anstrengen, dann würde das schon klappen.

Aber mit Hauptfachfünfern klappt es eben nicht mehr. Selbst eine einzige Hauptfachfünf führt in Baden-Württemberg schon zur Nichtversetzung, wenn ansonsten nur Vierer vorhanden sind, ein Ausgleich in den Hauptfächern also nicht gegeben ist. Das ist Begüms Schuld, deshalb muss sie jetzt auch die Lehrer um Entschuldigung bitten. Und Begüm tut das. Sie geht von Lehrer zu Lehrer und entschuldigt sich für ihre schlechten Noten. Das wird ihr allerdings nichts nützen, denn die Lehrer können sie nicht entschuldigen. Schließlich hat es nie eine Schuld gegeben – nur schlechte Noten, weil ein Kind völlig überfordert war.

 

Viele Grüße aus der Provinz von eurer Frau Henner